Heiko Mell

Früherkennung von Graugänsen

Ich bin Professor an einer Fachhochschule in einer Ingenieurdisziplin und übe den Beruf mit Begeisterung aus.

Immer wenn ich ein neues Semester bekomme, dann schaue ich mir die Gesichter zuerst einmal an (wie im Personalbüro beim Einstellungsgespräch auch) und versuche, die Student(inn)en einzuschätzen. Und dann sehe ich manchmal so ein „Frühchen“, bei dem ich mir insgeheim denke „na, ob der/die hier wohl richtig ist …“Wenn ich Heiko Mell hieße, würde ich jetzt schreiben: Gemach, gemach – bevor die Gutmenschen mich jetzt steinigen – es geht ja noch weiter.

Also dieses Menschlein – oftmals auch nicht von allzu attraktiver Erscheinung – sitzt immer in der Vorlesung (meist weiter hinten), sagt nie was, fragt nie was, ist oftmals etwas linkisch – so, und jetzt kommt’s: legt in der abschließenden schriftlichen Prüfung die beste Arbeit hin! (Natürlich gibt es auch jede Menge Beispiele, wo sich meine erste Einschätzung dann im Ergebnis auch so bewahrheitet …)

Aber es geht um diese wenigen eklatanten Fehleinschätzungen. Ich frage mich, welche Möglichkeiten, Tricks, Schulungen etc. haben die Mitarbeiter in den Personalbüros, solche „verborgenen Schätze“ zu erkennen und zu heben? Wie erkennt man (schnell) das teilweise gewaltige Potenzial, das in solchen „Graugänsen“ steckt?

Ähnliche Fragestellungen werden sicherlich auch schon in der Grundschule auftreten. Wie erkennt man (schnell) eine Hochbegabung, die zuweilen von eher nachteiligen äußeren Begleitumständen verdeckt ist? Doch jetzt gleiten wir ab in Richtung Begabtenförderung, Elite – ein offiziell eher ungeliebtes Terrain.

PS. Und bleiben Sie hoffentlich den VDI nachrichten erhalten!

Antwort:

Ich will einmal die eleganteste Methode versuchen, über die ein Berater verfügt, der ein Problem lösen soll: Ich leugne die Existenz desselben! Keine Hochbegabung, also auch keine wirkliche Notwendigkeit für Personalabteilungen, diese zu erkennen. Man darf das als Berater nur nicht zu oft machen – je mehr man nämlich die Komplexität eines Problems unterstreicht, desto größer die Bereitschaft des Kunden zur Akzeptanz höchster Honorare. Also hier ausnahmsweise eine sonst eher selten zu sehende „Lösung“:

1. Graugänse mit Hochbegabung: Also das beobachtete Phänomen kenne ich aus eigenen Erlebnissen auch. Ich bestreite nur, dass sich so Hochbegabung zeigt oder sonstige „verborgenen Schätze“. Ich behaupte, dass man mit mittlerer Begabung und folgendem Vorgehen diese erstklassigen Klausuren hinbekommt: Man hört in der Vorlesung aufmerksam zu (wichtig: vom ersten Tag an), schreibt alles mit. Zu Hause bereitet man noch am selben Tag die Notizen sorgfältig auf, übt die vom Professor vorgetragenen Beispiele noch einmal durch (notfalls mehrmals) und tritt dergestalt optimal präpariert zur nächsten Vorlesung an. Geht der Professor nach einem Buch vor, kann man sich sogar das jeweils anstehende Kapitel vorbereitend vorher durchlesen. So ist man optimal präpariert, versteht in der folgenden Vorlesung alles – und verfährt täglich neu wie eben beschrieben.

Ich muss zusätzlich gestehen, dass ich mir eine passive Hochbegabung, die sich mit der Wiedergabe vor- und durchgekauten Wissens zufrieden gibt, nicht vorstellen kann. Hochbegabte sind neugierig, bezogen auf ihr Fach: sie fragen. Sie haben Spaß daran, bei der Lösung konkreter Aufgaben neue Wege zu beschreiten: sie diskutieren, machen Vorschläge, zeigen neue Ansätze auf. Täten sie es nicht, erstickten sie.

Aus der Schule kennt man das Problem der (durch den auf Durchschnittsschüler zugeschnittenen Stoff) krass unterforderten wirklichen Hochbegabten. Sie werden verhaltensauffällig, verweigern die Mitarbeit, fallen im Leistungsniveau ab. Diese Symptome fehlen hier.

Nein, Ihre „Graugänse“ sind „bloß“ bienenfleißig. Eine nützliche Eigenschaft, aber damit allein ist kein Blumentopf zu gewinnen.

 

2. Nun zu den Entscheidungsträgern aus der Praxis: Für nahezu alle wirklich wichtigen Funktionen im Unternehmen wie solche im Management, im Führungsnachwuchs, in Projekten, im Abteilungsteam (also für fast alle!) brauchen sie intelligente, kreative, kommunizierende, andere überzeugende, sich durchsetzende Mitarbeiter. Für „graue Mäuse“ (ich glaube fast, so heißt diese Gruppe), die da extrem introvertiert, aber bienenfleißig sind, gibt es allenfalls noch Beschäftigungsnischen, also fehlt auch der Bedarf an „Erkennungsprogrammen“.

Schön, irgendwo in einer zentralen Forschungsabteilung könnte sich solch ein Plätzchen finden. Aber schon der normale Entwicklungsingenieur muss heute rein in ein Projekt mit Kollegen aus der Fertigung, dem Marketing, dem Einkauf, wenn es gilt, ein neues Produkt zu gestalten. Und dort muss er sich behaupten! Oder, schlimmer noch, er kommt in direkten Kontakt mit dem Kunden. Dort braucht man sehr viel mehr als Bienenfleiß.

 

3. Lassen Sie mich einen versöhnlichen Schluss versuchen. Ich wende mich direkt an betroffene Studenten (und indirekt an ihre Professoren): In der Praxis kommen Sie mit diesem Verhaltensbild nicht weit. Nutzen Sie das Studium, das dazu fantastische Chancen bietet, zur Entwicklung Ihrer Persönlichkeit in der unter 2. skizzierten Idealrichtung. Arbeiten Sie aktiv mit, präsentieren Sie sich und produzieren Sie sich. Beginnen Sie damit, Fragen zu stellen, selbst wenn Sie das nur tun, um Sicherheit zu gewinnen. Als nächstes geben Sie Antworten! Und wenn die einmal falsch sind – was macht das schon! Der Professor wird es verzeihen, und was die anderen von Ihnen halten, ist nicht so wichtig. Als Warnung: Von Einser-Schreibern, die nie einen Beitrag leisten, halten die Kommilitonen ohnehin gar nichts – schlimmer kann es kaum kommen.Gehen Sie zusätzlich in Vereine, arbeiten Sie im Hochschulparlament mit, was auch immer. Aber kommen Sie raus aus Ihrer Ecke, dort haben Sie auf Dauer keine Chance. Und wenn Ihr Leistungsstand wegen anderweitiger Aktivitäten auf „gut“ absackt – zum Teufel damit. Ein bisschen Schulung/Prägung in Sachen Persönlichkeit ist viel mehr wert. Sie werden es im ersten Vorstellungsgespräch merken.

Und Sie, geehrte Professoren, könnten das fördern. Lassen Sie sich die Kombination von sehr guten Klausuren und der Verweigerung jeglicher Beteiligung nicht gefallen. Fordern Sie die grauen Gänse oder Mäuse zu Stellungnahmen oder Referaten auf – aber vermitteln Sie ihnen nicht das Gefühl, es sei alles gut, wenn sie bloß Einsen schrieben. Das allein bringt es heute nicht mehr!

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1880
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-09-17

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