Heiko Mell

Optionen, Standorte u. ä.

Nach Ingenieurstudium und Promotion begann ich in der Führungsnachwuchsgruppe eines mittelständischen Unternehmens. Nach einigen Jahren als Projektleiter in der Vorentwicklung bin ich dort seit ca. zwei Jahren in der Projektleitung eines Produktentwicklungsbereichs tätig. Ich bin Mitte 30 und strebe mittelfristig eine Entwicklungsleitung an.

Mein Bereich wird an diesem Standort aufgelöst, das Unternehmen hat mir empfohlen, innerhalb der Gruppe ins Ausland zu wechseln. Damit hätte ich die besten Voraussetzungen, um meine Zielposition zu erreichen. Dieser Standortwechsel kommt allerdings aus verschiedenen persönlichen Gründen nicht in Frage. Auslandserfahrung habe ich bereits aus früherer Zeit.

Ich fühle mich bei meinem Arbeitgeber sehr wohl und würde bei entsprechender Perspektive gern bleiben. Es wäre mir aber auch wichtig, am heutigen Standort oder wenigstens in Deutschland bleiben zu können.

Um an meinem Ziel festhalten zu können, sehe ich zwei Möglichkeiten:

1. Unternehmensintern in einen anderen Fachbereich zu wechseln,

2. einen Arbeitgeberwechsel (der nach mehr als fünf Jahren Betriebszugehörigkeit durchaus in Frage käme).

Beide Optionen bedeuten aus meiner Sicht einen Zeitverlust für die Karriere, da zunächst neue Fachkenntnisse aufgebaut werden müssten.

Vor kurzem wurde ich von einem Headhunter im Zusammenhang mit der Neubesetzung einer Entwicklungsleitung kontaktiert. Ein zweites Vorstellungsgespräch ist demnächst geplant. Eigentlich würde bei der zu besetzenden Position alles passen – bis auf den Standort, der nicht sonderlich attraktiv ist. Obwohl die Aufgabe eine große Herausforderung wäre, kann ich mir eine Zusage momentan nur vorstellen, wenn das Gehalt stimmt. Aber Geld ist bekanntlich nicht alles.

Für eine Einschätzung meiner Situation und eine Empfehlung für die Zukunft wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Antwort:

Ich greife in den dicken Ordner mit abgehefteten Einsendungen – und habe wieder einmal ein Standortproblem. Was im Detail und generell dazu zu sagen ist, habe ich gerade erst hinreichend deutlich geäußert. Und bevor Stammleser aufstöhnen „Nicht schon wieder“, gehe ich schnell auf die anderen Aspekte ein:

1. Ich glaube, dass Ihre Zeit beim heutigen Arbeitgeber abgelaufen ist. Ins Ausland wollen Sie nicht (mehr), dann brauchen wir uns auch nicht über die damit im Zusammenhang stehenden besonderen Risiken zu unterhalten. Der interne Wechsel in einen anderen Fachbereich mit ungewisser Perspektive bringt Sie auch nicht weiter. Im Mittelstand gilt generell: Es gibt meist nur eine konkrete Aufstiegsposition für jede Führungsnachwuchskraft. Fällt diese eine Chance weg, ist ein Arbeitgeberwechsel angesagt.

2. Sie sollten also über einen solchen Schritt nachdenken. Ihre Bedenken („Zeitverlust für die Karriere“) teile ich nicht. Es gibt durchaus Besetzungen von Entwicklungsleiterpositionen „direkt von draußen“ – mit Bewerbern, die bis dahin noch keine Entwicklungsleiter waren. Ihr Beispiel mit der Headhunter-Ansprache liefert mir doch den schönsten Beweis.

3. Mit dem Wegfall Ihrer Position am Standort und Ihrer Ablehnung eines Wechsels ins Ausland kommen Sie irgendwann unter Zeitdruck. Sehen Sie zu, dass Sie eine neue Position haben, bevor Sie auf der Straße stehen.

4. Sofern der Zeitdruck jetzt noch nicht stark ist, gilt: Bisher haben Sie auf dem Markt noch gar nicht aktiv gesucht, dieses eine (Headhunter-)Angebot hat Zufallscharakter. Sie sollten sich Entscheidungsalternativen erarbeiten.

5. Wenn Sie eine rundum „stimmende“ (fachlich, Branche, Firma einschließlich wirtschaftlicher Solidität etc.) Position sehen, die auch noch zu Ihrem Entwicklungsziel passt und bei der Sie glauben, mit dem Chef zu „können“ – dann greifen Sie zu. Entweder der Job taugt etwas oder nicht. Aber eine schlechte Position wird wegen „stimmenden Gehalts“ nicht besser und eine gute wegen knapper Bezüge nicht schlechter. Sie sind noch jung – Ihre Zukunft liegt in attraktiven Positionen, das Geld kommt dann „automatisch“. Konkret: Der jetzt zu findende Job kann die zentrale Basis sein für Ihre nächste Aufstiegsposition, die Sie 2011 erringen. Darum geht es.

6. Ihren Brief durchzieht das Wort „Standort“ wie die Periode Maria Theresias die Geschichte Österreichs. Was wollen eigentlich die Globalisierungsgegner noch – unsere Akademiker sind ja schon gegen Jobs in anderen Regionen Deutschlands. Ich könnte, dies als Drohung, alle künftigen Beiträge ausklingen lassen mit „Übrigens bin ich der Meinung, dass ein karriereinteressierter Akademiker nicht an seinem Wohnort kleben darf“. Der „Vorgänger“, den ich damit hätte, ist 149 v. Chr. verstorben. Er hat zwar etwas anderes gewollt, aber letztlich sein Ziel erreicht (der ältere Cato, der stets die Zerstörung Karthagos forderte; die Vernichtung der mit Rom konkurrierenden Stadt fand allerdings erst drei Jahre nach seinem Tode statt – wegen dieses schlechten Vorzeichens lasse ich die Drohung denn doch lieber fallen).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1878
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-09-10

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