Heiko Mell

Meine Belastung wird zu groß

(Anmerkung des Autors: Der Einsender scheint mit seiner speziellen Ausgangssituation ein Sonderfall zu sein. Sie könnten nach kurzem Überfliegen meinen: „Mich betrifft das nicht.“ Das sehe ich anders: Neben einem speziellen Teil enthält der Fall einen größeren allgemeinen – daher empfehle ich ihn allen Führungs- und -nachwuchskräften zur Lektüre.)

Aus den hier vorgetragenen Fragen und Ihren Stellungnahmen versuche ich auch für meine Lebensbereiche Nutzen zu ziehen. Mir gefallen Ihr Stil und Ihre Sicht der Dinge. Auf der Basis dieses Fundus versuche ich viele Fragen, die sich mir privat und um mein tägliches Berufsfeld herum stellen, selbst zu beantworten. Nun jedoch habe ich ein Problem, bei dem ich mir über mein Vorgehen nicht so recht im Klaren bin.

Ich bin Dipl.-Ing., Mitte 40, Gruppenleiter in der deutschen Organisation eines ausländischen Konzerns. In meiner beruflichen Vergangenheit erlitt ich zwei gesundheitliche Beeinträchtigungen (von mir neutral dargestellt, d. Autor). Seitdem bin ich nicht mehr so belastbar, wie es meinem Anspruch eigentlich entspricht. Vor einigen Tagen kam es zu einem dritten Vorkommnis dieser Art. Die beiden letzten konnten medizinisch so aufgefangen werden, dass sich mein Zustand wieder auf das mir vertraute Niveau nach dem ersten gesundheitlichen Einbruch einstellte, womit ich ganz gut leben kann.

Mein Vorgesetzter bot mir ein Gespräch bei einem Bier an, das ich auch gerne annehmen werde. Mein Ziel solle es sein, die Aufgaben distanzierter zu sehen und nicht in Stress ausarten zu lassen, so seine bisherige kurze Empfehlung.

Dem kann ich gut folgen, aber die Umsetzung in die Praxis fällt mir, ehrlich gesagt, schwer. Das liegt an meinem Profil. Zu dem gehört auch: Wenn es an die Gesundheit meiner Mitarbeiter geht, sehe ich ein Problem.

Das Verhältnis zu meinem Vorgesetzten ist gut. An mir schätzt er u. a. meine „soziale Komponente“, da ich sehr gut auf die Mitarbeiter einginge. Er ist, bei aller Anerkennung, hier etwas unsensibel.

Nun stehe ich, subjektiv aus meiner Position heraus betrachtet, in einem Spannungsfeld. Einerseits ist die individuelle Belastung der Gruppe sehr hoch durch den kaum zu bewältigenden Aufgabendruck. Gesundheitliche Belastungen der Mitarbeiter machen mir große Sorgen. Es läuft bereits sachlich manches „gegen die Wand“. Eine Verzettelung lehne ich aufgrund der damit einhergehenden Demotivation ab. Die Motivation der Mitarbeiter ist eine meiner obersten Prioritäten. Keine leichte Aufgabe unter den gegebenen Bedingungen. Andererseits soll ich an meinem Profil arbeiten, um die Probleme besser „abtropfen“ zu lassen.

Welchen Ansatz soll ich für das „Bier“-Gespräch mit meinem Vorgesetzten wählen? Eine meiner stillen Überlegungen geht auch dahin, eine vollständig neue berufliche Ausrichtung mit allen Konsequenzen zu suchen, um das Thema Stress meinem Profil entsprechend in den Griff zu bekommen und dem gesundheitlichen Risiko aus dem Weg zu gehen. Mir wäre Ihre Stellungnahme als neutraler und geschätzter Betrachter sehr wichtig. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass ich auch Kommentare anderer Personen zu Rate ziehe.

Antwort:

Über Ihrem letzten hier abgedruckten Satz habe ich ein wenig „gebrütet“, ihn dann aber doch nicht als Drohung eingestuft. Also zum Thema:

1. Situationsanalyse „neutral“: Betrachten wir zunächst einmal den Fall ohne Berücksichtigung irgendwelcher speziellen Krankheiten des Einsenders, so als wäre er zwar von Stress und Überlastung bedroht, aber gesund:Mir, liebe Leser, imponiert die Haltung dieses Mannes. Menschen wie er waren das unverzichtbare Rückgrat unserer Unternehmen in der Aufbau- und Aufschwungphase der Nachkriegszeit. Auch heute noch sind sie in vielen insbesondere kleineren Häusern eine „Säule der Firma“.

Aber die Tragik der Betroffenen liegt in der Vergangenheitsform meiner Aussage. Die Zeiten ändern sich. Die – meist anonym bleibenden – Eigner der Kapitalgesellschaften sind kühler, distanzierter geworden. Wenn es heute nicht dieses Kapitalengagement „bringt“, dann eben jenes morgen. Für ehrliche, tiefe Verbundenheit mit dem Unternehmen und seinen Menschen ist bzw. bleibt, vorsichtig gesagt, immer weniger Raum.

Der Einsender vertritt als typische mittlere Führungskraft eine Haltung, die ihm letztlich niemand mehr dankt – und er zehrt sich dabei auf. Das Grenzen setzende Grundprinzip lautet: Jede Führungskraft kann auf Dauer nur so „gut“ führen, wie sie selbst geführt wird. Verbleibt da eine Differenz, gibt die Führungskraft also mehr als sie empfängt, so speist sie diese aus der Substanz der Magennerven, beispielsweise. Bis zum unweigerlichen „Knall“ – der eben auch ein gesundheitlicher sein kann.

Jetzt kommt der interessante Kern der Geschichte: Irgendwo ahnt der Einsender schon, dass seine Haltung zwar edel ist, aber vom Zeitgeist nicht mehr abgedeckt wird. Und sein Vorgesetzter, der weiß es bereits! Erst schätzte dieser Chef die „soziale Komponente“ seines Mitarbeiters, aber nun ist es genug damit, nun soll der Einsender die Aufgaben „distanzierter sehen“, die Probleme besser an sich „abtropfen“ lassen. Der Vorgesetzte hat (leider) völlig Recht.

Der Einsender begeht bei seinem überdurchschnittlichen Engagement den Fehler, mehrere Ziele gleichzeitig auf Nr. 1 seiner Prioritätenliste zu setzen und sie alle erfüllen zu wollen:

– eine saubere, anspruchsvolle Lösung der Aufgaben, die er anpackt – dafür lässt er manches liegen und „gegen die Wand laufen“; er lehnt eine „Verzettelung“ ab; früher oder später gibt das Ärger mit „höheren Stellen“ im Konzern;

– die Motivation seiner Mitarbeiter hat für ihn „höchste Priorität“ – da haben wir die erwähnte Differenz zwischen „Führen“ und „Geführt werden“, die aus der Gesundheitsreserve gespeist wird;

– er empfindet sich als „soziales Gewissen“ des Unternehmens gegenüber den ihm anvertrauten Menschen, die er gesundheitlich belastet sieht – und vor Schlimmerem bewahren möchte.

Die Prognose ist klar: Das geht schief; drei Ziele auf Nr. 1, so funktioniert das niemals.

 

2. Konsequenzen aus der „neutralen“ (ohne Berücksichtigung der eigenen Krankheit) Analyse der Situation: Der Einsender ist mittlerer, eher unterer Manager. Und muss sich auch so benehmen. Sein Chef fordert das ausdrücklich ein. Die Lösung sieht so aus:

Der Einsender hat auf der einen Seite seine Aufgaben. Die gilt es so gut wie möglich alle(!) zu lösen. Die heute perfekt gelösten (Teil-)Aufgaben eben etwas weniger perfekt, aber nichts darf liegen bleiben, nichts „fährt gegen die Wand“. Das alles unter konsequenter Nutzung der ihm zur Verfügung gestellten Ressourcen, sprich der Mitarbeiter. Kühl („distanziert“), professionell, aber ohne ständiges Vergießen von Herzblut, gilt es zwischen Anforderungen, Kapazitäten, Belastungsgrenzen seiner Leute zu jonglieren – aber nicht als soziales Gewissen der Abteilung. Er fordert bei seinem Chef mehr Leute ein (die er nicht bekommen wird), bittet gegebenenfalls um die Genehmigung, den leistungsschwächsten Mitarbeiter austauschen zu dürfen (die er bekommen wird). So geht das – er gibt ebenso viel Druck weiter, wie er bekommt. Motivieren der Leute ist gut, aber notfalls muss auch Druck reichen. Die Zeiten sind hart – und Denken sowie Handeln in diesem Sinne wird verlangt.

Konkret: Er wird Manager seiner Gruppe, nicht mehr Führer, Leit- und Vaterfigur „meiner Leute“. Das ist es auch, was sein Chef ihm sagen will. Der Einsender ahnt schon, dass das so kommen muss, wenn er überleben will.

Ob unser Einsender diese Vorgaben umsetzen könnte, selbst wenn er wollte? Ich wäre da skeptisch. „Ich will mich ändern“, hat er bisher noch nicht formuliert – und selbst das wäre erst der Anfang!

 

3. Die spezielle gesundheitliche Situation des Einsenders:Sie, geehrter Einsender, hätten bei Ihrem Persönlichkeitstyp schon als Gesunder größte Schwierigkeiten mit einem plötzlich zu bringenden „Abtropf“-Stil. Ihre gesundheitliche Belastung katapultiert die Probleme in eine ganz andere Dimension!

Ich bin der festen Überzeugung, dass Sie das nicht ohne akute Gefährdung Ihrer Gesundheit durchstehen können. Aus meiner Sicht gilt: Sie müssen raus aus der Verantwortung für die Gruppe. Selbst wenn Ihr Chef und Sie eine brauchbare Übereinkunft erzielen könnten, wie Sie als Gruppenleiter in Zukunft distanzierter an die Probleme herangehen sollten – es würde nicht funktionieren. Sie würden sich trotz guter Vorsätze wieder voll einbringen, dabei Ihre Gesundheit endgültig ruinieren – und niemand würde es Ihnen danken.

Ich sehe drei Möglichkeiten:

a) Sie gehen innerhalb Ihres heutigen Anstellungsverhältnisses – natürlich mit Einverständnis Ihres Chefs – auf eine nichtführende Position zurück. Das Unternehmen behält Ihre Fachqualifikation – aber die Realisierung wird für alle Beteiligten schwer.

b) Sie versuchen einen Arbeitgeberwechsel, suchen eine Gruppenleiterposition und arbeiten dort distanzierter als heute. Aber wenn Sie Ihre gesundheitlichen Belastungen offen nennen, stellt Sie niemand ein!

c) Sie realisieren Ihren – mir nicht im Detail bekannten – Traum, eine völlig neue berufliche Ausrichtung zu suchen. Hoffentlich haben Sie dafür eine tragende Idee.

Kurzantwort:

Eine mittlere Führungskraft kann auf Dauer nur führen, wie sie geführt wird – und wie es ihr Chef von ihr erwartet.

Frage-Nr.: 1877
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-09-02

Top Stellenangebote

Hochschule für angewandte Wissenschaften München-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften München W2-Professur für Ingenieurinformatik und Elektrotechnik (m/w/d) München
Hochschule für angewandte Wissenschaften München-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften München W2-Professur für Ingenieurmathematik (m/w/d) München
Hochschule für angewandte Wissenschaften München-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften München W2-Professur für Energietechnik, Energiesysteme, Thermodynamik und Wärmeübertragung (m/w/d) München
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA)-Firmenlogo
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) Bauingenieurin / Bauingenieur als Referentin / Referent (w/m/d) für Serielles Bauen Bonn, Berlin
TU Bergakademie Freiberg-Firmenlogo
TU Bergakademie Freiberg Professur (W3) "Ubiquitous Computing and Smart Systems" Freiberg
Hochschule Mannheim-Firmenlogo
Hochschule Mannheim Professur für "Angewandte Fluid- und Thermodynamik" Mannheim
Fachhochschule Münster-Firmenlogo
Fachhochschule Münster Professur für Verfahrenstechnik und Kreislaufwirtschaft im Fachbereich Chemieingenieurwesen Münster
BELECTRIC GmbH-Firmenlogo
BELECTRIC GmbH Teamleiter (m/w/d) Construction Kolitzheim
Technical University of Munich (TUM)-Firmenlogo
Technical University of Munich (TUM) Full Professor in "Engineering Geodesy" (W3) München
Fachhochschule Kiel-Firmenlogo
Fachhochschule Kiel W2-Professur für "Grundlagen der Elektrotechnik und Hochfrequenztechnik" (m/w/d) Kiel
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.