Heiko Mell

Da haben Sie den Salat

Nach meiner Promotion bin ich nun seit fünf Jahren in der zweiten Position bei einem Automobilzulieferer. Zur Zeit habe ich die Verantwortung für einen Entwicklungsbereich mit 20 Mitarbeitern.

Aufgrund von privaten Umständen (Wohnort) möchte ich mich verändern. Ich habe jetzt ein Angebot von einem Automobilhersteller in meiner Wunschregion. Diese Stelle beinhaltet jedoch keine Personalverantwortung.

Bezüglich des Gehalts würde ich mich auf gleichem (hohem) Niveau halten. Sehen Sie diese Veränderung als Karriereknick, da ich auf die Personalverantwortung verzichten würde? Nach Aussage des Fahrzeugherstellers ist bei ihm für eine Position mit Personalverantwortung in diesem Bereich eine Berufserfahrung von mehr als zehn Jahren gefordert!

Ich würde mich über eine Einschätzung der Situation von Ihnen sehr freuen!

Antwort:

Erhalten Sie sich bitte das mit der Freude – ich fürchte fast, Sie werden es noch brauchen.

Geben Sie, liebe Leser, erst einmal zu, dass ich es auch nicht immer ganz leicht habe. Da schreibe ich nun seit zwanzig Jahren ziemlich deutlich: Tun Sie vor allem dieses und jenes nicht. Und dann kommen die Leute und sagen: Ich möchte vor allem dieses und jenes tun – wie mogle ich mich am besten an den Konsequenzen vorbei? Das nämlich ist die eigentliche Misere des Beraterberufs: Es will überhaupt niemand beraten werden. Es will hingegen der Mensch in dem merkwürdigen Tun bestätigt werden, das er ohnehin geplant hatte.

Ich sage es einmal grundsätzlich: Sparen heißt Konsumverzicht! Das ist fundamental, überhaupt nicht von mir und zeigt, worum es geht: Wenn Sie auf einem Gebiet etwas wollen, dann dürfen Sie etwas anderes nicht gleichzeitig tun. Die Lösung heißt: Sie müssen Prioritäten setzen! Was wiederum bedeutet: Irgendetwas kommt auf Platz 1, dann ist der vollkommen besetzt. Jetzt kommt ein anderes Kriterium auf Platz 2. Das heißt: Was auf Platz 1 steht, dominiert, danach richten sich die Entscheidungen in Sachen „niedere Plätze“.

Also Sie sparen entweder viel oder Sie geben viel aus, beides gleichermaßen geht nicht.Nun zu Ihnen, geehrter Einsender. Sie verstoßen bei Ihrem Vorhaben gleich gegen zwei goldene Regeln:

1. Der optimale Weg besteht darin, beim Stellenwechsel vom größeren zum kleineren Unternehmen zu gehen. Denn der Name des größeren imponiert dem kleineren. Von diesem erhofft er sich die dem Bewerber vermittelte Kenntnis moderner Strukturen, ausgefeilterer Systeme, Prozesse und Werkzeuge, die härteren Einstellbedingungen („Dass die den Mann überhaupt genommen und all die Jahre nicht gefeuert haben, adelt ihn“). Bei der Gelegenheit (anlässlich eines solchen nach „unten“ gerichteten Unternehmenswechsels) hierarchisch aufzusteigen, ist völlig normal und sogar der Standardweg.

Der auch noch akzeptable Weg besteht darin, beim Wechsel stets in der einmal gefundenen Firmengröße zu bleiben, also vom 10.000 Mitarbeiter-Betrieb A zum 10.000 Mitarbeiter-Betrieb B. Das geht auch zwischen Firmen mit 500 Leuten. Der Bewerbungsempfänger akzeptiert den derzeitigen Arbeitgeber als vergleichbar und murmelt: „Na immerhin.“ Auch bei diesem Wechsel ist ein gleichzeitiger hierarchischer Aufstieg noch möglich.Was nun kommt, ist eigentlich klar: Die Umkehrung des Standardprinzips funktioniert nicht! Also versuchen Sie nicht, karrierewirksam vom kleineren zum größeren Unternehmen zu wechseln. Letzterem imponiert das, was das kleinere Haus von Ihnen hält, erst einmal gar nicht. Alles, was Sie gerade erleben, ist übliches Verfahren.

Ich mache den größeren Firmen überhaupt keinen Vorwurf, es gibt durchaus Gründe für deren Einstellung. Merken Sie sich einfach: Es gibt eine „Arroganz der Größe“ – dann bleibt Ihnen das Prinzip im Gedächtnis. Sagen wir: Große Firmen benehmen sich gegenüber Bewerbern aus kleineren als wären sie arrogant.

Das bedeutet: Wenn Sie als Berufsziel haben, eines Tages Vorstandsmitglied bei einem Automobilhersteller zu werden, dann fangen Sie nach dem Studium gleich bei einem solchen an – am besten bei dem, den Sie eines Tages mit leiten wollen.

Ein Versuch, diese goldene Regel auszuhebeln, endet da, wo Sie jetzt sind – bei einem aus Ihrer Sicht merkwürdigen Angebot, das nicht in Ihre Laufbahn passt.

 

2. MAN WECHSELT NICHT DEN ARBEITGEBER, WEIL MAN IRGENDWO WOHNEN MÖCHTE, MAN WOHNT HINGEGEN DORT, WO EIN PASSENDER ARBEITGEBER SITZT.

Ersparen Sie mir die Wiederholung der Argumente. Vielleicht bis auf dieses: Es war schon immer so, schon in der Steinzeit zog die Sippe dorthin, wo es Mammuts zu jagen gab. Sippen, die an ihren Lieblingsort zogen und dort auf Mammuts warteten, sind verhungert. Prinzipien ändern sich im Laufe der Geschichte nie, nur Details. Beispielsweise nennen wir den Broterwerb heute nicht mehr Mammutjagd. Aber die Grundlagen sind geblieben.

Es macht nichts, wenn sich möglichst viele Leser bei der Gelegenheit über mich ärgern. Jeder davon hat sich mit dem Thema beschäftigt und den Beitrag zumindest gelesen. Den Preis mit dem Ärger zahle ich. Vielleicht hilft’s ja.

Also, geehrter Einsender, da haben Sie den Salat. Konsequent, erwartungsgemäß, lehrbuchgerecht. Ich freue mich keineswegs darüber, schließlich schreibe ich hier, um „so etwas“ zu verhindern – und hätte lieber Erfolgserlebnisse. Also: Ja, es wäre ein Karriereknick.

Was Ihnen zu tun bleibt? Über Ihre Prioritätenliste nachzudenken. Dann setzen Sie entweder den Wohnort auf Nr. 1 – und zum Teufel mit der Karriere. Denn der Konzern garantiert ja noch nicht einmal die Beförderung in fünf Jahren, er schließt sie nur bis dahin aus. Oder Sie setzen den Beruf nach oben. Das bedeutet: Aus mehreren von der Karriere her passenden(!), vergleichbaren Angeboten könnten Sie sich das mit einem für Sie akzeptablen Wohnort heraussuchen, aber eine alles dominierende Wunschregion gibt es dann nicht mehr.

Und wer jetzt sagt, er könne das mit dem Umzug nicht mehr hören, hat meine volle Zustimmung. Schließen wir einen Kompromiss: Sie alle stellen den Beruf an Nr. 1, dann muss ich mich nicht mehr über regionale Präferenzen ereifern.

Kurzantwort:

Wer eine Grundregel missachtet, bekommt Probleme. Wer gleich gegen zwei verstößt, bekommt sie garantiert.

Frage-Nr.: 1872
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-07-13

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

Top Stellenangebote

HTW Berlin-Firmenlogo
HTW Berlin Stiftungsprofessur (W2) Fachgebiet Industrielle Sensorik und Predictive Maintenance 4.0 Berlin
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach-Firmenlogo
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach Lehrbeauftragter (m/w/d) Mosbach
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach-Firmenlogo
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach Professur für Mechatronik (m/w/d) Mosbach
THD - Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
THD - Technische Hochschule Deggendorf Professur (W2) Network Communication Cham
THD - Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
THD - Technische Hochschule Deggendorf Professur (W2) Technologien und Prozesse in der Additiven Fertigung Cham
THD - Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
THD - Technische Hochschule Deggendorf Professur (W2) Energieinformatik Deggendorf
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm-Firmenlogo
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Professur (W2) Produktionstechnik - Produktionssysteme Nürnberg
Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
Technische Hochschule Deggendorf Professor (d/m/w) Network Communication Deggendorf
Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
Technische Hochschule Deggendorf Professor (d/m/w) Technologien und Prozesse in der Additiven Fertigung Deggendorf
Hochschule München-Firmenlogo
Hochschule München W2-Professur für Mathematische Methoden und Grundlagen (m/w/d) München
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.