Heiko Mell 01.01.2016, 16:11 Uhr

Der GF zahlt einen hohen Preis

Ihre Antwort auf Frage 1.843 hat mir (wie fast jede Ihrer anderen Antworten) gut gefallen, weil ich sie aus eigener Erfahrung absolut unterstreichen kann.(Anmerkung des Autors: Dort ging es um einen Abteilungsleiter, der Geschäftsführer/GF einer auszugründenden Konzerngesellschaft werden wollte. Ich hatte dies als tolle Chance bezeichnet, aber auch auf das sehr große Risiko hingewiesen.)

Ich bekomme als 40-jähriger gerade zum wiederholten Male in meinem Leben einen GF-Job angeboten, nachdem ich mit viel Mühe und unter zum Teil extremen Schwierigkeiten vor sechs Jahren nach knapp 10-jähriger erfolgreicher Geschäftsführung auf eigenen Wunsch und ohne Druck der Gesellschafter den Weg zurück ins „ruhige“ Dasein als leitender Angestellter gefunden habe.

Bei mir fand die gesamte Entwicklung in kleineren Unternehmen statt, die sicherlich im Vergleich zu Konzernen dynamischer sind. Trotzdem kann ich jedem nur raten, sich den Schritt zum Geschäftsführer sorgfältig zu überlegen, da es wirklich kein Zurück gibt und man die Dynamik der Position sehr leicht unterschätzt.

Sie haben die drei Schlüsselaufgaben (Vertrieb, Technik/Produktion, Verwaltung) sehr exakt benannt. Wer kein „geborener Verkäufer“ ist, sollte der zweifellos großen Versuchung eher widerstehen, da dies die einzige kaum delegierbare Funktion des GF ist.

Ich möchte meine GF-Zeit nicht missen, aber ich habe einen hohen Preis bezahlt. Angefangen von Nächten, in denen ich nicht schlafen konnte, weil ich z. B. nicht wusste, wie ich das Geld für die 30 Gehälter zusammenbekommen sollte, bis hin zum Druck durch Kunden – gegen die jeder Chef geradezu ein Engel ist.

Die Position eines GF ist also keine neue Arbeitsstelle, sondern eine neue Lebensweise, die weitgehend Ihr Leben und das Ihrer Familie verändern kann. Das muss man wollen, sonst sollte man besser die Finger davon lassen. Ich neige übrigens dazu, das neue an mich herangetragene Angebot unter klar definierten Bedingungen – im Sinne Ihrer Antwort zu Frage 1.843 – anzunehmen.

Antwort:

Danke für diesen Erfahrungsbericht. Zur Information der Leser noch einige Klarstellungen:

1. In eher kleinen Gesellschaften gibt es den „Allein-GF“, er steht allein in dieser Verantwortung und ist für alles zuständig vom Umsatz (Vertrieb!) bis hin zum letzten Euro in der Kostenrechnung oder zur Steuerzahlung ans Finanzamt.

Damit es schwerer wird: In Konzernen oder Unternehmensgruppen ist oft noch ein zweiter Manager aus der Hauptverwaltung als Geschäftsführer mit eingetragen, sitzt aber an anderem Orte und ist nur zu besonderen Anlässen in der Gesellschaft, um die es hier geht, anwesend.Damit wird aus dem GF dieses kleinen Unternehmens, der ja dann formal nicht mehr „allein“ in der Geschäftsführung sitzt, ein „Quasi-Allein-GF“ (ein besonders schönes, zum Glück nur inoffiziell gebrauchtes Wort).

Die damalige Frage 1.843 und die heutige Einsendung beziehen sich auf diese Allein-Geschäftsführung („Mädchen für alles“). Demgegenüber ist man in etwas größeren Unternehmen z. B. „Ressort-GF“ und etwa nur für Technik (und nicht für Vertrieb) zuständig. Allerdings steht man auch da irgendwie oder sogar ganz klar definiert in der Mit-/Gesamtverantwortung für das Unternehmen, kann sich aber im Tagesgeschäft auf „sein“ Fachgebiet konzentrieren.

2. Die Regel lautet: „Einmal GF, immer GF“ – ein Zurück ist wirklich extrem schwierig bis nicht möglich.

3. Kunden, von denen jedes Unternehmen abhängig ist, übertreffen oft jeden Chef hinsichtlich Kaltschnäuzigkeit, Brutalität (nicht physisch gemeint, sie hauen nicht) und völligem Desinteresse am Schicksal des Partners (Lieferanten).

4. Wer aus dem richtigen Holz geschnitzt ist, wird sich nicht von seinem Ziel „GF“ abbringen lassen („Nur nicht ängstlich“, sprach der Hahn zum Regenwurm – und fraß ihn).

5. Versöhnlich ist der Schlusssatz des Einsenders. Er neigt dazu, das neue Angebot dann doch wieder anzunehmen. Der Sportler will aufs Siegertreppchen, der Fußballclub wäre nur zu gern deutscher Meister. Und wer als Angestellter Karriereambitionen hat, krönt diese ebenso gern mit einer Position als GF. „Zum Teufel mit den Torpedos“ (Churchill, Sie wissen schon).

Frage-Nr.: 1859
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-06-24

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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