Heiko Mell

Fast 40 und noch nicht „leitend“

Ich bin Dipl.-Ing., 39, und jetzt seit einer Reihe von Jahren bei meinem dritten Arbeitgeber tätig. Es handelt sich um einen großen, weltweit tätigen System-Zulieferer.

Ich bin nach wie vor Projektingenieur ohne Führungsverantwortung im Konstruktionsbereich und stehe im ständigen Kundenkontakt.

Nach mehreren Umstrukturierungen der Firmenorganisation, was jedes Mal einen neuen disziplinarischen Vorgesetzten für mich bedeutete, sehe ich mittelfristig keine Möglichkeit, eine Position als Projektleiter in meiner Abteilung zu erreichen. Nicht dass ich irgendeine „Schuld“ meinen Vorgesetzten zuweisen will – ich sehe mich und sie einfach nur als Opfer der Umstände: Jeder neue Gruppenleiter musste sich in seine Gruppe einarbeiten, seine Teammitglieder kennen lernen und sich natürlich auch gegenüber seinen Vorgesetzten profilieren.

Das bedeutet aber jetzt für mich, dass ich karrieretechnisch und damit auch gehaltsmäßig seit zwei Jahren „auf der Stelle“ trete.

Ich habe nun folgende Überlegungen angestellt:

1. Ich ergänze über Weiterbildung meine Qualifikation auf anderen Feldern (z. B. Qualitätsmanagement), um mich dann intern um eine andere Tätigkeit zu bewerben (z. B. Lieferantenbetreuung). Ein Abteilungswechsel ist in meiner Firma durchaus nichts Ungewöhnliches.

2. Ich erwerbe nebenberuflich betriebswirtschaftliches Zusatzwissen (z. B. zwei oder vier Semester Fernstudium).

3. Ich versuche, über einen erneuten, längeren Auslandsaufenthalt (ich bin bisher für jeweils einige Monate in zwei europäischen Ländern tätig gewesen) meinen Marktwert zu steigern.

4. Ich bewerbe mich extern um eine Projektleiterstelle, ohne vorher eine Leitungsfunktion ausgeübt zu haben (learning bei doing).

Aktuell habe ich mich bei einem relativ großen Ingenieur-Dienstleistungsunternehmen um eine Position mit Führungsaufgaben beworben.

Meine Fragen:
a) Wie bewerten Sie die einzelnen Überlegungen?
b) Wie kann ich ein internes „Umschulungsprogramm“ erreichen, ohne bei meinem Fachvorgesetzten ein gewisses Misstrauen hervorzurufen? Er muss ja davon ausgehen, dass ich nach Abschluss die Abteilung oder gar die Firma verlasse.
c) Ich sehe in einem Wechsel von einem weltweiten Konzern zu einem sehr viel kleineren (Dienstleistungs-)Unternehmen, wo ich in einer kleinen Niederlassung arbeiten würde, ein Gefahrenpotenzial. Wäre dieser Schritt im Lebenslauf mit dem Erreichen einer Projektleiterstelle ausreichend erklärt?
d) Wie Sie meinem Lebenslauf entnehmen können, war ich früher im Anschluss an mein Studium schon einmal für ein Jahr bei einem solchen Dienstleister. Wäre jetzt ein weiteres, eventuell wieder kürzeres (als Ihre empfohlenen fünf Jahre) Angestelltenverhältnis bei einem solchen Arbeitgeber „zu viel“?

Ich würde mich von dort nach erfolgreichem Abschluss verschiedener Projekte (als Projektleiter) wahrscheinlich recht bald wieder bei einem größeren produzierenden Unternehmen um die Leitung größerer Projekte bewerben. Wo sehen Sie Gefahren, aber auch Chancen bei dieser Vorgehensweise?

Antwort:

Die langjährige Erfahrung lehrt mich, dass es für zentrale Probleme meist eine zentrale Ursache gibt. So auch hier: Ihnen läuft die Zeit weg – Sie werden schlicht zu alt. Die Ursache dafür ist auch schnell gefunden: Sie haben zu spät angefangen, bei Studienabschluss waren Sie schon über 30. Eine längere Tätigkeit im Lehrberuf vor dem Studium und ein solches, das zwei Semester zu lange dauerte, Wehrdienst irgendwo dazwischen. Dann ein vergeudetes Jahr nach dem Studium, als es nicht so leicht Anfänger-Jobs für Ingenieure gab – Ihrer aber, wie Sie an anderer Stelle schreiben, unbedingt in der Nähe des Wohnortes liegen musste. „Aus privaten Umständen, die Sie meinem Lebenslauf entnehmen können.“

Also versuchte ich zu entnehmen. Nichts, jedenfalls nichts zuerst. Aber nach so vielen Jahren gibt man nicht so schnell auf, schon gar nicht bei geheimnisvollen Andeutungen. Also noch einmal. Und dann hatte ich es: Rechnet man entsprechend dem Alter Ihres ältesten Kindes zurück, dann muss es so im ersten Semester Ihres Studiums geboren worden sein. Das habe ich keinesfalls zu kritisieren, aber Sie waren, das darf ich doch feststellen, damals ohnehin schon spät „dran“ mit Ihrer Ausbildung.

Heute wirkt Ihr Werdegang zwar sehr solide (toller derzeitiger Arbeitgeber, interessante Aufgaben, vernünftige Dienstzeit dort), aber Sie kommen bisher über die Sachbearbeiterebene nicht hinaus. Die Geschichte mit den ständigen Umorganisationen als Problem verstehe ich gut. Wenn manche Vorstände wüssten, wie lähmend diese („unten“ meist als sinnlos empfundenen „Verschlimmbesserungen“) auf den ganzen Apparat wirken und wie teuer die errechneten Einsparungen erkauft werden – täten sie es dennoch. Denn Analysten, Aktionäre und damit Aufsichtsräte lieben tatkräftige Restrukturierungen. Was Mitarbeiter dabei an Frustrationspotenzial aufbauen, lässt sich nur vermuten, aber nicht bilanzieren. Und Kosten, die da nicht auftauchen, hat es nie gegeben.

Eines allerdings muss man bei Ihnen, geehrter Einsender, einfach als ganz sachliche Feststellung in den Raum stellen: Alle Bemühungen Ihrerseits haben nur Sinn, wenn auch Talent zur Übernahme solcher Funktionen vorhanden ist. Sie sagen selbst, es hätte bei Ihrem Arbeitgeber viele Umorganisationen gegeben und stets wären Ihnen neue Gruppenleiter erwachsen – nur Sie wurden nie einer, kamen nicht einmal in die Vorstufe des Projektleiters. Ich kann von hier aus nicht beurteilen, wie es um Ihre Begabung steht, muss aber auch sagen, dass jeglicher Beweis dafür fehlt.

„Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will“, sagt der Volksmund – und meint, Talent zeige sich früh und auch Ehrgeiz in einer Richtung müsse entsprechend früh einsetzen. Man muss kein Überflieger sein, aber Sie sind sogar sehr „spät dran“. Überlegen Sie also, ob es sich wirklich lohnt, jetzt vieles zu riskieren, um einen kleinen Sprung zu machen: Übrigens: Ihr Abteilungs- (nicht zwangsläufig Ihr Gruppen-) Leiter sollte Ihr Potenzial in dieser Hinsicht kennen. Sollten Sie zu dem ein besonders gutes Verhältnis haben, könnten Sie ihn einmal fragen (nicht nach konkreten Beförderungschancen, sondern wie er Ihre Fähigkeiten allgemein beurteilt).

 

Zu Frage a: Ihre Modelle 1 bis 3 sehe ich kritisch! Sie würden etwas mit höchst ungewissem Ausgang anfangen, würden erst nach Abschluss einer zeitaufwändigen Zwischenphase auf Positionssuche gehen können und hätten dann teils einen Verlust Ihres „roten Fadens“ in Kauf zu nehmen, teils müssten Sie vielleicht mit 43 aus dem Ausland heraus Bewerbungen schreiben. Dafür sind Sie nicht mehr jung genug. Am harmlosesten ist noch der Erwerb des betriebswirtschaftlichen Zusatzwissens – das schadet wenigstens unter keinen Umständen.

Zu 4: Wenn Sie dieses Ziel haben, ist das generell ein sinnvoll erscheinender Schritt. Er hat den Vorteil, dass Sie den Wechsel nur vollziehen bzw. sonstigen Aufwand nur treiben, wenn Sie die so begehrte „Traumposition“ auch bekommen. Das ist in Ihrem Alter schon ein Argument (mit 28 sähe das anders aus).

Zu b: Gar nicht! So unsensibel kann ein Vorgesetzter gar nicht sein. Außerdem: Nach jeder „Umschulung“ sind Sie auf dem neuen Gebiet wieder Anfänger, dem kaum jemand die so begehrte Leitungsfunktion übertragen wird.

Zu c: In Ihrem Alter sollte man nirgends mehr hingehen bzw. nirgendwo neu anfangen, wo man garantiert nicht bleiben will. Ein solches „Sprungbrett“ passt zum Jungingenieur mit 28 oder 31. In dem Alter wagt man – in Ihrem gilt es, so langsam die Ernte des bisherigen beruflichen Tuns einzufahren. Daher teile ich Ihre Bedenken. Damit ist auch d beantwortet.

Hinzu kommt noch ein Problem: Größere Unternehmen wie Ihr heutiger Arbeitgeber stellen oft gar nicht gern Leiter größerer Projekte von außen ein (das gilt verstärkt für Führungskräfte wie Abteilungsleiter). Dass Sie dann vielleicht noch mit Vorbehalten gegen die arbeitgebende kleine Niederlassung eines Dienstleisters rechnen müssten (von dem Sie dann kämen), kommt hinzu: „Das will der alles nur gemacht haben, um endlich einmal Projektleiter zu werden? Mit damals fast 40, nach fünf Dienstjahren bei einem großen Unternehmen mit einigen zehntausend Leuten, wo man ihn nie befördert hat?“ Das klänge dann nicht besonders positiv.

Meine Empfehlungen (in der Rangfolge nicht sortiert, wählen Sie eine aus):

I. Stellen Sie das gesamte Vorhaben auf den Prüfstand. Fragen Sie ggf. frühere Vorgesetzte um Rat. Versuchen Sie, Ihre Fähigkeiten selbstkritisch zu analysieren.

II. Die sauberste Lösung: Sie bewerben sich extern bei einem ähnlichen Unternehmen wie dem Ihren(!) um eine Projektleiterstelle. Wenn Sie die haben, wechseln Sie. Oder Sie versuchen es bei einem kleineren (5.000 MA oder so) als Gruppenleiter. Ein Dipl.-Ing. von fast 40, der überhaupt Talent dazu hat, müsste sich dabei als erfolgreich erweisen. Und: Es ist „normal“, sich jeweils um einen Job auf der nächsthöheren Hierarchieebene zu bewerben – beispielsweise auch als Abteilungsleiter, ohne zuvor AL gewesen zu sein (dann aber beispielsweise Gruppenleiter o.ä.).

III. Der interne Wechsel über die Grenzen der Abteilung hinweg. Und zwar in einen Bereich, für den Ihre heutige Qualifikation ausreicht, ohne dass Sie erst Lehrgänge auf völlig neuem Fachgebiet machen müssen. Bitten Sie einmal einen Verantwortlichen aus der Personalabteilung um ein vertrauliches Gespräch (das gibt es im Regelfall!).

Kurzantwort:

Das gesamte berufliche System besteht aus fein aufeinander abgestimmten Bausteinen. Wenn man z. B. beim Start viel Zeit verliert, dann etwas unglücklich sucht, bis man seine Richtung findet – fehlt am Schluss der Spielraum („Ein jegliches hat seine Zeit“, nach Pred. 3, Altes Testament).

Frage-Nr.: 1847
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-05-14

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