Heiko Mell

GF einer ausgegründeten Konzerngesellschaft

Ich bin promovierter Dipl.-Ingenieur, Mitte 40, meine Berufserfahrungen liegen im Wesentlichen beim derzeitigen Arbeitgeber, einem sehr großen Konzern. Ich war dort u. a. Gruppenleiter in der Entwicklung, war bei einer Auslandsgesellschaft, habe eine Fertigung geleitet. Heute bin ich Abteilungsleiter in der Entwicklung, zuständig für innovative Produktprogramme und Erschließung neuer Marktsegmente außerhalb des Stammgeschäfts. Ich führe „einige zehn“ Mitarbeiter.

Ich beschäftige mich intensiv mit der Vorbereitung der Ausgründung einer unserer vielversprechenden Aktivitäten aus unserem Großkonzern als GmbH. Sie würde vom Konzern mit Venture Capital versorgt werden und zunächst die Konzernmutter als alleinigen Gesellschafter haben. Motivation der Ausgründung ist es, mehr Fokus auf das attraktive Geschäftsumfeld zu lenken, Vorgänge in einer kleineren unabhängigen Einheit zu beschleunigen und so den Eintritt in neue Märkte zu erleichtern.

Die Rolle des GF dieser GmbH würde mir zusagen. Ich erhoffe mir persönlich davon insbesondere noch mehr unternehmerische Freiheit als im Großkonzern, Gestaltungsspielraum und Erfolg beim Aufbau eines schnell wachsenden ertragreichen Unternehmens.

1. Passt dieser neue Schritt auf Ihren ersten Blick in meinen Lebenslauf? Was können Sie mir als guten Rat mit auf den Weg geben? Worauf muss ich achten?

2. Was ist bei meinen persönlichen Vertragsverhandlungen als GF mit der Konzernmutter zu berücksichtigen? Kann ich ein deutlich höheres Gehalt/Gewinnbeteiligung verhandeln?

3. Rein hypothetisch: Was spricht für und was gegen eine spätere Rückkehr in eine Aufgabe im Großkonzern – mit der ganzen Erfahrung, die ich als Unternehmer und GF der GmbH gewonnen habe?

Antwort:

Zu 1: Beginnen wir mit „gutem Rat“ und „worauf ist zu achten“. Dazu fällt mir ein:

a) Frisch ernannte, erstmals in dieser Funktion tätige Geschäftsführer neigen schon einmal dazu, ihre neue Stellung zu überziehen: Sie sehen sich als die Spitze der Gesellschaft und fühlen sich berufen, nun vorwiegend selbst festzulegen, wie und in welche Richtung zu „marschieren“ ist, was am besten für die Gesellschaft ist, wie das Wachstum optimal gestaltet werden sollte etc.

In Wirklichkeit verfolgt der Konzern mit Gründung der Gesellschaft ein konkretes Ziel, hegt er ziemlich konkrete Erwartungen. Sie als GF bekommen einen konkreten Auftrag(!) – den haben Sie zu erfüllen. Sprechen Sie den mit Ihren künftigen vorgesetzten Dienststellen so präzise wie möglich ab. Legen Sie immer wieder schriftliche Entwicklungspläne für Ihre Gesellschaft vor, die Sie sich absegnen lassen. Sie sind „Erfüllungsgehilfe“ des Gesellschafters, zwar auch Motor der Idee und sogar Fahrer des „Autos“, aber neben Ihnen sitzt jemand, der bestimmt, wo es langgeht.

Beispiel: Am Stammtisch macht es sich gut, wenn Sie eines Tages erzählen können, Sie hätten schon nach zwei Jahren 10 Millionen EUR Umsatz erzielt und würden bereits im dritten Jahr die Gewinnschwelle erreichen. Hatte man „höheren Orts“ jedoch nach zwei Jahren schon 20 Millionen erwartet und Gewinne schon im zweiten Jahr, haben Sie vielleicht bereits „versagt“.

 

b) Überschätzen Sie die Freiheit an der Spitze einer Konzern-GmbH nicht – Sie bleiben Teil des Konzernmanagements. Der „Stil des Hauses“ (dem ja Ihre neuen Vorgesetzten auch unterliegen) gilt weiter, Sie sind eingebunden in das Konzern-Controlling- und -Berichtssystem etc. Dennoch ist Ihr Spielraum etwas größer als er es als Hauptabteilungsleiter eines operativen Geschäftsbereichs wäre. Aber: Letzterer hat für eventuelle Misserfolge meist gute Ausreden, der GF hängt enger an der persönlichen Verantwortung, da zählen Erfolge, keine Erklärungen für „Pleiten, Pech und Pannen“.

 

c) Kaufen Sie sich zumindest eines der Taschenbücher über „Rechte und Pflichten eines GmbH-Geschäftsführers“. Es kann eines Tages übrigens durchaus Konflikte geben zwischen dem, was Sie lt. Gesetz tun müssen und dem, was der Konzern im Detail von Ihnen erwartet. Ich will den Punkt nicht dramatisieren, Sie aber doch auf diesen Aspekt hinweisen. Was das für Sie bedeutet? Sie wissen dann, wofür der GF ein so gutes Gehalt bezieht – ein Teil ist Risikoprämie.

 

d) Konzerne gelten generell in diesen Fragen als unberechenbar: Heute mag jemand „höheren Orts“ Spaß an der Idee haben, morgen fällt jemandem ein, dass dies entweder doch nicht zur „Kernkompetenz“ gehört – oder dass eine Minigesellschaft mit 9 Millionen in einer Konzernbilanz von 90 Milliarden lächerlich ist und schon von daher verkauft gehört. Wenn dann – ob durch Ihre Schuld oder durch „unvorhersehbare Marktentwicklung“ bedingt, spielt keine Rolle – noch enttäuschte Erwartungen hinsichtlich der geschäftlichen Entwicklung dazukommen, ist Ihr Schicksal schnell besiegelt.

Nun zu Ihnen, den neuen Anforderungen und Ihren zu vermutenden Fähigkeiten: Sie sind Dr.-Ing., „von Hause aus“ Entwickler und auch heute noch in diesem Fachbereich tätig. Erst seit recht kurzer Zeit(!) weist Ihre Tätigkeit (in der Entwicklung!) Elemente aus wie „Ausweitung eines innovativen Produktprogramms“ und „Erschließung neuer Marktsegmente“. Gemessen an Ihrer gesamten Berufspraxis ist also die kundenorientierte Komponente, Ihre Ausrichtung speziell auf den Markt, recht gering. Inwieweit Sie bisher über direkte Verkaufs-(Akquisitions-)Erfahrungen verfügen, ist offen.

e) Die spätere Gesellschaft ruht auf drei Säulen:

– Vertrieb, Vertrieb, Vertrieb (Umsatz ist die Basis jedes Erfolgs),

– Technik (Entwicklung, Produktion),

– Betriebswirtschaft (Kalkulation, Rechnungswesen, Controlling).

Als GF einer kleinen, frisch gegründeten Gesellschaft sind Sie erst einmal für „alles“ verantwortlich. Die Technik beherrschen Sie, das Kaufmännische lernen Sie. Dreh- und Angelpunkt ist jedoch der Markterfolg – für den Sie (nicht im juristischen Sinne) „haften“.

Damit stehen und fallen Sie. Sie müssen entscheiden, ob Sie sich das zutrauen. Es geht nicht darum, ob sich Ihre Produkte „verkaufen lassen“, sondern ob Sie die Verantwortung für den Verkauf übernehmen können. Selbst wenn Sie eine eigene Verkaufsmannschaft bekommen, sind Sie – wie ein hausinterner Geschäftsbereichsleiter – auf diesem Sektor gefragt. Dem typischen Entwicklungsleiter liegt dieses Feld eher weniger …

f) Ob diese Position in Ihren Lebenslauf passt? Sie müssten diesen Job fünf Jahre erfolgreich ausfüllen – dann sind Sie über 50. Entweder Sie haben Erfolg, dann bleiben Sie dort, qualifizieren sich im Konzern vielleicht sogar weiter – oder Sie scheitern, dann sind Sie im Konzern und außerhalb „angeschlagen“, Ihr Marktwert ist stark beschädigt. Als Entwicklungsleiter will Sie dann niemand mehr (den Ex-GF), eine neue GF-Chance gibt Ihnen auch niemand.

Mit der Annahme dieser Position übernehmen Sie eine Aufgabe, die eine tolle Chance einschließt – und zum Ausgleich ein sehr großes Risiko. Keine Chance ohne Risiko – wenn Sie aus dem richtigen Holz geschnitzt sind, greifen Sie zu! Man kann, siehe oben, aus dem bisherigen Lebenslauf Ihre Begabung dazu nicht mit Sicherheit ablesen – wie es hinterher aussieht, kann speziell Ihnen fast gleichgültig sein.

 

Zu 2: Ihr Konzern dürfte zahlreiche GF-Verträge für die vielen Töchter abgeschlossen haben, also gibt es Standards. Sie können vermutlich grundsätzlich unterschreiben oder ablehnen, allenfalls in Details sind „Verhandlungen“ möglich. Sie werden schon ein deutlich höheres Gesamteinkommen erzielen können als heute – vorausgesetzt, Sie erfüllen die detaillierten Konzern-Vorgaben, vielleicht beteiligt man Sie auch einfach am Gewinn (als Tantieme, zusätzlich zum Fixgehalt). Variable Einkommensbestandteile in nennenswerter Größenordnung sind absolut üblich.Wichtig ist aus meiner Sicht vor allem ein Punkt: Erstrebenswert für Sie wäre es, Angestellter des XY-Konzerns zu bleiben und in die neue Gesellschaft delegiert zu werden oder doch zumindest für den Fall des Falles eine Rückkehrgarantie zu haben. Geht Ihr Arbeitsverhältnis hingegen ganz oder allein auf die neue Gesellschaft über, stehen Sie bei einer Insolvenz (die ohnehin nicht „gut“ ist für einen GF) oder auch beim Verkauf allein „im Regen“.

 

Zu 3: Ich sehe zwei Möglichkeiten:

a) Sie sind als GF erfolgreich. Dann wollen Sie die größeren Gestaltungsspielräume nicht mehr missen, bleiben da und wachsen mit „Ihrem“ Unternehmen. Für den Mutterkonzern sind Sie dann (nach fünf Jahren „draußen“) weitgehend verdorben. Natürlich gäbe es auch die theoretische Möglichkeit, alternativ konzernintern aufzusteigen, z. B. in die Leitung eines – größeren – Geschäftsbereichs. Aber das sind Träume.

b) Sie sind nicht erfolgreich. Dann wird man Sie als GF ablösen. Im Konzern will Sie auch so recht niemand, Sie bekommen einen der üblichen „Druckposten“ (Direktor für Sonderprojekte).

 

Fazit: Rational könnte es klüger, vermutlich auch langfristig sicherer sein, in Ihrem Alter die Berufung abzulehnen. Aber: Wenn Sie je Ehrgeiz hatten und noch „Feuer“ in Ihnen ist, dann greifen Sie mit beiden Händen zu! Wenn Sie das jetzt ablehnen, erklären Sie sich selbst für „tot“.

Kurzantwort:

Wenn ein nicht mehr ganz junger Abteilungsleiter mit Ehrgeiz die Chance bekommt, in seinem Konzern GF einer neu zu gründenden zukunftsorientierten Tochter zu werden – dann muss er die Risiken sehen, aber sich dann dennoch für die Annahme der neuen Herausforderung entscheiden.

Frage-Nr.: 1843
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-04-22

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