Heiko Mell

Nützliche Überstunden

Wie förderlich können freiwillige, unbezahlte Überstunden für die Karriere sein? Was „passiert“, wenn man überwiegend pünktlich anfängt und aufhört?

Antwort:

Irgendwie ist Ihr Denkansatz falsch. Lassen Sie mich versuchen, die Dinge etwas gerade zu rücken.

Mit der „Karriere“ ist zunehmende Verantwortung für Menschen und Sachen verbunden. Unternehmen übertragen diese Verantwortung an Mitarbeiter, die qualifiziert sind – und denen ihre berufliche Tätigkeit ganz erkennbar wichtig ist, am Herzen liegt, der sie eine hohe Priorität im Leben zuordnen usw.

Ein solcher Mitarbeiter orientiert sich nun vor allem an den „Sachzwängen“ seiner Arbeit. Wenn etwas sehr wichtig ist, „heute“ noch fertig werden muss, dann wird es eben fertig – sei es um16 oder auch um 19 Uhr.

Und bei einem ganz besonders drängenden Problem nimmt dieser Angestellte abends – soweit möglich – auch schon einmal Unterlagen mit nach Hause. Er wägt einfach ab, ob diese Ausarbeitung nicht vielleicht doch noch wichtiger ist als das gerade anstehende Feierabendvergnügen. Selbstverständlich wahrt er dabei Maß und Ziel – die Erholung nach Dienstschluss liegt auch im Firmeninteresse.

Für diesen idealen Mitarbeiter sind „Überstunden kein Thema“. Er stellt jederzeit unter Beweis, dass die Arbeit einen vorrangigen Stellenwert für ihn hat, dass Dinge, die getan sein müssen, auch getan werden. Und dass sich sein Chef darauf verlassen kann, wichtige Probleme kurzfristig „vom Tisch“ zu bekommen. Andererseits nimmt er sich dann auch das Recht, an anderen Tagen pünktlich zu gehen. Sein Vorgesetzter weiß: „Wenn ich ihn brauche, ist er da“, erkennt diesen „Einsatz“ (so der Fachausdruck) an – und wird die Karriere dieses Mannes fördern (wenn alle anderen Voraussetzungen stimmen).

Dieser ideale Mitarbeiter tut das alles übrigens, weil es zu seiner Natur gehört, nicht aus Berechnung. Zur Verblüffung gerade vieler junger Menschen gibt es ihn tatsächlich.

Und da ich gerade dabei bin, könnte ich eine generell zum Thema passende andere Regel erläutern, von der ich weiß, dass sie ebenso häufig Verblüffung auslöst: Man wird befördert (oder erhält Gehaltserhöhung), wenn man auf der unteren Ebene „jahrelang“ die der höheren Stufe entsprechende Leistung erbracht hat. Umgekehrt läuft das einfach nicht! Ein „Sachbearbeiter“ muss also schon längere Zeit die einem Abteilungsleiter entsprechende Leistung, Dienstauffassung u. ä. zeigen, bevor er – vielleicht – einer wird.

Aussprüche wie „Wenn ich die Position (das Gehalt) hätte, würde ich auch …“, sind unsinnig und „nicht hilfreich“, wie man es in der Diplomatensprache ausdrücken würde. Daraus folgt auch, dass Geisteshaltungen, wie sie in Aussprüchen dieser Art erkennbar werden „…bei meinem Gehalt kann das niemand verlangen“, absolut nicht zum Ziel führen.

Zurück zu Überstunden: Leider geht es nicht immer so „ideal“ ab wie oben geschildert. Manche Vorgesetzten oder auch manche Firmen erwarten – unabhängig von Dringlichkeit der Arbeit o. ä. – einfach ein bestimmtes Quantum von Mehrarbeit. Wer da nicht mitzieht, hat praktisch keine Chance, befördert zu werden. Nun hat ohnehin jede Position ihr spezielles Profil. Der Standort der Firma gehört genau so dazu wie langfristige Sicherheit, soziale Leistungen, Gehaltsniveau, Aufgaben und Verantwortung, Person des Chefs und allgemeine Arbeitsbedingungen. Hier können Sie dann nur abwägen, ob die unumgänglichen Überstunden als ein Detail von vielen die Gesamtbilanz wirklich verändern.

Der aufstiegsorientierte, leistungsbewusste Mitarbeiter kann auch zusätzlich noch vorausschauend sein. Dann „bestellt“ er sein Abendessen nie vor 19 Uhr, meidet Skatrunden, die ihn mittwochs zum pünktlichen Dienstschluss zwingen, macht sich über Fahrgemeinschaften seine eigenen Gedanken – und bleibt frei in seiner täglichen Entscheidung. Mancher Vorgesetzte wird nach hartem Arbeitstag ein „Ich habe jetzt wirklich keine Lust mehr“ noch akzeptieren. Ein „Ich muss gehen, mein Kegelclub beginnt um 6“ wird ihn mit Sicherheit ärgern, wenn deshalb ein wichtiger Auftrag liegen bleibt.

Ich weiß natürlich nicht, ob Sie das als eine besonders wirksame „Drohung“ empfinden: Wenn alle an dieser Serie Beteiligten immer pünktlich nach Hause gegangen wären, hätten wir hier öfter einmal unseren Lesern nur „weißes Papier“ bieten können.

 

PS: Ist Ihnen, liebe Leser, etwas aufgefallen an diesem speziellen Fall? Nein? Das ist gut so, dann stimmt meine Theorie ja im Ansatz durchaus:

Frage und Antwort sind aus Anlass des in diesen Tagen stattfindenden Jubiläums wörtlich aus einem früheren Beitrag übernommen – aber aus 1984, sie sind jetzt zwanzig Jahre alt. Dramatisch also ändern sich weder die Verhältnisse, noch die Anliegen der Einsender, wie man sieht.

Mir hat die Arbeit an dieser Serie schon damals Spaß gemacht und das macht sie immer noch. Ich hoffe, man merkt das.

Ihnen danke ich für Ihre Mitwirkung an dieser Karriereberatung durch Einsendungen und Bekundungen Ihrer Anerkennung, vor allem aber für Ihr Vertrauen, das Sie uns entgegenbringen, indem Sie zur besseren Orientierung Namen und Fakten, „Ross und Reiter“ so oft so offen nennen. Und ich danke auch meinen Kritikern – keine zu haben wäre für einen Autor mit meiner thematischen Ausrichtung fast schon würdelos.

Wir machen weiter – und freuen uns auf Ihre Fragen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1840
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-04-08

Top Stellenangebote

Analytik Jena GmbH-Firmenlogo
Analytik Jena GmbH Senior Industrial Engineer (w/m/d) Göttingen
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst-Firmenlogo
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Professur (W2) für das Lehrgebiet Tragwerkslehre und Baukonstruktion Hildesheim
BAM Deutschland AG-Firmenlogo
BAM Deutschland AG Contract Manager / Vertragsmanager (m/w/d) Hamburg
Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt Professorin / Professor (m/w/d) (W2) Fakultät Maschinenbau Schweinfurt
THD - Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
THD - Technische Hochschule Deggendorf Professor / Professorin (m/w/d) Bildgebende Verfahren mit dem Schwerpunkt Computertomographie Deggendorf
Generalzolldirektion-Firmenlogo
Generalzolldirektion Wirtschaftsingenieur/in (m/w/d) Berlin, Bonn, Dresden, Offenbach am Main
Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften-Firmenlogo
Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften Bauoberinspektor-Anwärter (m/w/d) Hannover
Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften-Firmenlogo
Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften Technische Referendare (m/w/d) im Beamtenverhältnis Hannover
Vermögen und Bau Baden-Württemberg-Firmenlogo
Vermögen und Bau Baden-Württemberg Diplom-Ingenieur/in / Bachelor / Master (w/m/d) Architektur / Bauingenieurwesen / Wirtschaftswissenschaften für den Bereich Baubetrieb und Kalkulation Stuttgart
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences W2-Professur für das Fachgebiet "Fahrzeugelektronik" Karlsruhe
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.