Heiko Mell

Hilft der MBA?

Ich bin Dipl.-Wirtschaftsingenieur/Logistik FH, 29 Jahre, seit fünf Jahren im Beruf. Nach einer abgeschlossenen Projektarbeit bei meinem ersten Arbeitgeber habe ich gewechselt. Ich bin jetzt bei einem großen Automobilzulieferer, aufgestiegen zum Abteilungsleiter mit Personalverantwortung.

Um aber einen größeren Schritt nach vorne zu machen und eventuell international tätig zu werden, habe ich festgestellt, dass ein MBA (möglichst im Ausland erworben) ein Vorteil auf längere Sicht ist.

Noch bin ich ohne „Anhang“ und könnte z. B. nach San Diego an die Uni gehen und meinen MBA machen. Dort wäre ich nach meiner Orientierung als Logistiker richtig. Da ich als Schüler schon einmal für ein Jahr in den USA gewesen bin, ist das für mich kein Neuland.

Wie sehen Sie die Dinge? Ich bin sehr flexibel, belastbar (Leistungssportler) und voller Tatendrang, spreche Englisch und Französisch und möchte, um ehrlich zu sein, jetzt weiterkommen mit meiner Berufserfahrung. Ich freue mich auf eine ehrliche Antwort.

Antwort:

Da Sie gegen Schluss Ihrer Einsendung zweimal „ehrlich“ sagen, will ich dem auch folgen und schreibe daher ganz in diesem Sinne, dass ich Sie zunächst gern als schlechtes Beispiel missbrauchen möchte:

Der hier als Absatz Nr. 2 abgedruckten Formulierung von Ihnen fehlt die Logik. Es ist einer jener Sätze, die „so nicht gehen“: „Um einen Schritt nach vorne zu machen …, habe ich festgestellt, dass ein MBA … ein Vorteil ist.“ Vielleicht wird es in etwas abgewandelter Form deutlicher: „Weil ich einen Schritt nach vorne machen will, habe ich festgestellt …“ Das kann man so nicht machen, das „beißt“ sich oder mich, jedenfalls stimmt die Begründung nicht! Es ist doch so: „Ich will einen Schritt nach vorn machen. Nun habe ich festgestellt, dass in dem Zusammenhang ein MBA vorteilhaft ist.“ Das ginge.

Es geht übrigens auch so: „Um einen Schritt nach vorne zu machen, so habe ich festgestellt, ist ein MBA von Vorteil.“

Jetzt halten Sie mich bitte nicht für kleinlich. Hier geht es nicht um irgendwelche nebensächlichen Feinheiten, sondern um Begründungen und Zusammenhänge in sachlichen Darstellungen, beispielsweise in Investitionsanträgen, Bewerbungen, Artikeln in Medien – oder sogar in Arbeitszeugnissen.

Sollte jemand diese Argumentation nicht verstehen, dann kann ich es nicht ändern. Aber der Einsender muss! Ein künftiger MBA, heutiger Abteilungsleiter und Träger weiterer Ambitionen muss einfach! Da gibt es keine Gnade.

Und sagen Sie bloß nicht, man wisse doch auch so, was gemeint sei. Das reichte dem Neandertaler (symbolisch: „Ich Tarzan, du Jane“). Seitdem haben wir uns weiterentwickelt. Womit ich nicht gesagt haben will, das hier kritisierte Beispiel lese sich wie ein Dialog auf der Mammutjagd. Ehrlich nicht.

Also soviel zur Pflicht. Nun zur Kür, der internationalen akademischen Top-Ausbildung zum MBA.Ganz sachlich: Jede qualifizierte Zusatzausbildung hilft, ist nützlich, ist also zunächst einmal grundsätzlich empfehlenswert. Bildung und fachliches Wissen sind immer auf der positiven Seite einer persönlichen Bilanz zu verbuchen.

Lösen muss man sich nur von der Erwartung, man könne ganz exakt vorhersagen, wie und in welchem Umfang eine zusätzliche Ausbildung helfen wird. Einer der Absolventen wird sofort nach Abschluss des Examens befördert, ein anderer zwar nicht, bekommt aber wenigstens direkt neue, anspruchsvollere Aufgaben. Wieder ein anderer bekommt einfach eine Gehaltserhöhung. Einer bekommt gar nichts – aber drei Jahre später ist intern eine interessante Position zu besetzen; die hauseigene Personalentwicklung weiß, dass ein Mitarbeiter eine solche Zusatzqualifikation hat, er wird daraufhin in eine Stellung befördert, die er „ohne“ nie erhalten hätte. Ein Absolvent einer solchen Ausbildungsrichtung bewirbt sich eines Tages extern; dort braucht man zwar sein zusätzliches Examen nicht, aber das gezeigte Engagement („der Mann hat sich enorm für dieses Ziel eingesetzt, hat in die eigene Karriere investiert“) begeistert die Entscheidungsträger so, dass er nicht wegen des Resultats, sondern wegen des Aufwandes dafür den Job erhält.

Einer gibt 2009 in einer Diskussion mit dem Vorstand eine kluge Bemerkung von sich – und rettet damit seinen Kopf, denn er stand eigentlich schon „zur Disposition“. Das entsprechende Wissen, die Basis für den „Lichtblick“ hatte er im Zusatzstudium 2005 erworben.

Sehen Sie, es wäre schon irgendwie seltsam, wenn ich in meiner Funktion in meinem Alter jetzt beispielsweise den Schweißfachingenieur erwürbe. Aber schaden würde auch das nicht. Und vielleicht verhandele ich im nächsten Jahr über einen Auftrag und setze mich durch, weil das Unternehmen viel schweißt und ich qualifiziertes Einfühlungsvermögen in die betrieblichen Probleme zeige.

Es lassen sich folgende Regeln aufstellen, jetzt einmal vorrangig auf den MBA bezogen:

1. Schaden wird die Zusatzqualifikation grundsätzlich niemals. Es sei denn, der Absolvent dieses Studiums bewirbt sich danach gezielt um Positionen, in denen seine zu vermutenden Ambitionen überhaupt nicht zum Thema (Anforderungsprofil) passen. Beispiel: stellvertretender Leiter der mechanischen Fertigung in einem rein deutschen, rein regional operierenden privaten Kleinunternehmen. Dort könnte man ihn als „überqualifiziert“ einstufen.

2. Es ist absolut mit der Möglichkeit zu rechnen, dass sich trotz MBA-Zusatzqualifikation keine Karriere im gewünschten Sinne ergibt. Das geht z. B. promovierten Ingenieuren ebenso. Denn nicht der MBA-Abschluss macht die Karriere, sondern die Persönlichkeit. Die Zusatzqualifikation hilft dem Begabten, ebnet ihm etwas den Weg. Aber wer die erforderliche Persönlichkeit nicht hat, dem hilft der MBA ebenso wenig wie ein Top-Klavierlehrer aus mir einen Konzertpianisten machen würde (ich kann nicht einmal Noten lesen). Lassen Sie sich nicht von Statistiken blenden, wie viele MBA-Absolventen was „geworden“ sind. Vermutlich waren das Menschen mit positiven Persönlichkeitsfaktoren, die ohnehin Karriere gemacht hätten. Mit MBA ging es ggf. nur etwas leichter.

3. Wenn die MBA-Qualifikation auch (fast) nie schadet, so kann im Einzelfall doch der Aufwand (Zeit + Geld) zu hoch im Verhältnis zum späteren Ertrag sein. Das gilt schon für manche „preiswerten“, nebenberuflichen Studien, um so mehr jedoch für kostenintensives „hauptberufliches“ Studieren über Jahre hinweg!

4. Positiv bei Ihrem konkreten Vorhaben ist zusätzlich der Auslandstouch, den Ihr Werdegang allein durch Aufenthalt und Studium in den USA erhielte.

5. Negativ bei Ihrem speziellen Vorhaben ist: Diese Art der MBA-Ausbildung setzt voraus, dass man eine schon seit Jahren erfolgreich laufende Berufspraxis abbricht und wieder an die Universität zurückgeht (wenn auch an eine andere). Das ist im angelsächsischen Raum verbreitete Praxis, in Deutschland jedoch nicht! Hier führt man traditionell eine einmal angelaufene berufliche Laufbahn konsequent und ohne Unterbrechung fort.

Sicher, es gibt Tendenzen, die in diese andere Richtung deuten. Außerdem kommt der Trend aus USA, was ihn auch dann adelt, wenn sonst nichts Gutes darüber zu sagen wäre. Rein sachlich wäre auch bei uns die gelegentliche Unterbrechung des beruflichen Tuns durch Phasen der Wissensauffrischung oder -vertiefung an der Hochschule erwägenswert. Allein es ist generell (noch?) nicht üblich. Sie könnten, insbesondere im Bereich mittelständischer Betriebe, also bei späteren Bewerbungen auch auf Kopfschütteln, Unverständnis und Ablehnung stoßen. Und das trotz der Mühen und Kosten, die Sie hatten. Und: Viele der Entscheidungsträger in Bewerbungsangelegenheiten haben selbst keinen MBA.Diese Bedenken entfallen bei nebenberuflich erworbener MBA-Qualifikation.

6. FH-Absolventen mit guten oder sehr guten Noten bleibt später oft ein Gefühl, im Studium noch nicht „alles“ gelernt zu haben, nicht erschöpfend gefordert worden zu sein. Daraus entwickelt sich mitunter der Wunsch, noch eine „vollakademische“ (Universitäts-)Ausbildung draufzusatteln. Unbedingt erforderlich ist das nicht, es gibt durchaus FH-Ingenieure als Geschäftsführer etc. Aber mitunter hebt das Uni-Zusatzstudium das Selbstbewusstsein (wobei es oft schon hilft, wenn man weiß, dass auch andere in dieser Situation Gefühle dieser Art haben).

7. Nach einer derart aufwändig erreichten MBA-Qualifikation wird Ihr Erwartungsdruck im Hinblick auf „Karriere/Beförderung/mehr Verantwortung“ erfahrungsgemäß ungeheuer groß sein. Hüten Sie sich davor (siehe auch 2). Um realistische Einschätzungen vornehmen zu können, sollten Sie z. B. die Stellenanzeigen sehr sorgfältig lesen: Wie oft stoßen Sie auf Anforderungen, in denen der MBA-Abschluss konkret genannt wird? Lesen Sie so etwas sehr oft oder oft, dürfen Sie von einem ordentlichen Karriereschub durch MBA ausgehen. Lesen Sie es selten oder nie, müssen Sie anschließend vermutlich auch noch um Anerkennung kämpfen.

8. Für Unternehmensberatungen könnten Sie mit Ihrer späteren Kombination aus FH-Ingenieur, Industriepraxis als Abteilungsleiter und MBA (im Ausland erworben) ein interessanter Kandidat sein – vielleicht sogar interessanter als für die Masse der „stationären“ Industriebetriebe.

9. Wenn Sie das alles gelesen haben, wägen Sie ab – und gehen ggf. ruhig Ihren Weg zum MBA. Sie sollen nur nicht denken, das sei „die Lösung überhaupt“. Aber wenn es Sie nach wie vor reizt: Tun Sie es!

Kurzantwort:

1. Entscheidend für Karriereerfolge ist grundsätzlich vorrangig die Persönlichkeit.

2. In Deutschland ist das Bildungssystem (noch) so aufgebaut, dass ein(!) akademisches Studium + hohes Leistungsniveau in der Praxis + lebenslange permanente Weiterbildung „on the job“ auch für Spitzenpositionen ausreichen.

3. Wer ein immer noch etwas exklusiv klingendes Zusatzstudium mit hohem Aufwand absolvieren will, lese vorher auch Stellenanzeigen: Wie oft wird die Kombination, die er dann bietet, ausdrücklich gesucht?

4. Zusätzliches Wissen schadet praktisch niemals. Nur der Aufwand, den man zum Erwerb treiben musste, kann unwirtschaftlich hoch sein.

Frage-Nr.: 1837
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 13
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-03-25

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