Heiko Mell

Ich will Geschäftsführer werden

1. Ich habe mit 19 Jahren Abitur gemacht, anschließend Zivildienst, dann Studium der Mikroelektronik an einer FH. Mein Studium werde ich Ende dieses Jahres mit einem Schnitt um die 2,5 nach 8,5 Semestern beenden. Während meines Studiums habe ich ein achtmonatiges Auslandspraktikum in Frankreich absolviert und noch weitere Praxiserfahrungen gemacht. Meine Diplomarbeit werde ich in einem anderen Unternehmen schreiben. Ich werde versuchen, dort dann auch anzufangen.

2. Warum ich den Berufswunsch „Geschäftsführer“ habe? Zu erwartendes Gehalt, soziale und finanzielle Verantwortung, weitreichende Entscheidungen treffen.

3. Ich bin mir bewusst, dass dies nicht in zwei bis drei Jahren zu erreichen ist, ich bis dahin einem zielgerichteten Berufsweg folgen sollte, ich ein gewisses Alter dazu benötige (35 +), ich mit meinem FH-Diplom allein dort nicht hinkommen werde, es Ausnahmen zu diesen Feststellungen gibt, ich aber nicht darauf hoffen werde.

4. Nur was ist ein zielgerichteter Berufsweg? Ist der Einstieg in die Entwicklung nahezu obligatorisch, um das im Studium Erlernte zumindest einmal im Leben professionell angewandt zu haben? Denn ich bin zwar technisch begabt und auch sehr interessiert, trotzdem fehlt mir aber eine gewisse Passion für die Entwicklung, die ich bei meinen Kommilitonen oft erkennen konnte. Ich mach’s halt, aber nicht aus ganzem Herzen heraus, was sich auf kurz oder lang in der Qualität meiner Arbeit sicherlich bemerkbar machen würde. Zwei bis drei Jahre könnte ich dies durch Ehrgeiz kompensieren, länger jedoch nicht.

5. Liest man Stellenanzeigen, so bemerkt man, dass Führungskräfte oft aus dem Vertrieb kommen (sollten). Ist dies die sicherste Ausgangsbasis oder gibt es weitere typische Ausgangspositionen für Führungskräfte?

6. Selbstverständlich benötige ich zusätzliche betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Ich habe mich daher für ein Fernstudium der BWL an der Fernuni Hagen entschieden. Geplant habe ich das Vordiplom zum ersten Arbeitgeberwechsel, das Diplom pünktlich zum dritten Arbeitgeber.

7. Ich könnte mit 32 Jahren über sieben Jahre Berufspraxis und zwei miteinander harmonierende Studienabschlüsse verfügen. Ist dies das von Ihnen oft genannte „Holz, aus dem man Führungskräfte schnitzt“?

8. Helfen Sie uns bitte auch weiterhin, Fehler im Voraus zu vermeiden und es besser zu machen.

Antwort:

Ich verweise bewusst selten auf frühere Beiträge in dieser Serie, hier aber bietet es sich an: Lesen Sie auch Frage 1.819 („Karriere“) vom 23.01.2004, dort wird u. a. definiert, was ein Geschäftsführer überhaupt ist.Ihre Aussagen und Fragen habe ich nummeriert, dann ist die Zuordnung der Antworten einfacher.

Zu 1: Die Ausgangsbasis, die Sie schildern, ist durchschnittlich, aber noch nicht elitär. Geschäftsführer jedoch sind die Elite der Angestellten. Das bedeutet schlicht: Noch ist nichts verloren, aber irgendetwas muss von Ihnen noch „kommen“ in den nächsten Jahren. Beispielsweise: Überdurchschnittlich klug ausgesuchte Arbeitgeber (kann nicht schaden), überdurchschnittlich erfolgreich weiter nach vorn getriebene Laufbahn (wichtig; aber: alle fünf Jahre eine Beförderung reicht, „Himmelsstürmer“ oder „Überflieger“ zu sein, ist nicht erforderlich), vorhandene überdurchschnittliche Talente in Sachen Führung, Durchsetzung, Erfolgsorientierung, unternehmerisches Denken (sehr wichtig). Dann sollten Sie Ihr Ziel auf Nr. 1 der Prioritätenliste setzen und bereit sein, den Preis zu zahlen, den das System dafür fordert (z. B. räumliche Flexibilität, Beruf rangiert eher vor als nach dem Privatleben). Und Sie brauchen Ehrgeiz, besonderes Stehvermögen – und „Machtinstinkt“. Oh, und Glück! Am besten das der Tüchtigen.

 

Zu 2: Werfen Sie das Gehalt aus Ihrer Aufzählung, es taugt an der Stelle nichts. Die Bezüge gehören zum Job, dürfen aber nicht Motiv für den Aufstieg sein. Der richtige Geschäftsführer-Kandidat fühlt sich begabt, berufen, herausgefordert, befriedigt seinen Ehrgeiz, genießt das Gefühl, den Kopf aus der Masse zu stecken, etwas bewegen zu können. Aber er strebt das Amt nicht wegen des Gehaltes an. Das tut, so viel ist sicher, auch der Bundeskanzlerkandidat nicht.

Im Übrigen ist es absolut legitim, dass ein junger Mensch das Ziel hat, eines Tages Geschäftsführer werden zu wollen. Viele müssen sehr viel wollen, damit später einige etwas erreichen. Es gilt, einer von den „Einigen“ zu sein.

Klug ist es jedoch, nach außen hin immer nur die nächste Stufe als Ziel anzugeben, sonst klingt man leicht großspurig (gilt ausdrücklich nicht für Fragestellungen in dieser Serie).

 

Zu 3: Auch „Geschäftsführer mit 35“ ist nicht ohne Tücken: Es bedeutet, die nächsten 32 Berufsjahre ohne echte Aufstiegschancen durchlaufen zu müssen. Als Faustregel: Examen + Dienstantritt mit 28, Gruppen-/Teamleiter mit 33, Abteilungsleiter mit 38, Bereichsleiter, Spartenleiter mit 43, Geschäftsführer irgendwann zwischen 45 und 50 geht auch noch. Die Basis dafür: Leistung, Leistung, Leistung – und Fortune.

GF „nur“ mit FH-Diplom geht übrigens durchaus, es gibt genug Beispiele. Aber dem „reinen“ Ingenieur ist betriebswirtschaftliches Zusatzwissen sehr zu empfehlen. Man kann das auch „im Job“ auf der jeweiligen Hierarchieebene erwerben. Ein zusätzlicher MBA-Ab-schluss z. B. hilft – verbessert aber allein Ihre Beförderungschancen nicht. Entscheidend ist, wie so oft, Ihre Persönlichkeit (das ist der Kernsatz dieser Antwort!).

 

Zu 4: Ein Einstieg in die Entwicklung ist niemals zwingend erforderlich (es sei denn, Ihr Berufsziel ist Entwicklungsleiter). Andererseits ist Entwicklung eine gute Basis, um dann – als Zwischenstation – Entwicklungsleiter, dann technischer Leiter und schließlich technischer Geschäftsführer zu werden. Voraussetzung: Man will und kann entwickeln.Wichtig ist, dass Sie von Anfang an eine Laufbahn anstreben, die „durchgängig“ bis in die GF ist. Negativbeispiele (immer nur pauschal betrachtet): Qualitätswesen, Normab-teilung, technischer Einkauf, Auftragsabwicklung, Vertriebsinnendienst.

 

Zu 5: Vertrieb, für den man begabt sein muss, führt bei Erfolg sehr zielsicher in die GF. Interessante typische Zwischenstationen für einen späteren Aufstieg sind „Leiter Profitcenter“, „Geschäftsbereichsleiter“ u. ä. Aber sie sind frühestens nach etwa zehn Berufsjahren zu haben.

 

Zu 6: Übertreiben Sie es nicht mit der Präzisionsplanung: „Der Mensch denkt und Gott lenkt“ – Sie werden schon sehen. Übrigens: Betriebswirte gibt es haufenweise, GF sind davon nur wenige. Das Studium allein bringt etwa so viel wie die Fahrschule für das Ziel „Formel 1-Weltmeister“. Aber auch der sollte gelernt haben, wie man Auto fährt.

 

Zu 7: Kann sein, kann auch nicht sein. Jedenfalls schadet es nichts. Mit sieben Jahren Berufspraxis sollten Sie z. B. in Ihrem Metier sehr renommierte Arbeitgeber vorweisen können, von denen der erste Ihnen brillante Leistungen bescheinigt – und die Sie beide schneller als andere Mitarbeiter befördert haben. Mit 35 seine sieben Jahre Praxis + zwei Studien vorweisen zu können, das allein hat auch mancher gehabt, der später als Sachbearbeiter in Pension geht.

 

Zu 8: Sie beschreiben meine Ziele in dieser Serie sehr treffend. Genau das will ich erreichen.

Kurzantwort:

Als Noch-Student schon zu wissen, welche Zielposition später einmal erreicht werden soll, ist zwar nicht zwingend erforderlich, aber äußerst hilfreich: Aus dem Ziel ergibt sich, welche Wege dorthin falsch und welche richtig sind.

Frage-Nr.: 1834
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-03-12

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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