Heiko Mell

Sie fragen sich, warum Sie immer wieder dasselbe tun?

Die Frage, die sich mir anfangs stellte, war: Warum läuft in meinem Leben immer wieder vieles nach demselben Muster ab? Warum tue ich immer wieder dasselbe?

Frage:

Einer der interessantesten Sätze aus Ihrer Serie, der mir im Gedächtnis verankert ist, lautet: „Sie tun es immer wieder!“ Dem kann ich aus persönlicher Erfahrung voll und ganz zustimmen. Nur, warum tun sie, die Menschen, die Bewerber, die Chefs usw. es immer wieder? Und wie lange?

Um eine Antwort zu finden, habe ich mich auf die Suche begeben. Die Frage, die sich mir anfangs stellte, war: Warum läuft in meinem Leben immer wieder vieles nach demselben Muster ab? Warum tue ich immer wieder dasselbe? Sollte das etwa etwas mit mir zu tun haben?

Schließlich hatte ich doch Maschinenbau studiert, und da hätte ich doch sicher die passende Formel gezeigt bekommen, um dieses Rätsel zu lösen. Einfach ein bisschen rechnen, dann müsste da die Antwort stehen auf „Warum tue ich es immer wieder?“ Meine Unterlagen zeigten aber keine solche Formel. Sollte ich etwas verpasst haben? Oder sollte es etwa tatsächlich eine Welt außerhalb des in Messdaten und Kenngrößen Erfassbaren geben?

Ich ging auf die Suche nach dem Undenkbaren. Nach einer Welt, die wir im Studium nicht beigebracht bekommen hatten. Und ich fand so eine Welt. Die den Namen trägt „Systemische Verstrickung“. Vielleicht kann man dieses Weltbild so beschreiben: Jeder Mensch ist Bestandteil eines Systems, aus dem er hervorgegangen ist, seiner Familie. Und dort sind, teilweise über Generationen, Dinge passiert, die dazu führen, dass er sich heute genau so verhält wie er sich verhält und – dass er immer wieder das Gleiche tut. Nur, und das ist das Problem an der Sache, es ist ihm überhaupt nicht bewusst.
Dieses Verhalten ist auf einer zutiefst unbewussten Ebene verankert, die vom eige-nen Selbst nicht zu entdecken ist: Weil es eben selbst Bestandteil dieses Systems ist. Und das wirklich Fatale daran ist: Es ist hier kaum möglich, aus den eigenen Fehlern zu lernen, weil sie gar nicht zu sehen bzw. wahrzunehmen sind. Man ist „betriebsblind“ in Bezug auf die Einschränkungen der eigenen Persönlichkeit.
Die Menschen handeln nun nicht nur in ihrem familiären, sondern auch in ihrem be-ruflichen Umfeld nach genau diesen Mustern. Und zwar so lange, bis sie dieses Muster (in der Regel mit der Hilfe von Außenstehenden) entdeckt und aufgelöst haben.

Aus eigener Erfahrung kann ich daher nur bestätigen, dass das, was Sie in Ihrem Beitrag „Notizen aus der Praxis“ Nr. 190 vorschlagen, nämlich seinen eigenen Werdegang kritisch zu betrachten und zu hinterfragen, absolut das Richtige ist. Es gilt, nach Auffälligkeiten zu suchen, speziell solchen, die immer wiederkehrend sind. Und dass man, wenn man sich überhaupt keinen Reim mehr auf den eigenen Lebenslauf mit seinen regelmäßig wiederkehrenden Auffälligkeiten machen kann, vielleicht mal darüber nach-denken sollte, neue Wege zu beschreiten und eventuell sogar sein Weltbild zu erweitern. Und dabei zulassen, dass es Dinge geben könnte, die heute zwar noch nicht in Formeln zu fassen sind, dennoch aber ihre tiefgreifende Wirkung auf unser (Berufs-)Leben haben.

„Ach ja“, mag der eine oder andere Leser jetzt denken, „mal wieder so ein Spinner aus der Psycho-Ecke.“ Dem würde ich gern widersprechen. Der 37 Jahre alte Spinner ist gelernter Betriebsschlosser, hat Fahrzeugtechnik studiert und ist nach Projekt- und Gruppenleitertätigkeit in einem mittelständischen Betrieb nun in einem Weltunternehmen als Projekt- und Vertriebsingenieur mit europaweiter Projekt- und Kundenverantwortung tätig.

Und: Der Chef ist auch noch hoch zufrieden mit dem Spinner.

Antwort:

Ich finde es erfolgsentscheidend, sich mit Gedanken dieser Art auseinander zu setzen. Man kann das Thema über die Werdegang-Auffälligkeiten hinaus erweitern auf den ganz normalen Berufsalltag, auf Schwierigkeiten bei der Erfüllung bestimmter Aufträge, auf Probleme im Umgang mit Kollegen etc. In dem Versuch, die Dinge einfach und praxisorientiert darzustellen, komme ich zu folgenden Aussagen und Empfehlungen:

1. Jeder von uns tritt mit gewissen vorgeprägten Verhaltens-, Handlungs- und Entscheidungsmustern ins Berufsleben (woher diese Muster kommen, ist für unsere Zwecke nicht so wichtig).

2. Offenbar prägen dieselben Muster, die das aktive Denken und Tun geprägt haben, unsere Selbstkritik- bzw. Kontrollfunktionen gleich entsprechend mit. Konsequenz: In bestimmten Bereichen gehe ich nicht immer nur „unglücklich“ vor (ich vermeide bewusst das Urteil „falsch“), ich finde das auch noch ganz in Ordnung, erkenne keine Mängel – und wiederhole mich in entsprechenden Situationen: Ich tue es immer wieder.

3. Selbst wenn ich beim nächsten Mal – im vollen Bewusstsein des damit verbundenen Problems und Risikos – besonders sorgfältig und abgewogen an die Dinge herangehe, kommt wieder das gleiche Ergebnis heraus: Meine vorgeprägten Verhaltens-, Handlungs- und Entscheidungsmuster führen wieder zum gleichen Tun – und mein ebenfalls fest vorgeprägtes Kontrollfilter findet das wiederum völlig in Ordnung – die Katastrophe wiederholt sich: Ich wähle erneut die falsche Firma aus, gerate noch einmal mit dem Chef aneinander, bekomme erneut Streit mit den Kollegen, komme wiederum mit selbst gesteckten oder vorgegebenen Zielen nicht zurecht, handle taktisch unklug o. ä. m.

4. Natürlich erkennt jeder, dass das Resultat der eigenen Handlung höchst unbefriedigend war. Aber da ein erneutes „Befragen“ des eigenen Kontrollfilters ergibt, alles „richtig“ gemacht zu haben, bleibt als Erkenntnis: Die „anderen“ tragen die Schuld. Meist die anderen Menschen, schlimmstenfalls die Umstände.

Und genau da liegt das zentrale Problem! Ganz deutlich gesagt: Diese sich scheinbar logisch aus dem Denkprozess ergebende „Erkenntnis“ begründet bereits wieder den nächsten Misserfolg. Sie ist „nicht hilfreich“.

Es wäre zu einfach, sie schlicht „unrichtig“ zu nennen – objektiv lässt sich das gar nicht immer beweisen. Vielleicht handele ich ja durchaus irgendwie richtig und die anderen sind alle dumm oder gehen unsinnig vor, legt man irgendwelche tiefschürfend erarbeiteten Maßstäbe an. Aber das würde nichts daran ändern, dass ich immer noch jenes Problem habe – das auch dann nicht kleiner wird, wenn ich trotzig darauf bestehe, „eigentlich alles richtig“ gemacht zu haben. Dieser Denkansatz ist also zu verwerfen!

5. „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“, diese Volksweisheit hat, so weit ich mich erinnere, auch ein deutscher Bundeskanzler schon formuliert. Und genau darin liegt die Lösung:
Analysieren Sie nicht vorrangig Ihre Handlungen, strapazieren Sie nicht immer wieder Ihr persönliches Kontrollfilter, sondern betrachten Sie vorrangig die Ergebnisse: Fragen Sie sich schon bei erstmalig auftretenden, ganz bestimmt aber bei wiederholt erkennbar werdenden Problemen beruflicher Art ganz schlicht:
WAS HABE ICH FALSCH GEMACHT?

Und, seien Sie versichert: Gibt es die Probleme, dann gibt es auch Ihre Fehler. Wobei „falsch“ und „Fehler“ hier nicht im mathematisch exakten Sinne gebraucht werden, sondern als einprägsame Vereinfachung im Interesse des Resultats.

Also: Sie haben einen Werdegang, den kein Bewerbungsempfänger „kaufen“ will? Was haben Sie falsch gemacht, wenn Sie eine neue Position ausgewählt oder akzeptiert haben?

Sie haben des öfteren Ärger mit Vorgesetzten? Was machen Sie in deren Behandlung falsch?

Die Kollegen lehnen Sie ab? Was machen Sie falsch im Umgang mit denen, in Ihrem Auftreten?

Sie kommen mehrfach mit den Ihnen übertragenen Aufgaben nicht zurecht? Was machen Sie falsch in der Arbeitsorganisation, in der Auswahl der von Ihnen angestrebten Tätigkeiten oder im „Verkaufen“ der Resultate Ihres Tuns?

Bedenken Sie: „Mache ich etwas falsch?“, greift zu kurz – und ist schon beantwortet. Es geht um das „was“ Sie falsch machen!

6. Wenn Sie so weit sind, haben Sie bereits die Hälfte Ihrer Probleme gelöst! Die andere Hälfte liegt dann in Antworten auf die konkret gestellten Fragen. An diese Antworten kommen Sie, sofern Sie die Fragen aus ehrlichem Streben nach Lösungen stellen. Gegebenenfalls fragen Sie einen Fachmann, der Sie berät. Da Sie ja Ihren eigenen Empfindungen nicht trauen können, bleibt kaum eine andere Wahl. Übrigens: Für jeden Fachmann liegen die Fehler ziemlich schnell auf der Hand, nur Sie als Betroffener haben „Scheuklappen“.

Anmerkung: Es gibt ja unter den Lesern durchaus zwei bis drei Menschen, die nicht mögen, was ich hier mache und weitere drei bis fünf, die nicht schätzen, wie ich diese Aufgabe löse (die anderen Kritiker, so ist zu vermuten, lesen inzwischen andere Artikel). Dass ich die in der betrieblichen Praxis üblichen Denk- und Handlungsstrukturen generell unzutreffend wiedergebe, sagt aber eigentlich kaum jemand. Diese Kritiker, ohne die ich ja geradezu sträflicher Verbreitung gähnender Langeweile bezichtigt werden müsste, könnten jetzt sagen: „Das ist wieder einmal typisch: Wer auf Probleme stößt, trägt lt. Mell selbst die Schuld daran, nur bei ihm soll die Ursache liegen.“

Das hätte ich aber dann nie gesagt. Ich sage nur: Wenn Sie mit fünf Kollegen heute und dreien davor und mehreren morgen Ärger haben (wir reden hier nur von Wiederholungen: „Sie tun es immer wieder“), dann ist es absolut möglich, dass Sie nach Idealmaßstäben korrekt handeln und die anderen alle im Unrecht sind. Als Pragmatiker sage ich nur: Davon hätten Sie nichts – und beweisen könnten Sie es auch nicht. Mein Lösungsansatz gilt für den Fall, dass Sie wollen, der Ärger möge aufhören – um einen vernünftigen Preis. Sonst steht auf Ihrem (beruflichen) Grabstein: „Er hatte stets Recht, und nun ist er tot.“

 

Kurzantwort:

Fragen Sie sich bei wiederholt auftretenden beruflichen Problemen vorrangig: „Was habe ich falsch gemacht?“ Nur so kommen Sie weiter. „Ob“ Sie etwas falsch gemacht haben, ist dann längst entschieden.

 

Frage-Nr.: 1829
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 53
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-02-27

Von Heiko Mell

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