Heiko Mell

Große Pläne, kleine Basis

Mein Karriereziel ist eher Vorstand denn Bereichsleiter (ich sage hier ganz ehrlich, was ich in Bewerbungsgesprächen nicht immer so deutlich sage). Ich bin Ende 30, Dipl.-Wirtschaftsingenieur FH und habe später berufsbegleitend ein zusätzliches MBA-Studium erfolgreich absolviert.

Derzeit bin ich in einem internationalen Konzern als Area Sales Manager für eine spezielle Region im Vertrieb von hochwertigen technischen Investitionsgütern tätig. Der Umsatz, den ich verantworte, ist beträchtlich; ich arbeite jedoch mit Händlern und habe faktisch keine Personalverantwortung. Die Tätigkeit als solche ist zwar sehr spannend und interessant, das Umfeld mit meinem … (es folgt die Nationalität des Konzerns, die hier bewusst nicht abgedruckt werden soll; d. Autor) Arbeitgeber ist mir allerdings nicht angenehm. In die Top-Positionen kommt man als Nicht-… (siehe Vorbemerkung; d. Autor) so gut wie nie, geschweige denn in den Vorstand.

Ich habe nun über einen Berater eine Position angeboten bekommen, bei der ich nicht sicher bin, ob sie der richtige Karriereschritt ist. Es geht um die Nachfolge eines Vertriebsleiters, zunächst in der Funktion eines Leiters eines Teilbereichs, nach etwa einem Jahr dann Übernahme der Zielposition. Zu führen wäre ein größerer Mitarbeiterstab, es gibt eine sehr anspruchsvolle Zielsetzung mit hohen Steigerungsraten auf wichtigen Märkten. Das Produkt ist eher untechnisch und entstammt einer total anderen Branche. Das Unternehmen ist mittelständisch und inhabergeführt.

Übrigens hatte ich bereits kurz vorher bei einem bedeutenden deutschen Konzernbereich (Investitionsgüter) ein Gespräch in Richtung internationaler Vertriebsleiter geführt, wurde allerdings nicht angenommen.

1. Wie wichtig schätzen Sie aus der Sicht von Unternehmen wie dem letztgenannten deutschen Konzern die Tatsache ein, dass ich derzeit keine (disziplinarische) Personalverantwortung trage (was man aus dem Lebenslauf nur bedingt erkennt)?

2. Ist meine Angst berechtigt, dass ich ohne möglichst schnelle Behebung dieses Schwachpunktes im Lebenslauf nur schwer weitere Verantwortung (wie die letztgenannte Konzernposition) übertragen bekomme?

3. Würden Sie mir zu einem Wechsel raten (würde in etwa sechs Monaten stattfinden) in jenes mittelständische Unternehmen mit der späteren Möglichkeit, nochmals zu wechseln – dann wieder in ein größeres Unternehmen?

Oder sollte ich besser bei meinem jetzigen Arbeitgeber auf Chancen warten, die schleppend oder auch gar nicht kommen?

Antwort:

Ich war heute beim Arzt. Meine Beschwerden: Probleme im Magen- und Darmbereich (keine Angst, ich verbreite jetzt hier nicht etwa meine Krankheitsgeschichte). Statt nach kurzem Überlegen zum Rezeptblock zu greifen und mir ein „Pülverchen“ zu verordnen, hat dieser Fachmann die laienhafte Darstellung der Symptome durch den Patienten nur als Denkanstoß genommen und ist dann der Sache auf den Grund gegangen: Blut- und anderweitige Analysen, Ultraschall, „Androhung“ weiterer z. T. unangenehmer Maßnahmen. Dann erst kann er die Ursache finden, kann er die Krankheit definieren und eine Therapie festlegen.

Ich glaube, der Mann handelt richtig. Wenn ein betroffener Laie ein Problem schildert, darf der Fachmann nicht sofort nach der Lösung suchen – er wird die vermeintlich umfassende Darstellung nur als Anregung nehmen, um überhaupt einmal eine professionelle, umfassende Problembeschreibung zu finden. In der nichts fehlt, was wesentlich sein könnte.

Daher trete nun also ich als „Arzt“ auf (Chefarzt, mit wehendem Kittel durch die Krankenhausflure eilend, Stäbe von Assistenten und Oberärzten sowie Krankenschwestern hinter mir herziehend und dann ein herziges „Na, Müller, wie geht’s uns denn heute?“ auf den Lippen – das wäre mein Traumberuf gewesen, früher. Allein ich kann kein Blut sehen, nicht einmal eine Spritze in Aktion).

Zu Ihnen, geehrter Einsender, also zum „Patienten“:

Sie haben die Oberschule mit der Mittleren Reife verlassen, eine Lehre gemacht und haben später die Fachhochschulreife wieder nachgeholt. Schön. Kein Ruhmesblatt, das mit dem vorzeitigen Schulabgang, aber auch nicht übermäßig kritikwürdig. Aber müssen Sie dem Bewerbungsempfänger im Lebenslauf den exklusiven Beruf Ihrer Ehefrau, den akademischen Status sowohl des Vaters als auch Ihrer Geschwister mitteilen? Meinen Sie, das gestaltet Ihren Schulabbruch irgendwie „hochwertiger“? Merken Sie nicht, dass der Hinweis auf die illustre familiäre Umgebung die Geschichte viel(!) schlimmer macht als die mögliche Vorstellung eines uninformiert gebliebenen Lesers, Sie wären in einer Hilfsarbeiterfamilie aufgewachsen? Dort wären Sie Aufsteiger gewesen, jetzt sind Sie – aufgefallen wegen Ihrer eigenen unnötigen Darstellung im Lebenslauf – als Absteiger von Anfang an gebrandmarkt. Der waren Sie ja real durchaus – aber so haben Sie noch zusätzlich damit Reklame(!) gemacht. Zu den Details des Werdegangs:

Erster Job nach dem Studium: schneller Abbruch, weil „enttäuschend“ gewesen. Zweiter Job: Assistent, Verkaufsverantwortlicher für eine Produktgruppe von Investitionsgütern, dann Produktmanager, Abteilungsleiter Marketing, alles in einem namhaften größeren Unternehmen bei vernünftig langer Dienstzeit. Und nennenswertem Führungsumfang. Zuletzt in dieser Phase noch Export-Verantwortlicher für bestimmte Länder. Vertrieb über Händler, Personalverantwortung dabei deutlich rückläufig.

Job 2a, zeitlich in Überschneidung mit 2: Delegiert vom zweiten Arbeitgeber in ein Gemeinschaftsunternehmen; Neuaufbau, Mitglied des Projektteams, Aufbau einer Vertriebsorganisation mit wieder einigen Mitarbeitern. Details bleiben unklar, Sie schreiben am Schluss: „… habe ich mich aus persönlichen Gründen aus dem Projekt wieder zurückgezogen.“

Das Beschäftigungsverhältnis mit Arbeitgeber Nr. 2 endet einige Monate vor Beginn des (heutigen) dritten, am Beginn Ihres Briefes geschilderten Engagements. Was war das? „Arbeitslos auf eigenen Wunsch“ oder doch ein Rausschmiss?

Dann, als wäre das noch nicht genug, rühmen Sie sich noch der „Gründung eines eigenen Unternehmens“, Programm/Branche unklar bleibend, Gründungsdatum liegt mitten im letzten Arbeitsverhältnis. Immerhin schreiben Sie „Aktive Führung durch Partner“.

Ich sage es einmal so gelassen wie es mir möglich ist: Das ist nur sehr bedingt das Holz, aus dem man Vorstandsmitglieder in Konzernen schnitzt.

Konkret: Sie haben die absolut schwächste Ausbildung einer anspruchsvollen Akademikerfamilie, sind Ende 30, machen Umsatz im Vertrieb über Händler, haben keine Personalverantwortung, stehen kurz vor der Übernahme einer Vertriebsleitung bei einem Mittelständler, der – beispielsweise – Dachfenster verkauft und wollen eines Tages in einem Investitionsgüter-Konzern Vorstand werden.

Vorsichtshalber gesagt: FH-Wirtschaftsingenieure sind hochachtbare(!) Leute, Dachfenster u. ä. sind hochanständige Produkte und Mittelständler sind volkswirtschaftstragende Unternehmen. Man bloß sind Vorstandskarrieren in Investitionsgüter-Konzernen auf Ihrem Weg nicht machbar.

Zu Ihren Fragen:

Zu 1: Grundsätzlich ist die fehlende Führungsverantwortung nach mehr als zehn Berufsjahren ein wichtiges Kriterium. Bei Ihnen kommt hinzu, dass sich dieser Aspekt in Ihrer Karriere sogar negativ entwickelt hat: Vor fünf Jahren waren Sie „richtiger“ Abteilungsleiter mit disziplinarisch unterstellten Mitarbeitern, jetzt haben sie keine solche Verantwortung mehr. Für einen Mann auf dem Weg in den Vorstand ist das karriereschädlich. Stets fragt man sich, ob Ihre Vorgesetzten mangelnde Fähigkeiten feststellten und/oder Sie mangelndes Interesse an Führung hatten.

Zu 2: Ja, das sehe ich so.

Zu 3: Nein, bei Ihrem späteren Endziel rate ich ab! Es gibt eine „Arroganz der Größe“ und eine „Arroganz der Branche“. Konkret: Wenn Sie sich später wieder beim Konzern bewerben, rümpft dort ein Entscheidungsträger die Nase. „Der Mann kommt aus dem Mittelstand? Aus einem Laden mit 700 Leuten? Wir haben hier allein 2.700 Putzfrauen und Pförtner! Was soll das werden? Und Dachfenster? Also wirklich!“ So etwa geht das. Und: Sie haben den Vertriebsleiter im Mittelstand bisher nicht einmal sicher, es gibt ihn erst „nach Bewährung“.

Die Regel lautet: Wenn Sie eine klare Zielposition in einer Zielbranche haben, dann gehen Sie bei keinem Arbeitgeberwechsel in der Firmengröße deutlich unter die der Zielfirma und gehen Sie bei der Branche und beim Produktimage (technischer Anspruch) nie unter das – vermutlich – in der Zielbranche gepflegte Image.

Oder anders: Bei einem Wechsel können Sie die Größenordnung der Firma sowie das Produkt-/Branchenimage nur schwer nach „oben“ hin verändern – und schon gar nicht gleichzeitig. Nach „unten“ jedoch geht es nicht nur, es fördert sogar die Chancen, dabei hierarchisch aufzusteigen.

Und: Den Rückzug aus dem Projektjob „aus persönlichen Gründen“ beim zweiten Arbeitgeber und die eigene Firma parallel zu Angestelltentätigkeiten hat es besser nie gegeben!

Nun klingt das, geehrter Einsender, so als hätte ich nur massive Kritik für Sie. Das ist absolut nicht richtig. Mein Vorschlag: Weg mit den jetzt genug beanstandeten Lebenslaufdetails – und dafür Neudefinition der Zielsetzung. Schreiben Sie den Konzernvorstand ab und streben Sie nach dem Vertriebsleiter im gehobenen Mittelstand – mit der späteren Hoffnung auf einen Vertriebs-GF ebendort. Ob das bei Ihrem Hintergrund nun gerade „Dachfenster“ sein müssen, ist offen. Aber: GF eines großen Bauzulieferunternehmens wäre doch nicht zu verachten!

Kurzantwort:

Die allseits angestrebte Zufriedenheit tritt ein, wenn selbst gesteckte Ziele annähernd erreicht werden. Der Trick dabei: Durch realistische und zum bisherigen Werdegang gut passende Änderung der Ziele wird es leichter, diese schließlich zu erreichen. Zieldefinition ist beeinflussbar, Zielerreichung schon sehr viel weniger.

Frage-Nr.: 1815
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-01-07

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