Heiko Mell

Wer will eigentlich Karriere machen?

Als im Ruhestand befindlicher Hochschullehrer interessieren mich folgende Fragen:

1. Wie hoch ist zur Zeit der Anteil an Hochschulabsolventen, die wirkliche Karriereambitionen hinsichtlich ihrer beruflichen Entwicklung haben? Aus der Antwort ergibt sich dann der Anteil derer, die alles dem „normalen Gang“ überlassen.

2. Wie hoch ist der Anteil derjenigen, die ihre Karriereabsichten auch realisieren?
Für mich würden Ihre Antworten einige Argumente liefern für Diskussionen mit jungen Leuten.

Antwort:

Die Antworten kenne ich nicht – ich weiß nicht einmal, ob sie überhaupt jemand kennt.Das Problem beginnt mit der Studienrichtung des von Ihnen so allgemein benannten „Hochschulabsolventen“. Zwischen Ingenieuren, Politologen, Geologen, Juristen und Lehramtsanwärtern dürfte es fundamentale Unterschiede geben.

Dann wäre noch zu definieren, was „Karriere“ überhaupt ist bzw. wie die Betroffenen auf der einen und die Umwelt auf der anderen Seite den Begriff definieren.

Ich glaube daher, dass sich Ihre Fragen gar nicht hinreichend exakt beantworten lassen.

Konzentrieren wir uns auf die im Leserkreis dieser Zeitung dominierenden Ingenieure, dann würde ich das Pferd gern von hinten aufzäumen:Ingenieure werden überwiegend in der Industrie eingesetzt. Dort finden sie eine hierarchisch gegliederte Organisation vor. Bei aller Würdigung moderner Strukturen, flacher Hierarchien, kooperativer Führungsstile, Projektorganisationen etc.: Der junge Ingenieur lernt schnell, dass es Unterschiede gibt. „Unten“ gibt es zwar interessante, fachlich anspruchsvolle Aufgaben, aber man ist extrem weisungsgebunden. Richtige Entscheidungen werden von den höheren Dienstgraden getroffen. Und – nicht zu vergessen – „richtiges Geld“ wird auch erst weiter oben verdient. Die Industrie gibt damit offen zu, dass ein Angestellter, der andere Angestellte führt, für sie einen höheren (Geld-)Wert hat als einer, der nur still vor sich hinarbeitet – und sei er noch so gut in seinem Tun.

Hinzu kommen noch drei Aspekte:

1. So gut wie nie werden von der Industrie rein ausführend tätige Akademiker mit mehr als fünf Jahren Praxis gezielt gesucht.

2. Es werden gerade ausführend tätige Ingenieure in der überwältigenden Mehrheit der Fälle im jüngeren Alter so bis Mitte 30 gesucht (für all die „jungen Teams“). Das korrespondiert mit 1.3. Wer ausführend alt wird, bekommt ständig jüngere Chefs, die „von nichts keine Ahnung haben“ und an deren – fachlichen – Unvollkommenheiten er sich mehr und mehr reibt. Für die wiederum ist er zunehmend lästig.

Daraus folgt: Ingenieuren mit Einsatzwunsch „Industrie“ rate ich dringend, sich im Zweifelsfall so weit wie möglich einer Karriereplanung zu öffnen und sich danach auszurichten. Wer sagt: „Ich kann nicht führen“, hat mein Verständnis und muss sich seinen individuellen Ausweg suchen, den es irgendwie auch gibt. Wer aber nur von sich gibt: „Ich will überhaupt keine Karriere machen“, wird sich früher oder später an den „Leitplanken“ des Systems (analog einer Autobahn) reiben. Und Probleme bekommen.

Karriere in diesem Sinne ist eine erfolgreiche Berufslaufbahn mit steigender Übernahme von Sach- und Personalverantwortung. Und für Zweifler: Möchte nicht jeder halbwegs gute Fußballspieler „höher“ aufsteigen, möchte nicht jeder engagierte Läufer Vereins-, Kreis-, Landes- und deutscher Meister werden? Sagt einer davon am Laufbahnanfang, er wolle stets nur so vor sich hin laufen? Geht jemand als Berufsoffizier zur Bundeswehr und hofft, als Leutnant in Pension gehen zu dürfen, um bloß nicht Karriere machen zu müssen?

Wobei für Fußballer ebenso gilt wie für Ingenieure: Man muss „viel“ wollen, um hinterher „etwas“ zu erreichen. Das Leben zwingt dann schon zu Abstrichen von ursprünglichen (Maximal-)Plänen. Das aber ist normal.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1782
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-08-24

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