Heiko Mell

„Harte“ und „weiche“ Bildungsmaßnahmen

Frage/1: Ich habe für mich eine Entscheidung zu treffen, bei der ich eine unabhängige Sichtweise benötige. Seit ca. zwei Jahren bin ich als Ingenieur in einem mittelständigen Unternehmen tätig. Nachfolgend mein Problem. Ich hoffe auf eine Rückantwort oder eine Darstellung in den VDI nachrichten.

Frage/2: Ich bin tätig in der Fertigungsplanung, -disposition und -steuerung. Da in dieser Firma das Prinzip der flachen Hierarchien praktiziert wird, gibt es keine Aufstiegschancen zum Abteilungsleiter o. ä.

Frage/3: Für meinen beruflichen Werdegang strebe ich als Ziel die Position eines Fertigungsleiters oder eventuell eines Werkleiters an.

Da mir während meines überwiegend technischen Studiums die Betriebswirtschaftslehre und das technische Englisch nur ansatzweise und in Auszügen nahe gebracht wurden, versuche ich, meine offenen Wissenslücken über ein Selbststudium in der Freizeit zu schließen.

Wobei ich das Problem sehe: In welchem Umfang sollte ich bis zum nächsten Karriereschritt meine Wissenslücken geschlossen haben?

Jetzt hat ein Inserat einer privaten Fern-FH mein Interesse geweckt. Man erwirbt dort ein „wissenschaftliches Weiterbildungszertifikat“ zum „Industrial Management“. Wird das wie ein Studienabschluss gesehen oder sollte ich lieber ein BWL-Aufbaustudium absolvieren?

Zusatzfrage: Ab welchem Zeitpunkt ist es sinnvoll, sich um eine andere Tätigkeit mit Aufstiegschancen in einer anderen Firma zu bewerben?

Antwort:

Antwort/1: Erledigen wir erst einmal diesen ersten Teil:

a) Bitte, ruinieren Sie nicht mein Lebenswerk! Ich hatte das Wort „mittelständig“ bei deutschen Ingenieuren ausgemerzt, vollständig. Nun ist es wieder da. Teufel auch. Also hier die eintausendste Fassung, diesmal anders: „Mittelständig“ kommt aus der Botanik, der Ingenieur hat also fast nie damit zu tun.Was Sie meinen ist mittelständisch (= den Mittelstand betreffend). Eselsbrücke (das heißt so, es ist keine Beleidigung): „typisch mittelständisch“.

Es ist so ähnlich als würde ein Ingenieur auf eine technische Zeichnung als Anweisung für die Produktion schreiben: „Machen Sie mal da, wo das Kreuz ist, ein Loch ins Blech von 0,6 cm Durchmesser“ – man versteht, was gemeint ist, aber der Kenner schüttelt sich.

b) Es gibt bei dieser Karriereberatung nur eventuell einen Abdruck in dieser Serie, es gibt hingegen keine individuellen „Rückantworten“. So steht es unter jedem einzelnen Beitrag seit neunzehn Jahren. Warum das so ist? Die Zeitung ist interessiert an Texten zum Abdrucken und ich arbeite – wie Zahnärzte auch – ungern „umsonst“.

Antwort/2: Dies ist ein häufig beklagtes Resultat „moderner“ Strukturen: Wer jung und noch „nichts“ ist, findet flache Hierarchien toll („ich bin nichts und alle anderen auch nicht, das gefällt mir“). Kurz danach beginnt der Mitarbeiter, an Aufstieg zu denken (wer will schon ewig ohne Fortschritt und ohne Perspektiven sein – das wäre ja wie ein Student, der auf ewig ins 1. Semester verbannt wäre). Dann sieht er, dass es „mangels Masse“ intern nicht geht – und plant den Wechsel. Konkret: Was bei der Einstellung den Absolventen begeistert, kann kurz darauf dem jungen Mitarbeiter mit erster Praxis schon erheblich missfallen. Und Unternehmen wundern sich: „Uns laufen die jungen Leute reihenweise weg.“Manche Einsparungen sind eben recht teuer! Im Mitarbeiterjargon: „Es wird gespart, egal was es kostet.“ Hier eben an Führungspositionen und damit an Aufstiegschancen.

Antwort/3: Sie sind Ingenieur. Das ist, noch dazu in dieser Zeitung, kein Vorwurf, sondern nur eine Feststellung. Ingenieure nun sind gewohnt, dass eine getroffene (technische) Maßnahme ein klares, berechenbares und in der Praxis nachweisbares Resultat erzielt.

Ich tausche das Rad eines Getriebes gegen eines mit mehr oder weniger Zähnen und erreiche damit eine höhere Drehzahl oder ein höheres Drehmoment oder geringere Vibrationen etc. Ein Ingenieur vergrößert nicht den Durchmesser einer Welle mit dem Argument, schaden könne es nicht und er habe dann einfach ein besseres Gefühl.

Ein Ingenieur investiert auch nicht eine Million Euro in die Fertigung, wenn er danach nur ebenso viele Teile am Tag wie zuvor zu identischen Kosten bei vergleichbarer Qualität fertigen kann.

In allen übrigen Bereichen des Lebens jedoch ist das anders. Dort sind Aufwand und Ergebnis nicht andeutungsweise so zwangsverzahnt wie in der Technik, dort erzielen Sie beispielsweise große Effekte ohne Aufwand bis hin zu gar keinen Verbesserungen trotz gewaltiger Anstrengungen und Investitionen.

Typisches Beispiel: die Werbekampagne für ein Konsumprodukt. Niemand weiß, welchen Effekt 20 aufgewande Millionen für TV- und Printmedienaktionen letztlich „bringen“. Und ob wenigstens das eingesetzte Geld wieder „hereinkommt“.

Die Weiterbildung in der hier angesprochenen Art gehört eher zu den „übrigen Bereichen des Lebens“. Man könnte die Zusammenhänge so definieren:Im Bildungsbereich gibt es „harte“ und „weiche“ Maßnahmen. Bei den harten hat der gesamte Weg bis zum Abschluss praktisch überhaupt keinen anerkannten Wert – aber der erfolgreiche Abschluss katapultiert Sie schlagartig in eine neue Dimension.

Beispiel: das klassische Ingenieurstudium oder auch die klassische Lehrausbildung. Bis zum Tag des überreichten Abschlussdokuments sind Sie „nichts“, danach binnen weniger Minuten „alles“.

Bei den weichen Maßnahmen fehlt der Sprungeffekt des erfolgreich bestandenen Examens – auf das es aber auch nicht in vergleichbarem Maße ankommt. Ein nebenberufliches Studium der Betriebswirtschaft ohne Abschluss führt etwa zu dem Kommentar: „Na schön, er hat sich um Zusatzkenntnisse bemüht, hat sich gekümmert, hat Zeit und Energie aufgewendet und mit Sicherheit auch Kenntnisse erworben.“ Das mit dem Abschluss ist dann schade, aber nicht „kriegsentscheidend“.

Aber es gilt auch: Mit erfolgreichem Abschluss einer solchen Weiterbildung („weich“) sind Sie besser gerüstet und vorbereitet – aber Ihrem eigentlichen Ziel noch nicht direkt näher! Ein Maschinenbauingenieur, der aus der Fertigungsplanung kommt und irgendein Zusatzstudium mitbringt, wird keinesfalls deshalb etwa Fertigungsleiter!

Man wird Fertigungsleiter, weil man- überhaupt erst einmal Ingenieur ist, am besten der Fachrichtung Produktionstechnik,- mehrjährige Berufspraxis nach dem Studium mitbringt, wobei die unmittelbare Nähe zur Fertigung dabei zwingend ist,- mit den anstehenden Fertigungsverfahren vertraut ist,- möglichst auch – gern ausschließlich – direkte Fertigungserfahrungen, z. B. als Betriebsingenieur mitbringt,- möglichst, bei großer angestrebter Führungsverantwortung sogar zwingend, bereits Personalverantwortung getragen hat,- im persönlichen Eindruck eine „gestandene“, durchaus etwas handfeste, für den Umgang mit gewerblichen Arbeitnehmern geeignete Persönlichkeit zeigt.

Wer dann zusätzlich noch irgendeine Art von betriebswirtschaftlichem Wissenserwerb vorweisen kann, hat ein zusätzliches Plus – mehr nicht. Weder ist ein solches Zusatzstudium zwingende Voraussetzung, noch überdeckt es wesentliche Lücken in dem genannten Anforderungskatalog.

 

Konkret: Die „richtige“ Persönlichkeit zu sein und die passenden Facherfahrungen zu haben, ist für die Erringung einer solchen Position deutlich wichtiger als der Abschluss eines Zusatzstudiums.

Dann, so mögen Sie jetzt denken, lohnt doch der Aufwand gar nicht. Doch, er lohnt, ganz bestimmt sogar! Denn bei der Ausübung(!) dieses Jobs brauchen Sie entsprechende Kenntnisse! Wie Sie dieselben erworben haben, ist nicht so wichtig, auch die autodidaktische Aneignung ist absolut geeignet. Wer keine solchen Kenntnisse hat, könnte deswegen scheitern (bei der Ausübung des Jobs, nicht so sehr bei der Bewerbung).

Sie verstehen, dass es in diesem Zusammenhang auf die Art des Zusatzstudiums gar nicht so sehr ankommt. Ich will und kann nicht zum Fachmann für die Qualität von Weiterbildungsmaßnahmen werden, möchte aber doch warnen: Ein Seminar über „Unternehmensführung“ macht noch keinen Unternehmensführer aus Ihnen, ein Zusatzstudium zum „Industrial Manager“ macht noch keine Führungskraft. Auch richtig ist: So mancher technische Geschäftsführer hat gar keinen Abschluss einer derart komplexen Weiterbildung aufzuweisen.

 

Sie, geehrter Einsender, sollten so planen, dass Sie vor dem Sprung in die Zielposition mindestens fünf Jahre Berufspraxis vorweisen können. Versuchen Sie dabei, so viele der genannten Anforderungspunkte zu erfüllen wie möglich.

Kurzantwort:

1. Ein erfolgreich betriebenes betriebswirtschaftliches Zusatzstudium erleichtert dem künftigen technischen Manager seine Arbeit ganz ungemein. Aber es ist nicht das zentrale Qualifikationsargument bei der Bewerbung um eine solche Position.

2. Es gibt „harte“ Bildungsmaßnahmen, bei denen man ohne Abschluss „nichts“, jedoch mit ihm „alles“ ist. Und „weiche“, von denen man auch ohne Abschluss profitiert, während der Abschluss keine neuen Dimensionen erschließt.

Frage-Nr.: 1768
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-07-03

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