Heiko Mell

Vorstandsassistenz als Karrieresprungbrett

Ich bin Dipl.-Ing. FH, etwa 30 Jahre und derzeit bei meinem zweiten Arbeitgeber tätig (ca. zwei Dienstjahre bei diesem, ca. vier Dienstjahre bei dem davor).

Beim Eintritt in mein heutiges Unternehmen hatte man mir versprochen, dass ich nach ca. einem Jahr eine Führungsposition übernehmen könne. Da das Angebot auch finanziell attraktiv war, hatte ich die Stelle angenommen. Leider hat sich schon nach wenigen Wochen herausgestellt, dass man mit dem gleichen Versprechen noch mehrere weitere Kollegen angeworben hatte. Selbst bei einer weiterhin blühenden Industrie wären diese Versprechen unhaltbar gewesen. Meine derzeitige Tätigkeit ist technisch interessant, tendiert für meinen Geschmack aber zu sehr in Richtung Sachbearbeiter. Das für mich größte Manko ist, dass sich mir keine Perspektiven bieten. Der Vorgesetzte ist noch zu jung, andere interessante Abteilungen gibt es nicht.

Infolgedessen habe ich mich Ende letzten Jahres um eine Position als … (folgt der nichtssagende englische Titel, in dem irgendetwas mit Projekten und Management vorkommt, d. Autor) bei einem der großen deutschen Konzerne beworben. Aufgrund innerbetrieblicher Umstrukturierungen wurde ich erst viele Monate danach zu einem Vorstellungsgespräch mit dem Personalverantwortlichen eingeladen und hatte vor wenigen Tagen ein Gespräch mit einem Vice President, der auch mein Vorgesetzter wäre. Die angebotene Stelle entspricht meiner Meinung nach der eines Vorstandsassistenten, d. h. sie beinhaltet die Vorbereitung von Vorstandssitzungen, Analyse von kleineren Firmenübernahmen und Definition interner Prozesse.

Der Schritt weg von meiner bisher eher technisch orientierten Arbeit hin zu einem Einstieg auf hohem Managementniveau ist für mich außerordentlich attraktiv und entspricht meiner Karrierevorstellung nahezu ideal. Allerdings habe ich auch Bedenken, als „Sekretärin auf hohem Niveau“ zu verkümmern. Kann man eine solche Assistenzstelle als Karrieresprungbrett betrachten? (Anmerkung d. Autors: Der Einsender ist männlich.)

Mit der Position ist keine Garantie auf eine spätere Führungsaufgabe verbunden. Eine solche Ernennung würde allein von meiner Leistung abhängen, was für mich eine sehr motivierende Herausforderung ist. Trotzdem frage ich mich, ob ein direkter Wechsel aus meiner heutigen sachbearbeitenden Tätigkeit in eine Gruppenleiterstelle auf dem „Weg nach oben“ nicht doch vielversprechender wäre? Das hätte ich dann immerhin schwarz auf weiß; allerdings würde mir der Kontakt auf Vice President-Ebene fehlen. Gerade dieses dort von mir aufzubauende Netzwerk betrachte ich als außerordentlich wichtig.

Bei einem Wechsel wäre die Verweildauer bei meinem jetzigen Arbeitgeber relativ kurz (zwei Jahre). Weitere drei Jahre dort zu verbringen, kann ich mir wegen der fehlenden Perspektiven nicht vorstellen; ich würde meine Karriere in Gefahr sehen. Der Vorteil meines neuen Arbeitgebers wäre, dass bei Bedarf (nehmen wir einmal an, mein dortiger Vice President würde mich wiegen und für zu leicht befinden) interne Wechsel im Konzern möglich wären. Aufgrund meiner Erfahrungen bei meinem allerersten Arbeitgeber bin ich mir sicher, dass ich mich in diesem Konzern wohlfühlen werde. Die einzige Gefahr sehe ich in einer möglichen Entlassungswelle. Wie schätzen Sie diese Situation ein?

Die Personalabteilung hat bereits angedeutet, dass mein derzeitiges Gehalt sehr hoch ist und dass es schwierig wird, die bei einem Wechsel üblichen 20 Prozent Steigerung durchzusetzen. Erfahrungsgemäß lassen sich aber Gehaltserhöhungen nur bei Stellenwechsel durchsetzen, außerdem hat sich mein jetziges Gehalt aufgrund der wirtschaftlichen Lage seit zwei Jahren nicht verändert.

Sind die Chancen der neuen Stelle so groß, dass ich die Stelle auch ohne Gehaltsanpassung annehmen sollte?

Antwort:

Der hier zur Debatte stehende neue Arbeitgeber ist eine sehr große deutsche Aktiengesellschaft. Konkret würden Sie in einem Teilbereich des Konzerns mit eigenständigem Namen arbeiten. Es heißt im Inserat, dass Sie dort im ersten Jahr mit einem Top-Manager zusammenarbeiten, dabei das Geschäft aus erster Hand kennen lernen und dann auf verschiedenen Wegen gefördert werden. Nach etwa einem Jahr in dieser Position sollen Sie eine erste Führungsaufgabe übernehmen. Das klingt – vor dem Hintergrund dieses Weltkonzerns – erstklassig.

Ohne Risiko ist das natürlich nicht: Es geht nicht nur um Leistung, wie Sie schreiben. Sie müssen in einem solchen Fall menschlich und fachlich gleichermaßen Ihren Chef überzeugen. Das bedeutet also, dass Sie an zwei „Fronten“ einen Bewährungskampf führen, jede Niederlage an einer davon ist das endgültige Aus weiterer Karrierepläne. Auf der anderen Seite sind die Chancen enorm: Sie sind ein junger Leistungsträger mit blendendem Examen und sehr gutem ersten Zeugnis von Ihrem ersten arbeitgebenden Konzern. Sie sind ehrgeizig – was wollen Sie mehr?

Wenn das Metier Ihnen gefällt und die Branche Ihnen zusagt, gilt nur eines: So etwas akzeptiert man! Risiken? „Zum Teufel mit den Torpedos“ (Churchill, Kriegsgewinner). Andererseits, das darf ich dabei nicht verschweigen, gehört zu einer großen Chance tatsächlich immer auch ein großes Risiko, anders geht das in der Marktwirtschaft nicht.

Für eine solche Chance würde ein junger, ehrgeiziger und fähiger Mann seinen „linken Arm“ geben. Ich verstehe Ihr Argument mit dem „sicheren“ Gruppenleiter, die beiden Positionen trennen aber Welten. Dafür hat der Gruppenleiter kaum Risiken und weniger Chancen im Hinblick auf die weitere Karriere, während es hier genau umgekehrt ist.

Das Gehalt spielt in dem Zusammenhang keine Rolle. Ihr heutiges Einkommen, das Sie mir übermittelt haben, ist anständig und für Ihre heutige Positionsbezeichnung „Systemingenieur“ absolut angemessen.

Hinter der jetzt hier von Ihnen ins Auge gefassten Position steht die Chance, eines Tages ins Top-Management von wesentlichen Konzerntöchtern etc. zu kommen. In dem Zusammenhang spielt Geld zunächst fast keine Rolle. Wenn man richtig Karriere machen kann, dann ist damit mehr oder minder „automatisch“ ein vernünftiges Einkommen verbunden (später dann).

Natürlich sind Sie bei keinem Wechsel der Welt gegen Stellenabbau in der neuen Position, gegen Firmenverkauf etc. etc. wirklich abgesichert. Hier aber schätze ich das generelle Risiko höher ein, dass Sie mit einem hochrangigen Vorgesetzten, der naturgemäß anspruchsvoll sein wird, fachlich und persönlich(!) sehr gut harmonieren müssen, sonst lässt er Sie fallen (nicht aus Bosheit, sondern einfach so). Da dies aber für ihn vom Image her schädlich wäre (er muss ja immer wieder attraktiv sein für neue Nachwuchsleute), wird er im Normalfall bestrebt sein, Sie weiter zu fördern und mit Ihnen später eine der Schlüsselpositionen seines Zuständigkeitsbereichs zu besetzen (das bietet sich aus machtpolitischen Gründen an).

Bestimmte Aspekte Ihres bisherigen Werdeganges (z. B. Grad und beeindruckende Qualifikation der schulischen Ausbildung im Verhältnis zum gewählten Hochschultyp) deuten darauf hin, dass Sie eher dazu neigen könnten, Risiken zu scheuen als sie einzugehen. Das spricht jetzt auch wieder aus Ihren Fragen. Nur Sie allein können letztlich entscheiden, ob Ihr Mut und Ihre Risikobereitschaft ausreichen. Wenn Sie aber diese Chance ablehnen, dürfen Sie sich während des Rests Ihres Berufslebens über fehlende Karriereperspektiven nicht mehr beschweren.

Nun liegt es an Ihnen, eine jener Entscheidungen zu treffen, die das Leben gelegentlich von uns fordert. Es ist übrigens eine typische Managereigenschaft, zu Entscheidungen fähig sein zu müssen, ohne dass man vorher weiß, wie die Sache hinterher ausgeht.

Kurzantwort:

In der Marktwirtschaft sind große Karrierechancen meist auch mit großen Risiken verbunden. Man muss sich entscheiden, ob man beides will. Die ganz große Karriere, ohne je etwas riskiert zu haben, ist praktisch nicht möglich.

Frage-Nr.: 1693
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-08-30

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