Heiko Mell

Rückkehr zum alten Arbeitgeber, Selbstständigkeit, Krankheit u. a.

Nach meinem Studium habe ich in der deutschen Niederlassung einer internationalen AG angefangen, die sich als Weltmarktführer ihrer Branche sieht.

Ich bekam interessante Projektaufgaben, die ich erfolgreich lösen konnte. Kurz nach meinem Einstieg wurde mir durch die Muttergesellschaft im europäischen Ausland die Ausbildung zum alleinverantwortlichen Projektleiter für Großprojekte angeboten – ich nahm an.

Dort entpuppten sich die Versprechungen wie Einarbeitung, Unterstützung, finanzieller Ausgleich, Personal als leer, die Arbeitszeit als horrend (zeitweise 100 Std. pro Woche ohne zusätzliche Bezahlung). Trotz aller Widrigkeiten wurde das Projekt ein voller Erfolg. Weitere Projekte lehnte ich dankend ab, da mir die Geschäftsleitung die früheren Zusagen auch für künftige Projekte nicht garantieren wollte.

Dann bot man mir eine andere verantwortliche Funktion in der deutschen Niederlassung an, die ich annahm. Ein Jahr später wurde die durchaus rentabel arbeitende NL in Deutschland geschlossen. Ich erhielt eine mündliche Zusage der Weiterbeschäftigung in noch zu definierendem Rahmen.

Leider konnte man sich drei Monate später an diese Zusage nicht mehr erinnern, auf eine vernünftige Lösung wollte man sich nicht einigen, wir sahen uns vor Gericht wieder.
Mit der Abfindung, jugendlichem Leichtsinn und sehr viel Mut machte ich mich selbstständig – in der gleichen Branche. Nach einigen Anlaufproblemen besteht meine Firma nun fünf Jahre.

Vor zwei Jahren kam es zum Desaster: Ich erkrankte an Krebs. Durch Unterstützung meiner Frau gelang es uns, die profitablen Projekte durchzuziehen. Im letzten Jahr kam der Rückfall – ich werde erst wieder in einem Jahr in der Lage sein, meinen Beruf auszuüben. Zur Zeit bin ich 80 % schwerbehindert, daran wird sich so schnell nichts ändern.

Mein Büro läuft erst mal weiter, meine Berufsunfähigkeitsversicherung zahlt. Ich überlege, ob ich mein Büro verkaufen oder eingehen lassen soll, um den eigentlich „unmöglichen“ Rückschritt in das Angestelltenverhältnis anzustreben. Lautet nicht eine „Weisheit“ etwa so „Einmal selbstständig, immer selbstständig“?

Nun hat mein alter Arbeitgeber (nach Wechsel im Management der Mutter) schon während der ersten Phase meiner Krankheit angefragt, ob ich nicht wieder für ihn tätig werden möchte, wenn ich wieder als ganz gesund gelte. Zeit spielt keine Rolle, man will langfristig planen. Die Niederlassung in Deutschland will man wieder eröffnen und auf zehn Mitarbeiter ausbauen, dort soll ich Geschäftsführer werden.

Soll ich nach den alten Querelen dort tatsächlich wieder anfangen? Probleme hätte ich damit nicht, mein Arbeitgeber auch nicht (lt. Aussage des neuen Managements).

Was für Chancen habe ich generell, wenn ich mich wieder anstellen lassen will, z. B. in einem branchenfremden Unternehmen?

Wie wirkt sich die Erkrankung auf die Chancen aus? Kann ich die Schwerbehinderung bei einem neuen Arbeitgeber einfach unter den Tisch fallen lassen? Inwieweit muss ich auf Nachfragen offen antworten?

Antwort:

Der Wert dieser Serie, das ist sogar für mich völlig zweifelsfrei, liegt durchaus nicht nur in meinen Kommentaren. Allein die ständigen Schilderungen aus der Praxis enthalten Informationen und Orientierungshilfe zuhauf für die Leser. So auch hier.

Dieser komplexe Fall enthält mehrere getrennt zu sehende Aspekte. Folgt man dem, ist er Lehrstück für diverse Problembereiche. Behandelt man ihn „am Stück“, ließe sich mit dem berechtigten Hinweis „seltener Einzelfall ohne Belang für andere“ Langeweile kaum vermeiden. Splitten wir ihn daher auf, jeder Teilbereich enthält eine völlig eigenständige Geschichte, aus der sich allgemeingültige Empfehlungen ableiten lassen:

1. Zurück zum alten Arbeitgeber (grundsätzlich):
Man soll es generell nicht tun, die Erfahrungen damit sind überwiegend schlecht, wie zahlreiche Lebensläufe zeigen (der nächste Wechsel kommt bestimmt). Man ist dort einmal nach Enttäuschungen gegangen, man geht viel leichter zum zweiten Male, weil man von Anfang an immer wieder zweifelnd fragt: „War es richtig, wiederzukommen?“ Es fehlt eben das „Urvertrauen“. Aber: Man könnte im „Ernstfall“ nicht schnell genug wieder weggehen, man machte sich ja lächerlich, vor allem gegenüber späteren Bewerbungsempfängern („rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln“). Und nie sollte ein Angestellter etwas tun, das ihm seine schärfste und einzige Waffe im Existenzkampf, die Möglichkeit zur Kündigung, aus der Hand schlägt. Ihr „neues Management“ erinnert fatal an „alten Wein in neuen Schläuchen“ – so lange die Eigentümer bleiben, bleibt auch der Stil.

 

2. Zurück zum alten Arbeitgeber, mit dem man vor Gericht gezogen ist: Das also nun bestimmt nicht! Unter juristischen Laien ist „Klagen vor Gericht“ schlimmer als eine verbale Beleidigung. Das steht dort in Ihren Akten, irgendwann stößt sich jemand daran (wer weiß, wie lange die Manager auf ihren Stühlen bleiben, die jetzt „macht nix“ sagen).

 

3. Aus der Selbständigkeit zurück:Von „rück“ zu „Rückschritt“ ist es nicht weit – sprachlich wie sachlich. Außerdem darf man nicht vergessen: Der Selbstständige wollte ja „frei“ sein, keinen Chef mehr haben, die Regeln seines Tagesgeschäfts selbst bestimmen. Das steckt drin in seiner Persönlichkeit, das will er letztlich immer noch („Sie tun es immer wieder“). Und er war jetzt, darüber gibt es nichts zu diskutieren, mehrere Jahre vom Status des „abhängig Beschäftigten“ (offizielle Definition des Angestellten) entwöhnt – die Reintegration des Selbstständigen gilt als schwierig (und ist es auch).

Schließlich ist er auch noch gescheitert – sonst käme er ja nicht.Für den, der diesen „Rückschritt“ dennoch plant oder tun muss: Je mehr man einbringen kann an Fach- und Branchenkenntnissen in ein neues Arbeitsverhältnis, desto besser. Ausgangsbasis ist dabei stets die frühere Angestelltenposition – nicht die Selbstständigkeit. Beispiel: Herr X war bis vor vier Jahren Abteilungsleiter in Branche A. Dann hat er sich mit einer kleinen Firma selbstständig gemacht und wurde „Geschäftsführender Gesellschafter“ in Branche A. Nun will er zurück.

Variante I: Da er in A Schiffbruch erlitt, möchte er einmal „ganz etwas Neues“ anfangen und zielt auf Branche B. Und da er zuletzt Geschäftsführer war, zielt er auf eine GF-Position. Resultat: Niemand stellt ihn ein (von der Zielbranche versteht er nichts, das reicht schon, von den „sonstigen Belastungen“ ganz zu schweigen).

Variante II: Er zielt auf A, aber „natürlich“ als Geschäftsführer. Letztere verwalten das Geld anderer Leute. Und Leute mit Geld können ungeheuer pingelig sein, wenn sie ihr Vermögen in fremde Hände geben sollen: „Was, Geschäftsführer will er werden? Der ist doch eben erst mit seinem eigenen Laden Pleite gegangen. Und jetzt will er unser Geld in den Sand setzen?“ Aus.

Variante III: Er bewirbt sich als Abteilungsleiter in A – und ist so vorsichtig, die Selbstständigkeit „tief zu hängen“. Also kein protziger Briefkopf „Max Müller, Geschäftsführender Gesellschafter“, sondern an allen Stellen, auch im Lebenslauf, hübsch bescheiden auftreten. Der Sprung in die Selbstständigkeit war ein Fehler, das sieht er ein.

Variante III funktioniert manchmal, keinesfalls immer. Es kommt hier tatsächlich auf das Herunterspielen der Inhaber-Funktion an. Sie ist in so einem Fall das störende Element – und ein solches macht man eher klein und hässlich als es groß und strahlend herauszustellen.

 

4. Bewerbungen nach mehr oder weniger überwundener SchwersterkrankungJeder Entscheidungsträger, der im Regelfall medizinischer Laie ist, geht von weiterhin bestehenden unkalkulierbaren Restrisiken aus. Vor allem: Erkrankt ein solcher Bewerber nach Einstellung, sagen alle: „Das war doch zu erwarten.“ Erkrankt ein bis dahin Gesunder, heißt es: „Das passiert eben.“Ich rate dringend ab, die gesamte Situation bei einer Einstellung zu verschweigen (einschl. Schwerbehinderten-Status) – und fürchte, bei offener Darstellung haben Sie keine reale Einstellchance (jedenfalls keine, die statistisch relevant wäre). Auf die rechtlichen Vorteile des Schwerbehinderten können Sie, soweit ich informiert bin, keinesfalls verzichten. Der Arbeitgeber muss die sehr restriktiven Vorschriften beachten – auch wenn Sie auf Ihre Rechte keinen Wert legen würden (lesen Sie bitte auch Frage 1.683 unter der Rubrik „Berufsalltag“).

 

5. Angebot Ihrer alten FirmaIm Bereich der „freien Wirtschaft“ sehe ich wegen der Dreifachbelastung „im Krach beim früheren Arbeitgeber ausgeschieden“, „selbstständig gewesen“ und „mit einer Schwersterkrankung belastet sowie schwerbehindert lt. Gesetz“ keine vernünftige Chance. Außer jener, die vom „neuen Management beim alten Arbeitgeber“ offeriert wird. Also ist das mehr oder minder der Strohhalm, zu dem Sie greifen müssen – unter souveräner Missachtung meiner Aussagen zu 1. bis 4. Allerdings bleibt das Problem, dass Sie dort nicht oder kaum wieder weggehen könnten, sofern das notwendig werden sollte.

Also: Es ist ein Angebot ohne Auffangnetz für den Fall eines Scheiterns – aber welche Alternativen hätten Sie?

Kurzantwort:

Zu den bewährten Regeln gehören: Keine Rückkehr zu früheren Arbeitgebern, der Weg in die Selbständigkeit ist grundsätzlich einer „ohne Wiederkehr“, Schwersterkrankungen sind wegen der unkalkulierbaren Risiken für den Rest des Berufslebens eine bleibende Belastung. Verbleibt im Einzelfall jedoch nur noch eine Möglichkeit der Existenzsicherung überhaupt, so verlieren allgemeingültige Regeln, die zur Zurückhaltung raten, ihren Wert.

Frage-Nr.: 1692
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-08-23

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