Heiko Mell

Aus der Industrie zum staatlichen Forschungsinstitut?

Frage/1: Ich bin Ende 40, Dipl.-Ing. TH, seit mehr als 21 Jahren ununterbrochen berufstätig und war bei meinem letzten Arbeitgeber mehr als zehn Jahre als Projektleiter und Entwicklungsleiter beschäftigt.

Nach einem dramatischen Rückgang des Absatzes unserer Produkte (u. a. fehlende Innovation, falsche Modellpolitik) hatte die Geschäftsführung beschlossen, alle Entwicklungen zu stoppen und weitere Aufwendungen einzusparen. Das hatte zur Konsequenz, dass kein Entwicklungsleiter mehr benötigt wurde; zu einem Termin vor etwa vier Monaten wurde mit mir die Vertragsauflösung vereinbart.
Trotzt intensiver Bemühungen seit jetzt neun Monaten (ca. 200 Aktivitäten überregional) ist bisher einzig ein Angebot in den nächsten Tagen zu erwarten.

Frage/2: Jenes einzige Angebot kommt von einem staatlichen Forschungs- und Entwicklungsinstitut. Finanziell bedeutet es einen sehr erheblichen Rückschritt. Der Vertrag ist auf zwei Jahre befristet, mit Weiterbeschäftigung ist zu rechnen, Festanstellung erfolgt, wenn eine Planstelle vorhanden ist. Der Einstieg erfolgt nicht in Leitungsfunktion und ohne Personalverantwortung und ist somit auch ein hierarchischer Rückschritt.

2.1 Ist dieser Karriereknick bei einer nächsten Bewerbung (z. B. wenn es nach zwei Jahren keine Vertragsverlängerung gäbe) nicht sehr nachteilig? Sind Argumente wie die aktuelle wirtschaftliche Lage mit Zusammenbruch des Arbeitsmarktes als Erklärung ausreichend?

2.2 Ist das jetzt angebotene geringe Einkommen entscheidend für das bei späteren Bewerbungen (in zwei Jahren) erzielbare Einkommen?

2.3 Wird eventuell die Tätigkeit bei einem renommierten staatlichen Institut als „Drückebergerei“ aufgefasst?

Antwort:

Antwort/1: Wenn Sie mit 200 Bewerbungsaktivitäten nur ein einziges Angebot zustande gebracht haben, dann ist höchste Alarmstufe angesagt! Mir stellen sich in dem Zusammenhang folgende Fragen bzw. ich habe diese Empfehlungen (auch für Leser in ähnlicher Situation):

1.1 Warum nutzen Sie nicht die Chance, Ihre komplette Bewerbung (ich habe nur den Lebenslauf) beizulegen und mich ein wenig nach Ursachen für die Ablehnungen suchen zu lassen? Ein Fachmann kann praktisch immer(!) herausfinden, warum Bewerbungen bei xbeliebigen Firmen nicht zum Erfolg geführt haben – und er kann das mit hoher Sicherheit auch im Hinblick auf Vorstellungsgespräche sagen. Aber für ersteres braucht er die Anzeigen der Positionen, die Anlass Ihrer Bewerbungen waren, außerdem muss er Anschreiben und Zeugnisse kennen (in diesem Fall insbesondere das letzte). Für den zweitgenannten Komplex muss er Sie persönlich kennen lernen.

1.2 Selbst ohne die kompletten Unterlagen finde ich in Ihrem Fall Ansatzpunkte:

1.2.1 Sie sägen den Ast ab, auf dem Sie sitzen – und das auch noch mit großem Eifer! Sie schreiben mir ganz ungerührt, „fehlende Innovationen“ und „falsche Modellpolitik“ seien wesentliche Ursachen der Misere bei Ihrem letzten Arbeitgeber gewesen. Mit hoher Sicherheit haben Sie das auch in Ihren Bewerbungen (schriftlich oder im Vorstellungsgespräch) anklingen lassen („Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über“, Matth. 12, 34).

So etwas dürfen Sie noch nicht einmal denken! Schreiben Sie es irgendwo hin, sind Sie sofort „tot“! Wer war denn zuständig für Innovation und Modellpolitik, wenn nicht der Entwicklungsleiter, also Sie!

Mir ist klar, dass Sie jetzt Ausreden haben werden. Etwa dergestalt, dass Sie nichts machen konnten, dass man nicht auf Sie gehört hat etc. Aber das sind eben Ausreden, mehr nicht. Für Fehlentwicklungen darf es stets nur Ursachen geben, die absolut völlig außerhalb Ihrer Einwirkungsmöglichkeiten lagen.

So aber denkt jeder (auch unter unseren Lesern): „Das muss ja ein schöner Entwicklungsleiter gewesen sein!“

1.3 Für die letzten zehn Jahre benennen Sie zwar einen Arbeitgeber, aber Sie geben nur seinen Namen an. Und der beginnt mit einem Tier, das hierzulande nicht vorkommt und nennt dann einen Begriff, den man z. B. mit Elvis Presley oder Hans-Joachim Kuhlenkampf verbindet (ich nenne vorsichtshalber bewusst Verstorbene). Und dann lassen Sie den Leser mit seinen Gedanken dazu allein – es gibt keinerlei weitergehende Informationen (wer sind die, was produzieren die, wie groß sind die?). Das kann man so nicht machen!

1.4 Ihre ja extrem wichtige letzte Position bezeichnen Sie mit „Leiter Entwicklung Kultur“ (den letzten Begriff habe ich etwas verfremdet). Und auch damit bleibt der Leser an der Stelle allein. Dabei entwickeln Sie gar keine „Kultur“, sondern bestimmte Geräte, an die der Laie in dem Zusammenhang nie gedacht hätte und die er vermutlich auch nicht kennt, wenn er irgendwo den Begriff liest. Natürlich glaube ich, dass Ihre Position dort so hieß – aber Sie hätten erkennen müssen, dass das in dieser Form dem Leser nichts sagt und daher erklärt/ergänzt werden muss. Und der Empfänger nimmt sich als Profi zwanzig bis vierzig Sekunden(!) Zeit für einen ersten Schnelldurchgang, in dem er nur die Lebensläufe (nicht die langweiligen Anschreiben) liest und dabei die Spreu vom Weizen trennt.

Dabei fallen Sie doch durch mit Ihrer Methode!

 

Antwort/2: Die Grundregel lautet: Man wechsle beim Arbeitgeberwechsel grundsätzlich nicht auch noch das System, gehe also nur in wohlüberlegten Ausnahmefällen aus der „freien Wirtschaft“ in den öffentlichen Dienst und umgekehrt. Zumindest wechsle man nicht in der Hoffnung, nach einigen Jahren wieder zurückkehren zu können. Beide Systeme unterscheiden sich so stark (Sie haben ja im Bereich der Konditionen einen Vorgeschmack bekommen), dass ein Wechsel extrem schwierig ist, ein zufriedenes Arbeiten im jeweils anderen System wegen der anderweitigen Vorprägung nur begrenzt erwartet und ein weiterer (späterer) System-Rückwechsel gar nicht erst geplant werden sollte. Außerdem wären Sie dann fast 50, das würde die Schwierigkeiten zusätzlich deutlich vergrößern. Ausnahme von der Grundregel: Der junge Naturwissenschaftler, der z. B. an einem solchen Institut promoviert und danach (zügig) endgültig wechselt.

Zu 2.1: Bei einer eventuell geplanten Rückkehr in die „freie Wirtschaft“ wäre das nachteilig. Argumente sind stets auch „Ausreden“, helfen also kaum. Gefragt sind Erfolge, nicht Erklärungen für Rückschritte.

Zu 2.2: Ja. Zwei Jahre später würde man Sie fragen: „Was verdienen Sie heute?“ – und bei der Antwort deutlich zurückzucken (falls man Sie überhaupt einlädt zur Vorstellung). Eine Aussage wie „Früher hatte ich wesentlich mehr verdient“ hilft auch nicht, im Gegenteil.

Zu 2.3: Nein, das sehe ich nicht so. Aber das Wechseln in den öffentlichen Dienst mit Ende 40 dürfte später als „Flucht“ gewertet werden. Oder als Eingeständnis, dass Sie damals auf dem eigentlich für Sie in Frage kommenden Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen konnten. Dass es „damals“ weniger Chancen gab, hat man dann weitgehend vergessen.

Generell gilt: Das Angebot ist aber sehr viel besser als Arbeitslosigkeit. Daran besteht nun überhaupt kein Zweifel.

Kurzantwort:

Wenn bei einem einwandfreien Werdegang, guten Zeugnissen und realistisch ausgewählten Zielpositionen 200 Bewerbungen praktisch erfolglos bleiben, gehört die komplette Bewerbungstechnik auf den Prüfstand.

Frage-Nr.: 1685
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 29
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-07-19

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