Heiko Mell

Nicht mit Gewalt führen wollen

Als langjähriger Mitarbeiter eines großen Konzerns berührten mich sehr viele der behandelten Fragestellungen. Ihre Antworten und Tipps passen häufig zu Beobachtungen in meinem industriellen Umfeld.

Ich bin Mitte 40 und habe auf dem zweiten Bildungsweg den Dipl.-Ing. (univ.) erreicht. Anfangs hatte ich mehrfach nach kurzer Betriebszugehörigkeit die Firmen gewechselt und dann vor vielen Jahren mein Ziel, bei der XY AG tätig zu sein, erreicht.

Dort arbeitete ich zunächst in der zentralen Entwicklung, kam dann nach Umstrukturierungen in die Forschung, in der ich eine Reihe von Jahren verblieb. Dann ergab sich die Chance, eine Führungsposition mit Personalverantwortung zu übernehmen, jedoch wechselte mein Chef, zur Übernahme der für mich vorgesehenen Position kam es nicht mehr. Der neue Chef besetzte die Stelle sowie andere offene mit anderen Personen. Um meinen persönlichen Standort zu bestimmen, wurde mir die Teilnahme an einem speziellen Assessment Center empfohlen (Resultate anliegend).

Ich hatte keine Aussicht auf eine Führungsposition mit echter Personalverantwortung mehr und habe entsprechend einer Empfehlung meines Betreuers aus dem Personalwesen den bisherigen Bereich vor kurzem verlassen. Ich bekam in einem Geschäftsfeld eine Projektleiterstelle mit fachlicher Führungsfunktion, eine Position mit echter Personalverantwortung wurde für den Fall einer günstigen Geschäftsentwicklung in Aussicht gestellt.

Derzeit jedoch ist dieses Geschäftsfeld von massiven Umsatzrückgängen betroffen, Budgets werden gekürzt, Personal wird abgebaut. Ich habe die Befürchtung, dass unter diesen Umständen meine persönliche Weiterentwicklung in absehbarer Zeit nicht möglich ist.

Soll ich in diesem Bereich bleiben und auf eine positive Entwicklung vertrauen (aber: mein Alter); soll ich mich im Mittelstand bewerben (aber: unflexibel durch Hausbau und Familie); soll ich konzernintern wechseln (aber: interne Stellenwechsel sind wegen nicht immer eingehaltener Vertraulichkeit problematischer als externe Firmenwechsel); haben Sie eine Empfehlung?

Antwort:

Letzteres zuerst: ich habe: Aber der Reihe nach:

1. Sie haben den schwierigen, bewundernswerten Aufstieg vom Hauptschüler zum Uni-Absolventen geschafft, sogar in einer besonders qualvollen Version. Beim Abschluss waren Sie schon sehr alt! Nach meinen Erfahrungen ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass ein solcher Mensch ein hervorragender Fachmann als etwa ein ärmelaufkrempelnder, zupackender Manager wird. Auf diesem besonderen Weg geht häufig jenes Stück pragmatischer, ungefangener Risikobereitschaft verloren, das Beförderungen so oft erleichtert.

Sie haben sehr viel erreicht – verlangen Sie nicht auch noch das Unmögliche vom Schicksal (dass es Ihnen jetzt auch noch überragende Führungsqualitäten mitgegeben hat). Ihre Kinder wachsen in einer Akademikerfamilie auf und haben ganz andere Chancen – oft dauert ein solcher Aufstieg tatsächlich zwei Generationen.

2. Ein berufliches Ziel, „bei der XY AG tätig zu sein“, ist nicht sinnvoll für einen Karriereinteressierten. Wer aufsteigen will, muss das als Primärziel setzen, muss an den eigenen Erfolg denken und sehen, wo er diesen erreicht. Die Firma ist dann höchstens noch ein Sekundärziel. Oder man setzt diese auf die Nummer 1, dann aber wird die persönliche Karriere zum Sekundärziel.

3. Ich bin nun kein Mitarbeiter des Personalwesens der XY AG. Dort mag man ja andere Maßstäbe haben, aber ich glaube das keine Sekunde lang.

Ich halte die Resultate des Assessment-Centers für eine hieb- und stichfeste, völlig zweifelsfrei Aussage: „Dieser Mann ist kein Manager!“ Hat Ihnen das niemand gesagt, damals? Schön, wären Sie 25 gewesen, hätte man auf Persönlichkeitsentwicklung und Fördermaßnahmen setzen können. Aber Sie waren damals schon über 40.

In Ihrem Interesse will ich nicht wörtlich aus der Beurteilung zitieren, aber doch so viel umschreiben: Man stellt fest, dass Sie Ihre Lösungsansätze nicht immer weiterverfolgen, Sie wirkten daher unverbindlich. Es heißt, dass Sie Neuem eher skeptisch begegneten. Sie seien nicht zukunftsorientiert und vertagten Entscheidungen, Ihre Gesprächstaktik sei mitunter nur bedingt auf das Ziel hin führend. Sie hinterfragten gestellte Aufgaben kaum, übernähmen wenig Verantwortung, delegierten wenig, zeigten keinen(!) Führungsanspruch. Selbst Sprechweise und Gesprächshaltung werden bemängelt.

Auch das Zwischenzeugnis spricht von hervorragenden theoretischen Fachkenntnissen, äußerster Sorgfalt und Genauigkeit, von Höflichkeit und Korrektheit (bei „sehr guter“ Gesamtnote).

4. Ich rate Ihnen, Ihr jetzt so forciertes Sekundärziel „Führung“ noch einmal zu überdenken. Alles andere läuft gut: Sie haben sehr viel erreicht, sind ein anerkannter, zu fachlicher Führung fähiger Fachmann bei Ihrem Traumarbeitgeber. Riskieren Sie nicht alles, indem Sie sich in diesem (dafür hohen) Alter auf „Experimente“ einlassen, für die Ihnen – vermutlich – die Naturbegabung fehlt.

Frage-Nr.: 1662
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-04-27

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