Heiko Mell

Abstieg: zur Führung ungeeignet?

Obwohl ich bereits seit zwölf Jahren in verschiedenen Führungspositionen tätig bin, muss ich zweifeln, ob ich wirklich dafür geeignet bin. Offensichtlich stimmt meine eigene Einschätzung nicht mit der meines Vorgesetzten überein. Nun könnte ich sagen, letzterer ist im Unrecht. Leider sitzt der am längeren Hebel. Außerdem würde ich einen Fehler machen, wenn ich nicht ernsthaft überprüfte, ob nicht doch etwas dran ist. Nur wie?

Zum Hintergrund: Nach einigen Arbeitgeberwechseln glaubte ich (Mitte 40) mich in meiner jetzigen Position (Werkleiter) sehr gut aufgehoben. Ich hatte das Vertrauen meiner Kollegen und Vorgesetzten, von letzteren sogar schriftlich dokumentiert. Vor kurzem wurde im Hauruck-Verfahren mein Vorgesetzter ausgetauscht (neben vielen anderen personellen Veränderungen), gleichzeitig führten strategische Richtungsänderungen zu Planungskorrekturen. Vorher hieß es „vorwärts zu neuen Produkten“, jetzt liegt der Schwerpunkt auf Einsparungen.

Eine für mich (und andere) bis heute nicht nachvollziehbare Entscheidung führte dazu, dass mein Arbeitsplatz eingespart wird. Ein Kollege soll das Gebiet zusätzlich übernehmen. Neben den vordergründigen betrieblichen Gründen hat mein Chef meine Führungsqualifikation in Frage gestellt.

Ich habe, um eine Änderungskündigung zu vermeiden, eingewilligt, eine andere Aufgabe an einem extrem weit entfernten Standort zu übernehmen, ohne Personalverantwortung.

Meine Frau lehnt diesen Umzug an diesen Ort ab und würde wahrscheinlich kreuzunglücklich.
Was soll ich jetzt tun?

1. Mich mit dem Karriereknick abfinden, umziehen und aus dem neuen Job heraus versuchen, intern wieder hochzukommen? (Im Vertrauen hörte ich, dass mein Chef möglicherweise seine Entscheidung schon bereut, aber sein Gesicht nicht verlieren will.)

2. Mich extern um Führungspositionen bewerben, solange ich die Degradierung im Lebenslauf noch verschweigen kann? Auch ein Umzug, selbst ins Ausland, würde dabei leichter fallen.

3. Mich damit abfinden, dass ich nicht führen kann und mich extern gezielt um Positionen im Projektmanagement bewerben?

4. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, mir innerhalb des Konzerns andere Aufgaben zu suchen. Aber es fehlt mir in den Hauptbetätigungsfeldern an Qualifikation und Erfahrung. Unser Geschäftsbereich soll übrigens verkauft werden.

Alle vier Wege beschreite ich zur Zeit parallel, d. h. ich halte mir die erste Möglichkeit offen und bewerbe mich gleichzeitig um unterschiedliche Positionen.

Ich habe sehr viele Seminare besucht und fast ausnahmslos positive Einschätzungen bekommen. Auch der von mir (aus Überzeugung) gepflegte behutsame und vertrauensvolle Umgang mit Mitarbeitern wird im Training generell positiv gesehen. Aber in der Praxis betrachtet das mancher als Schwäche.

Antwort:

Natürlich ist eine exakte Ferndiagnose, ob Sie nun führen können oder nicht, unmöglich. Aber wir können Indizien beleuchten:
Es gibt ein Abitur mit mittlerem Ergebnis, ein TH-Studium mit recht langer Dauer und unbekannter Gesamtnote. Dann kommen unmotiviert erscheinende Jahre am TH-Institut. Das klingt nach einem vorzeitig aufgegebenen Promotionsversuch.Es folgen ein Jahr bei Arbeitgeber Nr. 1 als Ingenieur in der Entwicklung (verfahrenstechnische Fragen). Das Zeugnis ist „gut“. Dann fünf Jahre bei einem mittelständischen Unternehmen. Dort sagt das Zeugnis, „um einen neuen Unternehmenszweig aufzubauen“, Ihr Lebenslauf sagt „Betriebsleiter“ mit einer Handvoll Mitarbeiter. Das Zeugnis bestätigt Erfolge, ist insgesamt aber „gemischt“, vermeidet den Begriff „Zufriedenheit“, bedauert das Ausscheiden nicht.

Nun kommt eine Position als technischer Geschäftsführer eines anderen kleineren Mittelständlers, Ihr Lebenslauf spricht jedoch, abweichend vom Zeugnis, nur vom „technischen Leiter“; das dauert knapp vier Jahre. Das Zeugnis lobt stellenweise, vermeidet aber den Begriff „Zufriedenheit“, bedauert das Ausscheiden nicht.

Es folgt ein Flop: ein paar Monate als Technischer Leiter, keine Angaben zum Ausscheiden in Lebenslauf und Zeugnis.

Danach dann, nicht unerklärlich, etwas Freiberufliches für fast ein Jahr. Endlich der Eintritt beim heutigen Konzern-Unternehmen als „einfacher“ Projektingenieur für knapp zwei Jahre, dann Einstieg in die zuletzt eingenommene Leitungsposition.

Ich gewinne durchaus den Eindruck von einem kompetenten Ingenieur, der sich der fachlichen Belange seines Metiers engagiert und grundsätzlich erfolgreich annimmt. Woran es bei Ihnen fehlen könnte, wäre einmal die frühzeitige klare Ausrichtung auf logisch aufeinander aufbauende persönliche Karriereziele – und die Fähigkeit zu deren kompromissarmer Umsetzung. Das fängt mit dem zu langen Studium und dem – vermutlich – gescheiterten Promotionsversuch an und findet seinen Kulminationspunkt in der Geschäftsführerposition, ab der Ihr Lebenslauf arg ins Trudeln geriet. Sie wollen aus heutiger Sicht gar nicht mehr GF gewesen sein, haben danach auch keinen (erfolgreichen) Versuch unternommen, dort wieder anzuknüpfen.

Ihnen fehlt eine Art „Machtinstinkt“, den man für Top-Führungspositionen auch dann braucht, wenn man sie in kleinen Häusern bekleidet. Ein „begabter“ GF hätte danach niemals eine Position als Projektingenieur angenommen – gleichgültig, welche Perspektiven damit vielleicht verbunden waren.

Dann waren Sie in der prägenden Zeit Ihres Berufslebens stets in mittelständischen Unternehmen tätig und sind heute bei einem Konzernbetrieb beschäftigt. Dort sind Stil und Klima oft gefährlich „anders“, mit Konzernen kommt am besten zurecht, wer ähnlichen Strukturen entstammt (das gilt auch für kleinere Konzernableger!).

Ihr „behutsamer und vertrauensvoller Umgang mit Mitarbeitern“ ist tatsächlich ein Problem. Das klingt gut, erfreut auch die Mitarbeiter, ist in den Augen vorgesetzter Dienststellen aber zu leicht Schwäche – und in schwierigen, hektischen Zeiten, in denen ständige Veränderungen gefordert werden, ganz sicher ein Nachteil. Sie haben sich als „Puffer“ zwischen den neuen, knallharten Vorgesetzten und Ihre „behutsam“ geführten Mitarbeiter gestellt und sind dabei zerrieben worden. Das endet stets so. Eine Führungskraft kann auf Dauer nur weitergeben, was sie selbst empfängt, sonst drohen Entlassung oder Magengeschwüre.

Als hartes, in der Tendenz aber sicher nicht ganz falsches Beispiel: Sie könnten ein fachlich kompetenter „Schönwetterkapitän“ sein, der die Mannschaft nicht hart genug anpackt, um einem hereinbrechenden Sturm hinreichend gewachsen zu sein. Früher waren die Chancen, damit ohne anzuecken durch das Berufsleben zu kommen, recht gut. Heute ist das kaum noch möglich. Wir leben in einer Zeit, in der bei der Nachricht, der XY-Konzern entlasse 5.000 Leute, dessen Aktienkurs steigt und der Vorstand allseits gelobt wird (außer von jenen unmaßgeblichen Mitarbeitern; aber wo gehobelt wird …).

Es ist nicht empfehlenswert, „behutsame“ Mitarbeiterführung als Prinzip zu haben. Besser ist die Einstellung: „Ich wende jedes vernünftige Führungsinstrument an, das mich in die Lage versetzt, Vorgaben der Unternehmensleitung schnell und präzise umzusetzen und natürlich einen hohen Leistungsstand in meinem Bereich sicherzustellen.“

Zu Frage 1: Das klingt leider nicht interessant. Vergessen Sie das mit dem Bereuen des Chefs – zurücknehmen wird diese Entscheidung niemand. Konzernintern aber hängt Ihnen das „Versagen“ als Führungskraft an – und eilt Ihnen voraus, wohin Sie auch kommen. Eine derartige Degradierung ist aus der Sicht des Unternehmens das Signal: „Geh!“ Ein „Er hat sich das gefallen lassen und strampelt jetzt da unten rum“ ist in den Augen Ihrer Vorgesetzten vermutlich sogar die Bestätigung des schlechten Eindrucks, den man hatte.

Zu 2: Das wäre, sofern Sie noch ein bisschen an Ihr Talent glauben, die optimale Lösung. Für eine mittlere Führungsposition in einem Metier, von dem Sie etwas verstehen, sollten Sie eigentlich qualifiziert sein. Und Sie hätten die Chance zu einem Neuanfang in unbelastetem Umfeld. Vorsicht: Wenn Sie in Ihrem Alter ins Ausland gehen, wird die Rückkehr schwierig!

Als Wechselbegründung könnte gelten: „Im Zuge von Restrukturierungsmaßnahmen ist meine Position entfallen. Der Geschäftsbereich soll verkauft und zu diesem Zweck vorher so ’schlank‘ wie möglich gestaltet werden.“ Das akzeptiert man. Ihre heutige Position wäre dann im Lebenslauf nicht Werkleiter, sondern „Leiter der …produktion“. Den Werkleiter würde ich an Ihrer Stelle nicht unbedingt wieder anstreben (und ein Zeugnis hätten Sie bei der Bewerbung noch nicht).

Zu 3: Als „Notnagel“, wenn alles andere nicht klappt. Aber ein Arbeitgeber muss schon starke Nerven haben, wenn er einen ehemaligen Geschäftsführer/technischen Leiter im Projektmanagement einstellt. Da würde schon in der schriftlichen Bewerbung der Abstieg deutlich. Absteiger sind nicht beliebt (Besserwisser, Chefbedroher, Frustrationsgefährdete).

Zu 4: Das löst eigentlich keines der Probleme, siehe auch zu 1.

Gesagt werden muss in Ihrem Fall eigentlich auch dieses: Nach Ihrer eigenen Aussage ist eigentlich nur dieser letzte Chef ein Problem gewesen. Alles davor lief in diesem Unternehmen gut. Den Rest Ihrer beruflichen Vergangenheit hakten Sie mit „Nach einigen Arbeitgeberwechseln …“ ab. Ich sehe das nicht so – und glaube auch nicht, dass Sie es wirklich so einfach sehen. Denn: Wenn man zehn Jahre uneingeschränkt erfolgreich tätig gewesen wäre und entsprechend geführt hätte, dann dürfte Ärger mit einem einzigen Chef in den letzten zwei Jahren nicht zu extrem massiven Selbstzweifeln führen. Aber, wie der Lebenslauf zeigt, war ja da nicht nur der heutige Chef, nicht wahr?

Kurzantwort:

Aus einem Lebenslauf mit den dazu gehörenden Zeugnissen kann man bei einem Kandidaten mit Berufspraxis sehr viel über Begabung, Potenzial und Perspektiven herauslesen (unter Anwendung von Regeln wie „Talent bricht sich Bahn“, „Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will“, „An ihren Erfolgen sollt ihr sie erkennen“).

Frage-Nr.: 1656
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-04-07

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