Heiko Mell

Rückschritt?

Ich bin nach meiner Promotion zu einem mittleren Unternehmen gegangen. Dort übernahm ich nach kurzer Zeit eine Stelle mit Personalverantwortung. Nach Verkauf des Unternehmens an einen Konzern rückte ich zum Leiter eines technischen Bereichs auf, bekam Prokura und wurde Mitglied der Geschäftsleitung. Ich fühle mich in dieser Position wohl und bin im Unternehmen anerkannt und geschätzt.

Wie so oft hat die Übernahme des Mittelständlers in einen Konzern viele neue Probleme hervorgebracht. Die Geschäftsführung wurde mehrfach ausgetauscht, aus Kostengründen wird die Mitarbeiterzahl immer weiter reduziert, Investitionen finden in meinem Bereich praktisch nicht mehr statt. Ich bin jetzt in der zweiten Hälfte der „Dreißiger“, mehr als fünf Jahre hier und denke an einen Wechsel.

Jetzt habe ich ein Angebot vom sehr deutlich größeren Marktführer, der einen hervorragenden Ruf genießt. Ich könnte dort in meinem Fachbereich als Hauptabteilungsleiter einsteigen – mit noch zwei Kollegen neben und einem Fachressort-Geschäftsführer über mir (wir vier würden dort das abdecken, was mir heute hier allein untersteht). Allerdings hätte ich dort eine erheblich größere Personalverantwortung und ein entsprechendes Budget. Ich wäre jedoch nicht mehr Mitglied der Geschäftsleitung und an der strategischen Unternehmensplanung nur noch mittelbar beteiligt. Ein Aufstieg wäre, wenn überhaupt, nur langfristig denkbar.

Meine persönlichen Berufsziele sehe ich relativ klar. Ich könnte mir vorstellen, in einigen Jahren eine Professur an einer Universität anzunehmen. Falls das nicht klappt, wäre ich gern Leiter eines entwicklungsintensiven Bereichs, aber in einem angesehenen und erfolgreichen Unternehmen. Auch wünsche ich mir ein Budget, welches es tatsächlich erlaubt, Neues zu schaffen und nicht nur so gerade eben die operative Tageshektik zu bezwingen.

Würde man in diesem Licht den Schritt zum Hauptabteilungsleiter später als beruflichen Rückschritt ansehen? Auch wenn sich das Budget verdoppelt und das Image und die Größe der neuen Firma ganz wesentlich besser sind als in der vorherigen Position?

Antwort:

Hier sind mehrere Aspekte angesprochen, die ich getrennt behandeln will – sonst wird die Geschichte zu komplex:

1. Informationen sind (fast) alles.

Die Handlungen, Meinungsäußerungen und Absichten im taktischen Bereich eines Menschen sind mitunter für Außenstehende schwer zu verstehen. Meist liegt das daran, dass man nicht genug Informationen über den Kollegen, Mitarbeiter oder Chef hat. Ändert sich das, wird damit plötzlich ein Schweinwerfer angeknipst, der Licht ins Dunkel bringt.

In Ihrem Fall, geehrter Einsender, ist das Ziel „Hochschulprofessur“ eine solche Schlüsselinformation. Kennte Ihr berufliches Umfeld dieses Ziel (was aber nicht ratsam wäre!), verstünde es mit Sicherheit auch Sie besser als heute („ach so, der will Professor werden“ – was eben nur sehr bedingt mit einer industriellen Managementlaufbahn vergleichbar ist). Hätte ich diese Information nicht, hätte ich sicher manches in Ihrem Fall nicht verstanden bzw. fehlinterpretiert.

Früher habe ich Menschen oft nach dem beurteilt, was ich wusste. Taten sie Merkwürdiges – waren sie eben Spinner. Heute frage ich mich in solchen Fällen, wo die Schlüsselinformation liegen könnte. Das kann ein großes Familienvermögen ebenso sein wie ein todkrankes Kind zu Hause oder der Kindheitstraum „Künstler“, den die Familie brutal unterdrückte. Sie nun sind mit Sicherheit geprägt durch dieses nicht alltägliche Ziel – wie auch immer.

 

2. Erster in der Provinz oder einer von mehreren in Rom?

Ich habe diesen Teil der Frage nicht so spontan im Griff gehabt wie gewohnt. Das hat mich zunächst geärgert: Warum kann ich nicht „aus dem Handgelenk“ sagen, ob das nun ein Auf- oder Abstieg ist? Etwas später wurde mir klar: Der Schritt ist völlig ungewohnt, das macht „man“ normalerweise nicht – daher gibt es auch kein Raster dafür. Kurz: Ihr Vorhaben stellt die üblichen Relationen auf den Kopf! Wenn man das erkennt, wird plötzlich alles klar.

Die übliche Karriere geht so: kleiner Mitarbeiter im großen Unternehmen, dann – sofern der interne Aufstieg nicht reibungslos klappt – als etwas größerer Mitarbeiter zum etwas kleineren Unternehmen usw. Also langsam vom „Nichts“ im Konzern zum Top-Boss beim „Kleinen“. Folgerichtig wird man erst Teilbereichsleiter beim Großen und geht dann als Gesamtbereichsleiter (und z. B. Mitglied der GL) zum Kleineren. Man gibt also beim Wechsel Firmengröße preis, imponiert mit dem „tollen“ Arbeitgebernamen dem weniger tollen Unternehmen und macht dafür einen hierarchischen Sprung nach oben.

Und dann kommt jemand, stellt das auf den Kopf sowie eine durchaus intelligente Frage – und der Fachmann wundert sich, wieso er keine spontane Antwort kennt. Nun kennt er, beim Schreiben war ja Zeit genug zum Nachdenken: Weil Sie „falsch herum“ gehen wollen, weiß auch niemand etwas damit anzufangen, deshalb sind auch Sie verunsichert.

 

Fazit: Der ungewöhnliche und von den großen Firmen sonst nur höchst ungern vollzogene Schritt „größerer Arbeitgeber – kleinere Position“ ist eine Ausnahme, die später der „freien Würdigung“ unterliegt. Meine Einschätzung: In fünf weiteren Jahren schaut niemand mehr auf den jetzt anstehenden Wechsel, man sieht in Ihnen dann nur noch den Hauptabteilungsleiter mit x unterstellten Mitarbeitern und y Euro Budget, die Stelle davor wird als „unbedeutende, kleinere Position“ abgehakt – sonst hätten Sie ja den Wechsel nicht vollzogen (weil nicht sein kann, was nicht sein darf).

 

3. „Ich habe da ein Angebot“Mir ist der Hinweis wichtig, dass Sie sich die potenzielle neue Position nicht selbst ausgesucht haben, sondern „ein Angebot bekamen“. Wie ich schon mehrfach sagte: Viele Katastrophen beginnen mit: „Da hatte mich jemand angerufen.“ Alle Angebote sind interessant – für den, der sie macht. Der Rest ist offen.

 

4. ZielsetzungIhre Zielsetzung weist Sie aus als Menschen, bei dem der fachliche Anspruch dominiert und der sich idealistische Züge bewahrt hat: Ein brillanter Militärtheoretiker, eher kein Frontkommandeur – passt gut zum Professoren-Wunsch. Vorsicht: Idealisten werden leicht enttäuscht.

 

5. EmpfehlungSie sollten das Angebot dennoch eher annehmen als ablehnen. Letztlich dürften Sie sich im Großunternehmen wohler fühlen als im pragmatischer operierenden Mittelstand. Das ist keine absolute Wertung, sondern typabhängig. Jetzt haben Sie die – seltene(!) – Chance, den früheren Fehler, nicht optimal eingestiegen zu sein in das Berufsleben, zu korrigieren. Und Ihre Zufriedenheit im heutigen Job glaube ich Ihnen nicht so ganz in Ihrer Zielsetzung („meine persönlichen Berufsziele“) steht ein verräterisches „aber“.

Kurzantwort:

Der Standard-Karriereweg ist: Beim Arbeitgeberwechsel in der Firmengröße etwas runter, dafür in der Hierarchie etwas rauf. Andersherum „hakt“ es gewaltig.

Frage-Nr.: 1634
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-12-13

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