Heiko Mell

Branchenwechsel rechtzeitig vollzogen?

Ich bin Dipl.-Ing. (Univ.), Mitte 30, derzeit noch in der Betriebsleitung der Verkehrsbetriebe einer Stadt tätig (seit knapp drei Jahren). In Kürze werde ich den Arbeitgeber wechseln und den Dienstleistungsbereich Technik und Bau eines Krankenhauses in einer anderen Region übernehmen. Mein bisheriger Führungsumfang verdoppelt sich dabei.

Mein Begründungen für diesen Schritt:
– Karriereschritt (größere Verantwortung),
– Wunsch der Familie, wieder in die Heimat zu ziehen,
– derzeit noch guter Arbeitsmarkt mit guten Chancen, branchenfremd zu wechseln,
– trotz aller Erfolge ist die Zukunft meines Noch-Arbeitgebers Verkehrsbetriebe (in der Rechtsform einer Kapitalgesellschaft) sehr unsicher.

Kurzfristig droht die Übernahme durch eine ausländische Gesellschaft. Mittelfristig ist damit zu rechnen, dass die Verkehrsleistungen europaweit ausgeschrieben werden. Dann droht die Liquidierung des Unternehmens.

Bei einer Übernahme könnte ich nicht sofort wechseln, denn dann wäre ich beim neuen Arbeitgeber erst kurz beschäftigt. Bei einer Liquidierung würde ein Wechseldruck entstehen, bei dem ich mir dann nicht mehr in Ruhe eine neue Stelle aussuchen könnte.

Wie schätzen Sie meinen Schritt ein?

Antwort:

Ein Detail zuerst, damit es nicht untergeht:
Firmenübernahmen, Fusionen etc. begründen im hier relevanten Sinne kein neues Arbeitsverhältnis, die Dienstzeit beim bisherigen Arbeitgeber läuft in den Augen von Bewerbungsempfängern einfach weiter. Beispiel: Ein Mitarbeiter ist seit 2,5 Jahren bei Müller & Sohn tätig, dann Kauf dieser Firma durch Konzern XYZ, sechs Monate danach erfolgt eine Bewerbung des Mannes. Der Bewerbungsempfänger erkennt: 3 Jahre Dienstzeit beim derzeitigen Arbeitgeber – der bloß zwischendurch den Namen gewechselt hat.

Im Gegenteil: Wer wechseln will, wird nach dem Grund dafür gefragt, er sollte einen guten haben. Der Verkauf (die Fusion) des Arbeitgebers ist ein allseits problemlos akzeptierter! Der Mitarbeiter hatte sich, so die allgemeine Auffassung, „Müller & Sohn“ ausgewählt nach Größe, Status, Unternehmenskultur, Betriebsklima etc. – und darf sehr wohl gehen, wenn dies alles durch den neuen Unternehmenseigner dramatisch verändert wird (nur könnte ihm das ja demnächst wieder geschehen; also bleibt es bei der allgemeinen Warnung vor zu schnellen Wechseln – trotz „guter Ausreden“).

Bei Ihnen, geehrter Einsender, wäre damit eine Ihrer Begründungen für diesen Schritt entfallen. Beschäftigen wir uns mit dem Rest:
Leute wie ich gehören zu den misstrauischen Zeitgenossen – wer täglich mit Menschen umgeht, wird zwangsläufig skeptisch, wenn sich in einem komplexen Vorgang scheinbar alles zu einer fast idealen Lösung fügt. Und dass Sie alle möglichen Einzelheiten im Randbereich Ihres Wechsels anführen, aber den zentralen Nachteil gar nicht sehen oder berühren, ist auch „verdächtig“.

Also dann: Ich glaube nicht an den „Karriereschritt“ in Nr. 1 Ihrer Aufzählung – ich glaube, dieses Argument haben Sie nachträglich ausgegraben.Ich glaube hingegen, dass regionale Wünsche von Familien derart mächtig sind, dass man ebenso gut versuchen könnte, die Niagarafälle mit der flachen Hand aufzuhalten. Als Provokation dazu:In der Steinzeit jagte der Mensch. Beispielsweise Mammuts. Und seine Höhle war – wenn er klug war – dort, wo die potenzielle Beute sich aufhielt. Verlegten die Mammuts ihr Revier woanders hin, verlegte der Mensch seinen Wohnsitz – oder er nahm Existenzprobleme in der geliebten und vertrauten Heimat in Kauf. Ganz Amerika ist von der alten Welt aus besiedelt worden (inzwischen waren die Bedürfnisse ein bisschen über reinen Fleischverzehr hinausgewachsen, aber die Aussiedler zogen dorthin, wo sie bessere Existenzbedingungen vermuteten).

Anscheinend ist dieses Prinzip weitgehend in Vergessenheit geraten. Der Mensch sucht sein Glück heute vorwiegend dort, wo er zufällig geboren wurde – überzeugt davon, dass er nicht leben kann, wo die eine oder andere Million seines Volkes schon lebt und ihrerseits nie weg will. Ich glaube, man nennt diesen Prozess „Globalisierung“ – oder war das wieder etwas anderes? Ist auch nicht so wichtig (Achtung: Ironie!).

Jedenfalls ist aus Erfahrung heraus Misstrauen angebracht, wenn in den Begründungen für einen erklärungsbedürftigen beruflichen Schritt so mittendrin „auch“ Regionalwünsche auftauchen. In Wirklichkeit geht es meist vorrangig um die – der Rest ist „gesucht“. Seien Sie also zumindest sich selbst gegenüber ehrlich. Und akzeptieren Sie die goldene Regel: Keine berufliche Veränderung aus privaten Gründen!

Bei einem so dramatischen Metierwechsel wie dem zwischen Verkehrsbetrieb und Krankenhaus wird Ihr Karriereschritt für den Außenstehenden nicht so deutlich sichtbar. Nicht einmal die Zahl der unterstellten Mitarbeiter hilft da weiter – die Krankenhausleute wissen nicht, was bei Verkehrsbetrieben üblich ist und umgekehrt. Aber wenn auch noch das Einkommen beim Neuanfang deutlich gestiegen ist, könnte man sich einen Fortschritt hier immerhin vorstellen.

Es bleibt aus meiner Sicht: „Machen wir uns nichts vor: Meine Frau wollte zurück in die Heimat, die Kinder waren auf ihrer Seite. Also stand ein Wechsel an. Bei der Gelegenheit habe ich versucht, von der in meinen Augen auf Dauer chancenlosen Branche wegzukommen und habe tatsächlich am Lieblingsstandort eine Position gefunden in einem Metier, das es irgendwie immer geben wird – mehr Leute führen kann ich dort und mehr Geld verdiene ich auch. Na, wie habe ich das gemacht?“

Darauf meine Antwort: Wenn das, was Sie geschildert haben, Ihre Probleme waren, dann haben Sie einen Lösungsansatz erreicht. Nun schauen wir, welchen Preis Sie dafür gezahlt haben:

– Da ist einmal die Frage nach dem Umfeld: Geld scheinen Krankenhäuser (kostenträchtigster Teil eines todkranken Gesundheitssystems) nicht zu haben. Also viel Ärger in der Zukunft und ein Leben von der Hand in den Mund (sachlich gesehen) dürften zwangsläufig damit verbunden sein.

– Als wie attraktiv gilt auf dem Markt eigentlich die Leitung „Technik und Bau“ eines Krankenhauses, wenn die Verantwortlichen bei der Besetzung schon auf Kandidaten zurückgreifen müssen, die aus einem so völlig anderen Metier kommen? Das geht nicht gegen Sie, aber man sollte sich in solchen Fällen auch fragen, warum man ein derartiges Angebot bekommt, wo doch der bisherige Berufsweg in eine so ganz andere Richtung weist. Wollten die Fachleute den Job nicht, drängen die bereits alle von Krankenhäusern weg, will das niemand machen oder was ist da los?

– Jeder radikale Branchenwechsel hat einen zentralen Nachteil: Müssten Sie in den nächsten zwei Jahren erneut wechseln (der Grund spielt keine Rolle), hätten Sie keine gute Position auf dem Markt: Aus Ihrem alten Metier wären Sie „raus“, im neuen noch kein Fachmann – und der Wechselwunsch würfe den Verdacht auf, Sie seien als Neuling schlicht an den Aufgaben gescheitert. Wechselten Sie hingegen innerhalb der vertrauten Branche, fielen solche Argumente fort.

Bleibt dieser Aspekt: Kommt man zu dem Schluss, dass die „alte“ Branche keine Zukunft hat (was ich in Ihrem Fall fachlich nicht beurteilen kann und will), ist ein rechtzeitiger Wechsel angesagt – je früher, desto besser. Dann aber sollte der alleiniges Ziel der Aktion sein und möglichst weder mit privaten Wünschen, noch mit positiven Karrieresprüngen verbunden werden. Letztere wären auch unrealistisch! Kaum ein Arbeitgeber akzeptiert einen Branchenfremden und lässt den zusätzlich „bei der Gelegenheit“ auch noch aufsteigen, daher überzeugt Ihre Argumentation so wenig.

Versuch einer Zusammenfassung: Prüfen Sie, ob Sie sich unter dem Druck Ihrer Familie große Teile Ihrer Argumentation nicht nur eingeredet haben. Falls Ihre bisherige Branche keine Zukunft hat, hätten Sie jetzt tatsächlich den Fuß in einer neuen (die sicher auch ihre Probleme hat), mehr aber noch nicht. Fest steht: Jetzt können Sie ganz gewiss nicht so schnell wieder wechseln – Sie sind viel stärker auf „erfolgreiches Durchstehen“ angewiesen als Sie es beim weiteren Verbleib beim alten Arbeitgeber oder dem Wechsel zu einem anderen Verkehrsbetrieb gewesen wären.

Kurzantwort:

Erfahrungsgemäß kann jede Bewerbungsaktion ein Primärziel erreichen, eventuell noch das eine oder andere Sekundärziel dazu. Aber dass beispielsweise drei Primärwünsche gleichzeitig erfüllt werden (Aufstieg, Einstieg in völlig neue Branche, endlich der geliebte Standort), liegt außerhalb üblicher Wahrscheinlichkeiten.

Frage-Nr.: 1620
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-10-26

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