Heiko Mell

Degradiert und strafversetzt

Frage / 1: Seit vielen Jahren lese ich mit Freude und Interesse Ihre Beiträge in den VDI nachrichten. Ihre Äußerungen decken sich in hohem Maße mit meiner persönlichen Meinung und erfahren im Zuge meiner zunehmenden Lebens- und Berufserfahrung auch immer wieder Bestätigung in der Praxis. Nicht zuletzt ist es Ihr Stil zu schreiben, der mich als Leser immer wieder fesselt, selbst wenn im Laufe der Jahre inhaltliche Wiederholungen zwangsläufig sind.

Frage / 2: Ich startete nach Abschluss meines Fachhochschulstudiums als Maschinenbauingenieur vor mehr als fünfzehn Jahren meine Laufbahn als Konstrukteur und Entwickler bei einem Industrieunternehmen mittlerer Größe. Nach drei Jahren der Tätigkeit dort bewarb ich mich erfolgreich bei einem Weltkonzern.

Dort konnte ich zunächst einige Erfahrungen aus meiner ersten Stelle sinnvoll nutzen. Da beim Umgang mit meinem fachlichen Vorgesetzten die „Chemie“ nicht stimmte, wechselte ich intern nach weiteren drei Jahren in einen operativ tätigen Bereich. Nach wiederum drei Jahren dort wurde ich Leiter einer anderen Einheit mit 35 Mitarbeitern im Schichtbetrieb (Produktion). Obwohl diese anspruchsvolle Tätigkeit mit hoher Verantwortung verbunden war und mich gelegentlich über den Feierabend hinaus beschäftigte, war sie aus heutiger Sicht für mich die – bisher – größte berufliche Erfüllung.

Nach erneuten drei Jahren (diese Frist scheint bei mir zwangsläufig wiederzukehren) übertrug man mir im Zuge der Reduzierung von Führungsebenen zusätzlich die Leitung des Betriebes mit 65 Mitarbeitern in einem anderen Werk. Diese Doppelbelastung beanspruchte mich mehr als mir gut tat; aber als ehrgeiziger Mensch von damals 37 Jahren lehnte ich das Angebot nicht ab und vier Jahre lang ging auch alles gut.

Dann ereignete sich vor einiger Zeit in meinem Zuständigkeitsbereich eine Betriebsstörung, bei deren Behandlung einige Fehler gemacht wurden, für die auch ich mit verantwortlich war. Da im Vorfeld bereits ähnliche Ereignisse der Firma ein negatives Image in den Medien eingetragen hatten, wollte man wohl ein Exempel statuieren und griff hart durch. Zusammen mit meinen beiden nächsten Vorgesetzten wurde ich degradiert und strafversetzt, was auch mit einmaligen finanziellen Einbußen verbunden war. Die beiden Einheiten werden heute wieder getrennt geführt.

Ich war zunächst über den Entzug der Verantwortung erleichtert, es bleibt aber wegen der – nicht nur von mir so empfundenen – Überreaktion des Arbeitgebers ein schlechter Beigeschmack. Obwohl mich meine derzeitige Position nicht ausfüllt und befriedigt und das Angebot eines anderen namhaften Arbeitgebers vorlag, habe ich die Firma aus vielerlei Gründen nicht verlassen. Was hätten Sie mir geraten?

Antwort:

Antwort/1: Viele Zuschriften enthalten Passagen dieser Art. Gelegentlich muss ich die allein aus Gründen der Korrektheit veröffentlichen, damit sich ein realistisches Bild der Lesermeinungen ergibt. Schließlich will ich auch möglichst viele der eher kritischen Leseräußerungen (die es gelegentlich gibt) abdrucken, darf die dann aber nicht allein stehen lassen. Außerdem mag es neu hinzukommenden zweifelnden Lesern helfen zu sehen, dass berufserfahrene Ingenieure bestätigen, so sei es in der Praxis tatsächlich.

 

Antwort/2: Das nachträgliche Herumbohren in der Frage, wie hoch Ihr Anteil an Schuld in der damaligen Situation gewesen ist, ob Sie nicht durch einen Fehler des Arbeitgebers temporär überlastet waren und ob nicht auch ein vielleicht besserer Mann als Sie denselben Fehler begangen hätte – ist leider ebenso unergiebig wie unerheblich. Die Geschichte ist geschehen, die Degradierung ist ausgesprochen worden, Sie haben die neue Position angenommen und längere Zeit widerspruchslos ausgeübt, damit sind dies einfach Fakten, die man als gegeben hinnehmen muss.

Nach meiner Erfahrung hängt einem Mitarbeiter ein solcher Vorfall praktisch für den Rest der Dienstzeit in diesem Unternehmen an. Immer wieder wird intern im Kollegenkreis darüber geredet, auch an „höherer Stelle“ bleibt der damalige Vorfall und Ihr damit verbundenes internes Schicksal stets präsent („Das ist der Mann, den wir damals um ein Haar entlassen hätten, weil er die Verantwortung für … trug, er wurde dann degradiert und strafversetzt.“). Konkret: Große Chancen, intern wieder an alte Karrierehöhen anzuknüpfen, haben Sie nach allgemeiner Lebenserfahrung eher nicht.

Wichtig ist natürlich die Frage: In welchem Maße fühlen Sie sich durch die damalige Situation deutlich an Ihre Grenzen geführt – und inwieweit möchten Sie überhaupt eine Funktion wie Ihre damalige größere und umfassendere wieder erringen? Wie gesagt, dies könnte vermutlich nur im Zusammenhang mit einem Firmenwechsel geschehen, aber auch das ist nicht ganz unproblematisch (ich komme gleich noch darauf).

Sie geben mir an zwei Stellen Ihres Briefes ein deutliches Signal: „Ich war zunächst über den Entzug der Verantwortung erleichtert“ und „Obwohl … das Angebot eines anderen namhaften Arbeitgebers vorlag, habe ich die Firma nicht verlassen.“ Das könnte bedeuten, dass Sie doch von erheblichen Selbstzweifeln geplagt sind, ob Sie eine solche größere Verantwortung überhaupt ausfüllen können. Solche Zweifel sind aber stets der Anfang von Problemen, in die man nahezu zwangsläufig gerät. Wenn schon der Inhaber einer Führungsposition nicht glaubt, dass er mit seiner Aufgabe problemlos fertig wird – dann werden auch bald die anderen ähnliche Fragen aufwerfen und Bedenken haben.

Sollten Sie tatsächlich ganz massive Zweifel in dieser Hinsicht haben und – wenn Sie ganz allein mit sich und Ihren Gedanken sind – eigentlich zu dem Ergebnis kommen, dass Sie damals schlicht überfordert waren, dann sollten Sie auch äußerst vorsichtig sein, erneut in die frühere Führungsgrößenordnung hineinzustreben. Denn Ihr „Urvertrauen“ in sich und Ihre Fähigkeiten wäre erschüttert.Anders wäre es, wenn Sie nach sorgfältigem Durchdenken der ganzen Situation und mit ein paar Monaten Abstand zu dem Ergebnis gekommen wären, eigentlich träfe sie keine direkte Schuld. Immerhin hat man ja auch Ihre beiden Chefs entsprechend gemaßregelt, schon das zeigt, dass Sie es nicht allein „gewesen“ sein können. Dann hätte ich an Ihrer Stelle damals den Weg gewählt, das Unternehmen zu verlassen. Das Risiko hätte im Zeugnis des Arbeitgebers bestanden. Da man sich aber ohne Vorlage dieses Zeugnisses bewirbt, hätten Sie eine neue Position erst einmal relativ problemlos bekommen.

Diese Chance ist nun aber vertan. Jetzt geht bereits aus Ihrem Lebenslauf hervor, dass Sie früher einmal eine größere Führungsverantwortung hatten und jetzt irgendwie deutlich weniger hochwertig eingesetzt sind. Strebten Sie jetzt mit der Bewerbung eine neue externe Position an, wunderte sich der Bewerbungsempfänger über die lange Zeit, die seit Ihrer Degradierung verstrichen ist (und fragte sich, was da wohl vorgegangen sein mag).

Dennoch müsste sich durch eine halbwegs geschickte Lebenslaufdarstellung (in der Sie Ihre frühere hochwertige Position deutlich „tiefer hängen“ als sie war) eine eher Ihrer heutigen Aufgabe entsprechende Position anderswo finden lassen. Dieser Wechsel würde Ihnen unmittelbar keinen Vorteil bringen – aber Ihre mittelfristigen Chancen verbessern. Im neuen Unternehmen könnten Sie sich, so das gewollt ist, wieder sukzessive vorarbeiten – im heutigen können Sie das vermutlich nicht.

Was andere Leser daraus erkennen können: Zum Verantwortungsbereich einer Führungskraft gehört es auch, ggf. Ernennungen/Beförderungen bzw. die Übertragung größerer Verantwortungsbereiche abzulehnen, wenn sie das Gefühl hat, diesen Komplex nicht umfassend beherrschen zu können. Letztlich bleibt ein Versagen irgendeiner Art immer der Fehler der betroffenen Führungskraft – dass andere sie ernannt haben und ihr vielleicht nicht genügend Hilfestellung geben konnten oder wollten, wird mit einem Schulterzucken abgetan. So hilft es im konkreten Falle auch unserem Einsender nicht, dass es außer ihm noch einige seiner Chefs „erwischt“ hat.

Bei Ihnen, sehr geehrter Einsender, könnte ich jede Ihrer Reaktionen verstehen und könnte Sie dafür absolut nicht kritisieren. Sie müssen nur damit rechnen, dass Ihnen in diesem Unternehmen die „alte Geschichte“ nahezu ewig anhängt und dass Sie eine echte, solide Aufstiegschance dort praktisch nicht mehr haben. Es ist nicht einmal völlig ausgeschlossen, dass die Vergangenheit Sie wieder einholt, wenn Sie das Unternehmen wechseln, vielleicht taucht dort nach zehn Jahren ein ehemaliger Kollege auf, der von den Vorkommnissen in Ihrem derzeitigen Unternehmen weiß und dessen Erzählungen Ihre neuen Chefs enorm verunsichern.

Ich will hier nicht schwärzer malen als es angebracht ist: Aber: Es gibt Vorfälle, die sind geeignet, berufslebenslange Nachwirkungen zu haben und eine Karriere endgültig aus der Bahn zu werfen.

Ich war früher einmal in einem Konzern beschäftigt, in dem ein offenbar sehr fähiger Mann Leiter einer relativ unbedeutenden Abteilung war und ganz offensichtlich niemals darüber hinauskam. Ich habe natürlich so lange gebohrt, bis ich irgendwie an eine Information herankam: Dieser Mann hatte sich eines Tages dazu hinreißen lassen, in der Hitze des Gefechts einem bösartig auftretenden bedeutenden Kunden des Unternehmens ein Wort an den Kopf zu werfen, das mit „A…“ beginnt. Der Vorstandsvorsitzer hatte ihn auf der Stelle degradiert und einen Schlussstrich unter seine berufliche Entwicklung gezogen. Als mir die Geschichte auffiel und bekannt wurde, waren schon zwei Nachfolger dieses Vorstandsvorsitzenden im Amt gewesen – und keiner hatte auch nur im Traum daran gedacht, diese Geschichte wieder zu korrigieren. Der Mann galt einfach als „verbrannt“ im Unternehmen – und konnte nun auch nicht mehr mit Anstand wechseln, da er seine aus Lebenslauf und Zeugnis mit Sicherheit erkennbar werdende Degradierung nicht anständig erklären konnte. Hätte er die Wahrheit gesagt, hätte ihn niemand als Bewerber akzeptiert.

 

Fazit meines Rates: Wenn Sie das wollen und können, kämpfen Sie – aber draußen. Wenn Sie weiter an sich selbst zweifeln und mit der heutigen Position irgendwie leben können, ist ein weiterer Verbleib im heutigen Unternehmen durchaus denkbar. Man wird Sie, so die Erfahrung, nicht erneut für die alte Geschichte bestrafen – man wird Sie halt nur nicht wieder befördern.

Kurzantwort:

Wenn eine Führungskraft in einem Unternehmen wegen eines behaupteten oder tatsächlichen Versagens (oder weil sie Mitschuld trägt an negativen Ereignissen) degradiert und strafversetzt wird, hat sie kaum je eine reale Chance, in diesem Unternehmen wieder zu alter Größe aufzusteigen. Das gilt selbst dann, wenn die Vorgesetzten längst mehrfach gewechselt haben.

Frage-Nr.: 1618
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-10-12

Top Stellenangebote

BASF Coatings GmbH-Firmenlogo
BASF Coatings GmbH Projektingenieur_in Elektrotechnik / Automatisierungstechnik (m/w/d) Münster
DACHSER Group SE & Co. KG-Firmenlogo
DACHSER Group SE & Co. KG Versorgungstechniker (m/w/d) TGA Kempten
DACHSER Group SE & Co. KG-Firmenlogo
DACHSER Group SE & Co. KG Elektrotechniker (m/w/d) Kempten
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A.-Firmenlogo
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A. Ingenieure / Techniker (m/w/d) für die Gewerke HVAC/S und medizinische Gase, im Geschäftsbereich Krankenhausprojekte Niederanven (Luxemburg)
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A.-Firmenlogo
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A. Ingenieur (m/w/d) Energie & Gebäudephysik Niederanven (Luxemburg)
KfW Bankengruppe-Firmenlogo
KfW Bankengruppe Experte / Sachverständiger (w/m/d) für Umwelt- und Sozialrisikomanagement Frankfurt am Main
Technische Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technische Hochschule Bingen Präsident (m/w/d) Bingen
OST – Ostschweizer Fachhochschule-Firmenlogo
OST – Ostschweizer Fachhochschule Professor/in für Industrielle Automation Rapperswil (Schweiz)
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Autonome Systeme / Mitgliedschaft in der Institutsleitung Dresden
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Kooperative Systeme / Leitung der Abteilung "Kooperative Systeme" Dresden
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.