Heiko Mell

Ist die soziale Herkunft wichtiger als Zeugnisse und Leistungen?

Ihre Reihe „Karriereberatung“ lese ich seit Anfang an. Ich bin von Ihren Antworten immer wieder begeistert, ganz besonders freue ich mich über Ihren Umgang mit der deutschen Sprache. In der Tageszeitung „Westfalenpost“ vom 30.06.2001 fand ich beiliegenden Artikel. Ich glaube, dass er Sie interessieren wird.

Antwort:

Der Beitrag passt sehr gut zu unserer Serie. Ebenso gern diskutiere ich darüber.Es geht um eine Studie der Technischen Universität Darmstadt. Dort hat Professor Michael Hartmann (beschrieben als Soziologe und Elitenforscher) die berufliche Laufbahn von 6.500 promovierten Akademikern analysiert. Sein Ergebnis: Die richtige Familie als Ausgangspunkt der persönlichen und beruflichen Entwicklung sei das entscheidende Kriterium, sie verschaffe ggf. künftigen Führungskräften einen uneinholbaren Vorsprung. Auch heißt es in dem Zeitungsartikel, die Chancen für Mittelstandskinder würden immer schlechter.

Ausgewertet wurden die Lebensläufe sämtlicher Studenten, die in bestimmten Jahren in Jura, Wirtschaftswissenschaften und Ingenieurwesen einen Doktortitel erwarben. Dabei stellte sich heraus, dass harte Fakten wie die Geschwindigkeit des Studiums oder die Qualität des Abschlusses wenig gegen die „Soft-Faktoren“ aus der Biografie zählten. „Der wirklich maßgebende Erfolgsfaktor war die soziale Herkunft“, betont Hartmann.

Die Forscher stellten fest, das Prinzip wirke desto stärker, je größer die Unternehmen seien.Auch der Verfasser der Studie glaubt übrigens nicht, dass es um eine simple „Bevorzugung“ von Leuten gehe, die etwa zur eigenen Familie oder zu der von Bekannten gehörten. Er kennt jedoch von Entscheidungsträgern in Personalfragen Argumente wie: „Das Auftreten, der Habitus, eine natürliche Souveränität sind entscheidend.“ Die Soziologen gehen davon aus, dass man diese Fähigkeiten im Elternhaus mitbekommt und später nicht mehr erwerben kann.

So viel zum mitgesandten Artikel, nun meine Einschätzung dazu: Zunächst muss ich mich bei allen reinen Wissenschaftlern entschuldigen – man analysiert keine anspruchsvollen wissenschaftlichen Studien auf der Grundlage eines darüber geschriebenen Zeitungsartikels. Im Rahmen dieser Serie bearbeiten wir jedoch Einsendungen privater Leser und nehmen diese einfach einmal als eine solche.

Nicht so recht deutlich wird, warum ausschließlich promovierte Kandidaten untersucht werden. Vermutlich unterstellt hier jemand, dort seien die Karriereambitionen besonders groß und vielleicht die Karrieregrundlagen besonders fundiert. Das würde ich so pauschal nicht nachvollziehen wollen.

In der Aussage folge ich der Studie unbedingt. Ich sehe ja nun selbst sehr viele Bewerber um unterschiedliche Führungspositionen in unterschiedlichen Unternehmen. Dabei fällt immer wieder auf, dass Kandidaten aus relativ einfach strukturierten Elternhäusern (ich frage jeden Bewerber nach dem Beruf der Eltern) sehr oft am Anfang ihres Berufslebens bestimmte Kardinalfehler machen. Diese zeigen, dass die Bewerber noch am Ende des Studiums überhaupt keine Vorstellungen von den Regeln hatten, nach denen das Berufsleben funktioniert.

Eltern, die selbst keine anspruchsvollen Hierarchiepositionen in der Wirtschaft einnehmen, die kein Studium haben und vielleicht in dem völlig anders ausgerichteten gewerblichen Bereich tätig sind, verfügen einfach selbst nicht über Kenntnisse und Fähigkeiten im hier angesprochenen Rahmen, die sie vermitteln könnten.

Das beginnt bereits beim Schulbesuch: Für entsprechend nicht akademisch gebildete Eltern ist es häufig bereits eine positive Leistung allerersten Ranges, dass ein Kind aus ihrer Familie überhaupt das Gymnasium besucht. Da bleibt für Fragen wie Fächerwahl oder das rechtzeitige Eingreifen bei schlechter werdenden Noten kaum eine Basis. Dass das Kind nicht sitzen geblieben ist, gilt bereits als erfreulicher Tatbestand – dass damit später bei einer angestrebten Karriere nicht einmal die Mindestvoraussetzungen erfüllt werden, wissen diese Eltern schlicht nicht. Außerdem darf man nicht vergessen, dass entsprechend gebildete Eltern ihren Kindern auch sehr viel praktische Hilfe angedeihen lassen können, was wiederum einen kurzfristigen Einfluss auf die Noten oder sogar einen langfristigen auf die Motivation des Schülers zur Leistung etc. hat.

Wenn Sie Beispiele wollen (obwohl ich in gar keiner Weise etwa eine Familie repräsentiere, die mit Macht, Bildung und Einfluss gesegnet ist und daher ihren Kindern optimale Startpositionen geben könnte): Selbstverständlich hätte ich bei meinen Kindern Leistungskurse Erdkunde und Religion niemals geduldet. Glücklicherweise konnte meine Frau, die aus ihrer Schulzeit ein großes Latinum mitbrachte, den Kindern bei den Lateinhausaufgaben helfen. Und ich habe wiederum versucht, die Söhne rechtzeitig mit den Leistungsanforderungen der Wirtschaft vertraut zu machen: Schrieben sie beispielsweise in Mathematik eine 2, habe ich spontan gesagt, wir müssten uns einmal mit den Fehlern beschäftigen, die sie ganz offensichtlich in der Arbeit gemacht hätten. Im späteren Leben könne man auch nicht bei jeder einzelnen Arbeit ständig irgendwelche Fehler einbauen, das toleriere dort niemand. Das hat keineswegs etwa Musterabschlüsse zur Folge gehabt. Aber die Kinder wurden auf die Weise schon in der Schulzeit mit Dingen vertraut gemacht, die sie in manchen anderen Familien niemals hören können (es ist erlaubt, „Gott sei Dank“ zu seufzen).

Dies ist aber nur ein kleiner Teil des hier angesprochenen Problems. Es ist absolut nachvollziehbar, dass Kinder aus – nennen wir es einmal so – sozial hochstehenden Familien eine besondere Art des Auftretens, des Umgangs, des Selbstbewusstseins mitbekommen, die andere im vergleichbaren Alter nicht haben. Da beide Gruppen ab Berufseinstieg dazulernen, die erstgenannte Gruppe aber die besseren Startbedingungen hat und damit auch auf das interessantere Lernumfeld trifft, da sie weiterhin bereits von früher Kindheit an sensibilisiert ist für entsprechende Probleme – wächst ihr Vorsprung vor der anderen Gruppe eigentlich laufend weiter an.

Hinzu kommt noch ein Aspekt, den man auch sehen muss: Natürlich, da stimme ich den Autoren der Studie unbedingt zu, bevorzugt kein großes Unternehmen wirklich Menschen aus bestimmten Familien, ob man diese nun kennt oder nicht. Aber niemand kann sich völlig von folgendem Effekt freisprechen: Legt man den Entscheidungsträgern eine Bewerbung vor, auf der entweder ein bekannter Name prangt oder aus der eine hohe Position der Eltern hervorgeht, erwartet er bei diesem Kandidaten bestimmte, vom Elternhaus vermittelte Werte. Und er lädt – vielleicht – diesen Bewerber besonders gern ein.

Es ist eine goldene Regel unseres Metiers, dass wir z. B. bei der Besetzung einer Position „Vorstandsassistent“ sehr gerne auf Kinder heutiger oder ehemaliger Vorstandsmitglieder etc. zurückgreifen. Dort wird eine gewisse Grundbildung über die Schule hinaus unterstellt, dort werden Umgangsformen vorausgesetzt, dort hat man in der Familie Hierarchieprobleme, Beförderungen und Degradierungen, Firmenverkäufe etc. mitbekommen – das ist eine hochinteressante Ausgangsbasis gerade für eine solche Position.

Dass große Unternehmungen für Überlegungen dieser Art anfälliger sind als kleine, ist völlig richtig: In großen Organisationen ist es von Anfang an sehr viel wichtiger, neben den reinen Fachkenntnissen über interessante Persönlichkeitsmerkmale zu verfügen. Mit Fachqualifikation allein ist eine Karriere dort niemals zu machen. Außerdem, die Trägheit großer Organisationen steht dafür, lässt man den jungen Anfänger in den ersten Jahren ohnehin nicht an entscheidende Weichen im fachlichen Bereich heran, er darf irgendwo mitwirken, aber nichts bestimmen. Also sind auch die Profilierungschancen gar nicht so furchtbar groß, wenn man nur fachliche Fähigkeiten mitbringt.

Mittelständische Unternehmen sind für diesen Aspekt meist weniger anfällig – ganz im Gegenteil kann es dort sogar geschehen, dass man eine entsprechende Bewerbung aus „hochstehenden Kreisen“ als „für uns weniger geeignet“ einstuft. Man vermutet, der entsprechende Kandidat würde das Spielen auf einem Feld beherrschen, das es hier gar nicht gibt.

Welche Konsequenzen ziehen wir nun aus der Studie und den entsprechenden Überlegungen? Einmal wird unterstrichen, was hier in dieser Serie ja seit vielen Jahren gesagt wird: Die fachliche Qualifikation ist im Hinblick auf die Karriere nur ein mehr oder minder kleiner Teil eines größeren Komplexes, Persönlichkeitsfaktoren dominieren im Hinblick auf die Karriere gegenüber reiner Fachqualifikation deutlich, für angehende junge Akademiker (also Studenten) gibt es mehr zu lernen als an der Hochschule gelehrt wird. Außerdem leben wir in einer Marktwirtschaft, in der die Verpackung stark über den Verkaufserfolg des Produktes entscheidet. So kann ein hochkarätiges technisches, äußerst komplexes Produkt wie ein neues Automodell letztlich am Markt total scheitern, weil das Design dem Käufergeschmack nicht entspricht. Da helfen dann keinerlei technische Daten über den Misserfolg hinweg. So ist auch bei jungen Bewerbern in der Startphase das richtige Auftreten, das angemessene – nicht etwa in Arroganz umschlagende – Selbstbewusstsein in Verbindung mit einnehmenden Umgangsformen eine sehr gute Empfehlung.Haben wir es hier – wieder einmal – mit einer jener Ungerechtigkeiten zu tun, die das Leben so reichhaltig austeilt? Ich glaube nicht! Einmal muss man das Ganze aus der Sicht der jeweiligen Eltern sehen (ich wiederhole, dass ich nicht zu dem erlauchten Kreis gehöre, der in der Studie angesprochen wird): Sie haben sich etwas aufgebaut, davon möchten sie auch ihren Nachwuchs profitieren lassen. Das ist nun absolut legitim – jeder kleine Reihenhausbesitzer möchte seine Immobilie eines Tages weitervererben, warum soll nicht jeder hochkarätige Manager in der Industrie einen Teil dessen, was er sich erarbeitet hat, auch an die nächste Generation weitergeben?

Vor allem wird hier ja niemandem etwas weggenommen:

Während man bei der Anhäufung von Immobilienvermögen noch sagen könnte, dass dieses Land anderen nun nicht mehr zur Verteilung zur Verfügung steht, ist das bei den hier diskutierten Eigenschaften und Fähigkeiten ja nun absolut nicht der Fall. Wenn jemand sich ein positives Auftreten aneignet, steht es anderen doch absolut frei, sich ebenfalls ein solches zu erarbeiten. Natürlich fällt diesen anderen das wesentlich schwerer, keine Frage. Wenn aber ein Vater Vermögen hat und dieses dem Nachwuchs vererbt, empfinden wir das ja auch als eine völlig natürliche Geschichte – wobei jeder Nicht-Erbe wiederum die Möglichkeit hat, sich selbst ein eigenes Vermögen aufzubauen und das nun an seinen Nachwuchs weiterzugeben.

Geht ein junger Mensch mit kritischen Augen durch die Welt (und immerhin ist er mit achtzehn Jahren volljährig), dann kann er rechtzeitig erkennen, dass es da Dinge gibt, die vielleicht später für den beruflichen Erfolg entscheidend sind, ihm aber fehlen. Und er kann eine Menge tun, um hier herkunftsbedingte Defizite auszugleichen. Nicht umsonst wird Studenten immer wieder geraten (und schon Schüler können damit beginnen), sich gesellschaftlich zu engagieren, Verantwortung in Organisationen zu übernehmen, von der Jugendorganisation einer Partei bis hin zur Studentenverbindung etc. Das umfasst die Tätigkeit im sozialen Bereich ebenso wie die in reinen Institutionen zur Machterringung. Auch ein Benimm-Kurs kann nicht schaden.

Ein Kind aus dem Hause nichtakademischer Eltern, die keinerlei Führungspositionen einnehmen, kann es heute durch besonderen Einsatz und Ehrgeiz (und sicher auch mit viel erforderlichem Talent) zum Vorstandsmitglied größerer Firmen oder doch zum Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen bringen. Seine Kinder haben dann schon wieder eine bessere Basis.

Irgendwie habe ich den Verdacht, dass dieses Thema nicht jedem Leser gefallen wird. Dabei handelt es sich hier in letzter Konsequenz um eine Lebensweisheit, die jeder von uns irgendwo täglich vor Augen hat: Was man von zu Hause mitbekommt, muss man nicht selbst erarbeiten. Dass nicht alle Menschen gleich sind, hat man ja irgendwie schon geahnt, außerdem erlebt man es täglich. Zum Glück aber sind wir doch eine relativ offene Gesellschaft, in der man zwar statistisch bessere Chancen für bestimmte Gruppen nachweisen kann, ganz ohne jeden Zweifel. Aber letztlich lassen sich bei jeder noch so ungünstigen Ausgangsvoraussetzung hinreichend viele Beispiele dafür finden, dass junge Menschen es später dennoch geschafft haben.

Was vielleicht mehr hilft als jede utopische Forderung nach größerer Gleichmacherei: Vermitteln wir dem heranwachsenden Nachwuchs die Erkenntnis, dass bei besonderen Ansprüchen die geforderten Leistungen in Schule und Studium nur eine lächerliche Mindestvoraussetzung sind. Der Karriereerfolg hängt von Eigenschaften ab, die in der Ausbildung nur sehr bedingt vermittelt und fast gar nicht angesprochen werden.

Schließlich muss das Ergebnis dieser Studie so interpretiert werden: Weiter oben wird die Luft immer dünner. Wer dort hinaufgelangen will, muss Bergsteigen üben von Kindesbeinen an. Dabei ist es nützlich, aus einer Familie von Bergsteigern zu kommen.

Ich habe vor sehr vielen Jahren eine interessante Umfrage gelesen: Eine Zeitung hatte insbesondere amerikanische Topmanager gefragt, worauf sie den Umstand zurückführen, dass sie jetzt an der Spitze dieses Unternehmens säßen. Die Antworten reichten von seitenlangen Darstellungen überragender persönlicher Eigenschaften und Fähigkeiten bis hin zu eher sachlichen Aufzählungen. Einer der Kandidaten ist mir im Gedächtnis geblieben, weil er die Dinge auf den Punkt brachte: „Ich sitze hier, weil meinem Vater die meisten Aktien gehören.“

Kurzantwort:

Zur Karriere gehören Eigenschaften und Fähigkeiten, die in Schule und Studium nicht vermittelt werden. Das richtige Elternhaus in Verbindung mit den richtigen Erbanlagen gibt oft den entscheidenden Schub für die Gestaltung einer anspruchsvollen Berufslaufbahn. Wer ohne diese Voraussetzungen antritt, muss überproportional mehr an Eigenleistung erbringen.

Frage-Nr.: 1601
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-08-17

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