Heiko Mell

Ich kann nicht führen

Ich bin Dr.-Ing. (Anfang/Mitte 40), hoch qualifiziert, vor allem aber vielseitig qualifiziert. Ich habe sechs Jahre Erfahrung in der Telekommunikationsindustrie. Als Systemingenieur bin ich zuständig für die Vereinheitlichung von Standards, Förderung des Informationsflusses etc.

Mein Problem: Ich habe eine absolute Unfähigkeit zur Personalführung. Weitere Karriereschritte sind für mich offensichtlich nicht mehr drin. Ein weiterer Aufstieg bedeutet offensichtlich immer Personalführung. Meine Firma hat mich extra zu einem Consulting-Unternehmen geschickt, um meine Führungsqualitäten zu testen. Das Ergebnis war klar negativ.

Man muss sagen, dass mein Unternehmen unter Führung auch immer eine gewisse Dreistigkeit versteht. Motto: Frechheit siegt. Man könnte es auch positiver ausdrücken: Schnelle und pragmatische Entscheidungen kommen immer besser an als wohlüberlegte und besonnene. Mit diesen quick-and-dirty-Methoden wird bei uns zwar viel Müll produziert. Aber der Erfolg gibt uns recht. Schon dieses Klima passt nicht ganz zu meinem Naturell.

Im Kern geht es mir aber um etwas anderes: Meine Stärke ist eindeutig die Fachverantwortung. Gern würde ich im Bereich Forschung und Entwicklung arbeiten. Aber ich bin bereits über 40 und verdiene bereits 150.000,- DM p. a. und mehr. Ich bin praktisch am Ende der Fahnenstange angekommen. Mein Fachwissen kann ich nirgends einsetzen, die Softskills, an denen es mir mangelt, sind praktisch nicht erlernbar.

Soll ich nun das Thema „Personalführung“ für mich endgültig abhaken, oder soll ich es noch einmal auf einen Versuch in einem anderen Unternehmen mit anderer Führungsphilosophie ankommen lassen?

Auf der anderen Seite habe ich immer noch große F + E-Ambitionen. Hier würde ich es wirklich zu Spitzenleistungen bringen, davon bin ich überzeugt. Leider werde ich bei jeder Bewerbung nach meiner Entwicklungserfahrung gefragt, die ich kaum nachweisen kann. Wer zahlt einem Entwickler mein Gehalt? Ich bin sogar zu Abstrichen bereit, nur um nochmal „im Alter“ an eine Entwicklungsposition zu kommen. Aber ist das klug?

Antwort:

Im Jahre des Herrn neunzehnhundertvierundachtzig schlossen Sie Ihr TU-Studium mit der Note „sehr gut“ ab. Damals hatten Sie die erste, ganz solide Chance, als Entwickler in ein Industrieunternehmen zu gehen.Sie nutzten sie jedoch nicht, sondern gingen an ein Uni-Institut, um dort zu promovieren (5 Jahre). Das ist für einen künftigen Entwickler durchaus in Ordnung.

Aber dann hatten Sie die zweite Chance Ihres Lebens, als Entwickler in die Industrie zu geben. Sie nutzten sie jedoch nicht, sondern gingen an ein anderes Institut als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Na schön. Dort blieben Sie sechs lange Jahre. Mit welchem Ziel, in aller Welt? War dieser Weg reiner, aus „Spaß an der Freude“ ausgewählter Selbstzweck? Dass er „schön“ war oder „interessant“, passt nicht zur so gesuchten Zielstrebigkeit im Karrierebereich.

Danach hatten Sie die dritte Chance Ihres Lebens, als Entwickler in die Industrie zu gehen. Sie nutzten diese jedoch nicht, sondern gingen in eine spezielle Gesellschaft für eine Spezialform der Telekommunikation. Was Sie dort taten, verstehe ich nicht so genau – aber „F + E“ kommt dabei nicht vor.

Danach hatten Sie die vierte …, jetzt langweilt mich das allmählich. Sie gingen zu Ihrem heutigen Unternehmen und übernahmen Ihre heutige Position, die immer noch nichts mit F + E zu tun hat, siehe Ihre obigen Ausführungen. Wie war das mit der Zielstrebigkeit?

Und nun kommen Sie in diesem Alter, wundern sich über fehlende Führungseigenschaften und wollen etwas „ganz Neues“ anfangen. Darüber wundere ich mich nun.

Also: Mit hoher (selbstverständlich nicht mit absoluter) Sicherheit ist der hier auftretende Ingenieur kein Mann, der in einem diesbezüglich anspruchsvollen Umfeld („schnell und pragmatisch“) problemlos führen kann. Ein solcher wäre nie diesen Weg gegangen – sondern so schnell wie möglich rein in die Entwicklung der Industrie. Weil der Weg nur Weg sein kann, aber kein Ziel ist – ich wiederhole mich.Beschäftigen wir uns mit den beiden hier auftauchenden Problemen:

1. Unterentwickelte Führungsfähigkeiten: Das gibt es, tausend Leser werden das spontan bestätigen (990, die sagen, sie hätten einen solchen Chef und 10, die sagen, sie hätten eine solche „Führungskraft“ unter sich).

Die Fähigkeit zum Führen anderer ist nichts, was den Wert eines Menschen generell ausmacht. Im Gegenteil: Unter den besonders netten, sympathischen, liebenswürdigen, hilfsbereiten sind viele, denen man ihre nicht gegebene Führungsbegabung spontan ansieht.

In der Wirtschaft nun suchen wir bei den Mitarbeitern zunächst die rein fachliche Qualifikation, sprich die Fähigkeit, fachliche Aufgaben zu lösen. Das sogar noch interdisziplinär/fachübergreifend, im Team, prozessorientiert und was sonst noch alles.

Nur über diese fachliche Schiene kommt man als Anfänger überhaupt rein in die Wirtschaftswelt, damit allein bestreitet man seine ersten Jahre. In denen jeder „Fachmann“ für irgendetwas ist oder wird. Auf dieser Schiene kann man bleiben bis zur Rente. Ob das erstrebenswert ist, muss jeder selbst entscheiden; ich signalisiere Skepsis, das kann aber an meiner Veranlagung liegen.

Die Wirtschaft sagt nun: Fachliches ist wichtig, keine Frage. Jeder fachlich qualifizierte Mitarbeiter ist ein wertvoller Aktivposten, auch keine Frage. Aber irgendjemand muss den Aktivposten sagen, wo es lang geht. Muss sie auswählen, ihnen Ziele setzen, sie anleiten, korrigieren, kritisieren, motivieren, feuern. Dieser eine Mensch verantwortet die Arbeit von mehreren Aktivposten – und ist damit noch „wertvoller“ als jeder einzelne von ihnen. Das wiederum zeigt sich in dem „Preis“, den er für seine Arbeitskraft erzielt, seinem Gehalt. Deshalb muss man nicht mehr selbst Fachmann sein, sondern „einen Haufen Fachleute führen“, um „richtig Geld“ zu verdienen.

Und wenn in der Öffentlichkeit von der Firma XY GmbH die Rede ist, dann interviewt kein Medium den fachlich hochqualifizierten Konstrukteur linker Hinterräder, sondern den Geschäftsführer, allenfalls noch den Leiter der Entwicklungsabteilung.

Woraus folgt: Wer geringere Ansprüche hat, kommt irgendwie überall zurecht. Wer aber sehr intelligent, ungemein tüchtig, anspruchsvoll in Bezug auf Gestaltungsmöglichkeiten und die Chance ist, eigene Ideen umzusetzen und wer partout keine Leute über sich mag, die mit steigendem Alter (seinem!) immer jünger und vielleicht dümmer und weniger qualifiziert werden als er selbst – der wird in der Wirtschaft, insbesondere in der Industrie, kaum anders denn als Führungskraft so richtig glücklich. Weil in der Wirtschaft hochkarätiges fachliches Tun nicht der Zweck, sondern nur Mittel zum Zweck ist (letzterer ist allein der Ertrag). Bitte, liebe Leser: Dieser letzte Satz ist der zentrale Schlüssel zum Verständnis der gesamten Welt kommerzieller Wirtschaft, Und wenn Sie „nur Fachmann“ sind oder bleiben wollen, hängen Sie ihn sich über den Schreibtisch. Ich habe nie etwas Treffenderes gesagt (das will schon etwas heißen).

Und wenn ein Mensch nun vermeintlich nicht führen kann? Sollte er auch über Berufswegalternativen nachdenken. Aber er darf die Flinte nicht zu früh ins Korn werfen. Es ist erstaunlich, wieviele Menschen sich irgendwo auf Führungspositionen halten, obwohl Kollegen ihnen vor ihrer Beförderung jede Managerqualifikation abgesprochen hätten – und heute immer noch nicht sehen, wo die genau angesiedelt ist. Aber „wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand“. Da ist etwas dran.

Und daher gilt für Sie, geehrter Einsender: Wir befördern meist denjenigen in die untere Führungsebene, der von den Fachleuten auf seinem Gebiet am tüchtigsten ist. Potenzialanalysen, ob der überhaupt führen kann, sind in der Masse der Unternehmen eher nicht üblich. Guter Fachmann zu sein und jetzt führen zu wollen, reicht meist aus. Das hätten Sie auch aufzuweisen. Als Gruppen-/Teamleiter ohne die volle disziplinarische Verantwortung kommt fast jeder gute Fachmann irgendwie zurecht. (Was sagen die Bayern oder die Österreicher so schön in der Werbung? In etwa – und sicher falsch geschrieben: „A bisserl was geht allerweil.“)

Aber, und das ist ganz wichtig, nicht überall. Die Führungsstile sind verschieden, die Unternehmenskulturen auch. Und mancher Mitarbeiter passt in manches Umfeld nicht hinein, blüht aber in einem anderen auf.Ich würde also bei einem völlig anderen Unternehmenstyp einen neuen Versuch machen, bevor Sie das Urteil „unfähig“ über sich sprechen. Ich würde nie jemanden zur Führung drängen, der sagt, er wolle gar nicht. Aber Ihnen hat man in diesem – nicht zu Ihnen passenden – Umfeld bisher nur eingeredet, Sie könnten nicht. Das ist etwas anderes! Suchen Sie sich ein Umfeld, in dem Sie beispielsweise Chef von Mitarbeitern mit geringerer Ausbildungsqualifikation werden, das verleiht Ihnen eine solide „Startautorität“. Ich glaube nicht, dass in Ihnen ein verkanntes Managementgenie steckt, aber zum Gruppen- oder stellvertretenden Abteilungsleiter sollte es reichen.

 

2. Traumjob „Entwickler“: Geben Sie es auf. Sie hatten Ihre Chancen, Sie haben sie nicht genutzt. Jetzt machen Sie sich etwas vor, „F + E“ erscheint Ihnen als die Lösung aller Probleme. Aber was wollten Sie im Team mit anderen Mittvierzigern, die seit fast zwanzig Jahren Entwickler sind? Dort bekämen Sie nie mehr ein „Bein auf den Boden“.

Und abschließend: Wissen Sie, wer einen Fehler gemacht hat? Ihr Arbeitgeber. Eigentlich hätte der Sie nie einstellen sollen („dürfen“ wäre zu hart). Mit dem beruflichen „Vorleben“ in all den Instituten u. ä. war es doch klar, dass Sie in dieses Umfeld dort nicht passen würden. Dass Sie das nicht gemerkt haben, ist auch schade – aber dafür sind Sie ja genug gestraft worden.

Kurzantwort:

Mit fast Mitte 40 soll man keinen beruflichen Alternativlösungen nachlaufen, die man Jahre zuvor problemlos hätte ergreifen können. Und: „Unfähigkeit zur Führung“ ist ein relativer, vom Umfeld abhängiger Begriff.

Frage-Nr.: 1598
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 29
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-07-20

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