Heiko Mell

Bleiben oder gehen

Seit Abschluss des Maschinenbaustudiums bin ich im Produktmanagement der …industrie tätig. Nach den ersten Jahren als Sachbearbeiter bei Arbeitgeber A bin ich zu einem kleineren Wettbewerber (B) als Abteilungsleiter gewechselt. Kurz darauf wurden dort aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten mehrere Abteilungen aufgelöst, u. a. meine.

Ich hatte Glück im Unglück, da mir mein alter Arbeitgeber A eine Stelle als Abteilungsleiter in meinem Metier anbot. Seit mehreren Jahren bin ich jetzt wieder hier tätig. Inzwischen kam eine weitere Produktgruppe in meinen Zuständigkeitsbereich, auch die Mitarbeiterzahl in meiner Abteilung wuchs nennenswert an.

Für mich stellt sich die Situation wie folgt dar:

a) Die Arbeit im Produktmanagement macht mir Spaß.

b) Vernachlässigen wir die kurze Stippvisite bei B, habe ich bisher ausschließlich Erfahrungen bei einem Arbeitgeber gesammelt, damit auch nur in einer Branche (aber mit sehr breitem Produktspektrum).

c) Während meiner acht Berufsjahre habe ich bereits zwei Mal den Arbeitgeber gewechselt.

d) Es gibt bei meinem Arbeitgeber erste Anzeichen für eine Dezentralisierung. Für den Fall würde das von mir zu verantwortende Produktspektrum kleiner, die Anzahl der zu führenden Mitarbeiter würde sinken.

e) In Branchen wie meiner ist Produktmanagement vielfach mit Ingenieuren besetzt. Dies wird sich nach meiner Einschätzung in Zukunft ändern, ich erwarte bessere Berufsaussichten für Betriebswirte oder Ingenieure mit betriebswirtschaftlicher Zusatzqualifikation.

Ich denke über folgende Alternativen nach:

1. Ich könnte mich durch ein Fernstudium zum Wirtschaftsingenieur qualifizieren, wäre dann aber 36 oder 37. Diese Alternative bietet mir die Möglichkeit, für zwei bis drei Jahre beim jetzigen Arbeitgeber zu bleiben. Mein Lebenslauf wäre nicht mit dem dritten Stellenwechsel binnen acht Jahren belastet. Weiterhin bieten sich mir mit der Zusatzqualifikation eventuell bessere Karrierechancen.

2. Oder ist ein Arbeitgeber- und ggf. ein Branchenwechsel die bessere Alternative? Welche Kriterien wären bei der Auswahl der neuen Tätigkeit zu beachten?

3. Als weitere Option gibt es eine Möglichkeit, beim jetzigen Arbeitgeber eine andere Tätigkeit anzustreben. Da die Position meines Vorgesetzten besetzt ist, bliebe eine leitende Position im Vertrieb. Da mir meine heutige Tätigkeit Spaß macht, habe ich dies bisher nicht forciert.

Antwort:

Ich glaube, die Geschichte mit den „Alternativen“ ist rein sprachlich etwas anders zu sehen: Eigentlich ist eine Alternative immer nur eine Wahlmöglichkeit neben einer „Hauptrichtung“. Sie beispielsweise können danach in Ihrer Situation nicht alle überhaupt denkbaren Möglichkeiten als Alternativen bezeichnen. Irgendwie verlangt der Begriff ein „zu“ hinter sich (z. B. „dazu“). Es gibt also stets eine Hauptrichtung und „dazu“ Alternativen, gern mehrere. Konkret: Als „Alternative“ bezeichnet man die zweite und eventuelle weitere Möglichkeiten – aber nicht die erste. Und wenn man einfach mehrere ziemlich gleichberechtigt nebeneinanderstehende Varianten aufzählen will, passt das Wort „Alternativen“ als Überschrift nicht mehr.

(Für neu hinzugekommene Leser: Belehrende Ausführungen wie diese hier bilden eine der „Säulen“, auf denen meine Beliebtheit ruht – in den Augen mancher Betrachter ist diese Säule allerdings etwas brüchig.)

Jetzt zur konkreten Situation:

Zu b: Das ist ein Problem, das man in der Tat beachten muss. Hinzu kommt, dass Ihre Branche (Details dazu habe ich aus der Frage herausgenommen) in der Tat recht speziell und nicht allzu groß ist. Gegenbeispiel wäre „Kfz-Technik“, dort gäbe es einige Hersteller-Konzerne und zahlreiche unterschiedlich große Zulieferer. Eine einseitige Branchenprägung wäre dort nicht schädlich. Das breite Produktspektrum in Ihrem Fall mildert das Problem, wiegt aber die Risiken nicht auf – es geht immer wieder um die XY-Technik, der sich nur wenige Hersteller widmen.

Wenn man etwa zehn Jahre in einer Branche tätig ist und branchenspezifisch arbeitet (Gegenbeispiel: Fertigungsleiter), gilt man so langsam als geprägt. Branchenwechsel werden dann immer schwieriger. Allerdings wird man für die anderen Firmen der Branche oft besonders interessant – es kommt halt darauf an, wie viele das überhaupt sind (je mehr, desto besser).

Zu c: Dieser Aspekt taucht öfter in Ihrer Darstellung auf. Vergessen Sie ihn einfach. Für den Leser Ihrer Bewerbung ist das grundsätzlich ein Arbeitgeber – mit einer mehrmonatigen Besonderheit mittendrin. Über die Probleme einer Rückkehr zum alten Arbeitgeber habe ich hier hinreichend oft geschrieben. Sie bestätigen meine Erfahrung, dass man danach nur selten auf Dauer dort bleibt (warum auch immer). Sie sind ein Sonderfall, der Pech gehabt hat, aber hören Sie auf, unter diesen Umständen Ihre Arbeitgeberwechsel „technokratisch“ zu zählen, das belastet Sie nur unnötig.

Zu d: Das ist ein Zentralproblem. So etwas geschieht heute ständig. Betroffene wie Sie lösen das Problem meist, indem sie den Arbeitgeber verlassen. „Wegfall der Geschäftsgrundlage“ nennen die Juristen die Begründung dafür.

Heute ist der jeweilige Arbeitgeber, auch wenn er groß und berühmt ist, meist nur noch Lebensabschnitts-, nicht mehr Ehepartner. Und man muss ein waches Auge darauf haben, wann der Abschnitt vorbei ist, bevor sich die Partner auseinanderentwickeln.

Sehen Sie das ganz nüchtern: Wer jung ist und weiter nach vorn will, kann kein Unternehmen als Partner gebrauchen, das die eigene Position zurückentwickelt. Also enden hier die Gemeinsamkeiten.

Zu e: Selbst wenn das so ist – und es gäbe ja gute Gründe dafür – betrifft das vorwiegend den künftigen Nachwuchs, nicht die bereits im Metier etablierten Führungskräfte. Beim Sachbearbeiter, der sich bewirbt, sollten Ausbildung und Erfahrung den Erwartungen an das Ideal möglichst entsprechen. Je höher der Bewerber im Management schon aufgestiegen ist, desto unwichtiger wird, welche Fachrichtung er früher einmal studiert hatte, das erfolgreiche Tun in den letzten Jahren dominiert seinen Marktwert.

Dass betriebswirtschaftliche Zusatzkenntnisse jeden Ingenieur schmücken und beim Produktmanager uneingeschränkt empfehlenswert sind, steht auf einem anderen Blatt.

Sie aber würden nicht mehr an einem falschen Studium scheitern (könnten aber im Tagesgeschäft wegen fehlender kaufmännischer Kenntnisse oder fehlenden Verständnisses für Marketingfragen Schwierigkeiten bekommen).

Zu 1: Ich glaube, zwischen den Zeilen zu lesen, dass Sie gern das Argument nutzen würden, um auf diesem Wege noch ein wenig im vertrauten Umfeld bleiben zu können. Dafür bin ich nicht zu gewinnen. Vor allem: Was ist mit der Gefahr der Dezentralisierung? Isoliert gesehen (ohne die drohende Degradierung) käme es auf zwei oder drei weitere Jahre nicht an.

Zu 2: Dafür spricht einiges, am besten wechseln Sie dann auch gleich die Branche (um nicht einseitig zu werden). Sie brauchen eine Position als Leiter Produktmanagement eines Industrieunternehmens (oder einer Division davon), das erklärungsbedürftige technische Produkte herstellt. Ihr Verantwortungsumfang (betreuter Umsatz, unterstellte Mitarbeiter) sollte gleich groß oder besser größer sein als heute. Als Grund geben Sie die drohende Dezentralisierung an, das versteht jeder.

Zu 3: Das würde bedeuten: Arbeitgeber bleibt, Branche bleibt, Tätigkeit ändert sich. Sie würden also weiter einseitig auf diese Branche fixiert – und hätten ein Problem: Etwa die nächsten drei Jahre wären Sie „nicht Fisch noch Fleisch“, nicht mehr Produktmanager (der redet über Umsatz und macht ihn möglich) und noch nicht erfahrener Vertriebsleiter (der macht Umsatz). Sollten Sie in der Zeit wechseln wollen oder müssen, dürfte das nicht einfach werden – jedenfalls, wenn Sie dann auch noch die Branche wechseln möchten!

 

PS: Warum haben Sie nicht darauf geachtet, dass Ihr Zeugnis von B (mit der nur Monate dauernden Dienstzeit) zwar gut sein sollte (ist es), aber keinerlei Bestätigung Ihrer Aussage zum unausweichlichen Grund für das Ausscheiden enthält? Jetzt steht da nur, dass Sie auf eigenen Wunsch gehen, um woanders eine neue Aufgabe zu übernehmen. Damit ist Ihre Version unbestätigt. Das ist keine Katastrophe, aber unschön.

Kurzantwort:

Arbeitgeber sind heute eher Lebensabschnitts- als Ehepartner. Sie verändern sich so schnell, dass der ambitionierte Arbeitnehmer sorgfältig prüfen muss, wann der „Abschnitt“ vorüber ist. Der Mitarbeiter muss der hohen Veränderungswilligkeit der Unternehmen eine hohe eigene Veränderungsbereitschaft entgegensetzen, um seine langfristigen Ziele realisieren zu können.

Frage-Nr.: 1588
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-06-08

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