Heiko Mell 01.01.2016, 09:30 Uhr

Beförderung abwarten oder Betrieb wechseln?

Ich bin knapp 40 Jahre alt und seit etwa zehn Jahren in diesem Unternehmen. Mein Chef ist direkt dem technischen Geschäftsführer unterstellt und geht in knapp zwei Jahren in den Ruhestand. Seine Nachfolge als Leiter der Abteilung ist noch nicht geklärt. Laut Aussage des Personalchefs soll bis in etwa einem halben Jahr geklärt sein, ob der Nachfolger von außen oder von innen kommt oder ob die Abteilung (7 Mitarbeiter) gänzlich aufgeteilt wird. Können Sie mir einen Rat für die Zukunft geben?

Antwort:

In einer Karriereberatung unterstelle ich einmal, dass Sie am Aufstieg interessiert sind und ich Ihnen helfen soll, Ihre Chancen abzuklopfen.

Sie haben das erste „Beförderungsalter“ von etwa 35 Jahren ereignislos überschritten, sind also innerhalb des kleinen Teams weder Stellvertreter des Chefs, noch Gruppen- oder Teamleiter. Ambitionen vorausgesetzt, sollte so etwa mit 35 „Leiter“ auf Ihrer Visitenkarte stehen. Springt man auf den Zug nicht rechtzeitig auf, ist er abgefahren. Bei Ihnen ist es allerhöchste Zeit! Sie haben auch nicht mehr ein halbes Jahr zu verlieren!

Eine realistische Chance, Nachfolger Ihres Chefs zu werden, sehe ich für Sie nicht. Bei Ihrer langen Dienstzeit hätte man sonst längst „von oben“ Andeutungen gemacht, Sie als Stellvertreter hervorgehoben etc.

Auch das geheimnisvolle Murmeln des Personalchefs in Richtung externer Besetzung geht in diese Richtung und muss von Ihnen als Warnsignal gesehen werden! Die Andeutungen, man wolle erst später entscheiden, ob man den „Laden“ ganz zumacht, müssen von Ihnen als „ernst“ (Feuerwehrsirene direkt neben Ihrem Ohr) eingestuft werden.

Vielleicht ist das ganze Gerede sogar ein gutgemeintes Signal an die Mannschaft: „Macht euch keine Hoffnungen“ – es spricht einiges dafür.

Sie also müssten sich bewerben – ab morgen früh. Und bitte analysieren Sie sehr sorgfältig, wie weit bei Ihnen Karriereambitionen und dazugehöriges Potenzial reichen. Sie sind spät dran: Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. Damit ist absolut nicht gemeint: ab 40.

Wie an fast allen alten Volksweisheiten ist auch an dieser eine Menge dran: Eine Führungskraft muss sich anders geben, bewegen, muss anders planen und handeln, anders denken und andere Prioritäten setzen als ein Ausführender. Mit der entsprechenden Persönlichkeitsentwicklung darf man nicht zu spät beginnen, sonst ist der Mensch schon zu stark durch sein bisheriges Denken und Handeln geprägt.

Kurzantwort:

Was ein Häkchen (Führungskraft) werden will, krümmt sich beizeiten. Sich nicht rechtzeitig gekrümmt zu haben, kann auch ein Zeichen für mangelndes Wollen und Können sein.

Frage-Nr.: 1585
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-05-25

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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