Heiko Mell

Was habe ich falsch gemacht?

Anmerkung des Autors: Die Fallschilderung dieses Einsenders ist sehr interessant, aber auch sehr lang. Ich zerlege die – gekürzte – Fassung in einzelne Abschnitte, die ich dann jeweils kommentiere. So werden das Problem und meine Kommentare sehr viel übersichtlicher.

Antwort:

Frage /1: Nach meinem Studium war ich zunächst bei Firma A einige Jahre als Konstrukteur tätig. Zuletzt leitete ich eine Projektgruppe.Vor etwa elf Jahren wechselte ich zu einer GmbH mit etwa 2.000 Mitarbeitern (Firma B). Ich übernahm die Leitung der Konstruktionsabteilung einer Sparte. Nach insgesamt fünf Jahren wurde die Sparte verkauft. Dem Vertriebsleiter und mir wurde mit Entlassung gedroht, falls wir nicht zum Käufer wechseln würden (das Mitgehen der Know-how-Träger war eine Bedingung des Übernahmevertrags). Natürlich sollten wir auch finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Ich hatte mir kurz vorher eine Eigentumswohnung gekauft und monatliche Abzahlungen zu leisten, die ich gerade aufbringen konnte.

Antwort /1: Bis hierhin lief alles „normal“. Die Geschichte der letzten Phase bei Firma B klingt nur so kompliziert. Sie waren als Konstruktionsleiter einer Sparte auf ein Produkt spezialisiert, das Ihr Arbeitgeber dann nicht mehr führte. Wären Sie nicht zum Käufer gegangen, hätte man Sie aus – berechtigten – betrieblichen Gründen entlassen müssen.

Die Sache mit der Eigentumswohnung ist Pech – vom zeitlichen Ablauf her. Natürlich ist es äußerst gewagt, sich mit Hypothekenzahlungen so zu belasten, dass keinerlei Spielraum mehr bleibt. Es kann, so lehrt die Lebenserfahrung, immer etwas „passieren“ – bei Ihnen war es eine Gehaltseinbuße.

 

Frage / 2: Im Jahr des Spartenverkaufs machte ich die Bekanntschaft eines Geschäftsführers einer Gesellschaft meiner Branche mit etwa 100 Mitarbeitern (Firma C) in einer weit entfernten Großstadt. Ich wurde als Konstruktionsleiter mit sieben Mitarbeitern eingestellt, meine Bezüge verbesserten sich erheblich. Dieser Geschäftsführer wurde wenige Wochen nach meiner Einstellung entlassen. Mit dem Nachfolger gab es zunächst keine Probleme.

Der Ärger begann mit der CAD-Einführung. Bereits eine Woche, nachdem die ersten zwei Systeme aufgestellt worden waren, sollten auf Druck des Geschäftsführers die ersten Aufträge per CAD abgewickelt werden. Ich hielt das wegen fehlender diverser Voraussetzungen für unmöglich; er bestellte mich Woche für Woche zum Rapport und vertrat die Meinung, dass mit den teuren CAD-Systemen nun alles schneller gehen müsste und wir kurzfristig Personal einsparen könnten. Wir rasselten nun immer wieder aneinander. Ich konnte kurzfristig kein Einsparpotenzial bieten (kein Mitarbeiter hatte CAD-Erfahrung, zwei waren 55 und hatten nie am Computer gearbeitet, hunderte alter Brettzeichnungen mussten neu erstellt werden).

Begleitend zu den Vorwürfen, dass in meiner Abteilung alles viel zu lange dauern würde, wurde mir permanent mit Entlassung gedroht. Zudem drohte der Geschäftsführer verschiedentlich mir und anderen damit, uns gewisse männliche Körperteile abzureißen, wenn wir nicht nach seiner Pfeife tanzen würden.

Antwort / 2: Hier baut sich ein großes existenzbedrohendes Problem auf. Sie waren durch Ihre private finanzielle Situation im Arbeitsverhältnis bei Firma B unter hausgemachten Entscheidungsdruck geraten. So konnten oder wollten Sie nicht abwarten, ob der Käufer Ihrer damaligen Sparte, der ja Sie als Know-how-Träger unbedingt hatte haben wollen(!), Ihnen nicht hervorragende Arbeitsbedingungen geboten hätte.

Geld ist nicht alles, wie Sie bald feststellen durften. Man kann an Ihrer Motivation für den Wechsel zu C geradezu fühlen, wenn man liest, wie stolz Sie auf die höheren Bezüge dort verweisen. Was ist eigentlich aus jener Eigentumswohnung geworden, die Sie als Ursache für diesen Wechsel herausstellen? Nach dem Start bei C in einer sehr entfernten Stadt konnten Sie dort ja doch nicht mehr wohnen bleiben.

Im Weggang von B liegt bereits ein erster größerer Fehler vor. Vermutlich, die Lebenserfahrung lehrt das, hatten Sie sich mit der Vermengung diverser Argumente so in eine Ablehnung des Wechsels zum Spartenkäufer hineingesteigert, dass Sie von „bloß weg hier“ geleitet wurden und weniger von „da will ich unbedingt hin“.

Dann war C sehr deutlich kleiner als B. Sagen wir es einmal so: Großunternehmen bieten meist ein eher durchschnittliches Umfeld, sie sind selten Paradies, aber auch selten Fegefeuer. Ganz kleine Firmen sind sehr viel öfter entweder Himmel oder Hölle und eher selten einfach nur Durchschnitt.

Dass der Sie einstellende Geschäftsführer kurz nach Ihrem Dienstantritt ging, war Pech – das man nicht zu oft haben sollte im Leben. Der neue Geschäftsführer war vermutlich kein Techniker und verstand nichts von CAD. Seine Forderungen an Sie sind typisch für den logisch denkenden Laien.

Übrigens „rasselt“ man als angestellter Abteilungsleiter nicht mit seinem Geschäftsführer aneinander. Das ist ähnlich weltfremd als würde ein Autofahrer sagen: „Ich entschloss mich an einer Stelle zu einer Linkskurve, an der die Straßenbauer eine durchgehende Leitplanke gezogen hatten. Als sich die Qualmwolke verzogen hatte …“Sie als Untergebener (der Sie auch dann bleiben, wenn man das nicht mehr so nennt) haben im Rahmen der Ziele und Weisungen Ihres Chefs zu funktionieren, sonst gar nichts. Und Sie hatten nicht „funktioniert“. Zusammenrasseln kann man nur auf gleicher Ebene, z. B. mit Kollegen. Kein Autofahrer sagt: „Mein Fahrzeug und ich haben ständig Meinungsverschiedenheiten über das morgendliche Anspringen, da rasseln wir ständig zusammen.“ Sondern er, der Käufer des Fahrzeugs und Träger von dessen laufenden Unterhaltskosten, raunzt: „Das verdammte Ding (das in meiner Rangordnung weit unter mir steht), funktioniert nicht.“ So denken auch Geschäftsführer über „motzige“ Abteilungsleiter.

Vermutlich hatten Sie es versäumt, Ihren neuen Chef sehr sorgfältig über Risiken und Chancen einer CAD-Einführung aufzuklären. Wie so viele Techniker vor Ihnen haben Sie sich auf Ihre Sachaufgaben konzentriert und nicht gemerkt, was für ein Gewitter sich über Ihrem Kopf zusammenbraut. Sie haben das taktische Element unterschätzt.

Die Drohung mit der Entlassung gegenüber einem Angestellten ist äußerstes, letztes, absolut ernstzunehmendes Warnsignal. Aber Sie trieben es (siehe 3) noch weiter.

Die Sache mit dem angedrohten Abreißen bestimmter Körperteile ist unangemessen, spricht gegen das Niveau des Chefs, dürfte von den Gesellschaftern nicht geduldet werden, gilt aber unter Männern grundsätzlich als eher harmlose Entgleisung. Konkret: Abgerissen hat noch nie jemand.

Ein Geschäftsführer sagt übrigens niemals, man müsse nach seiner Pfeife tanzen. Er meint hingegen, man müsse seine Erwartungen erfüllen, seine Weisungen umsetzen. Und das darf er ziemlich uneingeschränkt. Nur Untergebene prägen diesen Spruch mit der „Pfeife“. Sie sind damit zwar „auf dem falschen Dampfer“, fühlen sich aber dabei besser. Das alles gilt auch, wenn der Geschäftsführer objektiv im Unrecht (schwer zu beweisen) oder ein Idiot (noch schwerer …) sein sollte. Hat man einen solchen, kündigt man stillschweigend – bevor der Konflikt eskaliert.

 

Frage / 3: Bei einem dieser Gespräche habe ich mich dazu verleiten lassen, mich seinem Sprachniveau anzupassen. Einen Tag später wurde ich Knall auf Fall von meiner Arbeit freigestellt, mir wurde Hausverbot erteilt. Dann bekam ich die ordentliche Kündigung, schaltete einen Anwalt ein, erhielt dann die fristlose Entlassung. Hintergrund: Ich hatte einmal erfolglos versucht, meine Kollegen zu überzeugen, wegen der ständigen Drohungen und Beleidigungen sich bei der Muttergesellschaft zu beschweren. Dieses Gespräch wurde von einem Kollegen an den Geschäftsführer verraten.

Nach langem Hin und Her bekam ich ein Zeugnis mit sehr guter Benotung und eine Abfindung, war aber meinen gut dotierten Arbeitsplatz los. Des weiteren ist während dieser Zeit meine Ehe in die Brüche gegangen und ich beschloss, aufgrund der drohenden Arbeitslosigkeit meine Eigentumswohnung zu verkaufen.

Antwort / 3: Na da taucht sie ja doch noch einmal auf, die mit auslösende Eigentumswohnung. Und sonst? Soll ich jetzt formulieren a) man droht Chefs nicht mit dem Abreißen gewisser männlicher Körperteile und b) Anführer von Meutereien, Revolutionen etc. werden stets zuerst erschossen? Lieber nicht. Übrigens: Sich selbst und ganz offen bei den Gesellschaftern zu beschweren, wäre korrekt (wenn auch dumm) gewesen. Einen gemeinsamen Aufstand anzuzetteln, ist jedoch tödlich – solche Leute müssen weg, sofort, um jeden Preis.

 

Frage / 4: Noch während der laufenden Freistellung bei C fand ich vor etwa drei Jahren eine Anstellung als Leiter einer Konstruktionsgruppe mit drei Mitarbeitern in einer wiederum anderen größeren Stadt (Firma D, ca. 100 Mitarbeiter). Die Firma wurde von mehreren Inhabersöhnen geleitet. Der Vater meines Vorgesetzten mischte sich immer wieder ein. Wenn der Junior aus dem Haus war, kam der Senior, um nach dem Rechten zu sehen. Konstruktionen, die ich mit dem Junior besprochen hatte, wurden vom Senior über den Haufen geworfen. Ich habe aufgrund der Erfahrungen bei C meinen Mund gehalten. An eine Arbeit als Gruppenleiter war aber so nicht zu denken. Ich war knapp 40 Jahre alt und wollte mich nicht mit der Situation abfinden. Ich ging nach etwa einem Jahr.

Antwort / 4: Der Einstieg bei D als kleiner Gruppenleiter war für Sie ein Schritt zurück, Ihr Werdegang zeigte jetzt eine negative Tendenz – ausgelöst durch den Druck, unter dem Sie bei C gestanden hatten. Die Konstruktion mit den diversen Junioren und dem Senior in dem kleinen Privatbetrieb war hochexplosiv – das ist nichts für Manager, die aus größeren Firmen kommen.

Außerdem ist es stets, unabhängig von der Firmenstruktur, höchst problematisch, einen bisherigen Abteilungsleiter als Gruppenleiter mit weniger Leuten einzusetzen. Wahrscheinlich verdienten Sie auch weniger – damit hatten Sie jetzt etwas akzeptiert, dessen Ablehnung bei B die ganze Misere ausgelöst hatte. Wäre diese Akzeptanz einige Jahre früher gekommen, wäre Ihnen viel erspart geblieben (und der damalige Rückschritt beim Geld wäre im Lebenslauf nicht einmal aufgefallen).

 

Frage / 5: Vor etwa zwei Jahren übernahm ich dann beim Unternehmen E die Leitung einer Kundendienst-Niederlassung mit einigen Mitarbeitern in einer anderen Stadt. Ich hatte Grund zur Annahme, das Unternehmen sei solide und innovativ. Mir wurden sehr positive Zahlen auch für meine Niederlassung genannt.

Bei Dienstantritt folgte eine böse Überraschung: Die Mitarbeiter hatten keine Arbeit, die angekündigten Aufträge waren nicht in Sicht. Mein direkter Vorgesetzter hatte sich krank gemeldet, der Geschäftsführer war in Kur, sein Stellvertreter riet mir, Personal zu entlassen.

Nicht zuletzt wegen der kurzen Betriebszugehörigkeit bei D entschied ich mich, mich der Aufgabe zu stellen. Ich konnte den Umsatz langsam steigern, aber keine Kostendeckung erzielen. In anderen Bereichen des Hauses brachen die Umsätze ein. Der Geschäftsführer, der mich eingestellt hatte, ging zu einem größeren Unternehmen (F). Mehrere Mitarbeiter, darunter ich, wurden entlassen.

Nachdem ich mich zwischenzeitlich mehrfach erfolglos beworben hatte, nahm ich ein Angebot an, bei Firma F als Ingenieur für die Abwicklung von Reparaturaufträgen und Reklamationen tätig zu sein. Ich bin damit nicht zufrieden, da ich keine Kompetenzen und keine Personalverantwortung habe. Meine physische und psychische Verfassung hat gelitten, ich leide unter Schlafstörungen, bin öfter krank, nervös, mache Fehler.

Antwort / 5: Die Misere in fortgeschrittenem Stadium: Zwang zur Annahme von Jobs in fachfremden Bereichen, Hereinfallen auf haltlose Versprechungen, Übernahme von Positionen, die andere nicht haben wollten, Krankheit. Es findet wegen der sich überschlagenden Katastrophen keine Planung der Laufbahn mehr statt – man schiebt nicht mehr, man wird nur noch geschoben.

 

Frage / 6:

a) Wie hätte ich diesen Werdegang vermeiden können?

b) Soll ich mich mit dem neuen Arbeitsplatz abfinden, sollte ich intern ein Gespräch suchen oder besser warten, bis eine anspruchsvollere Position bei F frei wird?

c) Habe ich bei meinem Werdegang noch eine Chance, mich noch einmal neu zu bewerben?

d) Ist mein Werdegang eine Ausnahme oder müssen Arbeitnehmer sich heute auf häufige und ungewollte Firmenwechsel einstellen?

Antwort / 6:

Zu a) Durch die Situation bei B und Ihre (trotzige) Reaktion darauf wurde eine Lawine losgetreten, die immer schneller zu Tal rutschte und aus der Sie sich nicht mehr befreien konnten. Massive Fehler führten dann zum Ende bei C, der Rest war reine Kettenreaktion.

Zu b) Ihr Problem sind Werdegang und physischer und psychischer Zustand. Versuchen Sie, den jetzigen Job zu halten (arbeitslos wäre noch schlimmer) und zuerst die Gesundheit komplett in Ordnung zu bringen. Eine Theorie wie „gebt mir einen guten Job, dann bin ich gesund“, führt zu nichts.

Zu c) Jetzt, so schnell nach dem Wechsel und bei dem Gesundheitszustand sehe ich kaum realistische Chancen.

Zu d) Alles, was Ihnen geschehen ist, kommt vor. Aber, dies als klarer Trost für Jüngere: Die Häufung in einem einzigen Werdegang ist selten, damit müssen Sie nicht rechnen. Dies alles ist nur ein – negatives – Lehrbeispiel. Und vieles davon war durchaus vermeidbar!

Kurzantwort:

Eine positive Laufbahn kann jederzeit „ins Rutschen“ kommen, dabei löst leicht eine Katastrophe die nächste aus. Bei kleineren „Niederlagen“ sind Überreaktionen zu vermeiden. Es gilt stets, nie Geschobener zu werden, sondern das Heft des Handelns in der Hand zu behalten.

Frage-Nr.: 1558
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-01-26

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