Heiko Mell

Gefahr durch anonyme Angriffe

Ich bin von einem Vorgang betroffen, welcher von seiner Dimension her neu ist und – so mein Kenntnisstand – von Ihnen noch nicht behandelt wurde.

Vor achtzehn Monaten habe ich die XY AG verlassen und bin zum ABC-Konzern nach … gewechselt. Ich bin dort als …-Manager beschäftigt, mehr als zehn Mitarbeiter berichten an mich.

Mein neuer Vorgesetzter hat mich jetzt auf ein anonymes Schreiben aus dem Umfeld meines ehemaligen Arbeitgebers angesprochen und mir eine Kopie ausgehändigt.

Meine Frage an Sie ist nun, wie aus Ihrer Sicht meine Reaktion aussehen könnte und welche Reaktion Sie meinem neuen Arbeitgeber empfehlen.

Antwort:

Meinen Sie (im letzten Satz) wirklich „… Reaktion Sie meinem Arbeitgeber empfehlen“ (liest der diese Beiträge denn?) oder sollte es heißen „… Reaktion Sie gegenüber meinem neuen …“? Nun egal, ich werde beides abzudecken versuchen.

Zuerst Zitate aus zwei Dokumenten:

1. Ihr Zeugnis vom alten Arbeitgeber: „Bereits nach 1,5 Jahren übertrugen wir ihm die Leitung der Gruppe …; … leitete er verschiedene Entwicklungs- und Kundenprojekte im europäischen Umfeld; … auf internationalen Konferenzen oblag ihm die repräsentative Außendarstellung des Unternehmens; … sein ausgeprägtes Vorbildbewusstsein … und seine Fähigkeit, Mitarbeiter und Kollegen mit fachlichen Argumenten zu motivieren, …; … erledigte er die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit; wegen seines hilfsbereiten, höflichen und couragierten Verhaltens wurde Herr … von Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern geschätzt; … seines verbindlichen Auftretens … ein anerkannter Gesprächspartner; … verlässt unser Unternehmen auf eigenen Wunsch …; … bedauern sein Ausscheiden, bedanken uns für seine Mitarbeit …“

 

2. Der anonyme Brief (ohne Datum): „An die Personalleitung – persönlich -; Sehr geehrte Geschäftsführung, mit Freuden haben wir festgestellt, dass uns ein sehr ungeliebter Kollege verlässt, … Sie haben sich dieses Übel an Land gezogen. … Ihnen die ““Stärken““ des Herrn aufzuzeigen: Mobbing …, nicht fähig zur Mitarbeit im Team, führen von Grabenkämpfen …, denunzieren von Vorgesetzten, starke fachliche Lücken …, unmögliches äußeres Auftreten bei Kunden und Lieferanten…. greifen Sie frühzeitig zu Gegenmaßnahmen, bevor Ihr gesamtes Betriebsklima vergiftet ist. Es hat sehr lange gedauert, bis wir Herrn … losgeworden sind. Erst die Androhung, sich nach einem anderen Arbeitsplatz umzuschauen oder gekündigt zu werden, hat dieses Problem gelöst. Herr … drangsaliert und mobbt seine Mitarbeiter und Kollegen … Er hat … ungefähr die Arbeitskraft von drei Kollegen durch seine Grabenkämpfe verbraten und verheizt. … ist die Aufsässigkeit in Person …Ein genervter KollegePS. Falls Sie denken, dieser Brief ist ein Spaß, möchte ich Ihnen versichern, dass dies die reine Wahrheit ist. Legen Sie sich diesen Brief in Ihren Schreibtisch und erinnern Sie sich nach den ersten Vorkommnissen an diese Warnung!“

Nun mein Kommentar:

Über das Verwerfliche dieses anonymen Tuns brauchen wir nicht zu diskutieren. Hier betreibt jemand gezielt den Versuch, eine Existenz zu vernichten. Und er hätte noch nicht einmal Vorteile davon, außer vielleicht dem Gefühl von Rache und Genugtuung.

Sie, geehrter Einsender, haben nun das Problem – und müssen etwas tun. Wer daran die Schuld trägt, spielt – wie immer im Leben – keine Rolle.

Zunächst zur Sache selbst: Wie oft so etwas vorkommt, weiß ich nicht. Da Denunziation eine solide Tradition hat, ist hier eine erhebliche Dunkelziffer denkbar. Als Trost für Ängstliche: Regelfall ist dies nicht. Im Normalfall sind auch Intim-Feinde zufrieden, wenn der Gegner das Feld räumt (und die Firma verlässt) und geben dann erst einmal Ruhe. Bis man sich irgendwann einmal wieder trifft. Das aber war hier ja wohl nicht der Fall.

Entweder also steckt in Ihrer früheren Abteilung ein Psychopath – oder aber Sie haben einen Menschen dort derart gereizt, geärgert, zutiefst verletzt, gedemütigt oder was auch immer, dass er über die Grenzen menschlichen Normverhaltens hinausgegangen ist. Da dieser Mensch keinen Vorteil hat, wenn Ihnen jetzt Böses geschieht und er letzteres vielleicht noch nicht einmal erfahren würde, ist sein Handeln rational nicht mehr fassbar. Hass aber käme in Frage, dieses Motiv wäre eine ausreichende Erklärung.

Meine Analyse des anonymen Briefes (bewusst sage ich nicht, worauf meine jeweiligen Vermutungen beruhen): Der Schreiber ist fachlich kompetent und mehrjährig berufserfahren (kein Anfänger), nimmt aber keine herausgehobene Stellung in der Hierarchie ein. Er ist es nicht gewohnt, Geschäftsbriefe zu schreiben und mit höheren Ebenen zu korrespondieren, organisatorische Strukturen sagen ihm wenig. Er könnte eitel sein und / oder sehr viel auf Äußerlichkeiten (Kleidung) geben. Er gehörte eher nicht direkt zu Ihrer unterstellten Gruppe. Es ist denkbar, dass er ein Gruppenleiter-Kollege war.

Eine Schlüsselbemerkung ist das „Denunzieren von Vorgesetzten“. Abgesehen von der Ironie, die dem Schreiber entgeht (ein Denunziant beschimpft einen anderen Menschen als Denunziant), fällt diese Bemerkung im Textumfeld irgendwie auf. Gleich mehrere Vorgesetzte werden erwähnt, was auch auffällig ist. Merkwürdig: Etwa betroffene Mitarbeiter (deren Chef Sie waren) kümmern sich eigentlich nicht um das, was der Vorgesetzte mit seinem Vorgesetzten anstellt. Sie beschweren sich eher über ihren eigenen „Leidensweg“ dort.

Wenn es aber Vorfälle dieser Art (Denunziation von Vorgesetzten) gab, dann wären doch exakte Details dazu geeignet gewesen, Sie bei Ihrem neuen Chef so richtig anzuschwärzen: „Siehe, er verpfeift seine Vorgesetzten bei den höchsten Stellen“ – das hätte den neuen Chef doch viel mehr elektrisiert als die zwangsläufig nebulöse Bemerkung über die verheizte Arbeitskraft von drei Leuten.

Zu dieser Frage passt die „Aufsässigkeit“. Sie wird als Begriff ausschließlich für Auffälligkeiten im Verhältnis zu Vorgesetzten gebraucht! Wem also lag das Wohl Ihrer Chefs so am Herzen, dass er sich maßlos über Ihr Auftreten diesen Autoritäten gegenüber(!) geärgert hat? Ein Betroffener, ein Ranghöherer oder ein rangälterer Kollege, dem die Vorgesetzten-Ebene näher stand als Sie?

Hierhin gehört die klare Feststellung, dass dies alles Spekulationen sind. Ich kann mich auch irren – aber solche Briefe, auch das soll gezeigt werden, lösen zwangsläufig derartige Überlegungen aus.

Kritischer Punkt der gesamten Geschichte ist Ihr heutiger Chef. Der könnte ein Engel sein – und hätte doch den Stachel im Fleisch stecken: Ob da etwas dran ist? Ist nicht stets auch Feuer, wo Rauch ist? Selbst wenn er das Machwerk angewidert in den Papierkorb würfe (hat er nicht), bliebe etwas haften: Er beobachtet Sie kritischer; wenn Sie irgendwie auffällig werden, sind Sie schneller „dran“ als ohne diesen Brief. Im Extremfall werden Sie irgendwann sogar gefeuert für eine Geschichte, die sonst mit einem Tadel abgegolten worden wäre. Und: Der Brief ist über andere Stellen des Hauses an Ihren Chef geraten, mehrere Leute wissen darum. Fallen Sie irgendwie auf, hört sich der Chef auch noch Vorwürfe an: „Sie waren doch gewarnt.“Aber entlassen werden Sie allein wegen des Briefes nicht, dafür verachtet man allgemein zu sehr solche anonymen Schmierereien. Die ja auch frei erfunden sein können!

Aber Sie sollten etwas tun, um sich so weit wie möglich vom Verdacht zu reinigen. Alles abzustreiten ist sinnlos, das beweist gar nichts.

Wäre ich an Ihrer Stelle und guten Gewissens, ginge ich zu meinem früheren Vorgesetzten und zu etwa drei, vier ehemaligen Mitarbeitern und Kollegen dort. Denen erzählte ich von dem Brief und bäte sie um eine schriftliche Erklärung: Sie wären von dann bis dann in der und der Funktion dort tätig gewesen und würden gern bestätigen, dass nach ihrer Kenntnis nichts an diesen Vorwürfen „dran“ wäre. Im Gegenteil, Sie wären ihnen als allgemein geschätzter und angesehener Mitarbeiter der Abteilung bekannt, die aufgeworfenen Vorwürfe seien vollständig haltlos.

Ob Ihr früherer Vorgesetzter das unterschreibt (wenn, dann auf privatem Briefbogen, die Firma wird er dort nicht hineinziehen wollen, die hat ja bereits das offizielle Zeugnis ausgefertigt), ist offen. Aber ein bisschen moralische Mitschuld hat er. Schließlich kann der anonyme Denunziant nur aus seiner Abteilung stammen, er muss ihm unterstellt sein.

Ihrem neuen Chef sollte eine solche Bestätigung helfen, die Sache zu vergessen, den Original-Anschwärzungsbrief zu vernichten und zur Tagesordnung überzugehen.

Natürlich ist dieser Weg nur gangbar, wenn nicht doch Feuer war, wo jetzt Rauch aufsteigt … (wenn sich also frühere Chefs und Mitarbeiter finden, die gern bestätigen, …).

Ich habe sorgfältig überlegt, ob es sinnvoll ist, diesen Fall an die Öffentlichkeit zu bringen. Schließlich könnten Nachahmer erst auf die Idee gebracht werden. Aber letztlich schien mir die Verpflichtung zur Information schwerer zu wiegen. Nur wenn die Leser alle denkbaren Vorkommnisse kennen, können sie z. B. in eigener Angelegenheit fundierte Ursachenforschung betreiben. Und eines lernt man auch: Es gilt, während einer Beschäftigungszeit nicht nur an bösartige Chefs zu denken, die eines Tages Zeugnisse schreiben, sondern auch an bösartige Kollegen, die möglicherweise … Aber ich versichere noch einmal: Standardverhalten ist das nicht, also bloß keine Panik. Und jeder potenzielle Täter muss damit rechnen, selbst auch Opfer zu werden, vielleicht bremst ihn das.

Schließlich müsste er mit straf-, mindestens jedoch mit zivilrechtlichen Folgen rechnen, wenn er als Urheber identifiziert wird. Seien Sie sicher: Ihre Initiative gemäß meiner Anregung würde eine Menge Staub in jener Abteilung aufwirbeln und dort viele Hobby-Detektive auf den Plan rufen. Das hätten Sie nicht gewollt – aber auch das käme noch auf das Schuldkonto des Denunzianten. Um Ihre Haut zu retten, muss Ihnen das erlaubt sein – solange kein Feuer war, wo es jetzt so stark qualmt.

Kurzantwort:

Das Problem auch bei anonymen Anschuldigungen: Es bleibt nur allzu leicht etwas hängen. Der Betroffene sollte im eigenen Interesse alles tun, um seine Unschuld zu unterstreichen (auch wenn das aus rechtsstaatlicher Sicht nicht unbedenklich ist).

Frage-Nr.: 1553
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 52
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-12-29

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