Heiko Mell

Schon zu spät?

Als promovierter Ingenieur bin ich mit 41 Jahren immer noch Sachbearbeiter ohne Führungsverantwortung. Das möchte ich ändern.

Bei Vorstellungsgesprächen bekomme ich (mündlich) Zusagen bis hin zur Position eines Konstruktionsleiters. Allein – ich soll zunächst erst ein Jahr im Team mitarbeiten, um die Firma und das Produkt kennen zu lernen.

Wie kann ich den für ein Jahr später geplanten Schritt in die Führungsverantwortung absichern? Muss ich das ganze Risiko allein tragen? Gibt es eine Möglichkeit, das Risiko zu teilen? Was wird, wenn die Tochter des Inhabers einen Ingenieur heiratet?

Anlage: Lebenslauf

Antwort:

Wie erreicht man ein wichtiges Ziel, z. B. den Aufstieg in die Führungsebene? Nun, man marschiert vom Start an planvoll, engagiert und eben „zielstrebig“ darauf zu. Man sammelt Informationen über die gängigen Wege zum angestrebten Endpunkt – und vermeidet es, während der Realisierungsphase noch andere, mit dem ersten konkurrierende Ziele zu verfolgen. Man konzentriert eben alle Kräfte im Hinblick auf das angestrebte Resultat. Übrigens: Mit dieser höchst simplen, absolut logisch erscheinenden und völlig unkomplizierten Methode lässt sich erstaunlich viel erreichen.

Nehmen wir einen jungen Mann von sechzehn Jahren. Er will ein eigenes Auto, mit jeder Faser seines Herzens. In zwei Jahren macht er den Führerschein und wieder ein, zwei Jahre später soll der Gebrauchtwagen dann verfügbar sein. Machbar? Machbar! Es sei denn, er entdeckt inzwischen, dass es auch noch teure Freundinnen gibt, dass er dringend am „Ballermann 6“ gewesen sein muss und dass er noch dringender eine Hi-Fi-Anlage größeren Umfangs braucht. Ist das Hauptziel Auto dann immer noch machbar? Nicht mehr machbar!

Ich bitte um Nachsicht, aber so furchtbar banal und einfach ist „das Leben“. Man kann das auch anders ausdrücken: Diejenigen, die von Anfang an wissen, was sie wollen und den Weg zum Ziel konsequent gehen, sind denen gegenüber deutlich im Vorteil, die irgendwo „spazieren“ gehen, dabei Zeit verlieren und dann bei einsetzender Abenddämmerung plötzlich erkennen, dass ein weit entfernter Berggipfel reizvoll ist und unbedingt noch erreicht werden soll.

Und nach dieser intensiven Vorbereitung sehen wir uns den Lebenslauf an: Mit 26 TH-Ingenieur, da war die Welt noch in Ordnung. Dann sieben lange Jahre bis zur Promotion an der Uni, Abschluss also mit 33. Das war ein erstes Warnzeichen – der junge Mann blieb erstmals hinter Erwartungen an die spätere Führungskraft zurück.

Was, liebe Leser, tut jemand, der auf ein Ziel hinmarschiert, dabei in der letzten abgeschlossenen Phase viel Zeit verloren hat (wer daran die „Schuld“ trug, spielt im Leben überhaupt keine Rolle)? Richtig, er geht am nächsten Tag nicht etwa schneller, er legt eine große Pause ein (was hatten Sie denn gedacht?). Also findet sich im Lebenslauf nun eine siebenmonatige Weltreise. Mit ein bisschen Zeit davor und danach beginnt der Berufseinstieg neun Monate nach – ohnehin spätem – Promotionsabschluss.

Ich sage ja immer: „Da oben“ sitzt jemand, dreht an irgendwelchen Rädchen – und freut sich, wenn er es gelegentlich schafft, viele kleine Misshelligkeiten auf einen Punkt zu konzentrieren. In diesem Fall befand sich genau jetzt die Wirtschaft in extrem rasanter Talfahrt und steuerte mit Schwung in die größte Krise der Nachkriegszeit hinein – in der alles zu haben war, bloß kein Job für Anfänger und schon gar keiner für zu alte, die sich gerade Freizeitinteressen größeren Stils gewidmet hatten.

Die Folge: Nur eine freiberufliche Tätigkeit (zwei Jahre) in einem Ingenieurbüro. Das alles liest berufslebenslang jeder Bewerbungsempfänger und denkt etwa das, was aus meinen Worten auch herauszulesen ist. Und freiberufliches Tun ist überhaupt nicht gut, wenn man Angestellten-Karrieren plant.

Dann kommen zwei Jahre bei einer internationalen Regierungsbehörde im Ausland. Wie war das noch mit dem Ziel und dem konsequenten Daraufzugehen?

Dann endlich findet sich, mit 37 Jahren, der Eintritt in die Industrie mit nichtführenden Entwicklungsaufgaben. Und da stehen Sie heute noch.

Bitte, ich will Sie weder kritisieren noch etwa „herunterputzen“, schließlich bin ich nicht Ihr Richter. Aber ich muss – ein bisschen für Sie, vor allem aber für potenzielle Nachahmer – Ursachen für Entwicklungen aufzeigen. Auf dass andere gewarnt sind.

Jetzt sind Sie – Leute wie Sie sind das fast immer – mit hoher Sicherheit ein fachlich hochqualifizierter Ingenieur mit enormer Erfahrung, den viele Bewerbungsempfänger gern in ihrem Team hätten, dessen Wissen und Können sie als interessant einstufen.

Aber ist das, was sich in Ihrem Lebenslauf zeigt, auch das „Holz, aus dem man Führungskräfte schnitzt“? Sehen Sie, genau da liegt des Pudels Kern. Mit 35 (eher früher) soll „Leiter“ auf der Visitenkarte stehen. Danach fährt der Zug ins Management langsam ab.

Ich arbeite in meinem „Hauptberuf“ gerade an der Besetzung der Position eines technischen Leiters in einem größeren mittelständischen Unternehmen. Die sieben zum Vorstellungsgespräch gebetenen Bewerber waren jeweils mit 35 Jahren (die Zahl in Klammern gibt die damals unterstellten Mitarbeiter an):

  •  Leiter Teilefertigung (250 MA)
  •  stv. Betriebsleiter (150 MA)
  •  Leiter techn. Zentralplanung (30 MA)
  •  Betriebsingenieur und stv. Produktionsleiter (300 MA)
  •  Betriebsingenieur und Assistent der Fertigungsleitung (noch keine wirkliche disziplinarische Führung, die kam aber zwei Jahre später)
  •  Leiter Montage-Gruppe in der AV (4 – 5 MA)
  •  technischer Leiter (80 MA)

(Anmerkung: Die „Produktionslastigkeit“ der Bewerber war hier gewollt.)

Sie, geehrter Einsender, sollen aus dem Gesagten nur erkennen, warum Sie auf Zurückhaltung bei Bewerbungsempfängern stoßen. „Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten“, heißt es – Ihr Lebenslauf zeigt genau das eben nicht.

Zum konkreten Fall: Das Ihnen gemachte Angebot, zunächst ein Jahr im Team zu arbeiten und dann etwas zu „werden“, hat seine Tücken (ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass dieser Fall in der Form mehrfach passiert ist, wie Ihre Formulierung aussagt). Die Beweggründe des potenziellen Arbeitgebers habe ich oben verdeutlicht – er „traut dem Braten nicht“.

Ihr Risiko: Sie als führungsunerfahrener und – vermutlich – führungsunbegabter Mensch sollen in einer neuen Umgebung ein Jahr als nichtführender Mitarbeiter tätig sein und dabei Ihre Führungsfähigkeiten unter Beweis stellen. Das, so fürchte ich, geht schief.

Es ist ja eben so, dass Sie nicht wissen, wie man als „Sachbearbeiter“ Managementqualitäten zeigt – sonst hätte Sie doch bisher längst jemand befördert. Unter dem erhöhten Druck des Test-Jahres, misstrauisch beäugt von Kollegen, deren Chef Sie werden sollen, funktioniert das ohnehin nicht. Wenn Sie nichts in der Hand haben als die mündliche Absichtserklärung Ihres Chefs, ist das viel zu dünn, um auf der Basis zu wechseln. Sie brauchen also klare vertragliche Regelungen.

Ich meine, Sie sollten – bei diesem potenziellen Arbeitgeber oder eben bei weiteren – nur eine dieser Varianten anstreben:

1. Sie sind alt genug, Sie sind erfahren genug und mehr Talent als jetzt bekommen Sie nie mehr. Also erkämpfen Sie sich einen Vertrag, der „hier und jetzt“ die Übernahme einer Führungsposition vorsieht. Das ist üblich, als Absicherung gegen sein Risiko hat der Arbeitgeber die Probezeit. Viele Manager sind auf diesem Weg aufgestiegen.

2. Mit etwas „Bauchschmerzen“ könnten Sie noch akzeptieren: „Herr … tritt am 01.04.2001 bei uns ein. Das erste Beschäftigungsjahr dient der Einarbeitung in die internen Zusammenhänge und in die spezielle Technik unserer Produkte. Die ersten sechs Monate davon gelten als Probezeit. Zum 01.04.2002 übernimmt Herr … die Leitung …“ Dann muss der Arbeitgeber eben die Probezeit nutzen, um sowohl Ihre fachlichen als auch Ihre führungsbezogenen Qualitäten zu prüfen (letzteres geht zwar gar nicht, das ist aber vorrangig sein Problem).

Nr. 2 ist die schwächere Variante. Und das sogar für den potenziellen Arbeitgeber – der sich schlicht nicht traut, eine Entscheidung zu treffen. Das ist typisch für sehr kleine Privatunternehmen (ich führe selbst ein solches). Der künftige Chef denkt bloß, das sei eine tolle Idee – in Wirklichkeit sind dabei Ihre (ja auch im Firmeninteresse liegenden) Bewährungschancen viel schlechter als wenn Sie gleich leitend einstiegen. Jede neue Führungskraft muss erst Firma und Produkte kennen lernen – man kann aber doch nicht jeden neu eingestellten technischen Leiter als Sachbearbeiter anfangen lassen! Und: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch (ein bisschen) Verstand; Chef zu werden ist schwieriger als nur Chef zu bleiben.Was mir noch einfällt: Es könnte durchaus sein, dass Sie im Vorstellungsgespräch einen persönlichen Eindruck hinterlassen, der die Bedenken des potenziellen Arbeitgebers in Sachen „Führungsbegabung“ noch unterstreicht oder gar erst hervorruft. Versuchen Sie gegebenenfalls, ein Karriereberatungsgespräch bei einem neutralen Berater zu führen, der könnte Ihnen helfen.

Die Sache mit der Tochter des Inhabers ist witzig. Was ist denn das für ein Weltunternehmen? Sie sind heute bei einem internationalen Konzern tätig, der allein in Deutschland fast tausend Leute beschäftigt. Ihre „Tochter“-Geschichte klingt nach 10 Mann-Betrieb. Und was ist, wenn Ihnen auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch ein Dachziegel auf den Kopf fällt? Entschlossenheit, Zielstrebigkeit, Risikobereitschaft und Mut zeichnen den Manager aus. Weniger die Angst vor potenziellen Liebhabern der Töchter ihrer Chefs.

Kurzantwort:

Wenn man vom (beruflichen) Start weg entschlossen auf ein klares Ziel zusteuert und dem klare Priorität zuweist, kann man erstaunlich viel erreichen. Im anderen Fall eher nicht, Versäumtes ist nur schwer nachholbar.

Frage-Nr.: 1552
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-12-22

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