Heiko Mell

Das Aufstiegsgespräch mit dem Chef

Ich bin seit einigen Jahren in meiner ersten Anstellung seit Studienende tätig. Mit der Aufgabe, der Anerkennung meiner Leistung und dem kollegialen Miteinander bin ich sehr zufrieden.

Mein Problem ist die Perspektivlosigkeit in dem kleineren, inhabergeführten Privatunternehmen. So gut wie die bisherige Entwicklung für mich war, so schlecht sehen die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten für mich aus. Eine Weiterentwicklung ist nur mit einem weiteren Wachstum des Unternehmens möglich. Sogar die persönliche Weiterentwicklung durch Schulungen und Seminare fällt wegen Zeitmangels (Tagesgeschäft) aus.

Soll ich meine Unzufriedenheit (Perspektivlosigkeit) in einem Gespräch mit dem Inhaber direkt ansprechen, um eine Lösung ohne Unternehmenswechsel zu finden? Vielleicht sagt er mir dabei, dass es keine Möglichkeit gibt, dass so etwas nur in Verbindung mit dem weiteren Wachstum möglich wäre – oder dass das Unternehmen meine Leistungen ja wohl ausreichend gewürdigt und honoriert hat und dass ich mal schön auf dem Teppich bleiben soll.

Dieser Gesprächsverlauf hätte dann aber zur Folge, dass ich das Unternehmen in absehbarer Zeit verlassen müsste.

Antwort:

Dieses Gespräch mit dem Chef, vor dem Aufstiegsinteressierte früher oder später stehen, ist von ganz zentraler Bedeutung. Zunächst ein Grundsatz, den wir hier berücksichtigen müssen: Ernsthaften Bitten oder Wünschen eines wichtigen beruflichen Partners darf man nicht mit einem kategorischen „Nein“ oder einer aufwendig verpackten Null-Lösung begegnen. Tut man es doch, ist eine tiefgreifende Störung des Verhältnisses die Folge: Der Fragesteller verliert sein Gesicht und hat das Gefühl, er könne sich das nicht gefallen lassen und müsse nun irgendwie „handeln“. Bittet zum Beispiel der Mitarbeiter seinen Chef um etwas Wichtiges, so besteht sein Handeln nach einer Ablehnung des Wunsches meist in der Vorbereitung des Verlassens der Firma. So glauben beispielsweise Sie, bei einer Abweisung gehen zu müssen.

Deshalb sagt ein erfahrener Chef, der den Mitarbeiter halten will, niemals nur „nein“, wenn der Angestellte irgendetwas erbittet. Ebenso sagt ein kluger Mitarbeiter, der vom Vorgesetzten beispielsweise um einen Wochenendeinsatz, eine Urlaubsvertretung o. ä. gebeten wird, auch nicht „nein“ – sondern sucht in jedem Fall einen Ausweg, macht anderweitige Angebote / Lösungsvorschläge.Das gilt übrigens stets im Leben. Selbst Ihr Nachbar, den Sie um eine Reduzierung ständigen Musiklärms bitten, weiß: Ein „ich denke nicht daran“ bedeutet Feindschaft und Krieg, irgendeine Art des Versprechens eines Entgegenkommens muss der Fragesteller mit nach Hause nehmen, wenn man auch in Zukunft miteinander auskommen will.

Die höhere Schule der Verhandlungskunst besteht nun darin, von seinem Partner auch nie direkt etwas zu fordern, was der gerechterweise gar nicht gewähren kann.

Dazu zwei Beispiele, auf Ihre Situation abgestimmt:

1. Mitarbeiter A lässt sich beim Inhaber melden und fragt ganz höflich und sachlich: „Ich bin sehr an einem Aufstieg in eine Position mit klarer Personalverantwortung interessiert. Welche Möglichkeiten dazu habe ich in Ihrem Unternehmen?“

Der Chef sieht keine solche Chance, redet ein wenig vertröstend drumherum, zeigt aber – mangels Masse – keine konkrete Perspektive auf. Mitarbeiter A empfindet das als Niederlage, ist enttäuscht und sieht keine andere Chance als zu gehen. Und zwar bald – er hat dem Chef gegenüber seine Pläne offengelegt und fühlt sich unter dem Druck stehend, nun irgendwie aktiv reagieren zu müssen. Und er muss befürchten, dass sich der Chef vorsichtshalber schon einmal um einen Nachfolger kümmert. Das erhöht den Wechseldruck.

2. Mitarbeiter B kennt den erwähnten Verhandlungsgrundsatz (als Gebender einen Fordernden nie mit einem reinen Nein eine Niederlage bereiten, als Fordernder nie etwas wollen, das der Angesprochene objektiv gar nicht geben kann). Er beginnt das Gespräch mit positiven Aussagen zu seiner Situation (Aufgabe, Anerkennung und kollegiales Umfeld). Es kann auch nicht schaden, wenn er sagt, wie dankbar er ist für die Chance, die man ihm damals gegeben hat, als er in diesem Unternehmen anfing. Dann formuliert er etwa so:

„Ich bin also mit dem Erreichten bisher sehr zufrieden. Natürlich bemühe ich mich, den Blick auch immer weiter nach vorn zu richten, so wie ich das ja auch bei den sachlichen Problemstellungen tue, mit denen ich täglich konfrontiert bin. Ich würde also gern die Gelegenheit nutzen und Sie fragen, wie Sie mit meiner Arbeit und mit meiner Person zufrieden sind – und welche Möglichkeiten Sie für meine weitere Entwicklung sehen. Natürlich würde ich gern auch eines Tages Personalverantwortung übernehmen, wenn sich die Chance dafür ergibt.“

Der erste Teil der Frage (wie beurteilt der Chef den Fragesteller) ist sachlich hier eher unerheblich – erfüllt aber eine wichtige Nebenfunktion: Der Chef bekommt Gelegenheit, lang und breit zu loben, also positive Aussagen zu machen – ohne dass ihn das irgendetwas kostet oder ihn konkret verpflichtet. Das wiederum gibt dem Frager die Chance, sich warmherzig zu bedanken, so dass das Gespräch insgesamt in einer sehr positiven Atmosphäre stattfindet.

Dann muss der Chef irgendwann zu dem anderen (Haupt-)Teil der Frage kommen. Angenommen, er zeigt ebenfalls (wie bei A) – mangels Masse – keine konkrete Perspektive auf. Er hat aber hier so viel an Positivem verbreitet, dass Mitarbeiter B keinesfalls das Gesicht verliert und sich zu irgendwelchen Handlungen (schnelle Kündigung) gezwungen sieht. Auch darf der Chef hoffen (wenn auch natürlich vergeblich), der Mitarbeiter hätte vor lauter Lob des Vergangenen und Gegenwärtigen gar nicht gemerkt, dass über die Zukunft nichts Konkretes gesagt wurde. Also befürchtet auch der Chef keine Spontanreaktion, muss sich nicht schon nach einem Nachfolger umsehen. Resultat: Mitarbeiter B hat dieselbe Information wie A, steht aber jetzt überhaupt nicht unter Druck, hat keinerlei Gesicht verloren und kann in Ruhe seine Entscheidung treffen und umsetzen.

Kurzantwort:

Man soll ernsthafte Bitten / Wünsche eines wichtigen beruflichen Partners (Mitarbeiter, Chef) nicht mit einem kategorischen Nein abschmettern. Und ebenso keine Bitten vortragen, die der Partner objektiv gar nicht erfüllen kann. Denn jedes „Nein“ reißt Gräben auf.

Frage-Nr.: 1544
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-11-24

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