Heiko Mell

Zurückgesetzt?

Seit etwa 1,5 Jahren bin ich in meinem ersten Anstellungsverhältnis bei einem großen Entwicklungsunternehmen für …technik tätig. Mein Vorgesetzter war bisher mit mir stets sehr zufrieden, was sich auch in der Gehaltsentwicklung bemerkbar machte.

Da unser Bereich überdurchschnittlich wächst, hat sich mein bisheriger Vorgesetzter entschieden, sogenannte „Fachgebietsverantwortliche“ einzuführen. Damit bekommt er jeweils einen direkten Ansprechpartner für die einzelnen Gebiete, was ich durchaus nachvollziehen kann.

Da ich eher zu den jüngeren Mitarbeitern zähle, wurde ein älterer Kollege als „Sprachrohr“ zu meinem Vorgesetzten bestimmt, was auch wegen seiner längeren Erfahrungen als sinnvoll angesehen werden kann.

Leider hat diese Entscheidung zur Folge, dass sich die Kommunikation mit meinem bisherigen direkten Vorgesetzten nur noch auf dem Wege über die mir jetzt vorgesetzte Person vollzieht, was absolut nicht zur Steigerung meiner Motivation führt.

Aus diesem Grund mache ich mir Gedanken, ob ich einen Wechsel in Betracht ziehen soll. Damit würde ich wieder in eine kleinere Gruppe kommen wollen. Dort hätte der Vorgesetzte die Möglichkeit, die Arbeit und Qualität seiner Mitarbeiter direkt und nicht über „Sprachrohre“ anzuerkennen.

Antwort:

Jeder Fachmann weiß: Der betroffene Mitarbeiter empfindet dieses Abschneiden des direkten Berichtsweges zum vertrauten unmittelbaren Vorgesetzten als negativ, ja als Zurücksetzung. Ihre Empfindungen, geehrter Einsender, sind also „normal“ – dies als erstes, zur Beruhigung gedachtes Signal.

Auch sachlich liegen Sie durchaus richtig: Ihr „Sprachrohr“ ist einfach eine zusätzliche Hürde, die Sie zukünftig nehmen müssen. Dieser neue „Vorgesetzte“ hat selbst keine Disziplinargewalt, kann Sie also weder befördern noch mit Gehaltserhöhungen beglücken. Aber Ihr „richtiger“ (bisheriger) Vorgesetzter, der kann das alles – stützt sich aber in Zukunft bei der Wertung Ihrer Arbeit und Persönlichkeit stark auf das ab, was das „Sprachrohr“ ihm berichtet. Sie müssen also in Zukunft zwei Leute überzeugen. Und wenn einer davon negativ urteilt, sieht es nicht gut aus für Sie. Fazit: Ihre Situation hat sich verschlechtert.

Es gibt nebenbei auch Vorteile grundsätzlicher Art durch die neue Organisation: Ihre Institution „Sprachrohr“ (ich hoffe, der arme Funktionsträger heißt nicht wirklich so) ist eine neue Chance, etwas zu werden, den Kopf aus der Masse zu stecken.

Ich empfehle Ihnen, ruhig zu bleiben und die Übersicht zu behalten. Was ist denn eigentlich passiert? Nichts! Jedenfalls nichts, was eine Auswirkung auf Ihre Zukunft hätte. Das, was Sie als eine Art Degradierung empfinden, erfährt später niemals jemand, das taucht in Ihren „Papieren“ nirgendwo auf. Das ist in dieser überwiegend auf dem Wertfaktor „Schein“ aufgebauten Gesellschaft schon die halbe Miete.

Sie haben heute einen für Sie wichtigen Menschen, der ein gutes Urteil über Sie abgeben soll („Sprachrohr“) und einen zweiten, der das glauben muss („bisheriger Vorgesetzter“). Genau so wäre das überall dort, wo Sie jetzt hingingen. Wenn Sie anderswo direkt einem Abteilungsleiter unterstünden, müssten Sie auch den und seinen Chef von Ihrer Qualifikation überzeugen (weil es üblich ist, dass auch Disziplinarvorgesetzte ihre geplanten Maßnahmen im Personalbereich von ihren Vorgesetzten „abzeichnen“ lassen).

Also bleibt nur die momentane „Demütigung“, einem ehemaligen Kollegen unterstellt zu sein. Schlucken Sie die hinunter, dann sind Sie mit Ihrem ganzen Problem fertig. Da ein Wechsel, der nur aus diesem Grund erfolgte, neue Risiken mit sich brächte, ist dieses „Schlucken“ das kleinere Übel.

Die Basis für meine Empfehlung ist diese: Sie werden größere Probleme im Berufsleben bekommen, warten Sie nur etwa zehn Jahre ab. Als eiserne Regel gilt: Man läuft nicht weg vor Schwierigkeiten, man besiegt sie. Nur wenn es „knüppeldick“ kommt, kann Weglaufen vernünftig sein. Dies jedoch ist noch kein Knüppel, dies ist ein Strohhalm. Und leider gilt: Wer einmal wegläuft, läuft öfter. Denn „SIE TUN ES IMMER WIEDER“. Werden Sie lieber selbst „Sprachrohr“. Demnächst.

Kurzantwort:

Bei „Demütigungen“ oder „Degradierungen“ aller Art ist auch zu prüfen, ob spätere Leser von Bewerbungen diese überhaupt erkennen. Sofern nicht, gilt die Regel, dass man Schwierigkeiten überwindet, statt vor ihnen wegzulaufen.

Frage-Nr.: 1538
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-10-27

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