Heiko Mell

Als Top-Absolvent in den Niederungen der Startposition

Ich bin promovierter Dipl.-Ing. mit wirtschaftswissenschaftlicher Zusatzqualifikation. Vor ein paar Jahren startete ich, damals Ende 20, in einem der großen deutschen Konzerne.Nach Ablauf des Traineeprogramms übernahm ich die Leitung eines kleinen Produktionsbereiches mit einigen Meistern und mehr als 100 Mitarbeitern.

Mein Ziel besteht nun darin, in höhere Führungspositionen im Unternehmen zu kommen.

1. Wie sieht in meinem Fall der weitere ideale Karriereplan aus? Welche Tips können Sie zu dessen Verwirklichung geben?

2. Ist es sinnvoll, in andere Unternehmensbereiche (Entwicklung, Einkauf …) zu wechseln?

3. Wie bereitet man einen solchen innerbetrieblichen Wechsel vor? Die Vorgesetzten sind bestimmt nicht erfreut, wenn ein guter Mitarbeiter ihren Verantwortungsbereich verläßt.

4. Wie kann man in anderen Unternehmensbereichen oder in höheren Führungsebenen auf sich aufmerksam machen?

Antwort:

Ich muß zunächst etwas erklären, was die anderen Leser nicht wissen können: Sie, geehrter Einsender, haben, Ihre beigefügten Unterlagen weisen es aus, einen TU-Abschluß, der muß jeden Betrachter zutiefst deprimieren, so hervorragend ist er.

Dabei steht dieses Examen nicht nur für positive Aspekte, sondern auch für eine Reihe denkbarer Probleme. Wenn in einem Vorhaben von so entscheidender Bedeutung, wie es das Studium nun einmal ist, alles, aber auch wirklich alles mit denkbaren Maximalwerten in der Benotung abschließt, dann kommen aus dieser Phase keine prägenden Erfahrungen verschiedener Art, die so wichtig sind für die Persönlichkeitsformung und Ausbildung einer realistischen Einstellung zum Leben:

Sie haben keine Begabungsschwerpunkte entwickeln können.Sie durften nicht erfahren, wie das ist, wenn man auf einem Gebiet an seine Grenzen stößt, wenn mehrere andere etwas schlicht viel besser können (man also irgendwo auf „Ausreichend“ steht, z. B.).Sie haben keine jener Niederlagen erlitten, an denen wir so ungleich stärker reifen als an ständigen Siegen.

Alle Probleme, die man Ihnen auf den Tisch legte, konnten Sie zu einhundert Prozent überzeugend lösen – durch Intelligenz, Fleiß, Begabung, Planung oder alles zusammen. Da blieb nichts, was Sie mit Ihren Mitteln nicht „aufdröseln“ konnten.

Und offensichtlich sind Sie auch nicht auf einen einzigen Professor gestoßen, der sich getraut hätte, Sie wenigstens einmal ein bißchen weniger gut leiden zu können (geschweige denn, daß einer je gewagt hätte, Sie etwa mit einem einzigen profanen „Gut“ am Boden zu zerschmettern).

Sie waren stets sehr gut, doch Sie durften hoffen, Ihre vorgesetzten Professoren seien irgendwo noch besser. Jetzt, im betrieblichen Alltag werden Sie kaum je auf einen Chef treffen, dessen Examen dem Ihren das Wasser reichen kann. Nicht einmal in Ihrem Top-Konzern.Das alles war nur das Studium – das bei dieser Art von Resultat besonders unvollkommen auf die Praxis vorbereitet. Jetzt haben Sie das Gefühl, es sollte mit Ihnen beruflich irgendwie weitergehen, was ich gut verstehe. Dazu muß es einen perfekten Weg geben – wie es für Sie bisher immer brillante Lösungen für alles gegeben hat.

Es gibt zwei Typen von Einser-Leuten: Solche, die in der betrieblichen Praxis dennoch sehr gut einsetzbar sind und solche, die sich dafür überhaupt nicht eignen. Ich traue Ihnen zu, zur ersten Gruppe zu gehören – aber der liebe Gott hätte ja fast schon ein wenig übertrieben, hätte er Ihnen jetzt auch noch das einnehmende Äußere, die überzeugende Persönlichkeit, die charismatische Ausstrahlung, die überragenden Managementfähigkeiten u. a. m. mit auf den Weg gegeben.

Ich rate Ihnen zur Analyse. Maßstab sind die anderen. Andere Doktoranden vielleicht und vor allem andere Nachwuchsleute Ihres Konzerns. Dann beziehen Sie meine obigen Aufzählungen dessen ein, was Ihnen „entgangen“ sein könnte(!) wegen Ihrer guten Noten. Schließlich kommen Sie zu einer Art Stärken-Schwächenprofil.

Dann erst lassen sich konkrete Antworten geben auf einige Ihrer Fragen.

Zu 1: Kern eines jeden Karriereplans ist die Zielsetzung, hier also eine ernsthaft anzustrebende Zielposition. Die darf und könnte durchaus, muß aber selbstverständlich nicht „Konzernvorstand“ heißen, ebenso denkbar sind „Werkleiter“ oder „Chef der Konzernstabsabteilung Fertigungstechnik“ oder „Geschäftsführer eines großen Zulieferers“ oder „Manager / Inhaber einer entsprechenden Unternehmensberatung“.

Nur mit dieser Zielsetzung auf der einen und Ihrer Stärken- / Schwächenanalyse auf der anderen Seite läßt sich dann eine Art Karriereplan aufstellen. Im Augenblick fragen Sie mich, was Sie wollen sollen.

Aber Achtung: Auf Ihrem bisherigen Weg haben rein fachliche Aspekte dominiert. Die können Sie bei den guten Noten für den Rest Ihres Lebens „abhaken“. Alles was jetzt kommt, wird von Ihren Persönlichkeitsfaktoren bestimmt. Und die kenne ich nicht.

 

Zu 2: Die typischen modernen Konzernwerdegänge (für die eigenen Mitarbeiter eines Konzerns) sehen so etwas vor. Ziel ist die universelle Ausbildung und Verwendbarkeit künftiger hauseigener Top-Manager, die möglichst viel von einem Generalisten bekommen sollen. Aber: So zieht man „konzernverwendungsfähige“ Manager heran, weniger Mitarbeiter mit optimalem Marktwert auf dem Arbeitsmarkt. Wenn sich eine solche Führungskraft mit ein bißchen Fertigungsleitung, etwas Einkauf und einer Prise Sonderprojekterfahrung extern bewerben will oder muß, hapert es häufig mit der Akzeptanz: Ziel ihres Weges war ja die optimale Verwendungsfähigkeit im XY-Konzern – dafür aber entfällt mit der Bewerbung die „Geschäftsgrundlage“. Fremde Konzerne nehmen oft gar keine höherrangigen Bewerber von draußen und der – auch der große – Mittelstand bevorzugt Produktionsleiter, die „immer Produktion gemacht“ haben.

Ich rate heute jedem jungen Akademiker, stets ein waches Auge für den Markt „draußen“ zu haben (lesen Sie routinemäßig die Stellenangebote) und nicht mehr blind und bedingungslos auf die interne Konzernkarriere zu setzen. Die nächste Fusion, feindliche Übernahme o. ä. kommt so sicher wie Ostern!

 

Zu 4: Zunächst durch brillante Arbeit am derzeitigen Platz, beste Beurteilung durch den Vorgesetzten inbegriffen. Dazu gehören Ideen und Maßnahmen zu Stückkosten- oder Krankenstandssenkung, zur Qualitätssteigerung, zur personellen Rationalisierung etc. Dann kommen die Mitarbeit in Projektgruppen, Präsentationen vor höherrangigen Managementgremien, Veröffentlichungen etc. in Frage. Wobei Sie beachten müssen, daß Konzerne wie der Ihre in langfristigen Zusammenhängen denken. Fünf Jahre Verweildauer pro Position dürften dem Standarddenken entsprechen, bei – seltenen – Blitzkarrieren kann das auf zwei bis drei Jahre heruntergehen. Und innerhalb eines solchen Zeitraumes fallen Ihre Qualitäten schon auf – wenn sie denn im Rahmen der betrieblichen Maßstäbe vorhanden sind. Wer in fünf Jahren keine Profilierungschance findet – hat keine verdient.

 

Zu 3: Diese zentrale Frage läßt sich besser separat beantworten. Mir liegt ein spezielle Einsendung dazu vor. Also verweise ich ausnahmsweise einmal auf die nächste Folge (Frage 1.463).

Kurzantwort:

1. Wer in der wichtigen, prägenden Zeit des Studiums weder seine Stärken kennenlernen konnte, noch an Grenzen seiner Fähigkeiten gestoßen ist (weil alle erreichten Noten positive Maximalwerte darstellen), dem fehlt vermutlich auch eine wesentliche Orientierungshilfe für seine beruflichen Planungen.
2. Jede Karriereplanung setzt eine Zieldefinition voraus. Die muß der Betroffene selbst liefern.
Frage-Nr.: 1462

Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-02-04

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