Heiko Mell

Weniger Job-Sicherheit als „Leitender Angestellter“?

1.129. Frage: Ich bin seit mehr als fünf Jahren in einem internationalen Konzern tätig. Seit gut einem Jahr bin ich Leitender Angestellter mit Handlungsvollmacht und gehöre dem mittleren Management der deutschen Gesellschaft an. Ich bin 32 Jahre alt.

Aus bestimmten Gründen, die mit internen Umstrukturierungsmaßnahmen zusammenhängen, mache ich mir zum ersten Male Gedanken um meine berufliche Zukunft bei diesem Konzern.

In diesem Zusammenhang höre ich immer wieder, daß mit der Position des „Leitenden Angestellten“ weniger Job-Sicherheit verbunden ist als mit dem vorherigen „normalen“ Angestelltenverhältnis.
Ist das richtig?

Antwort:

Die rechtliche Situation des Leitenden Angestellten ist ein hochkompliziertes Thema, das zur Gesamtdarstellung einen ausgebildeten Juristen erfordert, der sich noch dazu ständig damit befaßt. Und die Gesamtthematik ließe sich nur in Form eines größeren Buches richtig würdigen.Ich will mich hier einmal auf vier Aspekte konzentrieren:

 

1. Der Leitende Angestellte, gesetzlich definiert und durch Rechtsprechung vielfach abgegrenzt, ist dem Arbeitgeberstatus viel enger verbunden als es beispielsweise bei Tarifangestellten der unteren Gruppen der Fall ist.

Insofern und damit zu allererst ist die Einstufung als Leitender Angestellter einer der wichtigen Schritte bei der Gestaltung einer Karriere. Irgendwann auf dem Weg nach oben muß man diese Hürde nehmen oder man nimmt sie so „nebenbei“ ganz automatisch. Es kommt, siehe 2., nicht auf die „Ernennungsurkunde“ an.

 

2. Firmenintern kann von der Frage „Leitender oder nicht?“ durchaus auch etwas Materielles abhängen so wie das bei anderen Status-Ebenen (Prokura, Handlungsvollmacht) auch der Fall sein kann. Es kommt darauf an, wie so etwas im Unternehmen gehandhabt wird (rein juristisch gehören aber Prokura/Handlungsvollmacht und Leitender Angestellter nicht in dieselbe Kategorie).

Extern jedoch, etwa bei Bewerbungen, hat dieser Status generell nur eine relativ geringe Bedeutung. Dort schaut man viel stärker auf die Bezeichnung der eingenommenen Position, auf die Einstufung dieser Position in die betriebliche Hierarchie, auf die damit verbundene Personalführung, auf Verantwortungsumfang und Entscheidungsbefugnis, auf das gezahlte Gehalt.

Es ist sogar folgender Effekt möglich: Wenn beim Bewerbungsempfänger der Inhaber der zu besetzenden Position nicht als „Leitender Angestellter“, eingestuft ist, ein Bewerber aber ständig penetrant darauf hinweist, er sei nun seit soundsoviel Jahren „Leitender“, dann kann dies ein Negativpunkt sein, an dem sogar die Bewerbung scheitert.

Soweit jedoch der heutige Leiter der gesamten Entwicklung in seiner Bewerbung nebenbei erwähnt, er sei dort u.a. auch „Leitender“, so ist das in Ordnung es ergibt sich ein „rundes Bild“.

Sollte also jemand als Bewerber auftreten, der noch sehr jung ist und noch gar nichts so richtig leitet (Personalführung), so könnte man ihm durchaus raten, mit der Erwähnung des „Leitenden“-Status in Bewerbungen sehr vorsichtig umzugehen. Er läßt diesen Punkt also vielleicht ganz weg oder fügt ihn in Klammern irgendwo an, das signalisiert „Tiefhängen“. Beispiel: „Seit 1/92 als … tätig (seit 4/93 zum „Leitenden Angestellten“ ernannt).“

 

3. Es kann je nach Ausrichtung der betrieblichen Personalpolitik durchaus handfeste Gründe für den Arbeitgeber geben, den Kreis der „Leitenden Angestellten“ möglichst groß zu ziehen. Ein wichtiges Argument ist dabei, diese Mitarbeiter völlig aus der Zuständigkeit des Betriebsrates herauszunehmen vom aktiven Wahlrecht bis zur Pflicht der Anhörung bei bestimmten personellen Maßnahmen.

Dies ist übrigens keineswegs reine Willkür oder die pure Lust an der Umgehung gesetzlicher Hürden. Es ist verständlich, daß der Arbeitgeber einen bestimmten, ihm zwangsläufig nahestehenden Personenkreis von Mitarbeitern, der bereits wesentliche Arbeitgeberfunktionen wahrnimmt, führen und betreuen möchte, ohne dabei Dritte fragen zu müssen.

Dabei spielt auch eine Rolle, daß Arbeitgeber schon von ihrem definierten Selbstverständnis her nicht Mitarbeiter der Gewerkschaft sind, sondern auf der anderen Seite des Tisches sitzen. Betriebsräte jedoch sind sehr häufig nicht nur die Interessenvertreter insbesondere der großen Masse der gewerblichen Mitarbeiter, sondern auch sehr eng mit einer Gewerkschaft verbunden.

Irgendwann auf dem Weg vom Tarifangestellten zum Vorstandsmitglied muß der Mitarbeiter also äußerlich (Status) wie innerlich (Denken) von der Arbeitnehmer- zur Arbeitgeberorientierung wechseln (was ein bißchen „unsauber“ formuliert ist, weil auch ein angestellter Top-Manager viele Arbeitnehmerelemente beibehält). Die Ernennung zum „Leitenden“ ist ein Schritt auf dem Weg dorthin.

Nur am Rande erwähnt: Die „Ernennung“ kann das Unternehmen keineswegs willkürlich vornehmen. Es gibt sehr detaillierte Voraussetzungen, die lt. Gesetz erfüllt sein müssen. Dennoch sind in den Unternehmen individuelle Auslegungen nicht gerade unüblich.

 

4. Man kann die hier gestellte Frage nach der geringeren Sicherheit durchaus zustimmend beantworten. Aber sie ist im Sinne einer „Karriere“ eigentlich falsch gestellt. Wie immer, kann man auch hier die Zusammenhänge ganz gut darstellen, wenn man ein Beispiel mit Extremwerten bildet:

Nehmen wir an, jemand soll erstmals zum Geschäftsführer ernannt werden. Nun prüft er seinen Vertrag und sagt zum Vorsitzenden des Beirates: „Wenn ich das mit meinen alten Verträgen vergleiche, dann stelle ich doch fest, daß mir hier wieder ein Stück Sicherheit verloren ginge.“ Dann sagt der Beiratsvorsitzende: „Sie sollten vielleicht ein Engagement im Staatsdienst erwägen“, sammelt seinen Vertragsentwurf ein und geht.

Konkret zur gestellten Frage: Wenn ein Unternehmen dazu neigt, Mitarbeiter schon sehr „früh“ (auch hierarchisch gesehen), zu „Leitenden Angestellten“ zu machen, so können die Betroffenen das eigentlich nur schulterzuckend akzeptieren. Vorausgesetzt, sie sind an weiterer Karriere interessiert. Eine Ablehnung der Einstufung wegen „geringerer Sicherheit“ kommt nicht in Frage, sie wäre intern das Ende der Entwicklung.

 

Kurzantwort:

Die Ernennung zum „Leitenden Angestellten“ ist ein die Karriere begleitender Vorgang, der auf dem Weg nach oben irgendwann kommt. Es handelt sich dabei aber nicht um einen eigenständigen Sprung wie ihn beispielsweise der Einstieg in die disziplinarische Personalverantwortung darstellt.

Frage-Nr.: 1129
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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