Heiko Mell

Frankreich ist nicht Amerika oder: Wenn die „Chemie“ nicht stimmt

Frage: Ich interessiere mich sehr für den Aufstieg in Führungspositionen. Dabei habe ich Ihre Aussage im Gedächtnis, nach der weitaus mehr Manager scheitern, weil sie mehr persönliche als fachliche Schwächen haben.
Bitte geben Sie so viele Beispiele wie möglich. Ich glaube, man lernt daraus am besten.

Antwort:

Jede Frage, die ein Leser hier stellt, ist wichtig. Aber mir wäre wohler, ich könnte noch deutlicher als bisher die Erkenntnis vermitteln, daß „wichtig“ ein relativ zu sehender Begriff ist.

Nur zu leicht wird durch ein im persönlichen Bereich liegender Fehler oder eine entsprechende Schwäche alles zunichte gemacht, was in mühevoller Kleinarbeit auch über Studienfächerentscheidungen, Zusatzlehrgänge etc. aufgebaut wurde.

Und genau dazu paßt ein soeben erlebtes Beispiel:

Am Montag ruft ein uns unbekannter Mann in meinem Büro an, nennen wir ihn Herrn Dr. Schulze. Ich bin in einem Vorstellungsgespräch. Er erklärt meiner Sekretärin, er habe früher einmal Kontakt mit mir gehabt und wolle mich jetzt gern sprechen. Die Sekretärin vertröstet ihn auf Dienstag, da ist die Terminsituation günstiger. Am nächsten Morgen ruft er wieder an. Ich telefoniere gerade mit einem anderen Anrufer. Er bittet daraufhin um meinen Anruf.Später, als ich dann tatsächlich zurückrufe, führt er aus, wir hätten früher einmal telefonischen Kontakt gehabt im Zusammenhang mit einer Referenz über einen ehemaligen Mitarbeiter von ihm. Ich kann mich zwar an nichts erinnern, aber der genannte Name jenes Bewerbers stimmt, an der Einstellung dieses Mannes haben wir mitgewirkt.

Dann erläutert er sein Anliegen: Er ist deutlich über 50, noch Vorstandsmitglied, hat aber bereits einen Aufhebungsvertrag und ist freigestellt. Er braucht einen Job („nicht etwa aus finanziellen Gründen, aber man hat ja nicht gelernt herumzusitzen, nicht wahr?“).

Herr Dr. Schulze schildert seinen Werdegang. 20 Jahre bei amerikanischen Konzernen. Erfolgreich natürlich. Dann jetzt zuletzt bei den Franzosen, konkret bei einer deutschen Tochtergesellschaft. Auch in dieser Phase besteht er sehr bestimmt auf einer erfolgreichen Tätigkeit, untermauert alles mit Zahlen. Er tritt zwar nicht unhöflich auf, ist aber sehr selbstbewußt, formuliert sehr vollmundig. Mitten in seiner Darstellung der tollen Ergebnisse unterbreche ich ihn. Mir reicht es jetzt. Ich sage schlicht: „Und dafür hat Sie Ihr Aufsichtsrat geliebt.“ Wer mich kennt, würde das als Warnsignal werten.

Nein, meint er, etwas aus dem Konzept geraten. Geliebt nicht, eher gefeuert. Und dann sagt er: „Ich glaube, ich komme mit der Mentalität meiner französischen Aufsichtsratsmitglieder nicht zurecht.“ Ich gratuliere ihm zu der Erkenntnis und stimme ihm zu. Nach dem kurzen Kennenlernen am Telefon sage ich, käme ich zu dem gleichen Ergebnis. Er fragt nicht nach Details, interessiert sich nicht dafür, worauf ich diese Aussage gründe.

Soviel zu diesem Gespräch, der Rest ist hier nicht wichtig. Später fragt Herr Dr. Schulze noch nach meiner Adresse. Die hätte jener ehemalige Mitarbeiter (der mit der Referenz) nicht greifbar gehabt, sondern nur die Telefonnummer.Eine interne Nachfrage hier im Büro ergibt, daß jenen Fall gar nicht ich bearbeitet hatte, sondern ein Mitarbeiter (der auch die Referenz einholte).

Mir ist völlig klar, und nur das ist hier von Interesse, woran Herr Dr. Schulze bei „den Franzosen“ gescheitert ist. So gescheitert, daß die Bedeutung aller früheren Details über Studienprobleme, Praktika, Auslandsstudien dagegen völlig verblaßt.

Zunächst: Um mich und meine Empfindungen, ob ich mehr mit den Amerikanern oder mehr mit den Franzosen fühle, geht es hier nicht. Ich soll nicht Partei nehmen, ich muß Ursachen erkennen. Also dann:

Herr Dr. Schulze ist entweder durch extrem langjährige Tätigkeit bei entsprechenden Konzernen „amerikanisch“ geprägt oder er war schon immer so und fand dort lediglich passende Partner. Seine Art ist sehr direkt. Er verfolgt seine eigenen Interessen mit Nachdruck. Sein Selbstbewußtsein ist ausgeprägt. Erfolge still für sich zu genießen, liegt ihm nicht er listet sie jederzeit gern auf, allzu gern. Er neigt dazu, seine Position zu überziehen. Mitteleuropäische Gepflogenheiten bleiben dabei schon einmal auf der Strecke.

So ist es gewagt, freigestellt zu Hause zu sitzen und Leute, die bei der Jobsuche helfen sollen, um Rückruf zu bitten. Bei den entstehenden Telefonkosten zählt der Symbolcharakter, nicht das Geld.

Dann die Geschichte mit der Referenz: Schön, er hat versucht, einen Anknüpfungspunkt zu mir zu finden, er wollte nicht als Unbekannter anrufen müssen. Das ist richtig aber die Geschichte muß dann auch stimmen. Jetzt bin ich durch seine Aussage zur Adresse dahintergekommen, daß er sich keineswegs an meine einmalige Art im Zusammenhang mit der Referenzeinholung erinnert hat. Sondern er dürfte den ehemaligen Mitarbeiter schlicht gefragt haben, welche Berater wohl in seinem Fall Referenzen eingeholt hatten. Und dabei ist nur der Firmenname gefallen, nicht meiner als Person.Insgesamt hat er schlicht extrem unsensibel reagiert bei mir wie dann wohl auch bei den Franzosen.

Und das alles ist zumindest inzwischen fester Teil seiner Persönlichkeit. Oder wie wir über Bewerber sagen: Sie tun es immer wieder. Also hat auch Herr Dr. Schulze ständig so operiert. Und seinen Aufsichtsrat damit genervt. Dieser wird oft die Augenbrauen hochgezogen haben: Tut man nicht, so etwas. Bis es ihm irgendwann gereicht hat. Viele Franzosen haben viel mehr für „Stilfragen“ übrig als viele Amerikaner.

Herr Dr. Schulze hätte entweder nie in dieses letzte Unternehmen gehen dürfen. Oder er hätte ab Eintritt dort viel sensibler auf erste Anzeichen aufsichtsratsseitigen Augenbrauenhochziehens reagieren müssen. Es gibt sie immer, diese Anzeichen!

Wieder einmal ist eine Karriere nicht an fachlichen Details gescheitert, sondern an Aspekten, die der Persönlichkeit zuzuordnen sind. Hier hätte kein anderes Schwerpunktfach im Studium, kein weiteres Examen etc. geholfen.

Da wir gerade dabei sind: „Die Chemie hat nicht gestimmt zwischen uns“, sagen Bewerber gern in einem solchen Fall. Abgesehen von der merkwürdigen Verwendung dieses Begriffes, der alle Chemiker nur zu einem Kopfschütteln veranlassen kann: Gemeint ist ja wohl: „Mein Chef und ich harmonieren nicht miteinander.“

Was einleuchtend klingt, aber Unfug ist. Nirgends steht, daß diese beiden miteinander harmonieren sollen. Der Chef ist der Maßstab, der Unterstellte paßt sich an oder fliegt. So ist die Praxis.

Also heißt die Erklärung: „Ich habe es versäumt (oder nicht vermocht), mich an den Chef anzupassen.“ Harmonieren soll man mit Gleichberechtigten. Kein Chef sagt übrigens über einen Mitarbeiter: „Der harmoniert nicht mit mir.“ Stets heißt es, sich selbst als Maßstab nehmend: „Der spurt nicht“ oder „der ist unmöglich“.

Kurzantwort:

1. Spätestens die Langfristbetrachtung zeigt, daß beim Aufbau einer erfolgreichen Karriere persönliche Eigenschaften und Fähigkeiten sowie insbesondere die Bereitschaft zur Anpassung deutlich wichtiger sind als rein fachliche Kriterien, insbesondere Ausbildungsdetails.

2. Der Mitarbeiter auch der unterstellte Manager soll weniger mit dem Chef harmonieren, er soll nach dessen Maßstäben funktionieren. Harmonie ist ein Begriff, der höchstens unter Gleichgestellten verwendet wird, nicht jedoch von Chefs.

Frage-Nr.: 1112
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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