Heiko Mell

Ich und meine männlichen Kollegen – Gehaltsvergleich

Frage 1

Ich habe Ihre Karriereberatung als Studentin des Maschinenbaus gelesen – und nun, nach 20 Jahren wieder, jetzt als Technischer Consultant. Und ehrlich, erst jetzt verstehe ich Sie wirklich. „Da draußen“ ist es genauso, wie Sie es beschreiben.

Antwort 1

Was bitte nicht bedeuten soll, dass insbesondere Frauen mich immer erst zwanzig Jahre später verstehen. Manchmal geht es doch schon etwas schneller.

Nun könnte man sich aber immerhin wünschen, dass heutige junge Studentinnen und Studenten Einsendungen wie diese hier lesen, dabei zusätzlich registrieren, dass ich schon öfter entsprechende „Sinneswandel-Aussagen“ veröffentlicht habe – und vorsichtshalber diesen Beschluss fassen: „Ich neige zwar zur Skepsis, aber wenn so viele berufserfahrene Menschen bestätigen, dass da ‚etwas dran‘ ist, dann unterstelle ich das sicherheitshalber einmal und richte mich danach.“

Allein sie halten sich und ihre skeptische Grundeinstellung trotz fehlender Erfahrung für das Maß der Dinge und begehen erst einmal ganz gezielt dieselben Fehler wie die Generationen vor ihnen. Um mir dann fünf Jahre später zu schreiben, ich hätte völlig richtig gelegen.

Da dies darauf hinausliefe, mein engagiertes Tun sei fast ohne Wert, habe ich mir eine Theorie zurechtgelegt, mit der ich gerade noch leben kann: Mein Wirken ist auch gegenüber skeptischen Studenten nicht völlig ohne Nutzen. Ein paar glauben mir vorsichtshalber, da hat sich die Karriereberatung tatsächlich sofort gelohnt. Und die anderen? Um eine Basis für Skepsis zu haben, müssen sie sich mit meinen die Praxis beschreibenden Aussagen erst einmal beschäftigen, müssen sie meine „Spielregeln“ wenigstens zur Kenntnis nehmen. Dann dürfen sie alles für eine praxisferne „Erfindung“ meinerseits halten (oder wofür auch immer) – aber ein Keim ist gelegt. Was man ablehnt, muss man zumindest als „gehört“ abspeichern. Und das ist dann schneller wieder im Bewusstsein verfügbar als wenn man noch nie davon gehört hätte. Sagen wir es so: Ein Student, der mich wenigstens liest, ist immerhin gewarnt (wenn er klug ist).

Frage 2

Nun gibt es ja dieses Gleichstellungsgesetz. Danach kann ich als Frau mal schauen lassen, was meine männlichen Kollegen verdienen und kann dann entsprechend ähnlich verdienen.

In einem von Männern dominierten mittelständischen Unternehmen – wie beliebt macht man sich mit so einem Antrag? Wenn man als Frau nach zwanzig Jahren genau so viel verdienen will wie die Männer?

Das Problem in meiner Firma ist sicher auch, dass kaum jemand wirklich die gleiche Arbeit macht. Oder reicht dann schon die Stellenbeschreibung oder die Bezeichnung der Stelle, also Senior Technical Consultant?

Antwort 2

Sie sprechen sicher vom „Gesetz zur Förderung der Transparenz in Entgeltstrukturen“ (in Kraft getreten am 06.07.2017). Danach müssen Arbeitgeber mit mehr als 200 Mitarbeitern u. a. auf Antrag erläutern, nach welchen Kriterien sie die Beschäftigten wie bezahlen.

Sie könnten (ab Januar 2018) einen solchen Antrag stellen – und fragen sich, ob das in Ihrem Falle auch klug wäre.

Zunächst gibt es ganz sicher Unterschiede in der zu erwartenden Reaktion zwischen Großunternehmen und Mittelstand. Völlig richtig betonen Sie den speziellen Charakter Ihres Arbeitgebers.

Ganz pauschal lässt sich sagen: Wenn es ein neues Arbeitnehmer-Recht gibt, dann richtet sich ein Konzern darauf ein, dass dieser Anspruch auch von diversen Mitarbeitern erhoben wird. Ein solches Unternehmen steht im Blickfeld der Öffentlichkeit, die Gewerkschaften sind dort aktiv, einen engagierten Betriebsrat gibt es ohnehin. Der einzelne Mitarbeiter, der nun sein Recht in Anspruch nimmt, braucht grundsätzlich nicht mit pauschalen Widerständen oder Nachteilen zu rechnen, schon gar nicht mit einer intern ausgegebenen Parole wie „Wehe dem, der uns damit auf die Nerven geht“. Höchstens der direkte Chef könnte ein Gegner des neuen Rechtsanspruchs sein und hinhaltenden Widerstand leisten. Aber weit kommt er in der Regel damit nicht, das Großunternehmen wird stets Wert auf ein Image legen, dass die Einhaltung von Gesetzen nicht infrage stellt.

Natürlich halten auch Mittelstandsunternehmen Gesetze ein. Aber sie sind viel stärker von einzelnen Persönlichkeiten geprägt, sowohl auf allen Managementebenen als auch im besonderen Maße an der Spitze (geschäftsführender Gesellschafter). Und da ist es im Einzelfall durchaus möglich, dass in einem Unternehmen eine halboffizielle Haltung entsteht, aus der heraus demjenigen (versteckte) Nachteile entstehen könnten, der spontan auf den neuen Zug aufspringt.

Solch eine Haltung hält nicht ewig an, im Laufe von Monaten oder Jahren gewöhnt sich die Chefetage an die neuen Verhältnisse. Man darf aber nicht vergessen, dass der Gesetzgeber die Menschen zwar zwingen kann, nach seinen Vorstellungen zu handeln. Aber er kann die Betroffenen nicht zwingen, das auch noch toll zu finden. Und wenn man sich im Management über ein neues Arbeitnehmerrecht ärgert, dann ist der Verursacher für aktiven Widerstand nicht greifbar („der Gesetzgeber“), aber den ersten Mitarbeiter, der dieses Privileg nutzt, könnte ein aufgestauter Zorn (und sei es auf Umwegen) stellvertretend treffen.

Konkret zu Ihrer Frage: Es kommt also darauf an. Auf Sie, Ihre Persönlichkeit und Ihren Status in der Abteilung. Auf Ihre Anerkennung durch die Vorgesetzten hinsichtlich Ihrer Leistung, auf Ihren Beliebtheitsgrad bei den Kollegen und, und, und. Eine pauschale Empfehlung ist daher nicht möglich.

Ich verstehe Ihr Interesse an der Information über die Gehälter ähnlich tätiger Kollegen unbedingt, hier vermutete Ungerechtigkeiten sind stets von besonderer Bedeutung für jeden Mitarbeiter. Versuchen Sie es doch einmal so: Sprechen Sie Ihren Chef an. Erzählen Sie ihm, wie gern Sie dort arbeiten und so weiter. Aber: Aus Bemerkungen von Kollegen (keine Namen!) würden Sie schließen, dass es Ihnen offenbar trotz all Ihrer Bemühungen nicht gelungen sei, gehaltlich gleichzuziehen. Sie hätten aber bisher keine konkreten Informationen. Nun gäbe es da doch das neue Gesetz. Aber Sie wollten keinen Staub aufwirbeln und keinen Unfrieden stiften, deshalb wollten Sie kein offizielles Auskunftersuchen starten. Daher kämen Sie zu ihm und suchten „auf dem kleinen Dienstweg“ seine Unterstützung. Ob er Ihnen denn nicht sagen könnte, wie Sie im Vergleich in etwa gehaltlich lägen, ob es da große Differenzen gäbe und ob Sie eine Chance hätten, eventuelle Unterschiede aufzuholen, ob Ihre Leistungen vergleichbar wären mit der Ihrer männlichen Kollegen usw.

Das klingt harmlos. Aber verlassen Sie sich darauf: Ihr Gehalt würde „zum Thema“. Man weiß dann, dass Sie an dem Problem arbeiten, dass ein offizielles Auskunftersuchen jederzeit droht (obwohl Sie gerade diese Absicht leugnen!). Ich bin sicher: Sie stoßen so bei minimalem Risiko einen Prozess an, der Sie Ihrem Ziel näherbringt. Und wenn man Ihnen die beruhigende Auskunft gibt, Sie würden sich irren, da gäbe es gar keine besonderen Gehaltsdifferenzen. Was ja durchaus sein kann.

Frage-Nr.: 2.959
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27/28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-07-06

Von Heiko Mell

Top Stellenangebote

Infineon Technologies AG-Firmenlogo
Infineon Technologies AG Ingenieur im Bereich mechanische Entwicklung (w/m/div) Warstein
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Leiter Qualitätsmanagement (m/w) Berlin
B. Braun Melsungen AG-Firmenlogo
B. Braun Melsungen AG Validierungsbeauftragter (m/w/d) Melsungen
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Berechnungsingenieur Crashsensorik (m/w) Bayern
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Engineering Project Manager (m/w) Großraum Würzburg
Güntner GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Güntner GmbH & Co. KG Konstrukteur (m/w) Fürstenfeldbruck Raum München
Münchner Stadtentwässerung-Firmenlogo
Münchner Stadtentwässerung Sachbearbeiter/in Controlling München
Stadtverwaltung Heidelberg-Firmenlogo
Stadtverwaltung Heidelberg Bauingenieurin / Bauingenieur – Sachgebiet Konstruktiver Ingenieurbau Heidelberg
Stadtverwaltung Heidelberg-Firmenlogo
Stadtverwaltung Heidelberg Bauingenieurin / Bauingenieur – Sachgebiet Bauvorbereitung Heidelberg
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Projektleiter Fertigungstechnologie (m/w) Nürnberg

Zur Jobbörse

Das könnte sie auch interessieren