Heiko Mell

Hey Chef, ich will mehr Geld

Ich bin seit sechs Jahren als Dipl.-Ing. (FH) in einem Betrieb beschäftigt und mit meiner Gehaltssituation unzufrieden. Laut der Berechnung des VDI-Gehaltsrechners liegt mein Gehalt ca. 700 €/Monat unter dem genannten Mittel. Bei Gehaltsverhandlungen mit dem Chef wurde dies damit begründet, dass ich in seinen Augen nur die Arbeit eines Technikers erbringe! Ist dies rechtens, und was kann ich tun, um eine entsprechende Entlohnung zu bekommen? Ist z. B. der Beitritt zu einer Gewerkschaft eine Möglichkeit und wenn: In welche sollte ich dann eintreten?

Antwort:

Sie haben sich hier an eine Karriereberatung für akademisch gebildete Leser gewandt. Daraus ergibt sich ein gewisser Anspruch auch an meine Antworten. Dies als Warnung. Zur Sache:

1. Zunächst einmal bin ich nur in sehr geringem Maße ein Freund von Gehaltsvergleichen. Denn oft werden danach Konsequenzen gezogen und Maßnahmen ergriffen, die im (Berufs-)Leben der Betroffenen deutlich mehr Chaos anrichten als es dem Gegenwert vermeintlicher Fehlbeträge entspricht.

Beispielsweise könnte eine Kommission von erfahrenen Personalfachleuten Faktoren wie den nachfolgend genannten eine viel größere Auswirkung auf die berufliche Zufriedenheit zumessen als ein paar Hundert Euro dies vermögen:

  • Solidität des Unternehmens/langfristige Sicherheit des Arbeitsplatzes;
  • Persönlichkeit des Chefs (freundlich, aufgeschlossen, fördernd, verständnisvoll, kompetent, vertrauensvoll, Fachwissen vermittelnd oder aber in allem das Gegenteil: von bösartig bis unberechenbar oder unfähig);
  • Kollegenkreis;
  • Schwierigkeitsgrad der Aufgabe im Verhältnis zur eigenen fachlichen und persönlichen Qualifikation (Unter-/Überforderung);
  • Arbeitsumstände (vom nahegelegenen Arbeitsplatz bis zur fehlenden Verpflichtung zu ständigen familienfeindlichen Überstunden);
  • Freude am täglichen Tun.

Jeder dieser Aspekte könnte an einem anderen, besser bezahlten Arbeitsplatz schlechter sein als am heutigen.

 

2. Um auch nur zwei Arbeitnehmer miteinander vergleichen zu können, müsste man sehr viele Kriterien aus ihrem Umfeld objektiv von Fachleuten bewerten lassen. Nur „sieben Jahre Berufspraxis“ beweisen gar nichts.Es gibt Bandbreiten von „erbringt in den Augen seiner Chefs stets exzellente, deutlich oberhalb der Anforderungen liegende Leistungen; wurde mehrfach mit laufend größeren, verantwortungsvollen Aufgaben betraut; steht zur Beförderung an“ bis hin zu „leistet deutlich weniger als erwartet, steht bei nächster Gelegenheit zur Entlassung an“. Sie, geehrter Einsender, nehmen automatisch den Mittelwert Ihrer Bandbreite für sich in Anspruch – wir wissen nicht, ob das gerechtfertigt ist. Ihr Chef sagt: ist es nicht!

 

3. Es geht nicht darum, ob es „rechtens“ ist, wie Ihr Chef Sie und Ihre Leistung einschätzt – das Drama fußt darauf, dass er so denkt!

Und daran tragen Sie die Schuld. Entweder sitzen Sie auf einer Standard-Ingenieurstelle, arbeiten aber nicht wie ein „normaler“ Ingenieur. Mit seiner Antwort will Ihr Chef nicht die Techniker beleidigen, er drückt nur aus: „Den Ansprüchen, die ich an einen Ingenieur stelle, werden Sie nicht gerecht. Also verschonen Sie mich mit Gehaltserhöhungswünschen.“

Oder Sie haben sich tatsächlich einen Job gesucht, der eher Ansprüche an eine Techniker-Ausbildung stellt. Dann meint der Chef, dass Sie ihm nicht mit Bezahltabellen für Ingenieure kommen sollen.

 

4. Mit seinem Job, mit allen z. B. unter 1. genannten Begleitumständen und zusätzlich mit der Bezahlung, wird man auf Dauer nur glücklich, wenn alles vom Chef/Arbeitgeber gern, freiwillig und ohne Zwang gewährt wurde. Manchmal darf, manchmal muss man ein wenig „schubsen“ oder zumindest fragen. Aber all dies ist kein Feld für den Einsatz arbeitnehmerseitiger Machtmittel oder Drohungen. Denn wenn der Chef unter Zwang etwas geben muss, ist er „sauer“. Und das ist in jedem Fall schlecht und gefährlich für Sie.

 

5. Nein, die einzige Lösung, Ihrem Ziel näherzukommen, liegt darin, diese von Ihnen dargestellte Beurteilung Ihrer Arbeit durch Ihren Chef schnell und endgültig loszuwerden. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten:

a) Sie ändern ab morgen früh Ihren Arbeitsstil radikal im Sinne Ihres Chefs. Das ist extrem(!) schwierig und es dauert, bis er an diese wundersame Wandlung glaubt. Es hilft übrigens auch dann, wenn Sie tatsächlich auf einer Technikerstelle sitzen sollten. Dann erkennt der Chef irgendwann, dass Sie überqualifiziert sind, er sieht in Ihnen wertvolles Potenzial, will Sie nicht verlieren und weist Ihnen einen anderen Arbeitsplatz zu.

Nachteil: Der Ausgang dieser Aktion ist ungewiss; dass Sie sich so einfach ändern können, ist unwahrscheinlich – und selbst im besten Fall würden so zwei bis drei Jahre vergehen, bis Sie an mehr Geld kommen.

b) Sie besorgen sich einen anderen Job, am besten in einem anderen Unternehmen. Sie suchen so lange, bis Sie ein Angebot über eine Position haben, die so viel an Gehalt „bringt“, wie es Ihnen vorschwebt. Dann müssen Sie dort „nur noch“ so viel an Leistung, an Initiative, an Einsatz und Erfolg(!) erbringen, dass Ihr Chef zufrieden ist.

 

6. Bliebe noch die Möglichkeit zu untersuchen, ob Ihr Chef sich bei seiner Beurteilung vielleicht einfach geirrt hat.

Leider wird das immer nur von kritisch beurteilten Mitarbeitern vermutet – und verliert dadurch stark an Durchschlagskraft. Anders wäre es, würde jemand sagen: „Ich werde als Leistungsträger der Abteilung eingestuft und von allen Mitarbeitern am besten bezahlt. Ich halte das für eine Fehleinschätzung meines Chefs und mache mir Sorgen um sein Urteilsvermögen.“ Das hätte Gewicht! So etwas sagt aber niemand. Und wenn demnach die guten Urteile alle stimmen, werden auch die kritischen nicht in großem Stil falsch sein.

Außerdem haben wir Kontrollmechanismen: Personalentscheidungen muss der Chef seinem Vorgesetzten vorlegen, die Personalabteilung überprüft die Urteile der Führungskräfte mindestens mit statistischen Methoden. Und ein von seiner Leistungsstärke überzeugter Mitarbeiter hätte sich nicht sechs Jahre lang „unter Wert“ bezahlen lassen.

Die Erfahrung lehrt: Gehen Sie bei einer sehr kritischen Beurteilung durch den Chef davon aus, dass die Richtung seines Urteils eher stimmt als total falsch ist. Beurteilungen von Mitarbeitern über die verschiedenen Phasen Schule, eventuell Lehre, Studium, erster Arbeitgeber, zweiter Arbeitgeber, dritter Arbeitgeber zeigen, dass in der Regel immer wieder ähnliche Wertungen zustande kommen. Vielleicht muss der Mitarbeiter auch erkennen, dass er beruflich „auf dem völlig falschen Dampfer“ ist, also vielleicht besser Verwaltungsangestellter, Musiklehrer oder Zahnarzt geworden wäre. Aber das ist ein anderes Thema.

Kurzantwort:

1. Niemals, absolut niemals bringt man sich in eine Situation, in der man sich vom Vorgesetzten anhören muss, man erbringe nur die Leistung eines Menschen mit einer Ausbildung, die eine Stufe unterhalb der eigenen liegt. Wenn man dann auch noch eine Gehaltserhöhung anstrebt, darf man als „mutig“ gelten.

2. Chefs könnten mit ihrem Urteil auch falsch liegen. Da das aber aus dem Kreis der hochgelobten Top-Mitarbeiter niemand behauptet, fehlt es den schwach Bewerteten an Durchschlagskraft ihres „Verdachts auf Chef-Irrtum“.

Frage-Nr.: 2690
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-05-22

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