Heiko Mell 02.01.2016, 08:59 Uhr

Bloß weil ich Betriebsrat bin?

Ich bin seit einiger Zeit in einem kleinen mittelständischen Unternehmen tätig. In meiner ersten Funktion dort wurde das Gehalt mehrmals in regelmäßigen Abständen angepasst (das war so vereinbart worden).Schon nach kurzer Zeit wurde eine Position in einem Nachbar-Fachgebiet frei, die ich auf Bitten des Chefs zusätzlich übernahm. Dann wurde die Stelle des Leiters einer wiederum „fremden“ Abteilung frei, die ich auf Nachfrage ebenfalls übernahm (inzwischen ohne Mitarbeiter).

Vor Übernahme dieser letztgenannten Zusatzstelle bat ich wegen der zu übernehmenden zusätzlichen Aufgaben um eine Gehaltserhöhung. Das war vor der letzten bereits vereinbarten Erhöhung. Mein Chef lehnte weitere Erhöhungen vehement ab, verwies auf die ja noch ausstehende „normale“ Erhöhung und meinte, er käme auf mich zu, wenn er den Grund für weitere Erhöhungen sehe.

Nun ist einige Zeit vergangen. Der Chef kam leider noch nicht zu mir, um eine Gehaltserhöhung vorzuschlagen. Das Unternehmen ist wirtschaftlich gesund, auch wenn es einige Einbußen gibt.

Wie würden Sie eine erneute Gehaltserhöhung angehen? Habe ich überhaupt eine Chance nach dem verpatzten ersten Versuch? Vielleicht ist es auch ein Hemmschuh, dass ich zwischenzeitlich Betriebsrat geworden bin?

Antwort:

Nein, ich jedenfalls erfinde diese Fragen hier nicht, ich schwöre es. Freimütig gestehe ich, dass so manche hier unterbreitete Konstellation deutlich über das hinausgeht, was meine Fantasie zu leisten imstande ist. Und sind es nicht immer wieder reizvolle Herausforderungen, die sich mir stellen? Sehen wir es doch einfach so.

Also, geehrter Einsender, Sie haben ein kleines harmloses Standardproblem und eines, das in einer ganz anderen Liga spielt (sofern Probleme überhaupt spielen). Widmen wir uns zunächst dem erstgenannten:

 

1. Ihr Unternehmen dürfte von einem Inhaber geführt werden. Dieser hat – Leser aus Großbetrieben sehen so etwas nie, für sie ist der Aktionär ein unbekanntes Wesen und Geld kommt nur im Rahmen von Budgetmitteln vor – ein sehr enges Verhältnis zum einzelnen Euro. Alles, was es dort gibt, gehört ihm, jeder Gewinn fließt in seine Tasche, jeden Verlust trägt er allein. Und jeder Euro, den Sie mehr verdienen, fehlt ihm Weihnachten in seinem persönlichen Portemonnaie oder im Folgejahr für Investitionen, wie Sie wollen.

Daraus folgt, dass Inhaber teils von Natur aus und teils durch die Verhältnisse gezwungen oft sehr zurückhaltend bei Geldausgaben sind. Nur so überstehen sie die nächste Krise, nur so können sie die nächste Ausbaustufe finanzieren.

 

2. Sie haben jetzt also drei verschiedene Jobs im Unternehmen. Die üben Sie alle aus, die möchten Sie auch irgendwie bezahlt haben. Vor unserem Auge entsteht das Bild eines Mannes, der jedem Job die ihm gebührenden 8 h/Tag widmet. Das macht dann 24 h/Tag insgesamt und passt gerade so in den Rahmen, den unser Tagesaufbau zulässt. Sie gehen inzwischen völlig „auf dem Zahnfleisch“, mit Ihrem totalen Zusammenbruch ist stündlich zu rechnen.

Merkwürdigerweise schreiben Sie nichts über die ja fast zwangsläufig zu erwartende Überlastung, Sie wollen nur mehr Geld. Nicht wegen Ihrer Leistung – Sie schreiben nichts über tolle Resultate, die Sie in Ihrem Mehrfachjob als „Super-Mitarbeiter“ so erzielen. Im Gegenteil: Sie hatten noch Raum für einen vierten (zu dem wir noch kommen).

Sagen wir es so: Wären diese ersten drei Jobs alles Positionen, die weiterhin jeweils „den ganzen Mann“ fordern und auslasten, dann könnte ein einzelner Mitarbeiter sie niemals zufriedenstellend ausüben.Also bleibt aus der Sicht Ihres Chefs nur die Einschätzung: Die Bedeutung jedes einzelnen Ihrer Jobs ist zurückgegangen, alle zusammen lasten gerade noch so einen Mitarbeiter aus – damit kann der sein Geld verdienen und wird das auch „wert sein“.

 

3. Nach der speziellen Vorgeschichte haben Sie jetzt nur noch eine Möglichkeit, weitere Gehaltserhöhungen überzeugend zu begründen: Sie besetzen nicht nur die „Super-Position“, Sie erbringen auch eine entsprechende Super-Leistung. Für die Firma, in den Augen des Chefs, weniger nach Menge, sondern vor allem nach Qualität gemessen. Und nach Einsatz, nach Ideenreichtum, nach Super-Engagement für die Interessen des Unternehmens, die in Wirklichkeit die seines Inhabers sind. Können Sie so argumentieren, lässt sich das beweisen?

Nun zum Kernthema „Betriebsrat“, das übrigens auch mich bei den Formulierungen vor große Herausforderungen stellt: Also der Betriebsrat ist die Vertretung der Arbeitnehmer eines Betriebes. Wo vertritt er deren Interessen? Gegenüber der Arbeitgeberseite, die durch Ihren Chef dargestellt wird.

Der Betriebsrat wird von den Arbeitnehmern gewählt, nicht etwa von oben (Inhaber) ernannt. Um gewählt und wiedergewählt zu werden, muss der Betriebsrat engagiert, energisch und nachdrücklich für die Interessen der Kolleginnen und Kollegen eintreten. Das bringt ihn oft in „Diskussionen“ mit dem Arbeitgeber, dem er mitunter bis ständig durch vorgetragene Belegschaftsforderungen durchaus auch lästig fallen kann. Denn: Ist der Betriebsrat gegenüber dem Arbeitgeber zu „lasch“, wird er nicht wiedergewählt.

Von Mitarbeitern jedoch, die derart engagiert für die Belange des Unternehmens eintreten (die in der Realität die Belange des Inhabers sind), dass sie für ihre überdurchschnittlichen Leistungen immer wieder Gehaltserhöhungen erwarten dürfen, erwartet der Chef, dass sie auf seiner(!) Seite stehen. Loyal, konsequent, immer. Ein Mitarbeiter, der das darstellt, ist aus der Sicht des Inhabers „mein Mann“. Das ist eine banale Selbstverständlichkeit. Aber kann ein so deutlich auf der Seite des Arbeitgebers stehender und so strikt dessen Interessen vertretender Mitarbeiter gleichzeitig auch Betriebsrat sein und damit gewählter Interessenvertreter der Belegschaft? Kann der Inhaber eines Betriebes den gewählten Vertreter der Belange der Belegschaft als seinen „Aktivposten mit Potenzial“ ansehen, den er im Interesse seiner eigenen unternehmerischen Ziele fördert, befördert, mit Gehaltserhöhungen belohnt oder ihn damit motiviert, sich noch mehr für seine(!) Belange einzusetzen? Ist das wahrscheinlich?

Kurz: Ist die Tätigkeit eines Betriebsrats eine aussichtsreiche Basis für eine Karriere in der auf Arbeitgeberseite angesiedelten Führungsstruktur des Betriebes? Oder auch nur eine Basis für „immer mehr Gehalt“?

Und: Kann, ja darf der Unternehmenschef den Betriebsrat mit mehrfachen außertariflichen Gehaltserhöhungen „beglücken“ – ohne sich und den Betriebsrat dem Verdacht auszusetzen, man kaufe (besteche) arbeitgeberseits die Belegschaftsvertretung?

Der Betriebsrat, seine Wahl, seine Rechte und Pflichten sind gesetzlich geregelt. Die weitaus meisten Personalleiter kommen gut aus mit ihren Betriebsräten. Diese nehmen eine wichtige Funktion wahr und sind ganz sicher mitverantwortlich dafür, dass wir in Deutschland eine weitgehend funktionierende Sozialpartnerschaft haben. Von Ausnahmen, die es immer gibt, einmal abgesehen, nehmen die Betriebsräte, die ich kennengelernt habe, ihr Amt verantwortungsvoll und durchaus auch im Interesse des Betriebes wahr.

 

Nach meiner Erfahrung sind die entscheidenden Mitglieder des Betriebsrates meist lange im Unternehmen tätig, fühlen sich diesem verbunden und planen ihren weiteren Weg grundsätzlich dort, wollen aber meist keine leitenden Angestellten werden. Sie, geehrter Einsender, sind jung, stehen noch am Anfang Ihrer Berufslaufbahn, sind ehrgeizig (zumindest was „mehr Geld“ angeht) und in einem recht kleinen Unternehmen beschäftigt. Als ehrgeiziger Mann mit akademischem Studium müssen Sie damit rechnen, irgendwann einmal an die Grenzen Ihres kleinen Arbeitgebers zu stoßen. Dann müssen Sie wechseln.

Ich bin mir absolut nicht sicher, dass potenzielle neue Arbeitgeber die Bewerbung eines Betriebsrats immer ausschließlich positiv einschätzen werden. Stellen Sie sich nur vor, der neue Betrieb hat schon einen Betriebsrat. Der Bewerber, so unterstellt man, werde mit seinen entsprechenden Ambitionen am neuen Arbeitsplatz weitermachen, vielleicht die vorhandenen Betriebsräte verdrängen wollen – also „Ärger machen“.

Und nachdem Sie heute in noch jugendlichem Alter schon Abteilungsleiter (wenn auch ohne Abteilung) sind, kann Ihr weiterer Weg ja eigentlich nur noch zum leitenden Angestellten führen. Der aber ist Arbeitgebervertreter. Sie jedoch haben sich auf eine Funktion „auf der anderen Seite“ festgelegt. Kann man eine solche Festlegung wechseln wie ein Hemd? Nimmt Ihnen das ein Bewerbungsempfänger ab? Hilft es Ihnen, wenn eines Tages in Ihrem Zeugnis, der Wahrheit entsprechend, steht: „Ab dem x.x.20xx wurde er zum Betriebsrat gewählt; er hat sich sehr engagiert und nachdrücklich für die Belange der Mitarbeiter eingesetzt“? Fördert das wohl Ihre Bewerbung um die Position eines Arbeitgebervertreters (leitender Angestellter)?

Verstehen Sie jetzt, warum ich meinte, Sie hätten ein eher harmloses und ein noch nicht erkanntes gravierendes Problem? Das ich zum Glück nicht lösen muss, Sie haben nicht danach gefragt. Die Antwort auf die Frage nach den Gehaltserhöhungen ist im ersten Teil meiner Antwort enthalten: Vergessen Sie das – man kann nicht alles haben. In Ihrem Fall geht es aus der Sicht Ihres Chefs um „Politik“, nicht einfach nur um „mehr Geld“ für einen beliebigen Mitarbeiter.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2654
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-11-21

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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