Heiko Mell

Gehaltserhöhung am Chef vorbei?

Ich bin über 50 Jahre alt und arbeite seit vielen Jahren in der Konstruktion eines mittelständischen Unternehmens. Die Firma steht auf gesunden Beinen.Ich arbeite in einer deutlich kleiner gewordenen Abteilung vollkommen selbstständig und brauche meinen Chef eigentlich nur, um meinen Urlaubsschein zu unterschreiben. Die wirklich wichtigen Dinge bespreche ich direkt mit der Geschäftsleitung. Mein Arbeitsumfang hat mit den Jahren quantitativ und qualitativ enorm zugenommen und damit auch die Verantwortung. Ich habe mich mehrfach (zuletzt vor zehn Jahren) extern beworben, jedoch ohne Ergebnis.

Das Problem: Seit acht Jahren warte nicht nur ich, sondern wartet auch die Mehrheit der Beschäftigten auf eine Gehaltserhöhung. Ist es angebracht, im „Alleingang“ direkt bei der Geschäftsleitung um eine Gehaltserhöhung zu bitten (mein Chef kann da nichts ausrichten)?

Bei externen Gehaltsvergleichen (VDI) schneide ich nicht einmal so schlecht ab. Nur der Punkt „Berufserfahrung“ ist bei mir stark unterbewertet. Gehe ich rein nach der Tabelle, müsste ich ca. 15.000 EUR brutto mehr verdienen.

Antwort:

Jonglieren Sie gern mit scharfen Handgranaten? In dem aufgezeigten Szenario sind einige davon versteckt, ich zeige sie Ihnen hier:

1. Sie sind über 50, „urlange“ in der Firma und sachbearbeitend ohne Führungsfunktion tätig. Frühere Bewerbungen (bei denen Sie noch „über 40“ waren), endeten erfolglos. Daraus lässt sich ableiten: Sie haben heute auf dem Arbeitsmarkt kaum eine vernünftige Chance. Ich kann Ihnen zusätzlich garantieren, dass Ihnen kein anderes Unternehmen deutlich mehr bieten wird als Sie heute haben.

Die Regel lautet: Sie sind als Angestellter firmenintern so „stark“ wie Sie extern Chancen hätten. Letztere hätten Sie kaum bis gar nicht, also sind Sie trotz Ihres fachlichen Ansehens in dieser Frage schwach. Und Ihre Vorgesetzten wissen alle: Wenn wir diesem Mann einen Wunsch abschlagen, muss er dennoch bleiben.

Sie also dürfen unter gar keinen Umständen so viel riskieren, dass Sie am Schluss gehen müssen. Brutal gesagt: besser einen guten Job zu 65.000 EUR als arbeitslos mit dem Traum von 80.000 EUR.

 

2. Niemand, garantiert niemand, gibt einem Sachbearbeiter in der Konstruktion eine Gehaltserhöhung, die 15.000 EUR p. a. auch nur nahekommt. Ein Drittel davon wäre schon sehr viel. Und dann? Dann fehlten Ihnen immer noch 10.000 EUR im Jahr an dem, was Ihnen lt. Vergleich angeblich zusteht. Dann besteht Ihr Problem immer noch. Was wollen Sie dann tun – neue Vorstöße unternehmen? Glauben Sie mir: Nach wenigen Monaten sind Sie mit „10.000 EUR zu wenig“ ebenso unglücklich wie heute mit „15.000 EUR zu wenig“.

 

3. Berufserfahrung wird von den Betroffenen oft überschätzt. Nach allgemeiner Erkenntnis steigt ihre Bedeutung zuerst steil an, wächst aber so ab fünf Jahren im gleichen Job kaum noch. Ob Sie sieben Jahre etwas tun oder vierzehn, das macht keinen erkennbaren Unterschied mehr, oft gehen im Gegenteil Dynamik und Kreativität eher wieder zurück.

 

4. Selbstverständlich kann es sein, dass Ihre Aufgabenfülle im Laufe der Jahre zugenommen hat. Ich sage ja auch nicht, dass Ihr Wunsch unberechtigt ist, ich warne nur vor Illusionen bzw. Gefahren.

 

5. „Ich brauche meinen Chef nur für den Urlaubsschein“ – das ist eine gefährliche Konstellation. Und ausrichten kann er für Sie „oben“ ohnehin nichts. Wenn, was anzunehmen ist, er Ihre diesbezügliche Einschätzung kennt, hat er auch nicht das geringste Interesse an Ihnen. Sollte Ihr Vorstoß bei der Geschäftsleitung scheitern, rührt der keinen Finger für Sie.

Man soll so arbeiten, dass der Chef persönlich einen Nutzen aus dieser Tätigkeit und überhaupt aus der Existenz dieser Position hat (und den auch erkennt). Sie haben das Gegenteil getan oder doch zugelassen – und nun ist Ihr Chef nicht Ihr Freund und kann und/oder will nichts für Sie tun. Vielleicht ist er, zum Urlaubsscheinabzeichner degradiert, inzwischen sogar eher gegen als für Sie. Aber Gehaltserhöhungen gegen den Willen des Chefs zu realisieren, das geht nicht.

 

6. „Seit acht Jahren wartet die Mehrheit der Beschäftigten auf Gehaltserhöhung“. Das ist also intern ein heiß diskutiertes Thema und der Geschäftsleitung selbstverständlich bekannt. Die Situation ähnelt einem Pulverfass – wer zuerst eine Lunte daran legt, jagt es hoch. Dann gibt es heiße Diskussionen in allen Abteilungen, so etwas liebt die Geschäftsleitung ganz besonders.

Könnte man Ihnen aber eine Erhöhung geben und allen anderen nicht? Absolut nicht, Gleichbehandlung muss sein. Also würde Ihr Vorstoß das Unternehmen nicht 5.000 EUR pro Jahr kosten, sondern X.000 EUR mal der Summe aller Mitarbeiter. Wer diese Lawine lostritt, darf sich einer äußerst „dankbaren“ Geschäftsleitung sicher sein.

 

7. Egal wie eng oder „weit“ Ihr Arbeitsverhältnis mit Ihrem Chef ist: Hinter seinem Rücken zur Geschäftsleitung zu gehen und Ihre persönlichen Angelegenheiten zu diskutieren, ist sehr gefährlich, Chefs reagieren sehr negativ darauf.Ich sehe zwei Möglichkeiten für Sie:

a) Tun Sie gar nichts, lesen Sie auch keine Gehaltsvergleiche mehr. Bleiben Sie ein angesehener, allseits akzeptierter Mitarbeiter über 50, der nur das kleine Problem hat, sich ein bisschen unterbezahlt zu fühlen. Warten Sie, bis irgendein anderer Mitarbeiter die allgemeine „Lawine“ Gehaltserhöhung lostritt, das müssen nicht Sie mit Ihrem altersbedingten Handicap sein. Das ist die sichere, aber etwas unbefriedigende Variante.

b) Sie gehen zu Ihrem Chef und sprechen das Thema an. Und dann sagen Sie ihm ganz offen, dass Sie natürlich wüssten, dass er allein nichts tun könne, dass Sie aber sicher seien, gute Gründe für Ihre Bitte um Gehaltsanpassung zu haben. Solche Gründe sind in Arbeitgeberaugen vor allem „mehr Leistung als bisher erbracht“ (Hauptgrund), ggf. ergänzt durch „seit x Jahren hat es keine Anpassung an gestiegene Lebenshaltungskosten mehr für mich gegeben“ („seit x Jahren keine Gehaltserhöhung“ wäre kein Argument – es gibt weder einen juristischen, noch einen moralischen Anspruch auf ständige „Erhöhungen“ des Gehalts, also auf „mehr Geld für gleiche Leistung“).

Wenn Sie merken, dass er nichts tun will oder er sagt, er könne nichts tun, dann fragen Sie ihn, ob er einverstanden sei, wenn Sie direkt mit der Geschäftsleitung sprächen (nicht um ihn zu übergehen, auch nicht, weil Sie dort bekannter seien als er, sondern nur, weil Sie dort ja auch in Sachfragen dauernd direkten Kontakt hätten). Und dann verfahren Sie so, wie er das sagt oder wie er Ihren direkten Vorstoß ggf. genehmigt. Oder auch nicht.

Kurzantwort:

1. Dem System ist der Begriff „Gerechtigkeit“ wesensfremd; es ist nicht ungerecht, es weiß einfach damit nichts anzufangen. Das gilt insbesondere für die Gehaltsfrage.

2. Die Höhe des Gehalts hängt nicht nur von der Leistung, sondern auch vom Ansehen bei den Vorgesetzten, der wirtschaftlichen Situation des Unternehmens – und von den Chancen ab, die der Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt hätte, wenn er beim derzeitigen Arbeitgeber unzufrieden wäre.

3. Die Situation „Gehaltserhöhungsforderung“ ähnelt der des Lieferanten, der von seinem Kunden höhere Preis erzielen will. Es geht nicht darum, welcher Preis gerecht wäre, sondern welchen der Lieferant auf seinem Markt durchsetzen kann – und wie er dasteht, verlöre er diesen „Kunden“.

Frage-Nr.: 2463
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-02-03

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