Unter Wert bezahlt

Seit etwa zwölf Jahren arbeite ich als Spezialist ohne Personalverantwortung in der technischen Vertriebsunterstützung der deutschen Tochter eines internationalen Großkonzerns. Meine Leistungen und mein Engagement werden von Vorgesetzten und Kollegen sehr geschätzt, siehe auch das Zwischenzeugnis. Die jährlichen Leistungsbewertungen lagen weit überwiegend bei der Bestnote und sonst bei der zweitbesten Note.Ich habe mich in dieser ersten Anstellung nach der Promotion hinsichtlich Umfang und Anspruch der mir übertragenen Aufgaben kontinuierlich weiterentwickelt, jedoch bisher die Abteilung nicht gewechselt. Zuletzt wurden mir mehrere Sonderaufgaben übertragen, die ich allesamt zur hohen Zufriedenheit des Managements gelöst habe – teilweise mit weltweiter Beachtung.Vor ca. einem Jahr wurde mir von meinem Vorgesetzten und vom Bereichsleiter eine Ernennung zum leitenden Angestellten („Gehaltsgruppe X“) in ca. zwei Jahren in Aussicht gestellt und im Personalbeurteilungssystem Potenzial für die dann folgende und damit höchste Stufe meiner Laufbahn zugesprochen. Dies entspricht einer ranghohen Führungskraft, allerdings ohne Personalverantwortung.Soweit ist alles sehr positiv.Das Problem sehe ich in meinem Gehalt, das erheblich unter den Werten liegt, die intern als Marktdurchschnitt kommuniziert werden. Trotz Leistungsbewertungen in den letzten Jahren von 1, 1, 2+ und 1 liege ich etwa 34 % unter dem in offiziellen hauseigenen Tabellen dargestellten Bezugs-Gehalt (= Marktdurchschnitt) meiner aktuellen Gehaltsgruppe.Ich habe meinen Vorgesetzten und den Leiter des Geschäftsbereichs darauf angesprochen. Meine Position wurde voll akzeptiert („… in der Tat ein Missstand, den wir lösen müssen“), jedoch wurde auf die besondere Schwierigkeit von Gehaltserhöhungen in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation hingewiesen. Bis heute gibt es keine Lösung.Ist mein Wunsch nach einer leistungsgerechten Bezahlung unrealistisch oder schätze ich die Lage falsch ein? Auch mit „durchschnittlicher Bezahlung bei überdurchschnittlicher Leistung“ wäre ich ja schon zufrieden.Ich stelle mir die Frage, ob ich „durchhalten“ (und abwarten) oder mich auf einen baldigen Wechsel vorbereiten soll.

Antwort:

So ganz habe ich das System Ihres Konzerns noch nicht verstanden. Also man stuft Sie in eine Gehaltsgruppe ein (üblich), ordnet dieser eine gewisse Bandbreite zu (auch üblich), veröffentlicht dann aber pro Gehaltsgruppe ein Bezugs-Gehalt, das man als Marktdurchschnitt definiert (was heißen soll: „In dieser Gruppe würden Sie draußen X.000 EUR verdienen“) – und bringt damit seine Angestellten auf merkwürdige Gedanken, verursacht Zweifel sowie Vorbehalte und fördert Begehrlichkeiten und Frustrationen gleichermaßen? Das scheint mir ein sehr „mutiges“ Vorgehen zu sein. Kein Wunder, dass Sie sich – mit diesen Leistungsbeurteilungen – jetzt unterbezahlt fühlen, wenn man Ihnen die Argumente frei Haus liefert.Aber lösen wir uns einmal vom speziellen System und halten wir uns an die Fakten: Sie stecken in Gehaltsgruppe X, die Einstufung in X + 1 in den nächsten zwei Jahren ist in Aussicht gestellt, Ihre aktuellen Beurteilungen sind hervorragend, Ihr Zwischenzeugnis ist es auch. Einziges Problem ist auch nicht die absolute Gehaltshöhe, sondern Sie haben Grund zu der Annahme, dass „der Durchschnitt der anderen Mitarbeiter“ mit vergleichbarer Tätigkeit und Einstufung drinnen wie draußen in nennenswerter zweistelliger Größenordnung (%) über Ihren Bezügen liegt. Das geht aus Zahlen hervor, die Ihr Arbeitgeber selbst veröffentlicht. Nun sind Sie sauer – was man gut nachvollziehen kann. Ihre Chefs sehen das alles ein, tun aber nichts dagegen. Das enttäuscht Sie erst recht – auch das versteht man.Sofern ein Außenstehender so etwas überhaupt beurteilen kann, sofern Sie alles korrekt geschildert haben und ich alles richtig interpretiere, muss man zu dem Ergebnis kommen: Sie haben völlig recht.Die aus meiner Sicht wichtigere Frage ist jedoch: Was sollten Sie nun mit dieser Erkenntnis anfangen?Hierhin gehört zunächst die Mahnung, dass es in unserem System keine Gerechtigkeit gibt – und in Fragen der Vergütung von Mitarbeitern schon einmal gar nicht. Ihr Gehalt mag von einer Bezugsgröße, auf die Sie fixiert sind, nach unten abweichen – nimmt man aber die Gehälter einer Bundeskanzlerin mit ihrer ungleich größeren Verantwortung oder eines Stahlarbeiters am Hochofen mit seiner ungleich härteren Belastung physischer Art als Maßstab, können Sie immer noch sehr zufrieden sein. Versuchen Sie es einmal mit einem „philosophischen“ Ansatz: Gegenüber der Bundeskanzlerin verdienen Sie eigentlich etwas viel, gegenüber den Leuten Ihrer Gehaltsgruppe, die den angeblichen Marktdurchschnitt darstellen, verdienen Sie etwas wenig. Darauf könnte man antworten: Na und?Aber auch ich glaube nicht, dass Sie das spontan zufrieden stellt. Also müssen wir einen anderen Ansatz versuchen:Ich glaube, Sie haben im Hause jetzt erst einmal genug auf sich und Ihr Problem aufmerksam gemacht. Sie dürften (sehr) kurz davor sein, Ihre vorgesetzte Umwelt zu nerven. Sie haben andererseits die juristisch unverbindliche, aber immerhin terminlich fixierte Zusage zur „Beförderung“ in die höchste Gehaltsgruppe Ihrer Laufbahn. Warten Sie jetzt einfach ab, was geschieht. Wenn Sie weiter Druck machen, dürften die Nachteile größer sein als die Erfolgsaussichten. Natürlich ist das unangenehm, enttäuschend, ungerecht – aber all das gehört zum „Spiel des Berufslebens“ unvermeidbar dazu. Man gewinnt, man verliert – niemand gewinnt immer, auch Menschen und Institutionen nicht, die für eine gewisse Zeit auf Siege ein Abonnement zu haben schienen. Die Hauptsache ist, die Gesamtbilanz, zu ziehen am Ende des Berufslebens, stimmt. Und dort ist dann der Punkt „Bezahlung in den Jahren 200X und 200Y“ nur noch ein Randaspekt.Viel wichtiger erscheint mir dieser Hinweis zu sein: Sie stecken in einer reinen Fachlaufbahn, die es nur in wenigen (sehr großen) Unternehmen gibt. Kennzeichen: keine Personalführung, aber hohe Gehälter. Das hat den Nachteil, dass Sie weitgehend auf diesen heutigen Arbeitgeber ausgerichtet sind. So viele andere Firmen mit vergleichbarer Fachlaufbahn wird es nicht geben – und für die anderen sind Sie schlicht zu teuer („goldener Käfig“).Und dann sind Sie jetzt Anfang 40 und erreichen in Kürze die höchste Stufe Ihrer Laufbahn. Das bedeutet gut 20 weitere Berufsjahre ohne Beförderungschance – denn der Wechsel in die „nach oben offene“ Führungslaufbahn ist nicht mehr möglich. Aber das haben Sie sicher gewusst und akzeptiert. Das relativiert aber auch Ihr derzeitiges Problem: Wenn Sie dann in den nächsten 20 Jahren nicht mehr befördert werden können, ist Unterbezahlung über „nur“ zwei Jahre hinweg doch auch keine Katastrophe.

Kurzantwort:

1. Von allen „Gerechtigkeiten“ ist die im Bereich der Vergütung am schwierigsten zu erreichen. U. a. auch, weil dort Aspekte hineinspielen, die vom Mitarbeiter und seiner Leistung unabhängig sind.

2. Im „Spiel des Berufslebens“ gilt: Man gewinnt, man verliert (wie Bayern München). Niemand gewinnt immer – man bemühe sich um Gelassenheit und werte am Schluss die Gesamtbilanz aus.
Frage-Nr.: 2311
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-05-06

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