Plötzlich gilt die mündliche Zusage nicht mehr

Ich arbeite, bei fast zehnjähriger Unternehmenszugehörigkeit, seit zwei Jahren als …-Manager bei einer sehr großen Tochter einer noch deutlich größeren Konzernmutter. Aus einem Kontakt zur Mutter ist ein Angebot eines dortigen Abteilungsleiters entstanden, bei ihm ein mich sehr stark ansprechendes Aufgabenfeld zu übernehmen. Das Thema fasziniert mich und hat zentrale, über das Unternehmen hinausgehende Bedeutung.Ein erstes Treffen mit dem potenziellen neuen Chef bei der räumlich weit entfernten Muttergesellschaft verlief sehr angenehm, beide Seiten gaben eine mündliche Zusage. Beim zweiten Gespräch sollte zusätzlich ein Vertreter des Personalwesens anwesend sein.Jetzt ging es ums Geld: Heute komme ich auf etwa X.000 EUR Jahresbrutto einschließlich Überstundenbezahlung, Reisezeitentgelt und 35 h-Woche. Wir haben uns dann auf eine Gehaltsstufe bei der Mutter geeinigt (40 h / Woche, kein Entgelt für Überstunden und Reisezeiten), die für mich ca. 8.000 EUR pro Jahr zusätzlich bedeutet hätte.Der Personaler hatte sich vorbehalten, meine Ist-Bezüge bei meiner heute zuständigen Personalabteilung abzugleichen. Danach rief er mich an und reduzierte sein Angebot um einige Gehaltsstufen (mit der Zusage, nach sechs bis zwölf Monaten etwas höher zu kommen). Das würde – auch in der höheren Stufe – ca. 8.000 EUR pro Jahr weniger als heute(!) bedeuten.Der Personaler der Mutter wusste bis zur Aufklärung durch mich nicht einmal, dass die Tochter-AG an Urlaubsgeld fast das Vierfache der Mutter zahlt. Ebenso war er über unsere hohe Mitarbeitererfolgsbeteiligung erstaunt.Sein Argument ist nun, dass es für mich einen mehrfachen Sprung nach oben in der Einstufung bedeuten würde, würde er mir die ursprünglich versprochene Einstufung geben. Mein heutiges Monats-Grundgehalt ist tatsächlich deutlich niedriger als das angebotene, nur sind eben die regelmäßigen weiteren Zahlungen sehr deutlich unterschiedlich.Der potenzielle neue Chef will mich weiterhin, der Personaler will nur eine Steigerung des Grundgehalts zugestehen, wobei das Jahresbrutto unter dem heutigen liegen würde. Ich bestehe weiterhin auf der ursprünglich abgemachten Einstufung.

Antwort:

Zwei zentrale Aspekte sind zu beachten:1. In der Sache hat der Vertreter des Personalwesens recht! Am Stammtisch jedoch gewinnen Sie:Der grundsätzliche „Wert“ einer Position lässt sich am besten an der Einstufung in die feste Monatsgehalts-Stufe ablesen. Allenfalls dürfte man noch absolut gesicherte fixe Zulagen wie ein garantiertes Urlaubsgeld dazurechnen. Und dabei schneidet das Angebot der Mutter im für eine interne Versetzung ohne hierarchischen Aufstieg üblichen Rahmen deutlich besser ab.Variable Zusatzbezüge wie Boni, Beteiligungen am Unternehmensergebnis oder gar Überstunden bzw. Reisezeitentgelte(!) zählen bei internen Betrachtungen nur sehr bedingt – und im Denken seriöser Fachleute eher gar nicht. Was nützt Ihnen ein durch Reisezeitvergütungen zufällig und künstlich hochgequältes Jahreseinkommen, wenn die Unternehmensleitung mit einem Federstrich Ihre Reisen drastisch reduzieren und Überstunden verbieten kann?Die Bezahlung von Überstunden und Reisezeiten gilt nicht als reguläres Einkommen, sie ist Ausgleich für besondere zusätzliche Belastungen. Entfällt die Belastung, entfällt auch der finanzielle Ausgleich dafür. Stammtische rechnen in Netto-Bezügen „unter dem Strich“. Aber als ein deutscher Bundeskanzler sagte, entscheidend sei, was unter dem Strich herauskäme, meinte er nicht die Netto-Einkommen von Arbeitnehmern unter Einbeziehung von Vergütungen für Reisezeiten, garantiert nicht.2. Es gibt besondere Beziehungen von Müttern zu Töchtern in Konzernen. Da spielt Politik mit („wollen wir überhaupt, dass Mitarbeiter von der völlig anders strukturierten Tochter zur Mutter wechseln?“), aber auch systemtypische Arroganz beim Blick von oben (Mutter) nach unten (Tochter). Aus der Sicht der Mutter ist der Wechsel zu ihr allein schon ein Aufstieg, zumindest unter Aspekten von Macht und Einfluss. Natürlich kennt der Personalmann der Mutter die Gehaltsstruktur der Tochter nicht: „Wo sind wir denn – wer sind wir denn? Und gehören wir denen oder gehören die uns? Na also!“ (Ich kritisiere das nicht, ich beschreibe das nur. In „Rom“ denkt man so über die Regionalverwaltung in den „gallischen Provinzen“. Im Zentrum des Konzernuniversums würden Sie ja im Dunstkreis von Cäsar leben dürfen. Nein, das ist keine spezielle Anspielung, sondern gilt allgemein.)Fazit: Ärgern Sie sich nicht länger. Die frühere „Einigung“ über Ihr mögliches neues Gehalt war keine, das Personalwesen der Mutter wusste damals noch nicht, dass Sie wesensfremde Ausgleichszahlungen als Gehalt werteten. Entscheiden Sie auf der neuen Grundlage. Ein macht- und karriereorientierter Mensch ginge nach „Rom“, ein sachorientierter Mensch mit „Tarifangestellten-Denken“ bliebe schön in „Gallien“. Wo auch, wie Sie mir noch mitteilen, Ihr Lieblingssportplatz so schön nah beim Werk liegt. Wenn das ein Argument ist, halten Sie sich lieber fern von Cäsar. Der denkt in anderen Dimensionen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2200
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-03-05

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