Heiko Mell

Wer nichts fordert, ist nicht wert?

Bereits neun Monate nach Ende meines Studiums wurde ich stellvertretender Leiter einer Abteilung mit ca. 15 Mitarbeitern. Ihre wertvollen Beiträge haben mich vor so manchem Fettnäpfchen bewahrt und mir vieles erleichtert.

Diese Position habe ich unter hohem persönlichen und zeitlichen Aufwand nach subjektiver Einschätzung bislang stets zur vollsten Zufriedenheit meines Vorgesetzten ausgefüllt.
Einige meiner Bekannten (Ingenieure mit zwei bis vier Jahren Berufserfahrung in derselben Branche) haben mir geraten, unbedingt mit einer Forderung nach mehr Gehalt in das jährliche Beurteilungsgespräch zu gehen, um nicht an Ansehen beim Vorgesetzten einzubüßen.

Das will ich jedoch nicht tun: Trotz eines starken Aufschwungs in letzter Zeit schreibt unser Bereich immer noch rote Zahlen. Außerdem werde ich weit besser bezahlt als alle meine ehemaligen Kommilitonen. Meines Erachtens ist mein Gehalt auch für einen stellvertretenden Abteilungsleiter mit einem Jahr Berufserfahrung durchaus angemessen.

Wie beurteilen Sie die Meinung meiner Bekannten?
Falls Sie eine Gehaltserhöhung für angemessen halten: Erscheint es sinnvoll, anstelle dieser Gehaltserhöhung die Übernahme meiner Reisekosten von und zur Arbeitsstelle in Höhe von ca. 3.000 EUR p. a. (Bahnticket) zur Diskussion zu stellen?

Antwort:

„Marie fährt von der Schule und zur Schule mit dem Fahrrad.“ Das ist gut für Marie, schon wegen der frischen Luft. Aber es klingt nicht gut, zwei Mal Schule ist nicht elegant. Man kann in solchen Fällen eine Schule weglassen – sofern man die Grundregel beachtet, dass die Geschichte trotz der Kürzung sinnvoll bleibt:“Marie fährt von und zur Schule mit dem …“, entspräche Ihrem Beispiel. Gegenprobe: Klingt das Zusammengezogene noch gut, wenn man es wieder aufdröselt? „Marie fuhr von Schule mit …“ ist der negative Beweis – es geht so nicht.

Schon besser wäre: „Marie fährt von der und zur Schule …“

Dann bliebe nur noch ein kleiner logischer Aspekt: Der Tag beginnt morgens, also mit der Hinfahrt zur Schule. Demnach wäre korrekt: „Marie fährt zur und von der Schule mit dem Fahrrad.“ Dabei merkt man dann, dass das nicht gut klingt – und in der Aussage unpräzise ist. Was heißt „von der Schule“? Während der Sprachgebrauch bei „zur Schule“ den täglichen Weg von zu Hause dorthin meint, ist „von der Schule“ deutungsoffen. Vielleicht fährt sie zu ihrer Freundin oder zum Einkaufen?

Neuer Versuch: „Marie fährt zur Schule und zurück mit dem Fahrrad“ – korrekt, aber überzogen. Schließlich ist dies kein technisches Gutachten, bei dem jede denkbare Variante berücksichtigt werden muss, sie wird das Fahrrad schon nicht tragen auf dem Heimweg. Bleibt: „Marie fährt mit dem Fahrrad zur Schule.“ Das ist absolut ausreichend, zweifelsfrei richtig und informiert den Leser umfassend.

So viel zu Ihrem „von und zur Arbeitsstelle“. Ich weiß, dass mich manche Leser für Ausführungen wie diese heiß und innig lieben. Sollen sie. Ich lese Bewerbungen, Einsendungen zu dieser Serie – und Geschäftsbriefe von Kunden. Dazwischen liegen Welten, auch wenn niemand fehlerfrei ist, selbstverständlich auch ich nicht (Sie brauchen mir das nicht zu beweisen; ich bin bloß Kritiker, kein lebendes Beispiel für Null-Fehler-Programme).

Ich sehe auch von meinen Kunden zurückkommende Bewerbungen mit angestrichenen Fehlern aller Art in Anschreiben und Lebensläufen. Sagen wir es einmal so: Das Niveau der Erwartungen auf Empfängerseite ist deutlich höher – auch in Sachen „Muttersprache“ – als das durchschnittliche Niveau der akademischen „Lieferanten“.

Daher der obige Ausflug in die Niederungen der Details. Wer sich darüber ärgert, muss diesen Text gelesen haben – das reicht mir schon.

 

Zur Sache: Sie, geehrter Einsender, haben – u. a. auf dem zweiten Bildungsweg, wie Ihr beigefügter Lebenslauf ausweist – viel erreicht, dazu beglückwünsche ich Sie ausdrücklich. Ich sehe übrigens durchaus einen Zusammenhang zwischen beiden Aspekten: Die Absolventen des zweiten Bildungsweges sind oft gerade als Berufsanfänger reifer, ernsthafter als die Resultate des „normalen“ Weges.

Weil wir gerade dabei sind: Man hat nicht die „Verantwortung der zugeordneten Mitarbeiter“ (Lebenslauf), sondern „für die“ (ich verbessere höchstens 5 % der mir auffallenden gravierenden Fehler in allen Einsendungen).

Sie machen, so sagen Sie, Ihren Job gut. Ich glaube das sofort, Sie sind der Typ dafür. Wenn man erfolgreich ist – wie Sie bisher -, dann gehört dazu ein bestimmter Stil, ein bestimmtes Denken und Handeln. Ein wesentlicher Teil davon sind Instinkt und „Bauchgefühl“. Beides hat sich in Ihrem Fall bewährt – bleiben Sie dabei! Auch in der jetzt anstehenden Situation.

Ihre Bekannten verdienen weniger als Sie, haben weniger als Sie erreicht und geben Ihnen jetzt „kluge“ Ratschläge! Vielleicht sind die sogar neidisch und hetzen Sie ganz gern einmal in einen Konflikt mit Ihrem Chef. So ganz nebenbei: Wenn Sie wissen, dass die anderen weniger verdienen, dann kennen die auch Ihr höheres Einkommen. Könnte es sein, dass Sie damit – in deren Augen – etwas zu viel „renommiert“ haben, ebenso mit Ihrem stv. Abteilungsleiter?

Ich halte die Theorie Ihrer Bekannten für Unfug! Noch dazu, wenn Sie schon gut bezahlt werden und Ihr Bereich Verluste erwirtschaftet. Wo soll Ihr Chef das zusätzliche Geld denn hernehmen?

Übrigens gibt es zahlreiche sehr erfolgreiche Führungskräfte, die nach eigenem Bekunden „noch nie über Geld verhandeln mussten“, sondern immer so gut und für die Firmen wertvoll waren, dass man sie freiwillig gut bezahlt hat. Auch für Sie gilt: Werden Sie – später(!) – Abteilungsleiter, dann ist die Erhöhung größer als alles, was Sie jetzt herausschlagen könnten.

Die Geschichte mit der Reisekostenerstattung geht nur, wenn das im Hause üblich ist. Ein (größeres) Unternehmen muss stets alle vergleichbaren Mitarbeiter gleich behandeln, sonst bekommt es Ärger. Das bedeutet: Allen wird ein Bahnticket angeboten oder niemandem.

Kurzantwort:

Mittel- und langfristig erhält nicht derjenige Mitarbeiter das höchste Gehalt, der am meisten fordert, sondern bei dem man die größte Angst hat, ihn nicht zu bekommen (externer Bewerber) oder ihn zu verlieren.

Frage-Nr.: 2095
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-02-08

Top Stellenangebote

Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH QC-Fachkraft (m/w/d) für die SW-Programmierung der Automotive-Teststände Lüneburg
Bauhaus-Universität Weimar-Firmenlogo
Bauhaus-Universität Weimar Leiter (m/w/d) Sachgebiet Liegenschaftsverwaltung Weimar
Freie Universität Berlin-Firmenlogo
Freie Universität Berlin Technische/-r Beschäftigte/-r (m/w/d) Berlin
Technische Universität Braunschweig-Firmenlogo
Technische Universität Braunschweig Universitätsprofessur (W3) Intermodale Transport- und Logistiksysteme (m/w/d) Braunschweig
Hochschule für angewandte Wissenschaften München-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften München W2-Professur für Fertigungstechnik und Produktionsprozesse (m/w/d) München
Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung-Firmenlogo
Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung Ingenieur für Messtechnik und Datenerfassung (w/m/d) Potsdam
Fachhochschule Bielefeld-Firmenlogo
Fachhochschule Bielefeld W2-Professur Lehrgebiet Projektmanagement; insbesondere Kostenermittlung und Controlling Minden
Ernst-Abbe-Hochschule Jena-Firmenlogo
Ernst-Abbe-Hochschule Jena Professur Virtuelle Produktentwicklung (W2) Jena
FH Aachen-Firmenlogo
FH Aachen Professur Technische Mechanik und Simulation Aachen
KfW Bankengruppe-Firmenlogo
KfW Bankengruppe Bau- oder Umweltingenieur/in als Technischer Sachverständiger (w/m/d) Frankfurt am Main
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.