Heiko Mell

Wie komme ich an eine Gehaltserhöhung?

Wann ist der richtige Zeitpunkt, nach einer Gehaltserhöhung zu fragen, eine Gehaltserhöhung zu fordern? Wieviel Prozent kann man bei der ersten Erhöhung in der ersten festen Anstellung fordern?

Ich bin seit knapp zwei Jahren im XY-Konzern tätig. Seit knapp einem Jahr arbeite ich in verantwortlicher Position zur Unterstützung eines Kollegen. Ich habe mich, wie mir von mehreren Seiten bestätigt wird, gut in diese neue Tätigkeit eingearbeitet und werde nicht zuletzt wegen meiner praktischen Erfahrungen (Lehre vor dem Studium) trotz meines Alters (28) entsprechend respektiert. Meinen höher eingruppierten Kollegen vertrete ich im Urlaub.

Bei meinem Eintritt habe ich eine Einstufung in T4 + Zulage + Überstundenpauschale erhalten, was genau der Einstufung in T5 entspricht. Mein Gehalt ist durch die üblichen tariflichen Erhöhungen insgesamt um 170 EUR/Monat gewachsen.

Meiner Meinung nach bin ich es wert, eine Gehaltserhöhung zu fordern, da ich bereits eine Menge Verantwortung trage und sehr schnell eigenständig und somit auch „geldbringend“ eingesetzt wurde.

Antwort:

Es scheint wieder besser zu laufen mit der Konjunktur – die jungen Ingenieure reden erstmals seit langer Zeit wieder über Gehaltserhöhung.Es gibt, geehrter Einsender, auf Ihre Frage keine allgemeingültige Antwort. Hier der Versuch, einige Aussagen aufzulisten, die das Thema zumindest einkreisen:

1. Es gibt im gesamten Wirtschafts- und Berufsleben keine wirkliche Gerechtigkeit, im Bereich „Gehalt“ schon einmal gar nicht. Für die Bezahlung spielen sehr viele Faktoren eine Rolle, Gerechtigkeitsansprüche oder -bestrebungen gehören eher nicht dazu (sagen Sie also nie: „Das ist ungerecht“, diesen Begriff kennt das System gar nicht).

2. Eine große Rolle spielt der Markt mit Angebot und Nachfrage. Boomt Ihre Branche, platzt Ihr Unternehmen vor neuen Aufträgen aus allen Nähten und sind Leute Ihrer Qualifikation derzeit nicht zu finden – dann ist ein Arbeitgeber bereit, Summen zu zahlen (auch als Erhöhung), an die er zu anderen Zeiten nicht erinnert werden möchte.

3. Bei der Gehaltsfestsetzung und -überprüfung ist es entscheidend, wie wichtig und begehrt Sie in den Augen Ihres Vorgesetzten sind. Konkret: Wenn Sie eine Gehaltserhöhung erwarten und keine bekommen, ärgern Sie sich. Dann besteht die Gefahr, dass Sie kündigen und abwandern. Je nachdem, wie sehr Ihr Chef das fürchtet, gibt es eine Erhöhung oder nicht.

4. Gehälter müssen in ein innerbetriebliches Schema passen. Es gibt hausinterne Gepflogenheiten für Erhöhungen (oft verbunden mit festgelegten Terminen), vor allem aber gibt es in Ihrer Abteilung Kollegen, zu deren Gehaltsniveau Sie passen müssen. Auch auf die Bezüge von Mitarbeitern in Nachbarabteilungen wird dabei geachtet.

5. Im unteren Bereich legen tarifliche Eingruppierungen und Eingrenzungen vieles fest. Diese Tarife sind nicht die Resultate wissenschaftlicher Analysen, sondern entstehen in einem Machtpoker zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern.

Die meisten Tarifgruppen sehen übrigens durch die „Beschäftigungsjahre“ ständige Steigerungen wegen wachsender Erfahrung und Qualifikation des Mitarbeiters vor. Konkret: Das Steigen tariflich basierter Bezüge stellt bereits Gehaltserhöhungen dar, die allerdings pauschal „für alle“ zentral ausgehandelt wurden. Eine darüber hinausgehende Gehaltserhöhung setzt also voraus, dass man „besser als die anderen“ ist.

6. Ihre heutige tarifliche Einstufung hat Tücken. Vergessen Sie in jedem Fall das Argument, Ihr „T4 + Zulagen“ entspräche T5. Wenn es beispielsweise 3 % Tariferhöhung gibt, dann erhält die der T5-Mann auf sein höheres Tarifeinkommen. Sie jedoch laufen Gefahr, dass man Ihnen – je nach Marktlage und Gehaltspolitik des Hauses – die Erhöhung nur auf das T4-Basisgehalt gewährt und die Zulagen unverändert belässt. Oder man – alles schon dagewesen – kürzt bei den Zulagen, was an T4-Erhöhung gewährt wurde. Kurz: Bei gleicher Brutto-Gesamtsumme ist T5 ohne Zulagen besser als T4 mit (für Sie; für den Arbeitgeber eher nicht).

7. Ein – kritisch zu sehender – Kernsatz Ihrer Frage lautet: „Meiner Meinung nach bin ich es wert, eine Gehaltserhöhung zu fordern.“ Abgesehen von der sprachlich höchst unbefriedigenden Lösung (man kann „es wert“ sein, etwas zu empfangen, aber weniger, etwas zu fordern; Sie meinen doch wohl eher, Sie seien berechtigt oder so): „Fordern“ sollten Sie als abhängig Beschäftigter vorsichtshalber lieber gar nichts. Sie sind der sozial Schwächere, Ihre Existenz hängt an dieser Position, die Sie einnehmen. Man „fordert“ aus starker Verhandlungsposition, sonst besser nicht. Fordern Sie lieber etwas von Ihrem Bundeskanzler. Das nützt zwar nichts, schadet Ihnen aber auch nicht.Ja und dann steht da „Meiner Meinung nach“. Das ist korrekt, aber völlig unerheblich. Wenn wir jeden Mitarbeiter danach bezahlten, was er seiner Meinung nach verdient hätte, dann überlebten unsere Unternehmen nicht lange.Fazit: Die zentrale Schlüsselfigur für Gehaltserhöhungen ist der Vorgesetzte, ohne ihn geht in dieser Frage gar nichts. Er muss zunächst einmal der Meinung sein (ob sein Bild auf objektiven Tatsachen oder auf rein subjektiven Empfindungen beruht, ist nicht wichtig), dass Sie hervorragende Arbeit leisten, als Besetzung Ihrer Position schwer zu ersetzen wären – und eigentlich eine höhere Bezahlung verdienen. Dann muss er über die Möglichkeit dazu verfügen (Budgetmittel), die Erhöhung muss ins System des Unternehmens passen, und der Vergleich mit anderen Mitarbeitern, muss zeigen, dass für Sie noch „Luft“ nach oben besteht. Und dann prüft Ihr Chef, was da zu machen ist und leitet gegebenenfalls ein Erhöhungsverfahren nach Standard des Hauses sein.

An Ihrer Schilderung stört mich, dass da von einer Einschätzung Ihres Tuns durch Ihren Vorgesetzten gar nicht die Rede ist. Sie hätten sich, wie Ihnen „von mehreren Seiten“ bestätigt worden wäre, gut eingearbeitet. Das sind vermutlich Kollegen u. ä. – es kann nicht schaden, die auf seiner Seite zu haben. Aber zuständig für Ihr Problem sind sie nicht.

Übrigens ist eine „gute Einarbeitung“ keine Basis für eine Gehaltserhöhung, sondern selbstverständlich. Von Anfang an ist Ihr Gehalt darauf ausgerichtet, die erfolgreiche Lösung der Ihnen gestellten Aufgaben abzugelten, die tadellose Einarbeitung wird vorausgesetzt. Sie haben – verkürzt – nicht nach „guter Einarbeitung mehr“ zu beanspruchen, sondern hätten streng genommen vorher sehr viel weniger bekommen müssen (theoretische Betrachtung).

Ihr Chef aber muss wollen! Stellen Sie zunächst vorsichtig fest, was er über Sie, Ihre persönliche Führung, Ihre Leistung und Ihre Gesamtqualifikation denkt, wie er Sie einstuft. Erkennen Sie dabei zwar schulterklopfende Akzeptanz, aber keine Begeisterung, dann müssen Sie ihn durch geschickte Information über Wochen und Monate zu der von Ihnen erhofften Meinung bringen. Das machen Präsidentschafts- und Kanzlerkandidaten vor der nächsten Wahl auch, ebenso Autohersteller in der Fernsehwerbung („Tue erst ein wenig Gutes und sprich dann ausführlich darüber“).

Wenn das geschafft ist, fordern Sie keine Erhöhung, sondern bringen das Gespräch darauf: „Wie sehen Sie meine gehaltliche Entwicklung?“ Keine Angst, ein erfahrener Chef weiß genau, was Sie wollen. Und in dem Gespräch können und sollten(!) Sie ihren Standpunkt höflich und vorsichtig deutlich machen. Legen Sie Ihre Argumente auf den Tisch, weisen Sie auf Ihre erzielten Erfolge, unbestreitbaren Verdienste hin. Sagen Sie aber nicht „ich erwarte“, sondern „ich würde mich freuen, wenn …“. Vielleicht will er nicht, vielleicht kann er nicht, dann muss ein Gesprächsabschluss ohne Gesichtsverlust für beide Seiten möglich sein.

In jedem Fall wissen Sie nach einem solchen Gespräch sehr viel mehr über die wichtige Frage, was der Arbeitgeber, der Ihre Arbeitskraft „gekauft“ hat und somit Ihr zahlender Kunde ist, von Ihnen hält. Große Konzerne geben eine Menge Geld aus, um an solche Informationen über ihre Kunden zu kommen.

Konkrete Erhöhungsprozente abzuwägen, bringt Sie nicht weiter. Übrigens: „Richtige“ Gehaltserhöhungen erzielt man am besten durch Beförderung/Aufstieg. Eines Tages Abteilungsleiter zu werden, ist unter diesem Aspekt ungleich interessanter als 5 % „mehr“.

Und man droht niemals mit Kündigung! Auch nicht in Gehaltserhöhungsdiskussionen. Eines Tages zu kündigen, ist erlaubt, damit zu drohen, jedoch nicht.

 

Kurzantwort:

„Ich will mehr Geld“, ist der falsche Denkansatz. „Ich muss meinen Chef dazu bringen, mir mehr Geld zahlen zu wollen“, geht in die richtige Richtung.

Frage-Nr.: 1825
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-02-13

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