Heiko Mell

Gehaltsangabe in Bewerbungen

Ich beziehe mich auf Notizen aus der Praxis, Folge 169 aus den VDI nachrichten vom 22.08.2003 „Und der Preis bleibt geheim“.

Die Verschleierung von Preisen ist in unserer Marktwirtschaft keineswegs so unüblich, wie Sie Ihren Lesern glauben machen wollen. Es ist wohl eher gängige Praxis der Verkaufspsychologie. Ganz im Gegensatz dazu wird über die Kalkulation der Preise absolute Verschwiegenheit gewahrt. Weshalb aber raten Sie dann Ihren Lesern dazu, im Verkaufsgespräch oder beim schriftlichen Angebot das jetzige Gehalt anzugeben?

Kein Selbstständiger wird, um bei Ihrem Beispiel zu bleiben, jemals offenherzig in Gegenwart eines Interessenten über das Entgelt seines letzten Auftrags plaudern. Kein Kaufmann wird, auch nicht auf die treuherzige Frage eines Kunden, seine Kalkulation offen legen.

Das jetzige Gehalt sagt nur bedingt etwas über die Leistung des Bewerbers aus. Die Kenntnis desselben seitens des künftigen Arbeitgebers erschwert dagegen nur den Wechsel von Arbeitnehmern aus ländlichen Regionen in die Ballungsräume und umgekehrt.

Ein Bewerber, der die Frage nach dem letzten Gehalt nicht beantwortet, zeigt damit, dass er die Regeln der Marktwirtschaft verstanden hat. Der Fragesteller bei einem Vorstellungsgespräch scheint hingegen sein Gegenüber nicht als gleichberechtigten Gesprächspartner zu akzeptieren.

Antwort:

Mir kommt beim Lesen Ihres – hier etwas gekürzt wiedergegebenen – Briefes ein „Verdacht“: Kann es sein, dass Sie mehr selbstständig als angestellt sind? Das würde manches erklären.

Der Schlüssel liegt in Ihrem letzten hier abgedruckten Satz: Natürlich empfindet der Arbeitgeber bzw. sein Vertreter im Vorstellungsgespräch den Bewerber („sein Gegenüber“) nicht als gleichberechtigten Gesprächspartner! Weil dieser das auch gar nicht ist!

Der Bewerber ist Angestellter. Die offizielle Definition dafür lautet „abhängig(!) Beschäftigter“. Abhängig von einem Arbeitgeber – entweder dem heutigen oder dem, bei dem er sich gerade bewirbt. Da ist nirgendwo ein Ansatz für „Gleichberechtigung“.

Zur Sache selbst: Mein angesprochener Beitrag beschäftigt sich in sechs von sieben Absätzen mit dem Thema, dass Angestellte, die sich bewerben, sagen sollen, was sie denn „kosten“ – der Bewerbungsempfänger will wissen, welchen „Preis“, welches Gehalt, er für die angebotene Leistung zahlen müsste. Es geht also schlicht um Gehaltsforderungen. So – und dabei bleibe ich natürlich – wie jedes Unternehmen, jeder Selbstständige niemals ein Angebot an einen potenziellen Kunden abgeben kann, ohne einen Preis zu nennen. Von irgendeiner Offenlegung einer Kalkulation ist dabei auch nicht andeutungsweise die Rede.

Hintergrund ist schlicht, dass zahlreiche Bewerbungen eingehen, aus denen nicht hervorgeht, ob die angebotene Leistung nun 50.000 oder 100.000 EUR kosten soll. So wie jedes Unternehmen wissen will, wie viel eine angebotene Maschine kostet, so will es auch wissen, wie viel dieser neue Angestellte kosten würde. Mit der persönlichen Bedarfssituation, mit Ballungsgebieten o. ä. hat das zunächst nichts zu tun. Ich schrieb damals einleitend: „In einer Marktwirtschaft ein – vorsichtig gesagt – ungewöhnlicher Vorgang: Ein Verkäufer, der ein Geschäft machen will, ziert sich, seinen Preis zu nennen.“ Als Verkäufer (seiner Arbeitskraft) tritt hier der Bewerber auf (die Rubriküberschrift „Bewerbung“ steht oben darüber), das Geschäft, das er anstrebt, ist die Anstellung – und sein Preis ist seine Gehaltsforderung.

Im siebenten Absatz habe ich dann denjenigen „Amateuren“ im Preisgeschäft, denen die Nennung einer Forderung schwer fällt, geraten, schlicht das heutige Einkommen zu nennen. Denn das, ob Ihnen das nun gefällt oder nicht, muss nach allgemeiner Auffassung der Angestellte im Vorstellungsprozess ohnehin auf Befragen nennen – sonst stellt ihn der potenzielle Arbeitgeber eben nicht ein. Einmal abgesehen davon, dass der Bewerber nach Einstellung seine Lohnsteuerkarte abgibt, aus der das frühere Einkommen in allen Details hervorgeht.

Und noch etwas: Es gehört zu den anerkannten Grundsätzen der Bewerberbeurteilung, auch aus der Relation zwischen Ist- und Wunscheinkommen eines Kandidaten seine Schlüsse zu ziehen. So ab + 25 % müssen Sie mit einer sicheren Ablehnung (nicht nur der Forderung, sondern der gesamten Bewerbung) rechnen, insbesondere bei „wohlgeordneten“ größeren Unternehmen.

So ganz verstehe ich die Aufregung nicht: Der Bewerber ist bei der Verfolgung seines Anliegens von den Antworten auf diese Fragen abhängig: Was hat Ihr heutiger Arbeitgeber Ihnen für Aufgaben übertragen, welche Kompetenzen/Vollmachten räumte er Ihnen ein, wann hat er Sie wohin befördert, wie hat er Sie beurteilt? Und dann kommt eben noch hinzu: Wie hat er Sie bezahlt?Wie auch immer: Vergessen Sie die Idee mit der Gleichberechtigung, sonst drohen Ihnen ziemlich heftige Überraschungen.

Frage-Nr.: 1800
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-10-23

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