Heiko Mell

AT, AT, AT!

Sie haben vor langer Zeit geschrieben, dass man auf jeden Fall nach einem AT-Vertrag streben soll. Ich habe allerdings nicht verstanden, warum. Alle Bekannten/Kollegen jammern, dass sie nach der Umstellung weniger verdient haben als vorher (fehlende Überstundenvergütung etc.). Soll ich einen Vertragsentwurf von einem Rechtsanwalt prüfen lassen?

Antwort:

Was waren wir früher doch für Kerle – so ganz anders als die Jugend von heute! So, das musste einfach mal sein. Im übrigen weiß natürlich auch ich, dass man Ausbrüche dieser Art nicht besonders ernst nehmen darf. Es soll schon Tontäfelchen aus dem alten Ägypten gegeben haben, auf denen ähnliche Stoßseufzer eingeritzt waren.

Was ich meine, ist folgendes: Wir sind „damals“ in einen Konzern eingetreten, haben uns ein bisschen umgeschaut und entschieden, dass man hier möglichst bald etwas „werden“ müsste. Mehr Geld, ein eigenes, größeres Büro, Macht, das wäre es doch. Dann haben wir uns das „System“ angesehen und versucht, Eckwerte zu erkennen. Einen hatten wir schnell: AT musste man sein. Damit waren Privilegien verbunden wie Bundesbahn I. Klasse bei Dienstreisen (jawohl), Betreuung durch eine separate Personalabteilung und überhaupt: Kein Abteilungsleiter, ohne vorher AT gewesen zu sein. Wenn ich mich recht erinnere, gab es am Verwaltungshochhaus sogar einen eigenen Parkplatz nur für AT-Angestellte. Den musste man haben!

Konsequenz: Wer abends gewichtigen Schrittes, die bedeutende Persönlichkeit markierend, zu seinem Auto strebte, das auf dem Parkplatz für Tarifangestellte stand, der war noch „nichts“, der tat bloß so.

Und Sie fragen, warum AT. Und Ihre Kollegen und Bekannten meckern über die Vergütung von Überstunden. Was waren wir …, aber das hatten wir schon.Nun ganz ernsthaft: Stellen Sie sich das Geschwindigkeits-/Zeit-Diagramm eines handgeschalteten Vierganggetriebes vor. Sie fahren Vollgas im II. Gang, etwa 80 km/h. Wenn Sie jetzt schalten, nehmen Sie Gas weg, kuppeln aus: Luft- und Rollwiderstand reduzieren Ihre Geschwindigkeit bald auf etwa 75 km/h. Jetzt den III. Gang eingelegt, eingekuppelt, wieder Gas gegeben. Findet das alles am Berg statt, sind Sie fast auf 70 herunter. Sie erleiden einen Verlust an Geschwindigkeit, welch grausames Schicksal! Jetzt ist Jammern angesagt.

Aber dann: langsam zieht Ihr Wagen wieder an, beschleunigt spürbar. Sie fahren 72, 75, 78, wieder 80 km/h. Und werden schneller. Bald sind 90, 120 km/h erreicht – die im II. Gang niemals möglich gewesen wären.

Sehen Sie, der III. Gang entspricht AT. Wer weiter Geschwindigkeitszuwachs will, muss ihn einlegen – und versuchen, jeden der „kleinen“ Gänge so schnell wie möglich durchzufahren, um endlich im höchsten Gang das Ziel der ganzen Geschichte zu erreichen.

Sie werden langsamer beim Wechsel in den III. Aber dann! Wer nicht aufsteigen will und Erbsen zählt, bleibt im Tarif. Aber Abteilungsleiterstellen gibt es dort so gut wie nie. Wer die will, muss irgendwann ins außertarifliche Angestelltenverhältnis. Weil dieser Status ein weithin sichtbarer erster Schritt ist auf dem Weg nach oben. Das mag je nach Unternehmen unterschiedlich ausgeprägt sein – und gilt auch, wenn es dort keine Spezialparkplätze gibt und die I. Bahnklasse an anderen Kriterien hängt.

Das gilt sogar dann, wenn Sie den – nicht einmal unberechtigten – Verdacht haben, das Unternehmen setze gelegentlich den AT-Vertrag ein, um bei bestimmten Mitarbeitern Geld (z. B. für Überstunden) zu sparen.

Wenn Sie Ihren Aufstieg in die AT-Klasse bewusst verhindern, riskieren Sie, dass eines Tages (Ehrgeiz immer vorausgesetzt) ein Bewerbungsempfänger fragt: „So alt und noch im Tarif?“ – und dann zieht er die Augenbrauen hoch.

Ich kann das auch kürzer sagen: Sie werden entweder irgendwann Bereichsleiter oder Sie hängen berufslebenslang im Tarif. Aber beides zusammen geht nicht (und jetzt kommt jemand aus einem großen Konzern mit massiver Beteiligung von Bund und Land und erklärt mir seinen hochspeziellen Haustarif – der ist dann nicht gemeint).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1795
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-02-10

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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