Heiko Mell

Vertragsbruch?

Ich stecke in einem Dilemma. Seit einiger Zeit arbeite ich in der Entwicklung eines großen internationalen Unternehmens. Die Konditionen sind gut. Die Bezahlung war auch in Ordnung. In einer Zusatzvereinbarung wurde ein Bonus definiert (abhängig vom Erreichen definierter persönlicher Ziele und der persönlichen Performance). Die jährlichen Zielvereinbarungen waren fair und das Arbeitsklima ist sehr gut. Meine letzte Leistungsbeurteilung war sehr gut. Alle Ziele wurden erreicht und ich wurde eingestuft als potenzieller Kandidat für eine weitere Beförderung.

Vor einigen Monaten wurde mir schriftlich eine Gehaltserhöhung von etwas mehr als 10 % zugesprochen. Nun wurde mir anlässlich des diesjährigen Zielvereinbarungsgesprächs auf mein ausdrückliches Nachfragen hin mitgeteilt, dass der Bonus aufgrund der wirtschaftlichen Lage nicht weiter gewährt wird, sondern „wie ja bereits vor einem Jahr bekannt gegeben, auf das Gehalt umgelegt wurde!“.

Ich war sehr enttäuscht, dass nun kein Bonus gezahlt werden sollte, da somit die „Gehaltserhöhung“ von vor einigen Monaten lediglich noch etwa + 1 % entspricht. In dem damaligen Schreiben (Mitteilung über die Erhöhung) war in keiner Weise auf eine Umlage des Bonus hingewiesen worden. Auch ist mir nie etwas dazu mündlich mitgeteilt worden.

In einem Gespräch teilte mir der Assistent der örtlichen Personalleitung mit, dass alles rechtens wäre und er lediglich eine moralische, informationspolitische Schuld eingestehe. Er drohte mir auch an, falls ich vor Gericht gehen würde und ich womöglich Recht bekäme, er nicht garantieren könnte, dass ich noch Schulungen bekäme oder ich auf Gehalts- oder Karrieresprünge hoffen könne. Einige Tage später teilte er mir in einem Schreiben mit, dass mir die Firma mit einer einmaligen Prämie in Höhe etwa eines Drittels des vereinbarten Bonus entgegenkäme, da die Firma eine moralische Schuld und informationspolitisches Versagen eingestehe.

Meine Fragen: Ich sehe das Verhalten der Firma als einseitigen Vertragsbruch. Sehen Sie das genau so? (Es folgen acht weitere detaillierte Fragen, die ich, da sie z. T. sehr provokativ formuliert sind, lieber nicht abdrucke; d. Autor.)
Mein Anwalt kann leider nicht helfen, da er lediglich die rechtliche Seite beleuchtet. Diese vernachlässigt aber die – Ihnen sicher geläufigere – Komponente der Zwischenmenschlichkeit. In Erwartung Ihres salomonischen Rates …

Antwort:

Etwas in dieser Art kann jederzeit fast überall geschehen. Damit kein Zweifel aufkommt: Die hier beteiligte Firma wurde nicht benannt, sie ist auch nicht erkennbar.

Zunächst einmal einige Aussagen von mir bzw. Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen:

1. Es ist ein „Naturgesetz“, dass sich Mitarbeiter durch jegliche Art von Einkommensreduzierung sehr(!) getroffen fühlen. Der klassische Angestellte ist stark vom Prinzip der Besitzstandswahrung durchdrungen: Was ich gewohnt bin, ist heilig, niemand darf mir etwas wegnehmen. Das ist zwar grundsätzlich unvernünftig – Selbstständige leben ständig mit Schwankungen von locker 50 % nach beiden Seiten -, aber üblich. Ihr Grundärger ist also verständlich, Ihr Arbeitgeber weiß das auch.

 

2. Vermutlich kommt hinzu, dass Sie Ihre mehr als 10-prozentige Gehaltserhöhung schon ausgegeben hatten, zumindest in Gedanken. Ihrer Familie hatten Sie damals die freudige Botschaft einer ungewöhnlich großen Gehaltserhöhung übermittelt, hatten vielleicht Sekt getrunken und sich feiern lassen: „Seht her, wie tüchtig ich bin.“ Dass Sie jetzt kleinlaut eingestehen müssen, alles war ein Irrtum, erhöht Ihren Ärger und Ihre Empfindlichkeit. In dieser Feststellung liegt kein Vorwurf, die Menschen sind so.

 

3. Die Aussage der Personalabteilung über Hergang und Zusammenhänge scheint zu stimmen. Mit der ziemlich großen Gehaltserhöhung hatte man den – abgeschafften – Bonus bei Ihnen abgegolten. Vermutlich hat man das nicht bei allen Bonusempfängern getan – es wäre ja wirklich nicht sinnvoll, generell einen variablen Gehaltsbestandteil in gleicher Höhe durch Fixbezüge zu ersetzen: gleiche Kosten bei fehlendem Motivationsfaktor. Offenbar hat man tatsächlich bei Ihnen die Information vergessen, daher jetzt auch die freiwillige Zahlung.

 

4. Die Höhe der damaligen Gehaltserhöhung hätte Sie stutzig machen müssen. Wenn es ein Bonussystem mit Zielvorgaben gibt, erhöht man – ohne dass eine Beförderung vorliegt – nicht „so mal eben“ die Fixbezüge um mehr als 10 %.

 

5. Wie kamen Sie dazu, anlässlich des diesjährigen Zielvereinbarungsgesprächs ausdrücklich nach der Beibehaltung des Bonus zu fragen? Hatten Sie etwa einen „Verdacht“ gehabt, wollten es aber einmal darauf ankommen lassen?

 

6. Wieso gab es überhaupt Zielvereinbarungsgespräche, wenn der Bonus komplett gestrichen (in Ihrem Fall umgewandelt) worden war? Bei reinen Fixbezügen interessiert sich doch „kein Mensch“ für solche Ziele.

 

7. Sagen Sie bitte nicht, der Assistent der Personalleitung hätte Ihnen „gedroht“. Das klingt so nach „Ausbeuter“ und „Willkür“. Der Mann wird Ihnen „auf dem kleinen Dienstweg“ einen Rat gegeben haben, der eigentlich nur zu Ihrem Besten sein kann – er kennt den „Laden“ und weiß, wie dieser mit Leuten umgeht, die ihren Standpunkt „um jeden Preis“ durchsetzen (wollen).

 

8. Warum fragen Sie mich, ob hier ein Vertragsbruch des Arbeitgebers vorliegt, wenn Sie mit einem Anwalt gesprochen haben? Das ist dann doch dessen Metier, dazu muss der doch eine klare Meinung haben!

 

9. Wieso kommen nur Sie als betroffene Einzelperson in der Schilderung vor? In dem „großen internationalen“ Unternehmen muss das Ganze doch eine Großaktion gewesen sein mit zahlreichen betroffenen Kollegen, mit monatelangen Gesprächen in der Kantine und auf der Toilette in dieser Richtung: „Jetzt haben sie uns den Bonus gestrichen, so eine ungeheure Schweinerei.“

Wäre das nicht der Fall und wären jetzt Hunderte von Mitarbeitern unvorbereitet von der plötzlichen Bonusstreichung betroffen gewesen und hätten sich geärgert wie Sie – dann hätte man doch dort längst eine Art Volksaufstand. Sie aber reden stets nur von sich. Haben Sie etwa von den Kollegen gewusst, was da lief und sich nur hämisch gefreut, dass man ausgerechnet bei Ihnen die Information vergessen hatte – und ließen es bewusst darauf ankommen?

 

10. Wo bleibt in der Geschichte eigentlich Ihr Disziplinarvorgesetzter? Mit dem hätten Sie direkt am Anfang in Ruhe darüber reden müssen.Irgendetwas stimmt an der Gesamtdarstellung nicht – oder irgendeine zentrale Information fehlt uns.

 

Mein Rat: Formal könnten Sie durchaus im Recht sein. Um das durchzusetzen, müssten Sie klagen. Das mag kein Arbeitgeber. Um dort gefördert zu werden, müssen Sie aber „gemocht“ (positiv beurteilt und sympathisch gefunden) werden.

Sie dürfen sich ärgern. Das haben Sie getan. Bleibt die Frage, ob Sie nicht doch Anlass hatten, etwas zu ahnen und durch Ihr Abwarten den Ärger auch provoziert haben.

Sie sollten die Geschichte vergessen – und Ihren Gesprächspartnern dort signalisieren, dass die Angelegenheit für Sie erledigt ist. Sie haben vielleicht etwas Pech gehabt – aber Sie leben noch. Ich würde auch keine hektischen Bemühungen im Hinblick auf einen Arbeitgeberwechsel anraten. Schließlich waren Sie dort bisher glücklich.

Und wenn Sie sich dem Unternehmen gegenüber zu der Aussage durchringen, auch Sie hätten vielleicht aus Ihrem – sicher verständlichen – Ärger heraus etwas überreagiert, dann sollte sich das Verhältnis zu Ihrem Arbeitgeber wieder einrenken lassen. Bitte achten Sie unter allen Umständen darauf, der allseits geachtete, seine Ziele erreichende Mitarbeiter zu bleiben und nicht etwa den Anschein eines „Querulanten“ zu erwecken.

Kurzantwort:

Im Verhältnis zu seinem Arbeitgeber ist nicht vorrangig von Bedeutung, wann man welches formale Recht auf einen Bonus durchsetzt – sondern dass man, vom Chef-Vertrauen getragen, etwas „wird“, Förderung erfährt. Gelegentlicher Ärger ist als lebensüblich hinzunehmen, vor Überreaktionen wird gewarnt.

Frage-Nr.: 1743
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 13
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-03-27

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