Heiko Mell

Was tun, wenn die Gehaltszahlung stockt?

Ich bin seit einiger Zeit bei einem mittelständischen Unternehmen als… angestellt. Bereits die Zahlung des ersten Monatsgehaltes erfolgte mit einmonatiger Verspätung. Die Unregelmäßigkeiten der Gehaltszahlung nahmen in den folgenden Monaten derart zu, daß nun ein dreimonatiger, bei Abteilungsleitern sogar ein viermonatiger Rückstand vorhanden ist.

Angesichts einer solchen Situation bleiben rechtliche Schritte seitens der Belegschaft nicht aus.Wie wird ein gerichtliches Vorgehen in einer solchen Extremsituation von der Firmenleitung im Hinblick auf ein später zu erstellendes Arbeitszeugnis bzw. eine weitere Beschäftigung gewertet?

Wie schildert man in einem Vorstellungsgespräch gegenüber einem neuen Arbeitgeber diese Situation?

Antwort:

Das Verhältnis zwischen dem Arbeitgeber und seinen Mitarbeitern muß, sonst funktioniert die ganze Sache nicht, von einer Art „Urvertrauen“ geprägt sein. Dieses setzt voraus: Der Arbeitgeber darf sich darauf verlassen, daß der Arbeitnehmer vertragsgemäß pünktlich kommt und arbeitet (es sei denn, er ist z. B. krank). Und der Arbeitnehmer wiederum muß sich darauf verlassen können, daß er pünktlich sein Geld bekommt schließlich ist das seine einzige Erwerbsquelle, und Rücklagen sind recht oft nicht vorhanden.

So wird denn auch absolut und überall akzeptiert, daß jeder Partner guten Grund zur tiefen Enttäuschung hat, wenn die andere Seite dieses Urvertrauen enttäuscht hat. Arbeitnehmer, die wiederholt nicht zum verabredeten Dienstantritt erscheinen, müssen mit Kündigung rechnen. Und Arbeitgeber, die wiederholt nicht zum verabredeten Zeitpunkt zahlen, müssen ebenfalls mit einer Kündigung/Abwanderung ihrer Mitarbeiter rechnen.

Damit ist Frage 2 erledigt: Jeder Bewerbungsempfänger akzeptiert als Grund für das beabsichtigte Wechseln die „wiederholt extrem unpünktlichen Gehaltszahlungen“. Man soll nun zwar nichts Schlechtes über alte Arbeitgeber sagen aber das hat Grenzen. Eine davon ist der Übergang vom persönlichen Werturteil zu Fakten. „Mein Chef ist total unfähig und kann mir fachlich nicht das Wasser reichen“, ist nicht beweisbar, keine auf Fakten basierende Aussage, ein rein persönliches Urteil und nicht erlaubt. Dagegen ist die konkrete sachliche Aussage über stark verzögerte Gehaltszahlungen ohne(!) zusätzliche Wertung (Gegenbeispiel: „typische Willkürhandlung monopolkapitalistischer Ausbeuter“) erlaubt. Ein Unternehmen kann ohnehin nicht erwarten, daß ein solcher Umstand etwa „geheim“ bleibt.

Die andere Grenze besteht darin, daß der Arbeitnehmer nicht so loyal gegenüber seinem Arbeitgeber sein muß, daß er sich damit in erheblichem Maße selbst schadet. Und wer nach kurzer Zeit wieder wechselt, braucht eine Begründung dafür. Liegt diese nun in Fakten(!) im Hause des Arbeitgebers, darf der Arbeitnehmer sie auch vorsichtig und abgewogen nennen (Gegenbeispiel: eine „streng geheim“ geplante, noch nicht für die Öffentlichkeit freigegebene radikale Änderung der Unternehmenspolitik, bei der das Unternehmen sich auf die vertrauliche Behandlung durch alle beteiligten Mitarbeiter verlassen durfte).

Schwieriger ist die Antwort auf Frage 1. Beschäftigen wir uns zunächst einmal mit den Ursachen der unzuverlässigen Bezahlung: Kein halbwegs vernünftiger Arbeitgeber, dem an seinem Ruf bei Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern und im allgemeinen Umfeld gelegen sein muß, wird jemals aus reinem „Spaß an der Freud`“ verspätet zahlen!

Nein, es gibt nur eine vernünftige Erklärung: Wer als Arbeitgeber Gehälter so spät zahlt, hat kein Geld mehr. Etwas anspruchsvoller ausgedrückt: Seine Liquidität ist extrem angespannt, er lebt finanziell von der Hand in den Mund, Reserven sind aufgebraucht. Ein Unternehmen kann übrigens auch durch reines Pech und ohne konkrete eigene „Schuld“ in eine solche Situation kommen dies nur einmal am Rande gesagt (es müssen nur ein paar große Kunden in Konkurs gehen, bevor sie ihre Rechnungen bezahlt haben).

Ein Unternehmen, das so handelt, ist in einer verzweifelten Lage. Es geht ums nackte Überleben auch um den Erhalt der Arbeitsplätze. Nun wird niemand einem Arbeitnehmer Vorwürfe machen können, wenn der sich in dieser Situation zwecks Sicherung der eigenen Existenzgrundlage anderweitig bewirbt. Die Frage ist nur, was eine gerichtliche Klage des Arbeitnehmers in der Situation bringen soll. Wohlgemerkt, dies ist keine juristische Betrachtung. Rein rechtlich könnten bestimmte Schritte in bestimmten Situationen die Ausgangsposition des „Gläubigers“ durchaus verbessern, das muß im Detail ein Anwalt entscheiden. Aber in der Sache sehe ich darin kein sinnvolles Tun es unterstellt dem Arbeitgeber pure Bosheit, die in dieser Frage höchst unwahrscheinlich ist.

Was Ihre Firmenleitung nun konkret von „rechtlichen Schritten“ ihrer Mitarbeiter in dieser Extremsituation hält, kann von hier aus schlecht beurteilt werden. Dazu müßte man uneingeschränkt alle Details kennen und das ist nicht einmal bei Ihnen gegeben. Begeistert jedoch wird die Geschäftsleitung nicht sein. Klagen von Mitarbeitern werden stets als Kampfansagen gewertet. Und nun kommen sie auch noch in einer Situation, in der dem Unternehmen das Wasser bis zum Hals steht…Was man als Arbeitnehmer überhaupt tun kann? Bei den ersten ernsten Anzeichen für nicht mehr zuverlässig erfolgende Gehaltszahlungen darf man eine sofortige, freiwillige und ausführliche Erklärung der Geschäftsleitung erwarten. Zu Ursachen, vermutlicher Dauer und zu Maßnahmen, um den Mißstand abzustellen.

Überzeugt diese Aussage nicht bzw. kommt gar keine, muß dies als „Alarmstufe rot“ gelten sofortige, massive Bewerbungen sind angesagt, der Konkurs des eigenen Arbeitgebers ist zumindest als möglich einzuplanen. Mit der Einreichung einer Klage jedoch zerschneidet man nach allgemeiner Auffassung das Band zwischen sich und dem Arbeitgeber. Mit allen Konsequenzen, die das haben kann.

Allerdings: Geht das Unternehmen in Konkurs, nützt dem Arbeitnehmer auch kein gutes Verhältnis zur (früheren) Firmenleitung mehr. Es ist eine Gratwanderung, besser läßt es sich kaum beschreiben.

Kurzantwort:

Der Bewerber soll im Vorstellungsgespräch nichts „Schlechtes“ über seine(n) bisherigen Arbeitgeber erzählen. Die sachliche Darstellung klarer Fakten („man zahlt mein Gehalt nur noch mit dreimonatiger Verspätung“) als Begründung für die Wechselabsicht ist jedoch erlaubt.

Frage-Nr.: 1171
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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