Heiko Mell 30.07.2019, 10:08 Uhr

Der Ingenieur und die Präsentation

In Frage 3.008 ging es u. a. um die Frage, ob gutes ingenieurmäßiges Tun allein reicht oder ob man nicht gut beraten ist, seine Arbeitsergebnisse auch noch publikumswirksam zu präsentieren. Ein Einsender gab Jungingenieuren auf Latein den Rat: „Beherrsche die Sache, dann folgen die Worte“.

Frage:

Zu Ihrem abschließenden Gedanken aus jener Frage fällt mir Faust ein: „Such‘ er den redlichen Gewinn, sei er kein schellenlauter Tor. Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor. Und wenn’s Euch Ernst ist, was zu sagen, ist’s nötig, Worten nachzujagen?“

Der Grundtenor des vom Leser angebrachten Zitates ist anscheinend relevant verbreitet. Andererseits kann ich aus persönlicher Erfahrung sagen, dass Training in Präsentationstechnik zumindest nicht schadet. Aber der Anspruch ist doch so schön: Einfach nur fachlich gut sein. Der Rest kommt schon.

Karrieregefährdend?

Antwort:

Es ist schon ein interessantes Spiel, einfach einmal etwas genauer hinzuschauen. Ich weiß, es kommt aus der Mode, aber deshalb muss es ja nicht falsch sein – der Mainstream muss ja nicht richtig liegen, er spiegelt ja nur das Denken Vieler wider, mehr nicht.

Also wenn ich mir Goethe und Sie so betrachte bzw. Ihrer beider Aussagen analysiere, dann fällt mir auf, dass es da eine Gemeinsamkeit gibt: Beide deuten Sie zwar eine mögliche Meinung an, vermeiden aber jeweils eine klare Festlegung und bleiben lieber im Unverbindlichen.

Goethe (1749 – 1832) endet hier mit einer Frage, nicht mit einem Bekenntnis. Vorsichtshalber? Er lässt da die Antwort etwas offen. Und Sie formulieren nur den „Anspruch“, einfach nur fachlich gut zu sein. Sie sagen auch nicht: „Das reicht allemal.“

Ich finde, Sie liegen beide richtig. Denn es ist heute eben einfach nicht genug, einfach nur fachlich gut zu sein, wenn man hinreichend Gehör finden, geschweige denn Karriere machen will.

Politiker „informieren“ nicht die lieben Wähler vor der Wahl, sie führen Wahlkampf. Werbung schildert nicht Daten und Fakten im Zusammenhang mit dem Produkt, sondern präsentiert lustige, unterhaltsame oder auch provozierende Geschichten, mit denen das Erzeugnis „verpackt“ und die Botschaft zum Publikum „rübergebracht“ wird. Der Lehrer, der mir Lesen und Schreiben – sehr wirksam übrigens – beigebracht hatte, vergeudete noch keine Sekunde mit Überlegungen, ob mich sein Vorgehen auch ansprach. Heute überlegen Fachleute ständig, ob sie nicht mit dieser oder jener Methode die lieben Schülerinnen und Schüler bewegen können, doch noch ein paar Prozente ihres kostbaren Aufmerksamkeitspotenzials diesen Grundtechniken zu widmen.

Nein, es geht nicht mehr ohne die Fähigkeit zur Präsentation, zur überzeugenden (Selbst-)Darstellung. Das ist Zeitgeist und Teil unseres allgemeinen Lebensstils: lieber ein bisschen weniger gut im fachlichen Tun und dafür besser im Darstellen sein als umgekehrt. Das ist so, weil wir es (fast) alle so wollen.

 

Frage-Nr.: 3.021
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30-31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-07-26

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Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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