Heiko Mell

Zwei Experten, zwei Meinungen?

Frage/1:

Seit 20 Jahren lese ich die VDI nachrichten von hinten nach vorne, damit ich möglichst schnell bei der Karriereberatung ankomme. Ihre Aussagen fand ich immer schlüssig, und ich habe mich, wann immer möglich, daran gehalten.

Wenn ich mich aus privaten Gründen nicht daran halten konnte, hatte das immer negative Konsequenzen. So hatte ich z. B. vor 2,5 Jahren den Arbeitgeber gewechselt, um, auch auf Drängen meiner Frau, mehr Zeit für die Familie zu haben. Mein neuer Arbeitgeber hatte sich jedoch erhofft, dass ich ähnliche Leistungen bringe wie bei meinem vorigen Arbeitgeber – was sich aber mit der angestrebten Mehrzeit für die Familie nicht vereinbaren ließ. Wegen nicht erfüllter Erwartungen wurde ich deshalb vor gut sechs Monaten gekündigt, bin noch freigestellt und auf Arbeitssuche.

Antwort/1:

Es ist kein Zeichen einer vorbildlichen Gesinnung, einem Menschen, der gerade tief gefallen ist, auch noch mit zynischen Sprüchen zu kommen. Aber dieser drängt sich mir geradezu auf – und ich garantiere, dass eine ganze Reihe der Leser ähnlich empfindet: Nun ist ja das Ziel erreicht, Sie haben maximal viel Zeit für die Familie. Hoffentlich lernen auch jene Menschen daraus, die Sie zu diesem Schritt gedrängt hatten. Damit Sie in dieser Frage möglichst keine Nachahmer finden, muss ich das kurz kommentieren.

  1. a) Zunächst ganz sachlich und absolut ernst gemeint. Sie haben gegen eine der goldenen Regeln der Karrieregestaltung verstoßen, die da lautet:

„Kein Arbeitgeberwechsel aus privaten Gründen“, nachzulesen in „Heiko Mell: Karriere-Basics“ (bei Amazon). Dort heißt es ergänzend: „Kein Wechsel des Ehepartners, weil der nicht optimal zu Ihrem Job passt – aber auch kein Wechsel des Arbeitgebers aus privaten Gründen.“ Sie sehen, ich bin für eine gewisse ausgleichende Gerechtigkeit.

Sie hätten bei Ihrem erstgenannten Arbeitgeber mit vollem Einsatz um eine Reduzierung der Belastung kämpfen müssen, notfalls Einschränkungen z. B. beim Gehalt hinnehmen sollen, aber der von Ihnen gewählte Weg war extrem risikoreich und falsch. Und Sie hätten in der vorangegangenen familieninternen Diskussion darauf hinweisen müssen, dass mit jedem Stellenwechsel ein Risiko verbunden ist – man kann dabei auch arbeitslos werden.

  1. b) Zwar auch noch sachlich und absolut zu vertreten, aber doch schon ein wenig darüber hinausgehend: Man soll ja im Vorstellungsgespräch immer die Wahrheit sagen. Sie hätten also dem potenziellen neuen Arbeitgeber ganz ehrlich sagen sollen: „Ich bewerbe mich, weil ich weniger Zeit für die Firma aufwenden und mehr für die Familie da sein möchte, auch meine Frau verlangt das.“

Dann hätte Sie niemand eingestellt, Sie hätten heute noch Ihren alten Job und wären nicht von Arbeitslosigkeit bedroht. Diese Variante hätten Sie bei zwanzig und mehr Vorstellungsgesprächen durchziehen können, dann hätten Sie sich zwar enorm und nachweisbar bemüht, aber zum Wechsel mit bekanntem Ausgang wäre es nicht gekommen.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Auch ich bin sehr für ein angemessenes Engagement des Vaters im Familienbereich. Aber bei allen Planungen steht am Schluss die Kontrollfrage: Und was ist dabei herausgekommen? Und dabei sieht Ihr Fall nicht gut aus, es tut mir leid.

Frage/2:

Basierend auf den Mell’schen Empfehlungen, die ich ja seit 20 Jahren verfolge, habe ich den Lebenslauf gestaltet (Beispiel ist im Anhang), jedoch auf die bisher 40 Bewerbungen nur Absagen erhalten.

Antwort/2:

Ihre Absagen beruhen sicher nicht vorrangig auf der Gestaltung des Lebenslaufs. Dieser ist ja immer an die Fakten des Werdeganges gebunden. Auch das Anschreiben mit seinen mehr oder minder überzeugenden Formulierungen trägt zur Bewertung der Gesamtbewerbung bei. Ich finde folgende Ansatzpunkte für kritische Überlegungen in Ihren Unterlagen: a) Sie sind knapp 51 Jahre alt, das gilt nach wie vor als schwächere Ausgangsbasis – sofern jüngere Kandidaten mit ähnlicher Grundqualifikation im Bewerberfeld vorhanden sind.

  1. b) Sie waren 48, als Sie Ihren langjährigen vorletzten Arbeitgeber aus den oben genannten Gründen auf eigenen Wunsch verließen – nach zehn Dienstjahren dort und „900% verantwortetem Umsatzwachstum in vier Jahren“. Das hat sicher beim letzten Arbeitgeber Begehrlichkeiten geweckt.
  2. c) Die Positionsbezeichnungen der beiden letzten Positionen geben auch keine Antwort auf die Frage, wo für Sie der Fortschritt bei diesem späten (vom Alter her gesehen) Wechsel lag: Sie waren in derselben Branche erst Marktsegmentmanager mit „direkter Betreuung von Schlüsselkunden“ und wurden dann Key Account Manager beim letzten Arbeitgeber. So richtig verstehen wird das ohne die wahrheitsgemäße Erklärung (die tabu ist) kaum jemand. Die Bewerbungsempfänger mögen aber keine Zweifelsfragen. Sie wollen Entwicklungen verstehen.
  3. d) Die mir vorgelegte aktuelle Bewerbung (eine der abgelehnten) bezieht sich auf eine Position als Vertriebsingenieur in Ihrer Stammbranche. Das klingt nach Abstieg gegenüber den beiden letzten Positionen und nährt den Pauschalverdacht: „Der Bewerber ist 50 und ausgebrannt, kaputt, auf dem absteigenden Ast.“
  4. e) Ich halte Ihr beigefügtes Anschreiben für keine überzeugende Problemlösung: Sie – der künftige Vertriebsingenieur – philosophieren darin u.a. über Aspekte, die Sie vor dreizehn Jahren im „Hochlohnland Deutschland“ überrascht hätten.

Bei der Beschreibung Ihrer letzten Position geben Sie an, der Arbeitgeber habe sich gezwungen gesehen, „personelle Veränderungen vorzunehmen“, wovon Sie auch betroffen gewesen wären. Das klingt nicht nach wirtschaftlichen, sondern nach in der Person liegenden Gründen und lässt gefährliche Spekulationen zu.

Fazit: Man versteht zwar den Lebenslauf, sucht jedoch vergeblich die Strategie/den Plan dahinter. Und es heißt in den Regeln: Im Zweifelsfall gegen den Bewerber.

Frage/3:

Ich habe jetzt auf Drängen meiner Frau den Lebenslauf einer befreundeten Personalreferentin vorgelegt, die seit fünfzehn Jahren bei einem anderen deutschen Maschinenbauer in der Personalauswahl tätig ist. Ihre Empfehlungen im Einzelnen:

  1. Im Lebenslauf nur den Firmennamen und den Firmensitz angehen. Anzahl der Mitarbeiter und Branche sucht sich der Bewerbungsempfänger bei Interesse selber oder er fragt im Vorstellungsgespräch.
  2. Bei der Tätigkeit reicht die Stellenbezeichnung. Details dazu werden im Vorstellungsgespräch abgefragt.
  3. Gehaltsvorstellungen nicht angeben, auch wenn in der Stellenausschreibung danach gefragt wird. Wenn man die Preisvorstellung des Arbeitgebers nicht trifft, fliegt man sonst aus dem Bewerbungsprozess.
  4. Wechselgrund nicht angeben, er wird im Vorstellungsgespräch abgefragt.
  5. Generell sollte der Lebenslauf nicht mehr als eine Seite umfassen.
  6. Das Anschreiben ist eigentlich nicht mehr nötig. Wenn aber eines gewünscht wird, reichen ein paar freundliche Worte.

Wie kriege ich diese zwei Meinungen jetzt unter einen Hut?

Antwort/3:

Die Bewerbungsempfänger sind eine höchst heterogene Gruppe, da sind im Einzelfall auch extreme Ansichten und Vorlieben denkbar. Aber bezogen auf die Mehrheit der zuständigen Entscheider halte ich diese Ratschläge nicht für zielführend.

Zu 1 und 2: Selbst wenn ein Empfänger wie von mir empfohlen vorgeht, könnte die Angabe dieser Details keine Nachteile haben. Entweder die Personalreferentin recherchiert dennoch zusätzlich selbst (viel Spaß dabei) oder sie spart sich den Aufwand und freut sich darüber. Vor allem aber: Bei 50 Bewerbungen pro Anzeige muss man vor den Einladungen ca. 40 bis 45 Zuschriften aussortieren. Dazu braucht man Informationen. Niemand führt 50 Vorstellungsgespräche „auf Verdacht“ pro Stelle. Und: Nach meinem Informationsstand recherchieren Bewerbungsempfänger nicht gern – und betrachten die von mir angeregten Darstellungen als „Bringschuld der Bewerber“.

Zu 3: Das rate ich konkret auch, empfehle aber bei ausdrücklichem Wunsch des Inserenten die ersatzweise Angabe des heutigen oder letzten Einkommens. Ablehnungen sind, sofern es genügend Mitbewerber gibt, auch beim reinen Verdacht möglich, dieser Kandidat könnte zu teuer sein.

Zu 4: Gerade in Zweifelsfällen will der Entscheidungsträger vor der Auswahl der Einladungskandidaten wissen, was den Bewerber antreibt – und ob man seine Wünsche erfüllen kann (z. B. angestrebter Aufstieg).

Zu 5: Das ist nirgendwo festgelegt – und geht nur, wenn man auf alle relevanten Detailinformationen verzichtet. Sie, geehrter Einsender, suchen die siebente Position nach dem Studium – und die sechs davor müssen ja auch noch irgendwo Platz finden.

Zu 6: Wie Sie meinen Anmerkungen entnehmen, sind solche Anschreiben für den Kenner nach wie vor wichtige Informationsquellen. Der moderne Profi liest allerdings erst den Lebenslauf, scheidet danach bis zu 80 oder 90 % der Bewerber als uninteressant aus und liest die Anschreiben nur noch bei dem verbleibenden Rest.

Fragen Sie Ihre befreundete Referentin einmal, ob sie heute vorzugsweise zuständig ist für akademisch gebildete Bewerber, die sich oft um Stellen im außertariflichen Bereich sowie um Führungspositionen bewerben oder ob sie z. B. eher Positionen im unteren Tarifbereich ohne Studium bzw. gewerbliche Mitarbeiter betreut. Dort könnte ihre Aussage eher zutreffen.

Ich finde jedenfalls viel Unterstützung durch von mir beratene Bewerber, die oft sagen: „Ich stelle ja selbst neue Mitarbeiter ein und denke genau so wie Sie es beschreiben.“

Frage-Nr.: 3.079
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32/33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-08-07

Von Heiko Mell

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