Heiko Mell

Warum will mich niemand?

Frage/1:

Ich bin Dipl.-Ing. des Maschinenbaus und der Verfahrenstechnik mit Vertiefungsrichtung Verfahrenstechnik und Schwerpunkt Wirtschaft.

Antwort/1:

Selbst wenn Sie das korrekt von Ihrer Urkunde abgeschrieben hätten und es völlig sauber zitiert sein sollte: Das klingt unnötig kompliziert und wirkt leicht irritierend. Man ist in der Regel nicht Dipl.-Ing. „und der Verfahrenstechnik mit Vertiefungsrichtung Verfahrenstechnik“ – wenn man eigentlich als Verfahrenstechniker seinen Weg sucht (wir forschen schließlich nach Ursachen für erfolglose Bewerbungen).

Frage/2:

Studiert habe ich an der Universität … Praktisch habe ich so denselben Stoff gehört und gelernt wie ein Master der Verfahrenstechnik, habe aber zudem noch Klausuren in den Bereichen Fertigungstechnik, Werkstoffkunde, Maschinenelemente, Elektrotechnik und Informatik abgelegt.

Antwort/2:

Sagt man „ich habe Klausuren abgelegt“? Eher nicht. Ihre Erklärungen werden immer komplizierter.

Zur Sache: Ein Produzent von Gütern stellt her, was Kunden wünschen. Sie als Student wären gut beraten gewesen, ein „Produkt“ (Ihre fachliche Qualifikation) herzustellen, das dem Bedarf möglichst vieler „Kunden“ (potenzieller Arbeitgeber) entspricht. Welchen Bedarf diese Kunden haben, sieht man vom ersten Studientag an völlig problemlos in den allseits frei zugänglichen Stellenanzeigen. Extrem gefährlich im Sinne eines „an den Bedürfnissen des Marktes vorbei Produzierens“ ist es, sich selbst – auf ein wenig Logik und viel Intuition gestützt – Gedanken über den Bedarf späterer Kunden zu machen („die müssten doch eigentlich froh sein, wenn man ihnen dieses oder jenes bietet“). Natürlich kann (!) so etwas auch einmal klappen, es gewinnt ja auch jede Woche irgendwo jemand im Lotto.

Frage/3:

Diese Kombination hatte ich bewusst gewählt, um durch die zusätzlichen fachfremden Vorlesungen optimal auf die in der Wirtschaft vorherrschende interdisziplinäre Projektarbeit vorbereitet zu sein.

Antwort/3:

Wenn die Arbeitgeber so etwas wollen, schreiben sie es in Stellenanzeigen. Geben Sie ihnen, was sie suchen, das reicht.

Frage/4:

Meine Noten: Abitur 1,6; Diplom 1,8; Diplomarbeit 1,3. Zudem kann ich sehr gut programmieren, an Fremdsprachen beherrsche ich Englisch sehr gut, Französisch halbwegs, aktuell lerne ich Japanisch.

An Praktika habe ich insgesamt 26 Wochen Pflichtpraktika absolviert, wobei dies leider nicht in der Chemiebranche möglich war, sondern nur im Maschinenbau.

Antwort/4:

Die Noten sind in Ordnung, die Sprachkenntnisse liegen über den üblichen Anforderungen. Sie begründen in Ihrer längeren Darstellung ausführlich, warum keine Praktika in der von Ihnen bevorzugten Verfahrenstechnik möglich waren, ich kann das nur zur Kenntnis nehmen. Jedenfalls haben Sie die Praktika nun alle im von Ihnen bisher nicht so geschätzten Maschinenbau gemacht – der auf Ihrem Examenszeugnis wohl auch an erster Stelle genannt wird.

Das alles ergibt eine „Gemenge‧lage“, die für den berufseinsteigenden Verfahrenstechniker zumindest nicht optimal genannt werden kann.

Bei der Gelegenheit: Wer an den verschiedenen Konstellationen ggf. die Schuld trägt, ist in der Praxis ziemlich unerheblich. Unser berufliches System kennt den Begriff der „Gerechtigkeit“ nicht. Es ist auch nicht ungerecht, es kann einfach nichts damit anfangen. Es zählen nur Resultate bzw. Fakten.

Frage/5:

Obwohl ich seit ca. fünf Monaten mit dem Studium fertig bin und seitdem ca. 50 Bewerbungen geschrieben habe, erhalte ich fast nur Absagen.

Zunächst ging ich davon aus, dass meine Unterlagen in irgendeiner Weise fehlerhaft seien – jedoch erhielt ich von nahezu allen Großkonzernen, bei denen ich mich bewarb, Einladungen. Hierauf folgten zwar auch Absagen, jedoch waren diese für mich nachvollziehbar. Von mittelständischen Unternehmen kamen nur Absagen.

Antwort/5:

Ich verblüffe meine Leser immer wieder mit der Erkenntnis, dass die Menschen auf der Empfängerseite des Bewerbungsprozesses denselben Entwicklungs- und Veränderungsprozessen unterworfen sind wie die Bewerber. Und während die Letztgenannten Stellenanzeigen längst nicht mehr sorgfältig lesen (können?) und schon gar nicht zu einer vernünftigen Textanalyse fähig oder willens sind – zeigen die Bewerbungsempfänger bei der Durcharbeitung der eingehenden Zuschriften das nämliche Bild. Beide Parteien sind einander würdig. Also merken Bewerbungsempfänger oft bis meist erst im Gespräch, wen sie sich da eingeladen haben – und wen sie mit fadenscheinigen Ausreden möglichst schnell wieder nach Hause schicken möchten.

Weiter unten folgt die Analyse Ihres Anschreibens. Ich sollte das nicht schreiben, aber ich soll auch nicht mit der Wahrheit hinter dem Berg halten: Personalchefs meiner Generation hätten Sie daraufhin gar nicht erst eingeladen und beiden Seiten Aufwand und Enttäuschung erspart. Gewonnen ist durch diese Verschiebung nichts: Was wir früher dem Bewerbungstext entnahmen, sehen moderne Entscheidungs‧träger oft erst im persönlichen Kontakt. Aber sie kommen – später – zum nämlichen Ergebnis.

Ich zitiere hier einmal auszugsweise aus Ihrem Bericht über einen Vorstellungskontakt bei einem jener großen Unternehmen:

„Dieser Konzern hatte im AC bereits klargemacht, dass der eigentlich geltende Tarifvertrag nicht einmal ansatzweise eingehalten werden würde und man sich auf unbezahlte Überstunden und untertarifliche Gehaltssteigerungen einstellen müsste. Bei dieser Firma war ich ehrlich gesagt über die Absage froh, denn wer arbeitet schon gern bei einem Ausbeuter?“

Das ist nur ein Ausschnitt, der Rest Ihrer Empörung war mir zu speziell und hätte zu präzise Schlüsse auf das Unternehmen und Ihre Person zugelassen.

Sagen wir es einmal so: Eine solche Einstellung sieht Ihnen ein erfahrener Gesprächspartner „an der Nasenspitze an“. Solche Vorwürfe gegen ein großes Unternehmen sind erfahrungsgemäß nicht sehr glaubwürdig. Und Sie haben zwar Ihre moralische Überlegenheit gewahrt – aber noch immer keinen Job. Was für eine tolle Strategie!

Fazit bis dahin: Sie haben ein Studium, nach dessen Abschluss Sie gern Verfahrenstechniker wären, das aber irgendwie eine Kombination von Maschinenbau und Verfahrenstechnik darstellt und das Sie bewusst in die allgemeine Breite zweier Fachrichtungen, statt in die förderliche Tiefe der von Ihnen bevorzugten einen Richtung gelenkt haben. Alle Praktika sind in der „falschen“ Richtung absolviert worden. Sie behaupten praktisch, dass es in den Jahren 2014 bis 2019 in Deutschland nicht möglich war, auch nur ein Praktikum in der Chemie/Verfahrenstechnik zu absolvieren. Das klingt nicht sehr wahrscheinlich. Dann halten Sie einzelne Großunternehmen für „Ausbeuter“. Auch wenn Sie das im direkten Kontakt natürlich nur denken und nicht aussprechen, reicht das erfahrenen Partnern für eine Ablehnung. Dies alles ist keine gute Ausgangsbasis für einen Berufseinstieg.

An Unterlagen liegen nur Anschreiben bei. Zur Einstimmung unserer Leser vorab aber noch die Original-Einleitung Ihrer Einsendung: „Etwas abseits der üblichen Fragen über Gehaltssteigerungen und Jobwechsel habe ich eine Frage …“ Da deutet sich schon etwas an.

Also zum Anschreiben; ich zitiere einzelne Passagen:

„Sehr geehrter Herr …, Als ich meine …“ Kommentar: Nach dem Komma schreibt man klein. Der obige Satz geht weiter:

„Als ich meine Diplomarbeit im Bereich der … antrat, dachte ich nicht, dass ich tatsächlich je die Gelegenheit haben würde, in diesem doch sehr speziellen Fachbereich zu arbeiten. … Doch als ich heute Ihre Ausschreibung sah, war mir klar, dass ich mich hierauf bewerben würde.“ Kommentar: Niemand „tritt eine Diplomarbeit an“. Schlimmer ist die übermäßig kapriziöse Formulierung, die eher nicht zu Ingenieuren passt. Weiter:

„Aus meinem Studium sind mir die üblichen verfahrenstechnischen Grundoperationen und die Methoden, sie zu Prozessen zusammenzufügen, bekannt. Anstatt mich wie mancher Kommilitone hierauf zu beschränken und eine enge Expertenlaufbahn anzustreben, arbeite ich jedoch stets darauf hin, ein höheres Verständnis zu erreichen.“

Kommentar: Spätestens an der Stelle stirbt die Bewerbung. Ich habe viel gesehen, aber so etwas bisher noch nicht. Sie schreiben nicht nur „Ich bin der Größte“, Sie treten auch noch die Mitbewerber in Grund und Boden („und alle anderen sind kleiner als ich“). Ich zitiere hier ja nicht oft aus der Bibel, aber heute muss es einmal sein: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute“ (Lukas 18, 11). Wie kommen Sie auf solche Formulierungen?

Weiter im Text: „Daher ist die von Ihnen ausgeschriebene Stelle äußerst interessant für mich, da ich so die Möglichkeit sehe, meine Fähigkeiten optimal einzusetzen. Für Sie hingegen dürften insbesondere meine … Kenntnisse …“ Kommentar: Erst einmal geht es um „mich“, dann erst fällt noch ein Argumentationsbröckchen („hingegen“) für die hier viel wichtigere Empfängerseite ab: Konkret: Man sagt selbst im Alltagsjargon „Klaus und ich haben Hunger“, nicht etwa „Ich und Klaus haben Hunger.“

Und als letztes Zitat: „Als Verhandlungsgrundlage des Einstiegsgehaltes würde ich 55.000 Euro vorschlagen.“Kommentar: Einmal ist die Summe ganz schön anspruchsvoll für einen Berufseinsteiger, der seit mehr als vier Monaten arbeitslos ist und dessen Bewerbungen offensichtlich kein anderes Unternehmen bisher hat akzeptieren wollen. Dann sind entsprechende Wünsche von Anfängern eher keine „Verhandlungsgrundlagen“ für zwei gleichrangige Partner, die sich auf Augenhöhe an einem Tisch begegnen. Das wäre eher der Fall, wenn sich der Beauftragte eines chinesischen Großkonzerns meldet, der den Laden mal eben aufkaufen will.

Frage/6:

…oder muss ich davon ausgehen, dass das Problem doch bei mir liegt? Welches weitere Vorgehen würden Sie mir raten?

Antwort/6:

Ich habe von Ihnen nur Anschreiben, aber keinen Lebenslauf und keine Zeugnisse vorliegen, daher kann ich auch nur pauschal raten. Aber Sie haben mir immerhin zwei Links zu den passenden Ausschreibungen übermittelt.

Eine der Anzeigen sucht kompromisslos einen Bachelor. Da ist ein Dipl.-Ing. TU (der einem Master entspricht) mit 1,x-Examen ziemlich chancenlos (weil überqualifiziert). Und: Wer als Bachelor arbeiten will, muss auch mit Bachelor-Gehältern zufrieden sein!

Die andere Anzeige sucht offensichtlich einen Anfänger, den sie schlicht „Ingenieur Verfahrenstechnik“ nennt – was im Gesamtzusammenhang auch nicht allzu anspruchsvoll klingt. Wahrscheinlich hat man sich dort um die klare Aussage, ob das ein Bachelor oder Master sein soll, vorsichtshalber herumgedrückt. Dort fällt mir immerhin auf, dass die Position offiziell (Schlagzeile) „Ingenieur Verfahrenstechnik im Fachbereich Entwicklung“ heißt, während der Betreff Ihres Anschreibens „Ingenieur Verfahrenstechnik im Anlagenbau“ lautet. Warum diese Abweichung?

Mein Rat lautet: 1. Klären Sie einmal, was Sie nun genau sind, wie Sie sich nennen dürfen. Ihre Einleitung von Frage/2 stimmt mich misstrauisch: „Praktisch habe ich so denselben Stoff gehört und gelernt wie ein Master der Verfahrenstechnik.“ Aber demnach sind Sie irgendwie kein solcher, sonst hätten Sie geschrieben: „Ich bin Dipl.-Ing. der Verfahrenstechnik“. Wenn Sie tatsächlich Dipl.-Ing. des Maschinenbaus und der Verfahrenstechnik sind und alle Praktika im Maschinenbau absolviert haben, dann sind Sie – weil bei einer Aufzählung immer das dominierende Kriterium an erster Stelle steht – schon generell eher Maschinenbauer. Das wird unterstützt durch Ihre Ausführungen zu den entsprechenden Vorlesungen und Klausuren, die Sie gehört und geschrieben haben.

Vielleicht kommen Sie ja eher als Maschinenbauer ins Arbeitsleben hinein. Besser auf der Basis einen Job zu haben als im Traumberuf arbeitslos zu bleiben. Man kann auch Ziele dadurch erreichen, indem man sie an seine Möglichkeiten anpasst (das klingt nur so banal, das ist fundierte Lebenshilfe pur!).

Dann aber meine wichtigste Empfehlung: Gehen Sie in sich, seien Sie dabei sehr kritisch und „entschlacken“ Sie Ihr Denken von allen Aspekten in Richtung „Ich bin der Größte und besser als die anderen“. Fangen Sie mit der von mir zitierten Einleitung Ihrer Einsendung an (wo Sie etwa sagen: „Während die anderen Leser immer nur über Gehaltssteigerungen und Jobwechsel reden, habe ich eine nun deutlich anspruchsvollere Frage“) und hören Sie bei den bösen „Ausbeutern“ im Arbeitgeberbereich noch nicht auf.

Mein Gott, Walter. Ich habe eine sehr umfassende, kaum zu übertreffende Berufspraxis. Und ich habe in diesen Jahrzehnten nicht eine einzige Überstunde bezahlt bekommen. Weder als Tarifangestellter, noch im AT-Verhältnis und als Selbstständiger schon gar nicht. Das haben außer mir Tausende auch aufzuweisen. Und wenn Sie dann Ihre Einstellung neu justiert haben, dann verfassen Sie Ihre Bewerbung neu. Heute sind Sie, wie man so sagt, absolut auf dem falschen Dampfer.

Frage-Nr.: 3.069
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14/15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-03-04

Von Heiko Mell

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