Heiko Mell

Promotionsabsolvent mit Stigma?

Frage:

Zunächst möchte ich Ihnen Dank und Anerkennung aussprechen für Ihre Beiträge. Neben der inhaltlichen Ernsthaftigkeit und Sachkompetenz schätze ich insbesondere die stilistische Darstellungsweise, die humoristische Spitzen stets raffiniert zu integrieren weiß.

Motivation meiner Zuschrift stellt eine Passage aus Ihrer Antwort zu Frage 3.006 dar, in der Sie die aus Ihrer Sicht zentralen Punkte einer erfolgreichen Bewerbung zusammenfassen. Im Absatz „Sonderfall Berufsanfänger“ heißt es darin: „Wenn Sie den neuen Job auch bisher nicht in der Praxis gemacht haben können, so sollen Sie doch möglichst mit seinen wesentlichen Details schon irgendwie vertraut sein (Studienschwerpunkte, Themen der Diplomarbeiten und einer eventuellen Dissertation, Praktika, Praktika, Praktika, Auslandsbezug):“

Als Doktorand (männlich, 30 Jahre) in einem Maschinenbauinstitut einer renommierten TH störe ich mich hier an der Beiläufigkeit, mit der Sie die Dissertation in Ihre Auflistung einstreuen. Trotz der universitären Verbundenheit gehört das Werk der Dissertation per se nicht in den studentischen Kontext der übrigen genannten Aspekte.

Eine ingenieurwissenschaftliche Dissertation ist mitnichten etwas, das bei Beendigung des Studiums oder gar noch währenddessen „eventuell“ angefertigt wird. Dem entgegen erwächst eine Dissertation aus mehrjähriger Forschungsarbeit, die gemeinhin im Rahmen einer Berufstätigkeit in Vollzeit geleistet wird. Und nebenbei erfordert die Bekleidung einer solchen Position eine erfolgreiche Bewerbung beim Arbeitgeber – ganz so als sei es ein richtiger Job. (Vorsicht vor kapriziösen Formulierungen: Wenn Sie schreiben „als sei es ein richtiger Job“ – dann gehen Sie davon aus, dass es in Wirklichkeit keiner ist, sonst hätten Sie schreiben müssen: „… wie bei jedem anderen richtigen Job auch“; H. Mell).

Mit welchem Recht wird also ein promovierter Ingenieur, der nachweislich mehrere Jahre (typischerweise um die fünf) Berufserfahrung gesammelt hat und (je nach Ausrichtung der Forschungseinrichtung) zusätzlich ggf. noch zahlreiche Industrieprojekte bearbeitet und verantwortet hat, wie selbstverständlich als Berufsanfänger herabgewürdigt?

Mir ist vollkommen bewusst, dass universitäre Forschungseinrichtungen und Unternehmen der freien Wirtschaft grundsätzlich verschiedene Arbeitsumfelder abbilden. Allerdings missbillige ich die oftmals anzutreffende Meinung, dass ein an der Universität angestellter Ingenieur keinen „echten“ Beruf ausübe. Es sollte keines expliziten Nachsatzes bedürfen, dass diese leider recht weit verbreitete Meinung objektiv haltlos ist.

Nach längerer Vorrede (stimmt, achten Sie bei Ihrer Dissertation darauf, den vermutlich technisch ausgerichteten Professor nicht mit allzu blumigen Formulierungen zum Hochziehen seiner Augenbrauen zu bringen; H. Mell): Bestätigen Ihre Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt die von mir geschilderte Wahrnehmung oder erfolgt die Beurteilung wesentlich differenzierter? Im Falle einer Bestätigung: Meinen Sie nicht, dass es hier endlich an der Zeit ist, einen Sinneswandel einzuleiten und die Promotionsabsolventen vom Stigma der Berufsanfänger freizusprechen?

Antwort:

Sie loben eingangs so nett die Resultate meiner Bemühungen gerade auch im sprachlichen Bereich, das freut mich. Dafür verrate ich Ihnen auch ein Geheimnis: Das ist gar nicht so einfach hinzubekommen, es braucht Talent, viel Erfahrung und harte Arbeit. Als Beispiel nur ein Wort aus Ihrem letzten Satz: Ich bezweifle entschieden, dass man jemanden von einem Stigma „freisprechen“ könnte. Von der Verwendung jenes Begriffs in diesem Zusammenhang einmal ganz abgesehen.

Auch erlaubt sei mir dieser Hinweis: Sie schreiben so engagiert und flüssig – aber als es am Schluss darum geht, Ihren Namen darunter zu setzen (der hier niemals genannt werden würde, wie jeder weiß), da beschränken Sie sich auf die Initialen von Vor- und Nachnamen. Für Sie als Orientierungshilfe für künftiges Verhalten: Das macht hier außer Ihnen niemand, damit fallen Sie unangenehm auf. Und so furchtbar viel Sprengstoff steckt in dem Thema auch nicht drin, den Kopf hätte es Sie niemals kosten können.

Zur Sache: Sie hängen Ihre Zuschrift an der beispielhaften Aufzählung in einer Klammer zu einem Unterpunkt eines ganz anderen Themas auf, was durchaus erlaubt ist. Aber Sie dürfen dann auch nicht jedes dieser Worte stärker gewichten als es dieser Konstellation angemessen wäre: Ich habe beispielhaft aufgezählt, wie ein Berufsanfänger trotz fehlender Praxis eine gewisse Beziehung zum angestrebten Job dokumentieren kann. Eben z. B. mit dem Thema von Diplomarbeiten und „eventuell“ (falls er promoviert haben sollte, was ja durchaus nicht Standard ist) mit dem Thema der Dissertation. Damit wollte ich nicht etwa zum Ausdruck bringen, dass Dr.-Ingenieure nur „eventuell“ eine Dissertation anfertigen, sondern dass der Anfänger nur „eventuell“ promoviert hat.

Was Ihnen aber vor allem auf den Nägeln brennt, ist die Frage, wie Unternehmen der freien Wirtschaft Kandidaten einstufen, die gerade eben ihre Promotion abgeschlossen haben: Die Antwort lautet: Da gibt es ein breites Spektrum durchaus unterschiedlicher Betrachtungen; schließlich sind diese Unternehmen eine heterogene Gruppe, die keiner gemeinsamen Steuerung in der angesprochenen Frage unterliegt. Und die Entscheidungsträger in diesen Häusern (vom Ingenieurbüro mit 20 Mitarbeitern bis zum Großkonzern mit mehr als 100 000 Leuten) sind eine noch viel heterogenere Gruppe (falls dieses Wort gesteigert werden darf).

Ich versuche einmal, Sie zu verblüffen und fange mit einem Extrem aus dieser Meinungsvielfalt an: „Ich suche einen Anfänger/Berufseinsteiger. Diplom-Ingenieur Maschinenbau, Fachrichtung X. Promotion stört mich nicht.“ Das gibt es tatsächlich. Ebenso tatsächlich gibt es Einstiegspositionen für Ingenieure, bei denen die Promotion den Einsteller stört, da die unter Beweis gestellte Fähigkeit zur vertieften wissenschaftlichen Arbeit dort nicht zum Aufgabengebiet passen würde.

Kleinere Mittelstandsunternehmen, eventuell auch noch in extrem „provinzieller“ Lage, in die sich normalerweise kein hochqualifizierter Ingenieur mit Promotion zum Start seiner Berufslaufbahn in der Industrie „verirren“ würde, haben solchen Kandidaten schon Führungspositionen beim Einstieg geboten (was Konzerne nur höchst selten tun).

Sehr viele Industrieunternehmen haben größere Teams ausführender Mitarbeiter (Sachbearbeiter ohne Führungsfunktion) bunt gemischt, da arbeitet der Bachelor an durchaus vergleichbaren Aufgaben wie der Master ohne und jener mit Promotion.

Und es gibt Firmen, in denen bestimme Abteilungen traditionell einen sehr hohen Anteil promovierter Ingenieure aufweisen (Beispiel: F+E). Sehr oft spielen besondere Vorlieben und Befindlichkeiten bei der Stellenbesetzung eine Rolle: Der Abteilungsleiter mit Promotion kann den Bewerber mit Promotion instinktiv vorziehen; der FH-Ingenieur als Chef kann (!) durchaus „vorsichtshalber“ auf promovierte Ingenieure in seinem Bereich verzichten.

Manche Laufbahnen setzen eine Promotion praktisch voraus (z. B. Forschung, FH-Professor). Wie ein spezielles Unternehmen zum „Dr.“ steht, lässt sich auch aus der Zusammensetzung der Geschäftsführung / des Vorstands halbwegs sicher ablesen: Überwiegen dort promovierte Akademiker, kann dem Bewerber im Hinblick auf eine dort angestrebte Karriere der Dr.-Grad keinesfalls schaden. Sind dort oben nur Manager ohne Promotion tätig, darf ein Bewerber mit Dr.-Grad davon keine Wunder erwarten.

Pauschal gilt: Der Dr.-Grad ist nicht mehr der „Karriere-Turbo“, der er einmal war. Und: Wenn die Einstellung einmal abgeschlossen ist, dann schiebt sich in den Augen der jeweiligen Chefs mehr und mehr „die real existierende Arbeitskraft“ des Mitarbeiters gegenüber dessen „Rahmengegebenheiten“ in den Vordergrund. Ob das Examen 1,3 oder 2,8 lautete, ob ein Uni-Master oder FH-Bachelor vorliegt, ob man Ingenieur mit Promotion oder ohne ist – das wird gegenüber der tatsächlichen Leistung bedeutungsarm, ja es gerät oft völlig in Vergessenheit. Nur wenn der Mitarbeiter sich extern bewirbt und beim Zielunternehmen zwangsläufig ein unbeschriebenes Blatt ist, bekommt seine „Papierform“ wieder ihren wichtigen Anteil an der Einstellentscheidung.

Nun zum „Berufsanfänger“: Wenn Sie es ganz genau nehmen, ist der frischgebackene Dr.-Ing. einer. Denn es gilt immer: Erfahrungen zählen so richtig erst ab höchster vorhandener Qualifikationsstufe. Und Erfahrungen in dem Einsatzbereich, den man einem Dr.-Ing. in der betrieblichen Praxis zuweist, hat jener Bewerber ja nun einmal nicht. Das mögliche Gegenargument, er habe während der Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter schon auf dem Niveau des späteren Dr.-Ingenieurs gearbeitet, zählt nicht. Auch Fahrpraxis eines Autofahrers zählt frühestens ab Aushändigung des Führerscheins (nein, ich habe damit nicht die Anfertigung einer Dissertation vergleichen wollen mit …, absolut nicht).

Man könnte allerdings dem Master, der unser frischgebackener Dr.-Ing. ja auch immer noch ist, jene fünf Jahre als Berufspraxis anrechnen. Dann wäre er als Dr.-Ing. Anfänger, als Master aber recht erfahren. Das macht im Schnitt einen „halben Anfänger“ – und darauf läuft es generell hinaus (mit breiter Streuung nach oben und unten).

Das wichtigste Argument aber taucht in Ihrer Darstellung schon auf: Die Arbeitsumgebung im Institut oder gar am Lehrstuhl (öffentlicher Dienst) sind schlicht „anders“ als diejenigen z. B. in der Industrie. Oder: Trotz möglicher engerer Berührung des Doktoranden mit der Welt der Industrie hat er dieser nicht angehört, hat er dort keine Erfahrungen als Teil dieses Apparates gesammelt, hat er sich dort noch nicht bewährt bzw. seine Eignung dafür noch nicht unter Beweis gestellt. Und das macht ihn aus der Sicht der Unternehmen zum „Anfänger“ – wieder mit dem pauschal geltenden Zugeständnis, er sei ein „halber“. Und da sich das nicht sonderlich gut anhört, sieht man den frisch promovierten Ingenieur etwa als eine Art „Edel-Anfänger“ (wieder mit Hinweis auf die Heterogenität der Gruppe der prägenden Entscheidungsträger).

Und vergessen Sie nicht: Wenn der frisch eingestellte promovierte Ingenieur „gestern“ seine Doktor-Urkunde erhalten hat, kann er heute noch auf keinen einzigen Tag Erfahrungen als Dr.-Ing. verweisen – nur auf Praxis auf dem Weg dorthin. Der Begriff „Anfänger“ passt hier nicht optimal, ist aber im Sprachgebrauch teilweise verankert und auch noch zu rechtfertigen.

PS: Überbewerten Sie die Dissertation als brauchbares Vergleichsmuster für die kommende Tätigkeit in der Industrie nicht: Sie werden dort später nur sehr selten so arbeiten können, dürfen oder müssen wie bei der Erstellung Ihrer Doktorarbeit. Auch das gehört zum Thema „Neuanfang“.

 

Service für Querleser:

Zweifellos ist der frisch promovierte Industrieeinsteiger einem gerade ernannten Master, der keine weitere Qualifizierung hat, an Erfahrung überlegen. Aber in der Regel werten die Unternehmen jene fünf Lehrstuhl-/Institutsjahre nicht ganz so wie sie fünf klassische Industriejahre gewertet hätten. Daraus ergibt sich eine durchschnittliche Einstufung des Dr.-Ing. nach Promotionsabschluss als „halber“ oder „Edel“-Anfänger (diese Begriffe werden offiziell nicht verwendet).

 

Frage-Nr.: 3.013
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-06-14

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Von Heiko Mell

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